Archiv der Kategorie: Nerdiges

Kleine Basteleien und großes Spielzeug, um das Leben einfacher zu machen oder zumindest extrem witzig :-)

Von Luther zu WhatsApp – Medienreformation damals und heute

Alle reden von Martin Luther, der Thesentür in Wittenberg und den Solae der Reformation. Gleichzeitig schweift der Blick zumindest in den Kirchen auch zur ehrwürdigen Lutherübersetzung der Bibel die ein echter Meilenstein für das deutschsprachige Christentum war. Schnell wird klar: Luthers Gedanken und seine Mediennutzung gehören zusammen. Und der alte Reformator war eben kein Kulturkonservierer, sondern er hat aktuelle Medien genutzt. Aktuelle Gassenhauer hat er zu Kirchenliedern umgedichtet, zeitgenössische Malerei der Cranachs hat sein Gesicht bekannt gemacht, gedruckte Traktate und Bücher haben seine Ideen über ganz Europa verbreitet.
Warum hat man so oft das Gefühl, dass Kirchen im 21. Jahrhundert die digitale Medienreformation bewusst verschlafen oder sogar als Bewahrer des althergebrachten Stils (vgl. die Kontroversen um freies WLAN in Kirchen oder die oft sparsame SocialMedia-Kommunikation von Kirchengemeinden) auftreten?

Am Wochenende war ich mal wieder als Freiberufler unterwegs. Diesmal in Schaafheim bei Frankfurt. Eine Evangelische Kirchengemeinde hat mich eingeladen eine interaktive Installation zum Thema Medienreformation aufzubauen und einen Jugendgottesdienst zu gestalten. Also haben wir gemeinsam überlegt, was für die Zielgruppe passt, vor Ort möglich ist und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern vor Ort umzusetzen ist. Am Ende stand ein Parcours mit sechs Stationen, den die Besucher in eigener Geschwindigkeit begehen konnten:

1. Musik
Wo Luther den Wert des Gemeindegesangs erkannt hat und  Liederbücher erfunden wurden, bekommen heute christliche Künstler wie die Outbreakband Millionenklicks für ihre moderne Lobpreis-Musik auf YouTube. Geistliche Musik kann Menschen ganzheitlich erreichen, aber es gibt auch Unterschiede zwischen damals und heute.

2. Mediale Informationen
Luthers Thesen wurden durch Flugblätter schnell weit verbreitet und brachten ihm große Bekanntheit. Heute werden kurze Text-Bild-Kombinationen (Memes) ebenfalls oft viral verbreitet und erreichen viele Menschen. Allerdings mit sehr knappem Inhalt. Was macht das mit Argumenten und dem Miteinander im Internet?

3. Bibel lesen
Im Zuge der Reformation wurde der noch junge Buchdruck genutzt, um die Bibel in deutscher Sprache zu verbreiten, damit auch Laien sie lesen und verstehen können. Heute ermöglichen Apps und Onlinebibeln jedem Menschen in seiner Muttersprache die Bibel zu lesen, zu studieren, Versionen zu vergleichen und so Gott besser kennen zu lernen. Lesen dann Konfirmanden während der Predigt wirklich den Bibeltext statt zu chatten?

4. Luther-Wissen vermitteln
Martin Luther hat durch sein Leben polarisiert und Menschen haben ihre Erlebnisse mit ihm weitererzählt. So wurde er für viele zum Vorbild, für andere zum Stolperstein. Heute gibt es neben Texten, Bildern und Filmen auch Computerspiele durch die Menschen sein Leben spielerisch kennen lernen können.

5. Wissensdatenbank
Fachwissen war lange Zeit in (Kloster)Bibliotheken verschlossen und wenigen Weisen vorbehalten. Durch die Reformation wurde ein freiheitlicher Wissensmarkt geschaffen, der in heutigen Online-Wissensdatenbanken und Ressourcen gipfelt. Wie können wir das relevante Wissen herausfiltern und wie kann geistliches Wachstum durch Onlinemedien gestärkt werden?

