Archiv der Kategorie: Nerdiges

Kleine Basteleien und großes Spielzeug, um das Leben einfacher zu machen oder zumindest extrem witzig :-)

„Rumo und die Wunder im Dunkeln“ als Passionsweg

Kurz vorneweg: Ich bin kein Literaturwissenschaftler und habe Walter Moers nicht in aller Tiefe studiert. Aber ich bin tief bewegt von den (Hör)Büchern, die ich von ihm gelesen habe. Darüber möchte ich medientheologisch nachdenken und freu mich über weiterführenden Austausch dazu!

Rumo ist nach „Käpt`n Blaubär“ und der „Stadt der träumenden Bücher“ der dritte Zamonienroman, den ich als Hörbuch genossen habe (die anderen werden folgen). Was der Autor sich dabei gedacht hat, weiß ich nicht, aber ich möchte (allen, die sich darauf einlassen können) eine Deutung von Rumo als (christliche) Passionsgeschichte anbieten. Vielleicht eignet sich dieses Buch ja als Lektüre in der vorösterlichen Zeit mit dem Finale am Osterwochenende, um die bekannten Ereignisse mal in ganz neuem Licht zu reflektieren?!


Spoiler-Alarm: Wer hier weiterliest wird Details aus Verlauf und Ende des Buches erfahren. Wer es vorher unbedarft lesen will, sollte jetzt aufhören und in 26 Stunden hier weiterlesen!


Ganz kurz zusammengefasst geht es in dem Buch um einen Wolpertinger (hundeartige Wesensform, die auf zwei Beinen geht), der als Welpe von Zyklonen entführt wird, sich nach langem Leid blutig befreien kann, umherschweift, Gleichartige findet, für die große Liebe ein Wagnis auf sich nimmt und am Ende ganz Zamonien rettet und selbst gerettet wird.
In diesem Buch geht es äußerst grausam zu. Leiden und Sterben ist an der Tagesordnung und mehrfach überkam mich Abscheu vor so einem „Splatterroman“. Dennoch hat mich der Wortwitz, die Spannung der verwobenen Geschichten und die Hoffnung auf einen guten Ausgang gefesselt. Ein ähnliches Gefühl habe ich immer bei Mel Gibsons Bibelverfilmung „Die Passion Christi“ (die ich jahrelang als Karfreitagsritual gesehen habe): Unsagbares Leid wird schonungslos offen dargestellt, schreckt ab und rührt an zugleich. Auch das Lesen der biblischen Passionstexte in der Karwoche löst bei vielen bereits dieses Gefühl aus und mir kam instinktiv die Idee, die beiden Narrative zu vergleichen.
Im folgenden parallelisiere ich die Stationen Rumos mit dem Leidensweg Jesu; wohlwissend, dass es bei ersterem um reine Fiktion (wenn auch sehr gute) und bei letzerem um (im Kern) historisch gesicherte Ereignisse handelt (tiefere historisch-kritische Auseinandersetzungen gerne an anderer Stelle). Ich tue das angelehnt an einen Passionsweg anhand verschiedener Stationen aus dem Leidensweg Rumos/Jesu:

Galiläa: Lernen und Leiderfahrung als vorbereitende Zeit

  • Rumo wird aus seiner vertrauten Heimat entführt und sein Leben bedroht
    vs. Säuglingsmord des Herodes, Flucht nach Ägypten
  • Leidenszeit auf dem Teufelsfelsen, die für den späteren Weg vorbereitet
    vs. Versuchungen durch den Teufel in der Wüste
  • Smeik wird Mentor und Wegbereiter für Rumo, Erweckung der Instinkte
    vs. Johannes der Täufer bereitet Jesus den Weg, Taufe Jesu als Beginn der Wikungszeit
  • Erkenntnis von besonderen Reflexen und Sensorik
    vs. erste Wunder (Wasser zu Wein) und Nathanaelberufung (ich wusste von dir, bevor ich dich getroffen habe)
  • Kampf gegen körperlose Schatten
    vs. Dämonen austreiben, leeres Haus nicht unbewohnt lassen

Einzug nach Jerusalem

  • Rumo scheint unbesiegbar, auf Erfolgskurs
    vs. Jesus hat große Gefolgsschar, die ihn zum König machen will
  • Ankunft in Wolperting, Erfolge & Duelle mit Rolv und Ushan
    vs. Einzug in Jerusalem, Streit mit Religiösen, Wutrede und Tempelreinigung

Getsemane

  • Rumo hat ein Schwert, in das zwei Geister eingeschmiedet sind, die ihm als innere Stimme (teils widersprüchliche) Ratschläge geben, was zu tun ist
    vs. Jesu inniges Gebet und hadern zwischen gewaltsamer Machtergreifung und demütigem Gehorsam

Verurteilung

  • während Rumo unterwegs ist, wird Wolperting überfallen und alle seine Freunde entführt. Er entscheidet sich, ihnen in die Untenwelt zu folgen, um ihren Tod zu verhindern
    vs. von außen wird Jesu Hinrichtung beschlossen, aus innerem Antrieb geht er bereitwillig den Weg, um die Menschheit vor dem ewigen Tod zu bewahren

Kreuzweg

  • schwerer Leidensweg durch die dunklen Höhlen zur Stadt „Hel“, Rumo scheitert fast, bekommt Unterstützung
    vs.
    Jesuswird gegeißelt und muss sein Kreuz durch die Stadt tragen, bricht zusammen, Simon hilft ihm tragen

Golgata

  • Protagonistenwechsel: Rala wird in der „kupfernen Jungfrau“ auf die schrecklichst mögliche Art zu Tode gefoltert und gibt nach langem Todeskampf mit einem lauten Schrei auf. Sie stirbt unter den Augen ihres Peinigers.
    vs. Jesus wird gegeißelt, ans Kreuz genagelt (leidvollste Hinrichtungsmethode der Römer), verspottet und stirbt mit einem Schrei unter den Augen seiner Peiniger.

Auferstehung

  • Rala liegt Tod in ihrem Sarg. Durch drei „unvorhandene Winzlinge“ (die niemand sehen kann, die aber sehr wohl vorhanden sind) und ihre Möglichkeiten wird die körperlich tote Rala wiederbelebt.
    vs. Jesu Tod wird attestiert. Er wird im Höhlengrab bestattet und durch Gottes Eingreifen wieder zum Leben erweckt. Keiner hat gesehen oder weiß genau wie, aber der Effekt ist sichtbar.

Weiteres

  • Der Endkampf im Theater ähnelt den epischen Schlachten der Offenbarung am Ende der Zeiten
  • Die Selbstzerstörung TikToks als letzte Aktion erinnert an das „wilde Wüten Satans“, der bereits besiegt noch viele mit in den Tod reißen will
  • Die einstürzende Höhle erinnert an das Erdbeben zur Todesstunde Jesu, was den Weg zum Allerheiligsten im Tempel (= zu Gott?) frei macht (also den Weg zur Hölle (Hel) versperrt?

Osterfreude

  • Ganz am Ende schafft es Rumo endlich, Rala seine Liebe zu gestehen und erfährt, dass sie ihn schon die ganze Zeit geliebt hat (Name eingeritzt). Seine Aktion (Schatulle & Rettung der Wolpertinger) war gar nicht nötig, um ihre Liebe zu verdienen, war aber für seinen Weg ein wichtiger Baustein
    vs. Am Ende unserer geistlichen Reise erkennen wir, dass es gar nicht auf unsere Taten ankam, sondern Gottes Liebe zu uns immer schon da war. Unsere Werke können für uns und die Welt wichtig sein, sind aber nicht Bedingung, um sich Gottes Liebe zu verdienen. Unsere Namen sind bereits im Buch des Lebens verzeichnet.


Ergänzend
In den Gesprächen über den Beitrag kamen einige spannende Aspekte auf, die beide Narrative nochmal schärfen und Teilweise die Übereinstimmungen stärken, teilweise aber auch eklatante Unterschiede deutlich machen. So hilft das Gedankenspiel, die Stoffe nochmal neu und klarer wahrzunehmen…

  • Ich gehe nicht davon aus, dass diese Übertragung bewusst inszeniert ist, wenngleich es ein durchaus übliches Stilmittel Moers ist, bekannte Narrative aufzugreifen und auch andere Literatur gerne auf die Bibel als Vorlage für Heldenreisen jeder Coleur zurückgreift.
  • Wie Wikipedia aufzeigt, kann man auch Anschlüsse an germanische und griechische Mythen in Rumo finden.
  • Zentrales Motiv vom Tod Jesu ist, dass er sich selbst aus freien Stücken für die Menschen opfert. Der Tod Ralas wird ihr von außen aufgezwungen. Sie wehrt sich nach Kräften, weil ihr Opfer keine Erlösung verspricht, sondern den sarkastischen Spieltrieb einer Tötungsmaschine befriedigen soll. Das Wesen TikTaks hier soll nicht als Gottesbild gesehen werden!
  • Die Übertragung der Personen kommen bei genauerer Betrachtung schnell an Grenzen. So ist Johannes der Täufer in der Bibel ein Asket und Gerichtsprediger, Smeik aber eine genießerische Lebemade und Glücksspieler. Die Funktion des Adjutanten erfüllen sie aber beide. Interesant aber, dass Smeik in Ralas Blutbahn tatsächlich bereit ist, sein Leben für ihre Rettung zu riskieren, was man christologisch deuten könnte.
  • Rumo bleibt sympatisch gebrochener Held, weil er zwar in der Lage ist, alle möglichen Gefahren zu besiegen, aber bis zum Ende nicht über seine Gefühle reden kann. Jesus wird hingegen als suveräner Kommunikator auch in Liebesdingen dargestellt.

Super Superbowl-Party coronakonform

Wie kann man in diesem Jahr eine coronakonforme Superbowl-Party feiern?
Viele Leute an einem Ort sind nicht erlaubt. Gemeinsam amerikanisch Essen, Trinken, sich über American Football austauschen und nach Mitternacht den beiden Teams zujubeln, die sich um die Meisterschaft der NFL streiten. All das scheint schwierig zu sein.

Im kleinen Kreis kann man aber zu Hause feiern und wenn man mehrere Hausgemeinschften zusammenschaltet, kommt vielleicht ein wenig Gemeinschaftsgefühl auf. Ein paar Enthusiasten aus Erfurt haben sich daher zusammen getan und eine dezentrale Feier geplant. Das ganze wird relativ LowLevel ablaufen, gibt aber die Mögichkeit, an dem langen Abend etwas mehr Gemeinschaft zu erleben.

Wie funktioniert das?

Jeder trifft sich regelkonform zu Hause mit so vielen Menschen, wie aktuell erlaubt. Essen und Getränke bereitet man vor, wie es passt, um den langen Abend gut zu füllen. Im Vorfeld können (für Menschen in Erfurt zumindest) Chicken Wings und Whisky-Tasting Pakete vorbestellt und am Abend abgeholt werden.

Ablauf des Abends (Sonntag, 7. Februar 2021):

20 Uhr Start der dgitalen Party (Zoom Meeting-ID: 836 9685 3770, Kenncode: nfl)
>> Essen und Trinken & Fotos mit Hashtags teilen
>> Austausch über Football, Regeln und Persönliches

22 Uhr: Mini-Whisky-Tasting
>> Irish/Scotch/American
>> pur bzw. siehe unten für Rezepte

ab 22.45 Uhr überträgt Pro7/ran.de/joyn
>> PreGame-Show und ab 0.30 Uhr das Spiel.
>> Den Videofeed startet jeder vor Ort
>> jubeln und kritisieren via Zoom.
>> Twitter & Instagram mit Hashtags
#supersuperbowlparty #rannfl

Natürlich kann man die hochwertigen Whisk(e)ys gut pur genießen oder aber passend zum Longdrink (z.B. mit Cola oder GingerAle) oder Cocktail verfeinern.
Cocktailrezepte für die drei Whiskysorten:

Irish Rose
4 cl Irish Whiskey
2 cl Zitronensaft
1 cl Grenadinesirup
im Shaker mischen und
mit Eiswürfeln im Shortdrinkglas servieren
Deko: Zitronenzeste, ggf Marashinokirsche
https://www.whisky.de/flaschen-db/cocktail-details/irish-rose.html

Old Fashioned
4 cl Scotch Whisky
0,5 cl Zuckersirup
2 Spritzer Chocolate Bitters
im Tumbler auf Eis verrühren
Deko: Orangenzeste
https://cocktailbart.de/cocktails/cocktails-mit-whisky/old-fashioned/

Lynchburg Lemonade
4 cl Bourbon (bzw. Tennessee) Whiskey
1 cl Orangenlikör (Triple Sec)
mit Eiswürfeln im Tumbler verrühren
1 Limettenachtel ins Glas pressen
1 Zitronenachtel ins Glas pressen
ca. 10 cl Zitronenlimonade auffüllen
als Deko, die ausgepressten Zitrusfrüchte ins Glas geben
https://www.maltwhisky.de/lynchburg-lemonade/

Alternativ/Ergänzend: Superbowle
>> 1 Mango in Stücke schneiden und mit 50g Zucker und 200ml Whiskey einige Tage ziehen lassen
>> 10cl Zitronensaft & 0,5l Maracujanektar ergänzen
>> mit Angustura Bitter abschmecken
>> frisch mit 1 Flasche Sekt auffüllen
>> mit kl. Gabel und Eiswürfeln im Tumbler oder Weinglas servieren

DisTanz-Party

Tanzen gehen, großer Club, laute Musik, buntes Licht, viele Menschen und sich ganz ungezwungen bewegen. Das scheint aufgrund der Kontaktbeschränkungen gerade nicht möglich zu sein.