6. Gebet
Luther stand im täglichen Austausch mit Gott und hat auch für Bittsteller zu Gott gerufen. Der persönliche Austausch und das gemeinsame Gebet findet immer zwischen Mensch und Gott statt, kann jedoch sehr gut durch Onlinemedien vermittelt werden, die Gebetsanliegen bündeln und personelles Feedback ermöglichen. Wie gehen wir mit Datenschutz und seelsorgerlichen Aufgaben in laienbasierten Netzwerken um?

Nach einer geführten Einführung in die sechs Stationen für die Teamer folgte eine zweistündige FreeFlow-Phase in der Besucher flexibel zu den sechs Stationen gehen konnten. Im Gottesdienst haben wir uns angeschaut, welche Auswirkungen durch das internationale Netzwerk des Lutherischen Weltbundes geschaffen wurden und wie wir aufgrund des Geschenkes der freien Gnade im Alltag befreit handeln können.

Der Abend mündete in eine Reformations-Cocktailbar, wo die Besucher bei „Luthers Kräutermix, Käthes Schokogeheimnis und ähnlichen alkoholfreien Cocktails über die Themen ins Gespräch kommen und gemeinsam das erlebte reflektieren konnten.

Auch wenn der #reformationssommer sich dem Ende neigt, bleiben die Themen der Reformation aktuell. Wir alle können heute Reformatoren sein, Schieflagen in Kirche und Gesellschaft aufdecken und ganz praktisch Dinge verändern. So ein Thementag in der Gemeinde oder einer Einrichtung kann ein Teil davon sein.

#DigitaleKirche bei Dynamissio

Gerade versammeln sich über 2300 Menschen in Berlin, um über zukunftsträchtige Inhalte und Formen kirchlicher Arbeit nachzudenken. Im Plenum geht es um die großen Stränge Evangelium – Gemeinde – Welt – Sendung. Ein Forum bindet letztlich alle diese Bereiche zusammen und befasst sich mit dem Thema „Digitale Kirche in der Digitalen Gesellschaft?! Wie kann gelebter Glaube im Internetzeitalter aussehen?“ (FPK10)

Aus technischen Gründen war der Livestream leider nur ruckelnd zu sehen, daher verlinken wir sobald möglich eine Aufnahme hier!
YouTube-LivestreamSocialMedia-Wall

Vielen Dank an die Organisatoren von #dynamissio, dass sie dem Thema Raum geben, an die Referenten @rolfkrueger, @dilinea, @Gofimueller und @roofjoke, dass sie sich Zeit nehmen und an alle, die mit uns weiterdenken wollen.
Ohne es exakt geplant zu haben, existieren seit heute eine Facebookseite, Gruppe, Twitterkanal und eine Domain. Wir haben einiges unter dem Hashtag gepostet. Ohne unnötige Parallelstrukturen zu bestehenden Netzwerken aufbauen zu wollen, frage ich mich jetzt, wohin das führen kann. Mal schaun, erstmal nehme ich wahr, dass da etwas ist. Vielleicht wird was draus, vielleicht löschen wir die Seiten auch wieder. Hast du dazu eine Meinung, dann sag sie uns! #DigitaleKirche

Automatisierter Videoschnitt mit ffMPEG

Manchmal will man Videos schnell und ohne großen Aufwand im Coporate Design einer Organisation oder eines Events online stellen. Gerade bei längeren Veranstaltungs-Dokus dauert es unglaublich lang, den Gesamtclip in einer großen Software zu importieren, Vorspann und Abspann hinzuzufügen und die Gesamtdatei wieder zu exportieren. Klar, wenn man komplexe Schnitte, Farbkorrektur oder Effekte einbauen will, dann nutzt man auch weiterhin Premiere, FinalCut, Lightworks oder ähnliche Tools. Aber wenns mal schnell gehen soll oder zahlreiche Clips mit gleichem Rahmen versehen werden sollen, hier ein paar Tipps, wie man auf die Schnelle mit der kostenlosen komandozeilenorientierten Software ffMPEG (Freeware) zum Ziel kommt. Ein weiterer Vorteil: ffMPEG muss nicht installiert werden, läuft also als portable App aus dem Nutzerverzeichnis oder vom USB-Stick aus! So bleibt man flexibel, wenn man keine Admin-Rechte für einen Rechner hat.