Aber ähnlich wie berufliche Team-Meetings und Konferenzen kann man auch Freizeitbeschäftigungen digital realisieren. Natürlich ist es nicht „das Gleiche“. Der Gestank von Schweiß, Rauch und Enge, ist alleine zu Hause nur schwer herzustellen und der körperliche Kontakt, wenn man sich beim Tanzen näher kommt, ist auch auf die Teilnehmer in der eigenen Wohnung beschränkt. Aber man kann sich im Rahmen einer Privatveranstaltung mit 20-30 Personen zumindest optisch wahrnehmen, kann sich gleichzeitig zur gleichen Musik bewegen und dabei mental abschalten. Und das ist oft schonmal einiges.

Die nächste DisTanz-Party feiern wir am FREITAG 7. 5. 2021:

https://us02web.zoom.us/j/82586359797?pwd=VUMrNjd2MXo5aTd5YVR1cGkxVGtqdz09
Bzw. Meeting-ID: 825 8635 9797, Kenncode: distanz

Was brauchst du, um dabei zu sein?

  • Ein Computer mit installierter Zoom-Software (ein Account ist nicht nötig) und ordentlichen Lautsprechen für Discosound.
  • Freifläche zum Tanzen (so viel eben geht)
  • Webcam, die dich beim Tanzen zeigt
  • buntes Blinklicht, um die Atmosphäre zu prägen (einfach mal „Discolicht kaufen“ googeln). Für 20-30 EUR bekommt man schon was passendes.
  • Snacks und Getränke nach eigenem Gusto

Die Musik bereite ich für den Abend als Playlist vor, die ich als Audiospur über Zoom teile. So hören alle die gleiche Musik und am Abend steht das Tanzen im Vordergrund.

Damit die Nachbarn geschont werden, ist die Party auf 20-22 Uhr angesetzt, denn zum Tanzen braucht man schon eine gewisse Lautstärke. Wer nach 22 Uhr noch zusammen bleibt, muss selber einschätzen, wie laut die Musik noch spielen darf. Wichtig ist, dass es sich bei dem Treffen nicht um eine öffentliche oder kommerzielle Veranstaltung handelt, sondern um eine Privatveranstaltung von Karsten Kopjar und seinen Freunden. Quasi als würden wir uns in meinem Wohnzimmer treffen, nur eben dezentral. Wer Freunde mitbringen/einladen will, die sich benehmen können, darf das gerne tun. Sollte jemand versuchen, die Party zu stören, werden sie rausgeschmissen und per Warteraumfreigabe oder IP-Sperre ausgesperrt. Das war bisher aber noch nicht nötig.

Um die Privatsphäre zu schützen, machen wir während der Party keine Aufnahmen/Screenshots (außer nach Absprache).

Wer digital über die Veranstaltung redet, gerne mit Hashtag #DisTanzParty

Whisky-Pixel-Font

Ohne ersichtlichen Grund habe ich heute eine grafische ASCII-Schriftart kreiert. Die Grundlage ist ein Foto von 8×6 kleinen Glasflaschen gefüllt mit Whisky. Die senkrechte Aufsicht lässt die Flaschen als Pixel-Matrix erscheinen.

Durch das bewusst „dreckige Bekleksen“ mit digitaler Tinte, habe ich daraus Zahlen, Buchstaben und Sonderzeichen gestaltet. Diese kann man nun als Panoramabild nebeneinander setzen, um Wörter und Sätze zu bauen.

Die nicht proportionale Schrift (fixed font) und die einzelnen Grafiken stelle ich unter freier Lizenz CC-BY zur Verfügung. Wer möchte, darf sie also gerne unter Namensnennung „Whisky-Pixel by Karsten Kopjar“ verwenden. Ich bin gespannt, was man da draus machen kann 🙂

Hier die Schrift als 63 jpg-Dateien. Über eine Info, was du draus gemacht hast, freue ich mich!

CC BY 4.0
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode

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Zug ins ungewisse – ein virtuelles live action role play

Beim Rollenspiel probieren wir uns aus, erleben uns in neuen, ungewohnten Szenarien und können die (körperlich-ganzheitlichen) Erfahrungen, die wir im Spiel machen, für das „echte Leben“ reflektieren. Aber geht das auch digital?

Im Rahmen des Studienmoduls „Kunst, Kultur & Medien“ an der Ev. Hochschule Tabor in Marburg haben wir uns mit Improvisationstheater und Rollenspiel beschäftigt. Ursprünglich war dann geplant, als Seminargruppe einen Teil des Unterrichts als LARP zu gestalten. Da aber die Seminarblöcke im Frühjahr 2020 nur digital als Zoom-Konferenz möglich waren, musste auch das LARP online stattfinden. Als Setting wählten wir eine fiktionale Welt in der nahen Zukunft, die unserer in nahezu allen Faktoren gleicht, aber zum einen Corona und die Auswirkungen ignorieren kann und zum anderen die spielerische Möglichkeit bietet, neue Technologien oder Gesellschaftssysteme anzusprechen. Soweit nicht explizit angegeben, gehen wir aber davon aus, dass die Welt funktioniert, wie wir sie kennen.