  1. Vorspann & Abspann als Videoschnipsel vorbereiten
  2. Videos aufnehmen und  auf Rechner kopieren
  3. Wartezeiten am Anfang und Ende abschneiden (trim)
  4. Vorspann+Inhalt+Abspann kombinieren (merge)
  5. Hochladen und in YouTube-Playlist einbauen
  6. ggf. Untertitel hinzufügen
  7. Alternative: direkt bei YouTube schneiden!

1. Vorspann & Abspann vorbereiten

Der Vorspann sollte den Namen der Veranstaltung, das Thema, die Fragestellung oder den Anlass nennen und motivieren, warum man sich diesen Clip anschauen sollte.
Im Abspann sollten Credits erscheinen (Wer hat das Video produziert, Bildrechte, Musikrechte, …) und eine Website für weitere Informationen eingeblendet werden.
Vorspann und Abspann können mit einer einheitlicher Musik untermalt werden (Rechte beachten!), um so einen einheitlichen Rahmen zu gestalten. Die Länge sollte je nicht über 10s liegen…
Beispielclip: Glaube und Heimat bei der EKM-Synode (wobei hier konventionell betitelt und überblendet wurde, Software: Adobe Premiere Elements)

2. Videos aufnehmen und  auf Rechner kopieren

Eine einfache Videoaufnahme kann man mit einer digitalen Spiegelreflexkamera (meist auf 16min beschränkt), einem Camcorder, einer Webcam  oder mit dem Handy erstellen. Viele Geräte nutzen SD-Speicherkarten, die man einfach im Laptop einstecken und Daten auf Festplatte kopieren kann. Einige Kameras können auch automatisch per WLAN Daten an einen Computer schicken. Empfehlenswert ist es, bei mehreren genutzten Geräten die gleichen Einstellungen zu nutzen (z.B. 1080p mp4 25fps) und Vorspann/Nachspann entsprechend zu produzieren.
Beispielclip: LWF Young Reformers Videobox (Kamera: Sony DSC-RX10, Schnitt: ffmpeg)

3. Wartezeiten am Anfang und Ende abschneiden (trim)

Wenn man bei einem Konzert/Gottesdienst/Vortrag den ersten Satz nicht verpassen will, sollte man frühzeitig auf Aufnahme klicken, hat dann im Rohmaterial ggf einige Minuten Vorlauf. Auch bei Interviews entstehen oft zumindest 2-3s Vorlauf, die man meist kürzen will. Um die Videos am Anfang und am Ende zu trimmen, ohne den gesamten Stream neu zu rendern, beitet sich folgendes Script an, bei dem man einfach nur den Counterstand von Anfang und Ende (oder Anfang + Länge) angeben muss, um in wenigen Sekunden eine gekürzte Datei zu bekommen.
Script: Video trimmen (Anfang und Ende kürzen)

4. Vorspann+Inhalt+Abspann kombinieren (merge)

Wenn die drei Dateien vorbereitet sind, ist das eigentliche Kombinieren mit einem weiteren einfachen Script möglich. Um nach dem mergen nicht zu vergessen, worum es im Video geht, empfiehlt es sich, den Dateinamen hinterher entsprechend zu bearbeiten (weil daraus später der YouTube Videoname wird).
Script: Video schneiden (mehrere Clips als batch-job)