Im Vorfeld haben wir uns Fernsehformate angesehen und fiktionale Figuren analysiert. Welche Rollen spielen sie und welche Funktionen hat das für den Plot (z.B. in Kudamm ’56). Dann haben wir Formatunterschiede zwischen fiktionalen Werken und ScriptedReality-Formaten betrachtet, die einen non-fiktionalen Inhalt in ein fiktionales Szenario übertragen. Auf dieser Folie sollten die Studierenden sich eigene Rollen überlegen, in denen sie ein Mini-LARP spielen wollen. Sie bekamen einen Charakter-Fragebogen, sollten sich eine Hintergrundgeschichte mit Stärken, Schwächen und ein Primärziel für ihre Figur ausdenken. Wir haben in die Vorbereitung des LARP eine Unterichtseinheit investiert. Soweit das im beschränkten zeitlichen Rahmen möglich war, sollten sie sich eine passende Gewandung suchen und dann nach einer bewussten Pause zum „Live-Block“ in ihrer Rolle erscheinen. Danach haben wir uns eine reale Stunde Spielzeit gegönnt, um Start und Ende der Zeit klar abgrenzen zu können und hinterher (nach einer weiteren Pause) noch eine Einheit zur Reflexion des Geschehens. Was haben wir erlebt? Wie haben unterschiedliche Teilnehmer Dinge wahrgenommen? Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt? Bin ich vielleicht irgendwo in Rollenkonflikte gekommen, wenn mein „ich“ anders handeln würde als meine Rolle?
So „kostet“ das LARP-Projekt insgesamt vier UE, die sich aber wirklich lohnen.

Im vLARP musste alle Interaktion online stattfinden. Unsere Plattform war das bereits bekannte Tool „Zoom“ in dem auch der digitale Unterricht stattfindet. Die Teilnehmer*innen waren also mit der grundlegenden Bedienung bereits vertraut, hatten Kameras und Mikrofone getestet, der Chat und Breakout-Sessions waren ihnen vertraut und sie waren dort „zu Hause“. Für das Spiel verwandelten wir Zoom in einen „Zug ins Ungewisse“, weil ein Zug einen abgegrenzten Spielraum bietet aus dem man nicht ohne weiteres entfliehen kann und gleichzeitig eine logische Aufteilung (Abteile und Speisewagen) bietet. Die Zoom-Namen wurden angepasst und ein geteilter Bildschirm setze einen klassischen Dampfzug als Szenerie. Als Spielleitung war ich der Zugbegleiter im Speisewagen, der für Snacks und Informationen bereit steht und Fahrgäste auf Anfrage von ihrem Abteilplatz in ein anderes Abteil umbuchen kann. Somit konnten sie von einem Abteil in ein anderes navigieren, indem sie im Speisewagen darum baten. Das ermöglichte es, in jedem Abteil mit kleinen Gruppen intensiv zu interagieren aber auch die Gruppen zu wechseln. Als Haupt-Ziel hatten die Teilnehmer, ihre Rolle auszuspielen. Zusätzlich habe ich ihnen jeweils eine (zufällige) individuelle Aufgabe gegeben, die inhaltlich den nächsten Unterichtsblock vorbereitet hat, der so spielerisch im Geschehen angeteasert wurde, ohne zu stark referierend zu sein.

Nachdem das erste vLARP „Zug ins Ungewisse“ gut angekommen ist, haben wir, im folgenden Block (eine virtuelle Exkursion nach Erfurt) eine weitere Einheit eingebaut, die die Handlung zusammenbindet ohne zu stark auf der ersten Einheit aufzubauen. Das vLARP „Zurück zum Zug“ war gesettelt am Bahnhofsvorplatz (Zoom-Raum-Ebene) in Erfurt mit Breakout-Räumen an zentralen Erfurter Orten, die bereits aus der Exkursion eingeführt waren. Diesmal bekamen alle Spieler eine Main-Quest, bei der sie fünf Fragen zum vergangenen Exkursionsgeschehen an diesen fünf Orten beantworten sollten. An jedem Ort gab es gebriefte Informanten (NPCs), die ihnen helfen sollten, bestimmte Informationen zu bekommen. Jeder Spieler wurde am Anfang einem Ort zugelost, konnte aber frei wählen, wie lange man dort verweilt und wann man den Raum wechselt. So ergaben sich immer wieder neue Konstellationen und spannende Interaktionen der Charaktere. Gleichzeitig hatte ich als Spielleitung die Möglichkeit, die Routen zu leiten und Raumempfehlungen zu geben, wo gerade nicht so viel los ist. Mit dem Zuordnen zur passenden Breakout-Session konnte ich ihnen den Weg zur passenden Straßenbahn ausschildern, die sie nur noch betreten mussten. Einige der Informanten haben ihren Zoom-Hintergrund passend ausgetauscht, sodass „Bratmaxe“ am Domplatz tatsächlich in einer Wurstbude saß und die Stadtführerin am Augustinerkloster tatsächlich im Raum der Stille angesiedelt war. Mit gregorianischen Gesängen wurde Meister Eckhart in der Predigerkirche lebendig, andere spielten ihre Rolle durch starkes Auftreten, gute Argumentation oder setzten Stimmungen, die sich schnell übertrugen.
Auch die Teilnehmer*innen haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Einige haben sich auf die Main-Quest konzentriert, andere stärker ihre persönliche Side-Quest bearbeitet und wieder andere primär ihre Rolle ausgespielt und mit anderen interagiert. Das war für diese Selbsterfahrung freigestellt und in einer Zeitstunde ohnehin nicht alles möglich.

Falls man bei einem vLARP einen stärkeren roten Faden spinnen möchte, müsste man mit einem größeren Team vorher geplante Story-Elemente setzen und die eingerichteten Breakout-Sessions dafür kurzzeitig beenden, damit alle die relevanten Informationen mitbekommen. Spannend wäre es, so ein Spiel über mehrere Stunden zu ziehen, ggf auch die zur Verfügung stehenden Räume zu variieren und Gruppenaufgaben zu stellen (Rätsel, Sozialexperimente, Kampsimulation). Dafür müssen die NPCs gut gebrieft sein und optimalerweise sollte man einen externen Messenger zur Meta-Kommunikation im Team haben. Optimal wäre, wenn eine Spielleitung sich nur kommunikativ an die Teilnehmer wenden könnte, während eine weitere Person als Host im Hintergrund die technischen Dinge erledigt. Das Zuordnen der Teilnehmer zu Breakout-Sessions, die Chat-Kommunikation, das Gestalten und benennen der Breakout-Sessions und das Einspielen eines geteilten Desktops mit Informationen beansprucht viel Zeit, die dann zur InGame-Kommunikation fehlt. Allerdings muss eine auf mehrere Schultern verteilte Spielleitung sich gut absprechen, an welcher Stelle im Plot man gerade ist, damit die einzelnen Erlebnisse zusammengebunden werden.