5. Hochladen und in YouTube-Playlist einbauen,

Um Videos online zu teilen, bietet sich YouTube als kostenloser Content-Hoster an. Man sollte sich bewusst sein,d ass man dem Konzern dabei bestimmte Nutzungsrechte überträgt, aber wenn man ohnehin eine Öffentliche Nutzung der Vieos anstrebt, spricht da nicht gegen. Natürlich muss man selber alle Rechte am Clip haben, um sie weitergeben zu können…
Um von einer Veranstaltung zu berichten, von der es mehrere Clips geben wird (Teaser, Trailer, Eröffnungsrede, Musikbeiträge, Vorträge, O-Ton-Schnipsel, Interviews, Impressionen, …), kann man bereits im Vorfeld eine YouTube-Playlist anlegen und so konfigurieren,d ass neue Clips immer als erstes angezeigt werden. Diese Playlist kann man dann in einer Website einbauen (embed) und hat so immer das aktuellste Video auf der Website sichtbar. Alternativ kann man auch eine chronologische Reihenfolge wählen, um hinterher ein nacherleben der Dramaturgie zu ermöglichen. Beispiel: Playlist Barcamp Erfurt 2016

6. ggf. Untertitel hinzufügen

Wenn Menschen auch im Büro oder in lauten Umgebungen, wo kein Ton wahrnehmbar ist, die Videos genießen sollen, ist es ratsam, sie mit Untertiteln zu versehen. Diese könnend irekt in YouTube erstellt werden, sodass der zuschauer wählen kann, ob er sie anzeigen oder verbergen möchte. Auch fremdsprachige Übersetzugnen per Untertitel sind möglich. Tatsächlich kann diese Funktion dabei helfen, ein größeres Publikum zu erreichen.
Beispiel: Video zum setzen von Untertiteln
Beispiel: Automatische Untertitel

7. Alternative: direkt bei YouTube schneiden!

Wem das Bedienen der Scripte zu umständlich ist, kann auch direkt bei YouTube schneiden. Dazu müssen die drei Rohmaterialien (Vorspann, Inhalt, Abspann) als „privat“ zu YouTube hochgeladen werden. Im YouTube Video Editor kann man nun per Maus trimmen und mergen und sogar rudimentäre Effekte hinzufügen. Außerdem hat man dort Zugriff auf eine große Auswahl von freier Musik. Wer also eine schnelle Internetverbindung hat und nicht zu viele Clips bearbeiten muss, kann auch direkt online schneiden.
Beispiel: Meditation (auf YouTube in einem Hotelzimmer geschnitten)

Das war natürlich nur eine kleine Einführung. Das Tool ist enorm mächtig und kann noch so einiges mehr. Ich kenne auch nicht alles und habe nur die Windows-Version getestet.

Online-Dokumentation gibts z.B. hier (official) oder hier (Beispiele) oder hier (Erklärung der wichtigsten Parameter)

Viel Spaß beim ausprobieren!  🙂

On the Internet nobody knows, you’re a god!?

Wie verhalten sich Menschen online? Stärkt die intensive Hand-Auge-Koordination das Denken und Verstehen komplexer Zusammenhänge oder vertrödeln wir vor stumpfen Klick-Spielen unsere Zeit, weil wir in Selbstzweifel getrieben werden und nach Bestätigung hungern? Ursprünglich erschienen im Herbst 2016 in einem Beitrag für den theologischen Sammelband „Vielfältige Vernetzung“ zum Thema der KMU V und der daraus resultierenden Folgen. Hier ein zweiter Ausschnitt daraus fürs Web leicht umformuliert (dennoch etwas länger)…


Im Original heißt der Satz „On the Internet, nobody knows you’re a dog” (Im Internet weiß niemand, dass du eigentlich ein Hund bist.) und stammt aus einem Cartoon von Peter Steiner.In der frühen Phase des Internets sollte er ausdrücken, dass man seine Identität online bewusst verfälschend darstellen kann. Mittlerweile ist diese Sichtweise relativiert worden. Die meisten Menschen haben erkannt, dass auch in der Kohlenstoffwelt Kleider Leute machen und dass man sich sehr wohl dem Anlass entsprechend sehr einseitig präsentiert oder sogar falsche Fakten vorspielen kann. In sozialen Netzwerken des Internets besteht ebenso die von vielen Leuten genutzte Möglichkeit, sich selbst ein wenig aufzupolieren oder nur bestimmte Fakten zu nennen und traurige bzw. langweilige Bereiche auszublenden. Wenn man hingegen online mit den Schattenseiten des eigenen Daseins konfrontiert wird, bricht das Kartenhaus leicht zusammen, man geht im Shitstorm unter oder verliert das Selbstwertgefühl, das nötig ist, um sich selber dauerhaft als Marke online zu präsentieren. Allerdings scheinen gerade junge Menschen auf Instagram und Snapchat immer stärker einer Sucht nach Perfektion und Selbstoptimierung zu verfallen und durch die schöpferischen Möglichkeiten der virtuellen Welten wie SecondLife, The Sims oder Minecraft gewisse Allmachtsphantasien zu entwickeln.

DOG:MA I AM:GODDOGMA – I AM GOD. Spielerischer Spiegeleffekt, gefunden bei der Internetkonferenz re:publica 2016 in Berlin.

Das Dogma dieser Generation ist: „Ich bin Gott!“ Alles ist mir möglich, alles sollte erlaubt sein, und wer eine Nutzung einschränkt vergeht sich an meiner künstlerischen Freiheit.

Jeder will für sich herrschen und schöpfen. Das eigene Profil, der eigene YouTube-Kanal und die eigene Minecraft-Map zeigen, was ICH alles kann. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche kooperative Onlinespiele, bei denen man eben nicht als Einzelspieler, sondern in Gruppen (Clan, Gilde, Team, …) zum Erfolg kommt. Ebenso funktionieren viele Arbeitsprozesse der Arbeit4.0 nur partizipativ. Man ist Teil eines Kollektivs, bringt einen Teil ein und sieht das Gesamtwerk wachsen. Und im schlimmsten Falle wird man sogar Opfer des Systems, wenn man nicht richtig funktioniert, nicht die richtige Leistung bringt oder krankheitsbedingt ausfällt und ohne jegliche Emotion durch eine andere Arbeitskraft ersetzt wird.

Das digitale Ich ist also im Netz zunächst virtuell präsent: als autarker Schöpfer, als wichtiger Teamplayer, als austauschbares Rad im Getriebe. Im Internet fängt man als kleines Rad an. Niemand weiß, dass man eigentlich das Potential eines Schöpfers hat, man muss sich beweisen. Durch Eigenleistung kann man sich einen Status erarbeiten, durch Partnerschaften und Allianzen kann man an Bedeutung gewinnen und durch hohes Engagement im richtigen Team letztlich – wenn alles gut geht – die kreative Leistung erbringen, zu der man im Stande ist.

Das christliche Menschenbild baut darauf auf, dass der Mensch als Abbild Gottes tatsächlich mit schöpferischer Kraft ausgestattet ist (Vgl. Genesis 2). Er ist nur wenig geringer als die Wesen in Gottes Realität (Vgl. Psalm 8,6) geschaffen. Wir sind seine geliebten Kinder, durch die er in der Welt wirken will, die ihn nicht kennt. (Vgl. 1.Joh. 3,1) Abseits von egozentrischen Gottphantasien kann also ein christlicher Ansatz den Menschen befähigen, digitale Vernetzung zu nutzen, um sein Potential anzuwenden, und die Welt – online wie offline – zu einem göttlicheren Ort zu machen. Menschen können ein wenig Gott an die Stellen bringen, die sonst von selbstsüchtigem Machtstreben geprägt sind, indem sie die Liebe leben, von denen das Evangelium redet. Menschen können als Vernetzte aktive Nächstenliebe statt Selfisucht leben, flauschen statt shitstormen, andere unterstützen statt sich abzugrenzen, und verstehen statt zu lästern. Das ist nicht immer einfach, oft bedeutet es harte Arbeit. Aber die Kirche wird dann als geistliche Gemeinschaft ernst genommen, wenn ihre Mitglieder von der Masse unterscheidbar leben. Wenn Christenmenschen gegen den Trend soziale Netzwerke wirklich „sozial“ (= dem Gemeinwohl dienend) nutzen, ermöglicht das gleichzeitig ein Wachsen über den Tellerrand hinaus. Und letztlich offenbart jedes Onlineprofil viel vom tatsächlichen Charakter. Wie man sich online gebärdet zeigt, wer sich hinter der physischen Fassade verbirgt. Und wie eine Kirche sich in digitalen Welten einbringt, zeigt wie stark sie von Gottes Botschaft durchdrungen ist.