Generell kann man durch Spiele viel lernen. Soziale Situationen, Interaktionen, der Umgang mit unterschiedlichen Situationen und ethische Fragen zu Handlungsweisen von Rolle und Person. Daher sollte man in keinem Fall an der Auswertungszeit sparen und dafür reichlich Zeit und kreative Methoden einplanen. Auch die inhaltliche Vorbereitung und Entwicklung einer funktionierenden Spielmechanik sind nicht zu unterschätzen. In jedem Fall ist dafür ein Team zu empfehlen, das sich auf Augenhöhe reflektiert, um Gefahren und Lücken in Plot oder Methodik früh zu erkennen. Außerdem braucht man immer reichlich Spontaneität und Improvisationsgabe, um auf unvorhersehbare Situationen eingehen zu können.

Ich freue mich schon auf weitere LARP-Erfahrungen, gerne als Live-Action-Variante vor Ort aber nach den ersten beiden virtuellen Erfahrungen auch als vLARP.

Wie funktionieren Hybride Gottesdienste?

Bei einem Gottesdienst treffen sich Menschen in einer Kirche und werden von Theologen bepredigt, von Musikern zum Singen animiert und von Liturgen durch den Gottesdienst geleitet. Das kann inhaltlich und musikalisch ganz unterschiedlich aussehen, lebt aber oft von der Begegnung im gleichen Raum.

Durch die Kontaktsperren haben viele Gemeinde statt der Treffen vor Ort auf Online-Formate umgestellt. Einige haben die Zelebranten in leeren Kirchen abgefilmt, andere bunte und vielfältige Impulsformate vorproduziert, die da Thema des jeweiligen Sonntags medial passend umgesetzt haben. Der kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, aber oft bleibt es bei einer Einbahnstraße. Die Gemeinde sendet und die Teilnehmer schauen zu. Interaktionselemente (Gebetsanliegen, Dialogpredigt, Umfragen, …) sind eher bei digitalen Live-Gottesdiensten möglich, die dafür meist nur einen Ort zeigen.

Wenn jetzt Versammlungen in Gotteshäusern unter bestimmten Auflagen wieder stattfinden können, stellt sich vielerorts die Frage, wie man weitermacht. Gerade die Gemeinden, die online 10-20x so viele Menschen erreicht haben als vorher offline wollen diese Menschen nicht einfach im Stich lassen, wenn sie zurück in die Gebäude gehen. Auch für Risikogruppen ist mitunter eine Feier vor Ort momentan noch nicht angesagt, was bei reinen Offline-Veranstaltugnen einem Ausschluss gleich kommen würde. Man kann also überlegen, einen minimalistischen Gottesdienst (nur 30 min, kein Gesang vor Ort, keine Kontakte, Hyginekonzept) in der Kirche zu feiern und zentrale geistliche Elemente auch nochmal für eine Onlinezielgruppe als Kurzclips zu produzieren. Das können kurze Liveaufnahmen sein oder Aufnahmen an neutralen Orten, wie man es als Onlineformat bereits eingeführt hat.

Oder man kann Gottesdienste feiern, die eine Gemeinschaft aus Menschen im Kirchgebäude und Menschen vor den Monitoren bildet und so hybrid und gleichzeitig Menschen zusammenbringt. Für so eine Gemeinschaft ist es wichtig, sich gegensitig wahrzunehmen, bestimmte Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen und beiden Gruppen das Gefühl zu geben, „echter Teil der Gemeinde“ zu sein. Das bedeutet, dass eine Begrüßung sowohl die Menschen vor Ort als auch die Online-Teilnehmer (direkt in die Kamera reden!) ansprechen muss, dass die Predigt sowohl in den Raum gesprochen wird, aber auch immer wieder direkt in eine Kamera (die optimalerweise so steht, dass man beide Gruppen gleichzeitig im Blick haben kann) gerichtet ist und dass die Menschen im Raum mitbekommen, wie viele Leute online dabei sind (ggf sogar wer) udn die Leute im Stream die Gemeinde vor Ort wahrnehmen (Kameraschwenk durch die Bänke, aber auch Offscreen-Plätze schaffen, falls jemand nciht im Bild auftauchen möchte!).

Ein Beispiel, wo so ein Interaktiver Hybrid-Gottesdienst mit Livestream und Dialogpredigt umgesetzt wird, ist der Checkpoint Jesus in Erfurt.

Ein weiteres Beispiel ist der Einführungs-Gottesdienst von Superintendentin Rosenthal im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau am Pfingstmontag, der von der OnlineKirche in Zusammenarbeit mit zahlreichen Akteuren umgesetzt wird. Hier sind über den Hybrid-Charakter hinaus auch noch zwei Gottesdienst-Orte liturgisch vernetzt.

Was kennst du für Beispiele? Ich freue mich über inspirierende Arten, aktuell passend Gottesdienst zu feiern!

Serie: Dispatches from Elsewhere

Eine skurrile Mischung aus Escape Room, LARP, Monty Python und Gruppentherapie mit einem historischen Hintergrund.

Die Serie ist keine leichte Kost, aber große Filmkunst. Retrostil mit futuristischen Elementen, Slapstick, Meta-Kommentar, Zeitbrüchen, Selbstironie, Philosophie, einer großen Portion Kreativismus und einem Hauch Science Fiction.
Auf der Metaebene betrachten wir die Innenwahrnehmung der vier Hauptpersonen in psychotherapeutischer Art mit noetischem Anklang. Gleichzeitig zeigt die Storyline ein aufwändiges Parallelwelt-„Spiel“, das als Schnitzeljagt mit Alternativ Reality-Elementen provoziert und herausfordert.

In 10 Episoden erfährt man immer mehr Details, die teilweise die Gesamtdeutung des Geschichte fundamental verändern und aufklären oder verwirren. Dabei geht die Serie sparsam mit Trickeffekten um und verzichtet auf übertriebenen Einsatz von Horror, Gewalt oder Sexualität. Die Spannung wird ganz klassisch durch Informationsmangel und das Begleiten der Charaktäre in ihrer persönlichen Entwicklung erzeugt. Dabei wechseln die Realitätsebenen mehrfach, was zumindest mich fasziniert hat.
Keine Serie für jeden, aber wenn man erstmal drin ist mit hohem Suchtpotential!

Spannend auch die Information, dass ein ähnliches „Alternate-Reality-Spiel“ des Künstlers Jeff Hull tatsächlich 2008 in San Francisco stattgefunden haben soll. Wie wäre es, eine Art Rollenspiel als Mischung aus Geocaching, ActionBound und Schnitzeljagd in physischen Städten aufzubauen. Vielleicht als (religions)pädagogisches Konzept, vielleicht als alternative Sommerfreizeit, vielleicht touristisch oder einfach nur als Kunstprojekt. Ein leerstehendes Geschäft als Rekrutierungs-Center einrichten, in verschiedenen Geschäften, Bars, Museen Hinweise verstecken und die Teilnehmer*innen durch unbekannte Straßen lotsen, während sie sich selbst, die eigene Kreativität und ihr Team kennen lernen. Sicherlich sind die aufwändigen Inszenierungen der Serie ohne millionenschwere Sponsoren nicht umzusetzen, aber eine Light-Version könnte dennoch fesselnd sein. Falls jemand sowas plant: Ich wäre gerne dabei!

#RPremote – ein kurzes recap

re:ublica, das bedeutet drei volle Tage mit tausenden von Menschen bei hunderten von Veranstaltungen in der „Station“ Berlin. Oft gemeinsames Treffen am Vorabend mit #DigitaleKirche und Freunden und das Kennenlernen zahlreicher neuer Leute. Dieses Jahr war so einiges anders. Ein Rückblick.

Schon allein die Anreise war viel kürzer. Mit Hausschuhen aus der Küche zum Schreibtisch statt mehrere Stunden im Zug. Keine Hotelbuchung, aber auch kein Meetup am Vorabend und keine zufälligen Frühstücksbekanntschaften. Erste Erkenntnis: Vorfreude gehört dazu! Vielleicht sollte ich die nächste virtuelle Großveranstaltung doch schon bewusst am Vorabend beginnen?!
Zwischendurch saß ich mit Picknickdecke im Park, während ich auf zwei Devices die Konferenz verfolgt habe, dann wieder am großen Monitor am Schreibtisch. Vorteile der digitalen Möglichkeiten!

Vieles war bei der #rp20 viel kürzer. Die Einlassschlangen wurden durch eine überlastete Website adequat nachempfungen, aber ein Direktlink zu YouTube half, doch noch in alle (!) Veranstaltungen rein zu kommen. Ein echter Vorteil. Kurze Wege und keine verschlossenen Türen. ASAP1 war auch immer auf die Minute pünktlich, leider die anderen „Bühnen“ (ASAP2, re:work) nicht so, eine geplante Veranstaltung musste ich also wegen Verspätung skippen. Aber insgesamt war es ein voller und runder Tag. Aber eben nur einer statt drei. Das nimmt die typische Dramaturgie (1. Tag viele Sessions, 2. Tag weniger Sessions & mehr Treffen, 3. Tag kaum noch Sessions & Zufallsbegegnungen). Aber auch in den 12h gab es (für mich) alle drei Teile:

Hanno hat für die digitale Kirchenblase einen Meetingraum bereit gestellt. Gefühlt saß ich da die meiste Zeit auf einer gemütlichen Ledercouch und hab mit Freunden geredet (auch wenn erstaunlich wenige der „üblichen Verdächtigen“ dabei waren!). Zwischendurch konnte man sogar dort sitzen bleiben, während man auf einem SecondScreen ein Event besucht hat. Etwas skurril war nur, wenn mehrere Leute Kommentare zu unterschiedlichen Bühnen gegeben haben oder sich tiefere Gespräche ergaben, während man auf dem anderen Ohr einem spannenden Sprecher lauschen wollte. Für Zufallsbegegnungen gab es vom Veranstalter den „Hof“ als Zoom-Konferenz. Dort konnte man zusammenkommen und mit Leuten über triviales reden, was oft auch persönlich oder relevant wurde und zumindest nah dran war am Gewusel des physischen Hof-Erlebens. Mit 100 Leuten in einem Raum nimmt man einzelne kaum wahr, aber gegen später beim Beerpong in kleiner Runde wurde es dann sogar richtig innovativ…

An die Inhalte erinnere ich mich diesmal irgendwie weniger als sonst. Komisch, weil man ja denken könnte, Inhaltsvermittlung gehe online besser als Atmosphäre. Vielleicht liegt es daran, dass die Sessions auf 30min gekürzt wurden (oft mit 30min DeepDive hinterher für Interessierte). Das Screen Design war eine Mischung aus 90er-Jahre Website und TV-Studio mit bunter Laufschrift und Twitter-Einblendungen. Im News-Stil wurden die Speaker angekündigt und die Übergänge waren rund.
Es ging, um mögliche Learnings aus der Coronakrise für die Klimakrise und die Frage, nach effektiver Teamarbeit ohne physischen Kontakt. Um die Unterscheidung zwischen sofort-Themen und langfristiger Entwicklung, den WirVSVirus-Hackathon und die Systemrelevanz von Kultur. Resümieren über technische Entwicklungen des Internets, von Schule und Bildung sowie die Corona-App. Durch die Kürze hatte ich den Eindruck, dass die Redner*innen oft nur die Projektvorstellung bzw. Einleitung in komplexe Themen geschafft haben und die Anwendung oder Vertiefung fehlte. Da würde ich in Zukunft Mut machen, wieder auf längere Formate zu setzen, um mehr Komplexität zu ermöglichen.

Hinterher kam nicht die stundenlange Heimfahrt, was cool ist, aber auch den gedanklichen Transfer verhindert. Keine Zeit zum Runterfahren, zum Reflektieren, als Übergang in den Alltag. Am nächsten Tag Büro als wäre nichts gewesen. Immerhin kann man die verpassten Sessions (demnächst) in der Mediathek nachschauen, wie man das von der physischen re:publica gewohnt ist. Mein Eindruck ist, dass dieses Event (mit den genannten Einschränkungen) richtig gut gelungen ist, aber ich als Teilnehmer noch lernen muss, ein digitales Event noch stärker als solches wahrzunehmen. Ich vermute, dass einige Kolleg*innen und Freunde gerade deshalb nicht dabei waren: Wenn Familie und Kinder zu Hause drängeln oder Kollegen an die Tür klopfen, kann man sich nicht so leicht aus dem Flow rausziehen als wenn man wirklich in einer anderen Stadt ist. Trotz Virtualisierungstechnologie müssen wir uns immer noch entscheiden, an welchem Ort wir gerade wie intensiv sein wollen.

Digitale Socials – zwischen Spielerunde und Whisky-Tasting

Können wir trotz physischem Kontaktverbot persönliche Gemeinschaftserfahrungen machen? Wie können wir Freunde treffen und neue Menschen kennen lernen, wenn man sich nicht zufällig treffen kann?