Im Internet weiß niemand, dass ich ein Gott bin. Im Internet haben Kirchen auch keinen moralischen Vorsprung. Eher werden sie als moralisierende, altmodische Machtinstitutionen gesehen und anhand ihrer aktuellen Skandale – Missbrauch, Protzerei, Spaltungen und Lieblosigkeit – bewertet. Wie wäre es, wenn immer mehr Menschen, Werke und Vertreter der Institutionen ein positives Gegenbild vermitteln würden? Ein Vernetzen im Namen der Liebe, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit? Dann würde man nicht nur mit Menschen aus der eigenen Konfession Allianzen bilden, nicht nur binnenkirchliche Vernetzung hochhalten, sondern mit allen Menschen guten Willens gemeinsam daran arbeiten, die Onlinewelt zu einem Ort zu machen, an dem Gottes Liebe spürbar ist. Und die Menschen vor den Bildschirmen könnten online erfahren, wie Gottes Liebe aussehen kann und das in ihren physischen Netzwerken weitergeben. So könnte digitale Vernetzung kirchliche Gemeinschaft in allen Dimensionen stärken.

Drei Dimensionen menschlicher Kommunikation

Wirkt Gott in SocialMedia? Kann man online geisltiche Erfahrungen machen? Weil ich bei Vorträgen oft Fragen zu dem Thema bekomme, habe ich mal ein paar Dinge zusammengeschrieben. Ursprünglich erschienen im Herbst 2016 in einem Beitrag für den theologischen Sammelband „Vielfältige Vernetzung“ zum Thema der KMU V und der daraus resultierenden Folgen für kirchliche Vernetzung. Hier jetzt ein Ausschnitt daraus fürs Web leicht umformuliert (dennoch etwas länger)…


Kommunikation in der virtuellen Realität folgt ähnlichen Gesetzen wie in der physischen Realität [1]. Ebenso kann Kommunikation in der geistlichen Realität – also die authentische Kommunikation des Individuums mit der Gottheit – als dritter Kanal betrachtet werden. Jeder Kanal hat spezifische Nutzwirkungen und am Ende bleibt die inhaltliche Frage, auf welche Form der Kommunikation man sich in welchem Szenario einlassen will.

Wenn es nun im zwischenmenschlichen Bereich diese drei Realitätsebenen gibt (physisch, virtuell, geistlich), die alle drei in dem Sinne real sind, dass sie unsere Wirklichkeit beeinflussen, wird deutlich, dass wir in der Kommunikation mit anderen Menschen interaktive Erfahrungen auf allen drei Ebenen machen können. Ähnlich wie die vier Seiten Seiten einer Nachricht nach Schulz von Thun (Sach, emotional, Apell, Selbstoffenbarung) können wir auch auf diesen drei Kanälen parallel kommunizieren.