In den letzten Wochen habe ich viele Experimente gemacht, wie Gemeinschaft im Internet funktionieren kann. Hier möchte ich ein paar Ideen kurz skizzieren. Wer über Details fachsimpeln möchte, kann mich gerne kontaktieren 🙂
Bei den Aktionen war mir immer wichtig, dass sie möglichst barrierefrei sind, also nicht von bestimmter Software abhängig sind. Pragmatisch habe ich allerdings meist „Zoom“ genutzt, weil die Usability da einfach gepasst hat. Überall wo Zoom steht, kann man aber auch GotoMeeting, Skype, Teams, BBB oder Jitsi ausprobieren…

Über Zoom kann man Spiele spielen. Am enfachsten, wenn es keine geheimen Handkarten oder Nachziehstapel gibt. Alle sozialen Spiele wie „Die Werwölfe vom Düsterwald“ (am Anfang im Privatchat Charaktäre zuweisen, danach spielen wie normal) oder „StadtLandFluss“ sind einfach umzusetzen. Aber auch „Uno“ geht, wenn alle Mitspieler ein eigenes Kartendeck haben. Etwas anspruchsvoller ist es, eine Runde „Skat“ zu organisieren. Dabei muss eine vierte Person die 32 Karten bei sich verteilen und die Mitspieler per Privatchat informieren. Dann kann jeder haptisch diese 10 Karten auf die Hand nehmen. Effektive Runden nutzen alternativ eine Online-App, aber meine Erfahrung ist, dass gerade die unproduktiven Wartezeiten gute Gespräche und Gemeinschaft ermöglichen. Wer mehr Aufwand betreiben will, kann auch versuchen, Brettspiele oder P&P-Rollenspiele online zu spielen. Sobald man eine Spielleitung investiert und die Mitspieler das benötigte Material haben, ist nahezu alles möglich.
*Edit* Nicht zu vergessen sind Tools wie www.horsepaste.com (Codenames online), skribbl.io (Montagsmaler), m.brettspielwelt.de (zahlreiche Brettspiele online umgesetzt) oder klassische Multiplayer-Konsolenspiele, die gerne mit Discord-Server, Telefonverbindung oder Zoom-Call kombiniert werden. *Ende Edit*

Über Zoom kann man Freunde treffen. Egal ob einfach so zum Reden, Mentoring, Seelsorge, Gottesdienst, Teammeeting oder zum philosophischen Kreis, Lesezirkek, Kochgruppe, …
Wichtig ist, dass bei großen Gruppen oder lautem Hintergrund alle Teilnehmer die Mikrofone stumm schalten und nur an machen, wenn sie etwas sagen wollen. Wir haben in verschiedenen Besetzungen zusammen gekocht, gefrühstückt, getrunken, getanzt, gebetet und gefachsimpelt. Mein Tipp: Plant vorher, worum es geht, damit keine falschen Erwartungen entstehen, aber bleibt offen, wenn im Moment etwas anderes dran ist.

dezentrales Whisky-Tasting

Auch eine Verbindung aus Fortbildung und Gemeinschaft ist möglich. Wir haben ein „dezentrales Whiskytasting“ eingeführt, bei dem die Teilnehmer sich vorher anmelden, per Post die abgefüllten Probierflaschen zugeschickt bekommen und dann zur festgelegten Zeit gemeinsam verkosten. In unserer Gruppe kam der Wunsch auf, ein BlindTasting zu machen, also erst nach dem Probieren aufzulösen, was man gerade getrunken hat. Bei mehr als 10 Personen empfielt sich das Verkosten Kleingruppen (Zoom Breakout-Sessions). Danach dann die Auflösung und Austausch als Gesamtgruppe. Je Gang muss man 20-30min rechnen und am Anfang sollte sich jeder zumindest kurz vorstellen, damit die Gruppe sich finden kann.
Das nächste Tasting mit sechs hochwertigen Whiskys (meist schottische SingleMalt, aber auf Wunsch der Gruppe auch internationale Varianten) findet am Sa 23.5.2020 statt (mehr Informationen). Wer dazu kommen möchte, kann sich bis 16. Mai bei mir anmelden.

Berührungslose Tanz-Partys, Impro-Theater, VirtualChoir, Beer-Pong, SpeedDating. Viele digitale Events sind vorstellbar. Wichtig ist, dass man in der Krise nicht sagt, „Doof dass XY nicht möglich ist!“, sondern dass man sich überlegt, wie XY unter den gegebenen Umständen anteilig erlebbar wird. Und dabei darf man auch die klassischen Medien nutzen. Mit dem Telefon statt Computer kann man bei Webinaren spazieren gehen. Einfach mal ein Buch lesen und nicht digital vernetzt sein, ist auch erlaubt. Finde heraus, welche Gemeinschaftsbedürfnisse du hast und welches Tool dir helfen kann, sie zu stillen. Und sprich mit anderen Menschen darüber, was auch für die passt, denn Gemeinschaft hat immer was mit mehreren Personen zu tun 🙂

Gottesdienst-Live-Streaming kann ganz einfach sein

Durch die aktuelle Infektionsgefahr werden immer mehr Veranstaltungen abgesagt und Menschen mit erhöhtem Risiko zögern auch oft, zum Gottesdienst zu gehen. Daher habe ich mich kurzfristig bereit erklärt, im ersten Online-Barcamp der Initiative „GottDigital“ eine digitale Session zu dem Thema Gottesdienst-Livestream zu halten, die ich hier aufbereite.

Disclaimer: Es ging dabei primär um technische Hürden. Die Frage, ob man nur die Predigt oder das gesamte Programm streamen möchte, ob Live oder Aufnahme besser passt und wie man Interaktion und Online-Gemeinschaft erzeugen kann, war nicht unser Thema. Dazu wird sicherlich demnächst ein ergänzender Beitrag der OnlineKirche folgen.

Außerdem verweise ich jetzt schon auf den guten Beitrag von Christoph Breit, der das Thema für die ELKB durchdacht hat.