Als Erweiterung der zwischenmenschlichen Kommunikation treten viele Menschen auch mit einer nicht fassbaren Gestalt in Kontakt, die sie Gott nennen. Gott hat nach christlicher Überlieferung in der Schöpfung sehr konkret in unsere Realität eingegriffen und ist – als Schöpfergott der neuen Kreatur – immer noch dazu in der Lage, unsere physische Realität zu verändern. Ebenso bezeugen viele biblische Ereignisse und menschliche Lebensberichte, dass Gott sie geistlich angesprochen hat bzw. dass sie sich durch geistliche Kommunikation mit ihm verbunden haben. [2]

Beispiel: Wir können ein Gebet in einer Kirche live ins Internet streamen und so gleichzeitig geistlich mit Gott im Gespräch sein, diese Kommunikation physisch in einer Kirche verorten und in den virtuellen Raum einspeisen. Auf allen drei Ebenen kann das Gebet wahrgenommen werden (von Gott, von den Menschen um uns herum, von den Internetzuschauern) und kann es Reaktionen darauf geben. Die erwartete Reaktion auf ein Gebet ist zum Beispiel auf der geistlichen Ebene, dass Gott die Bitte erhören möge oder meinen Blick für seine Perspektive öffnen möge. Unabhängig davon, ob und wie diese Reaktion eintritt und/oder mir bewusst wird, kann mein Gebet Menschen vor Ort bewegen und ihr Herz verändern. Gleichzeitig können sie mein Gebet mit ihrem „Amen“ bekräftigen, durch ihr Verhalten oder weitere Gespräche mit mir interagieren, mich bestärken oder durch gelangweiltes Gähnen dazu bewegen, schneller zum Schluss zu kommen. Ebenso real können allerdings auch Menschen angesprochen sein, die sich nicht im gleichen Raum aufhalten und nur auf der virtuellen Ebene erreicht werden. Für sie kann das Gebet ebenso real sein, sie können eigene geistliche Erfahrungen machen und auch sie können – bei vorhandenem Rückkanal – ein Feedback senden. Bei zeitversetzter Onlineausstrahlung kann eine Reaktion so auch später stattfinden.

Analog zu dieser vertikalen Gott-Mensch-Kommunikation kann man die Kommunikation von Menschen mit Maschinen beschreiben. Der Mensch als Schöpfer eines Computerprogrammes gibt dem Programm grundsätzliche Regeln, lässt es im vorgegebenen Rahmen mit konkreten Eingaben eigenständig ablaufen und ist für Änderungsabläufe, Wartung und Neuorientierung weiterhin auf Empfang. Gerade mit Blick auf künstliche Intelligenz lassen Programmierer ihren Schöpfungen aber immer mehr Freiheit und reagieren auf Kontaktaufnahmen der Maschine, sodass die Mensch-Maschine-Kommunikation eine ähnlich gelagerte interaktive vertikale Kommunikationsstruktur aufweist. Die Programmierung intelligenter Geräte wird dabei immer öfter nicht nur durch virtuelle Programmierbefehle, sondern auch durch Gesten und physische Verhaltensweisen gesteuert. Im Gesamtbild der Mensch-Maschine-Kommunikation ist insbesondere der SocialMedia-Bereich interessant, in dem mehrere Menschen in einer Community vernetzt und so Mensch-Computer-Mensch-Kommunikation ermöglicht wird. Hier bestimmt ein Algorithmus, welche Informationen einem Nutzer angezeigt werden. Der Sender einer Information bleibt also Herr über die Maschine, die aber in eigener Entscheidung mit diesen Eingaben umgeht und somit beeinflusst, wie die Kommunikation von anderen Menschen wahrgenommen wird. Wir erleben also eine Situation des machtlosen Schöpfers, der sich entschieden hat, seiner Schöpfung bestimmte Freiheiten zuzugestehen und nun nicht mehr in alle Teilbereiche eingreifen kann, dennoch aber das geschaffene Gesamtsystem weiterhin aktiv nutzen kann. [3]