Quick & Dirty (für spontane Notfälle und ohne Budget):

  • Fixiere dein Handy auf einem Stativ und streame direkt via Facebook/Insta-live. Das geht ohne große Vorbereitung direkt über die App (YouTube streamt nicht ohne weiteres vom Handy)
  • Nutze ggf einen Laptop, um parallel mit den Zuschauern zu interagieren. Zuschauer begrüßen, Fragen beantworten oder bei Problemen unterstützen ist hilfreich und vermeidet Frust. Das sollte man nicht mit dem Device machen, das gerade streamt, sondern besser mit einem zweiten Gerät (Facebook im Browser vom Laptop aus)
  • Als Upgrade kann man ein Mikrofon oder den Masterausgang des lokalen Audiomischers per Klinkekabel anschließen, um nicht die Umgebungsgeräusche des Smartphones aufzunehmen.
  • Gemeinden für die, das DSGEKD gilt, können sich auf §53 berufen, der das Streamen von Gottesdiensten nach vorheriger Information der Gemeinde erlaubt. Ein deutliches Schild am Eingang und ein Hinweis in der Begrüßung sollten dabei hinreichend sein. Fairerweise sollte man Besucher vor Ort dennoch informieren, wo sie mehr/ weniger/ gar nicht im Bild sind.
  • Für einen Stream mit mobilen Daten sollte man UMTS oder LTE nutzen und 1-2GB Datenvolumen (oder stabiles WLAN) zur Verfügung haben. Ggf sollte man sich informieren, wie man kurzfristig neues Volumen dazubuchen kann, um Lücken zu vermeiden. Auch ein Netzteil zur Stromversorgung hilft, Abbrüche zu vermeiden.

Etwas besser (mit Vorbereitung und kleinem Budget):

  • Wer ein wenig Zeit zur Vorbereitung hat, kann eine einfache USB-Webcam (FullHD reicht aus) und den sauberen Saalton an einen Laptop anschließen.
  • Ggf kann die Webcam auch als zusätzliches Raumklangmikro genutzt werden.
  • Die kostenlose Software OBS läuft unter Windows, Mac und Linux und bietet kostenlos die Funktionen einer kompletten TV-Regie. Eine oder mehrere Webcams, Videoeinspieler, Desktopaufnahmen, Bilder, Sounds, Mikros oder sogar Webseiten können abgemischt und direkt zu Facebook oder YouTube gestreamt werden. Für eine Ausspielung über die Gemeindewebsite empfiehlt sich YouTube, weil man den Live-Feed direkt als iframe in jede Website integrieren kann und die Zuschauer keinen Account brauchen, um den Livestream zu sehen. Auch kann man hinterher die Videos dauerhaft nachschauen und einfach verwalten.
  • Wichtig: Die Kameraperspektive so wählen, dass ein relevantes Bild gestreamt wird. Ggf kann man mit zwei Webcams arbeiten, um eine Großaufnahme (z.B. Prediger) und eine Totale der Gemeinde oder des liturgischen Raumes zu bieten.
  • Für die Zuschauer ist dabei ein verständlicher Ton das wichtigste, eine gute Beleuchtung das zweitwichtigste und eine super Videoauflösung nur das drittwichtigste. Also nicht als erstes in Profi-Kameras investieren, sondern zuerst Ton und Licht optimieren, dann kann oft auch eine einfache Kamera gute Bilder einfangen.
  • Ein stationärer DSL-Anschluss mit min 2-3Mbit/s Upload reicht für einen 720p-Stream. Für FullHD sollte man 5Mbit/s sicher stellen. 4K Livestreams sind für Gottesdienste nicht unbedingt nötig und belasten meist die Internetleitungen unnötig stark.

Richtig gut (Aufwand und Budget nach oben offen):

  • 1-3 Camcorder mit Schwenkstativen und Kameraperson können natürlich viel professioneller die perfekten Blickwinkel abdecken. Wichtig sind dabei die Gesichter der handelnden Personen (einheitliche Eyeline beachten), teilweise auch die ganzen Personen und bei Textlesung/Gebet auch liturgische Symbole wie Kreuz, Kerze, Bibel oder andere Dinge, die nicht vom Inhalt ablenken aber auch nicht die Person über den Inhalt stellen.
  • Ggf kann eine Remote-Cam helfen, auch ohne Zusatzpersonal mehrere Kameraperspektiven abbilden zu können.
  • Für den guten Ton kann man jedem Mitwirkenden ein Funkmikrofon anstecken oder ein Rednermikrofon auf einem Stativ nutzen. Für gut hörbaren Gemeindegesang, einen Chor oder eine Band sind mitunter Saalmikros hilfreich. All diese Kanäle sollte ein zusätzliches Audiomischpult zu einem guten Klang für die Aufnahme abmischen. Roland bietet AV-Mischpulte an, die Audio und Video in einem Gerät mischen und am Ende ein USB-Signal zum Stream ausgeben. Das kann dann wiederum über OBS oder ein Streaming-Device ins Netz gelangen.
  • Wer für die Zuschauer das abgefilmte Geschehen kommentieren möchte, sollte ein Kommentator-Mikrofon bereithalten. Ob das bei einem Gottesdienst nötig ist, hängt vom Format ab (z.B. könnte man übers Netz gesammelte Fürbitten bewusst vom Techniker einbringen lassen statt vom Liturgen.
  • Über OBS oder die Superimpose-Funktion des Videomischers können Namen und Textinfos als „Bauchbinden“ über PErsonen eingeblendet werden. Außerdem können Video-Einspieler, Vorspann, Nachspann, oder ein Gemeindelogo als Bug das Video aufhübschen. All das ist nicht nötig, macht aber einen runden Gesamteindruck aus und hilft den Online-Zuschauern ggf, sich stärker verbunden zu fühlen, wenn speziell für sie gestaltete Informationsclips vor und nach dem Livestream sie am Gemeindeleben teilhaben lassen.
  • Wie gesagt: Der Aufwand ist nach oben offen und beliebig skalierbar. Für eine Konferenz mit tausend Zuschauern wird man mehr investieren also für 10 Gottesdienst-Mitfeiernde. In manchen Situationen ist es wichtiger, überhaupt etwas anzubieten, als es perfekt zu inszenieren. Und das Wichtigste sind mitunter die inhaltlichen Kriterien, was wann warum mit wem geteilt wird, um welchen Effekt zu erziehlen. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Weitere Infos:

  • Die OnlineKirche (Erprobungsraum der EKM) bietet mehrere OnlineGottesdienste an, die unabhängig von Zeit und Ort, aber dennoch interaktiv gefeiert werden können.
  • Ggf werden Teile des Barcamp Kirche Online (ursprünglich geplant 2.-4. April in Dresden) online erfahrbar gemacht.
  • Techniklinks und Infotext als fertige Vorlage
  • Evt kann einigen das MEVO Kamera-Kit (ca 400 EUR) hilfreich sein, was ich aber nie getestet habe.