Beispiel: Ein Mann lernt online eine Frau kennen. Sie tauschen einige Textnachrichten aus, finden sich interessant, sehen sich auf Fotos, diskutieren über Themen, die sie interessieren und verabreden sich schließlich auf einen Kaffee. Für den Mann hat diese Kommunikation im Kopf begonnen. Er hat ein Ziel verfolgt, sich auf einen Prozess eingelassen und ist einen virtuellen Weg gegangen. Gleichzeitig hat aber vermutlich dieser Weg auch körperliche Reaktionen bei ihm ausgelöst. Erhöhter Herzschlag, verstärkte Aufmerksamkeit, starke Zeitinvestition und einhergehende Vernachlässigung der Alltagsaufgaben. Vielleicht schläft er nicht mehr gut, vielleicht versäumt er wichtige Offline-Termine, vielleicht wirkt er auch besonders aufgeschlossen und lebendig auf seine Mitmenschen. Er hat bisher lediglich eine virtuelle Kommunikation getätigt, ist jedoch physisch davon sehr beeinflusst und hat vermutlich bei der Frau ähnliche physische Reaktionen hervorgerufen. Ebenso haben die beiden durch die Anhäufung von massenweise Metadaten auch die Verfassung des SocialMedia-Netzwerks in dem sie sich austauschen verändert.[4] BigData soll nicht als mitfühlendes Wesen dargestellt werden, ist jedoch in seiner Existenz ein sich veränderndes Gebilde, das durch den Input und daraus resultierende Interpretationen Schlüsse zieht, die wiederum die beiden Nutzer in ihrer physischen und virtuellen Realität entscheidend prägen.

Die meisten Theisten sind sich darin einig, dass Gott mit uns auf der geistlichen Ebene interagieren kann. Ob und wie genau menschliches Gebet einen Einfluss auf den Willen Gottes hat, sei dahingestellt. Aber da Gott außerhalb unserer Raumzeit existiert, ist diese Realitätsebene dafür prädestiniert, mit Gott zu kommunizieren. Ebenso kann man auch verständlich herleiten, dass der Schöpfer von Himmel und Erde einen Einfluss auf unsere physische Realität hat – zumindest einseitig. Betrachtet man den Missionsbefehl und Jesu Worte über das Weltgericht, scheint es auch eine Schnittstelle zu geben, wie unser physisches Handeln einen Einfluss auf Gottes Realität hat. Gott und Mensch stehen also zumindest auf geistlicher und physischer Ebene in bidirektionaler Kommunikation.

Ebenso verhält es sich mit der Kommunikation zwischen Mensch und „dem Internet“ oder SocialMedia.[5] Der primäre Kanal für diese Kommunikation ist der virtuelle, weil wir über Eingabegeräte etwas nicht physisch Geschaffenes in das System einspeisen, das keine Entsprechung in der Kohlenstoffwelt hat und auch beim Betrachter nur als virtuelle Information auf dem Monitor oder ähnlichen Ausgabegeräten erscheint. Gleichzeitig betonen Suchthilfestellen immer wieder, dass eine zu starke Nutzung von Internetdiensten durchaus auch physische Folgen haben kann: Schlafentzug, Hunger, Durst, fehlende Hygiene oder Vernachlässigung beruflicher Pflichten führen dazu, dass das physische Leben durch virtuelle Kommunikation geschädigt wird. Andersherum gibt es immer wieder Menschen, die durch geschickte Investitionen in virtuelle Welten oder als ProGamer viel Geld verdienen oder mit Dienstleistungen im virtuellen Bereich ihr physisches Leben verbessern können. Es liegt also auf der Hand, dass die Kommunikation zwischen Mensch und SocialMedia zumindest virtuell und physisch in beide Richtungen abläuft.

Bei Vorträgen erlebe ich oft, dass Zuhörer bis dahin mitgehen können, aber an der Stelle einhaken und meinen, das würde doch genügen. Dass Gott auch virtuell erfahrbar ist oder dass man über die geistliche Ebene auf die SocialMedia-Sphäre zugreifen kann, scheint ihnen zu fremd zu sein. Daher möchte ich diese beiden Punkte nun separat betrachten. Dabei ist mir wichtig zu sagen, dass ich nicht alte Modelle ablösen möchte und auch nicht Menschen dazu drängen möchte, alle möglichen Kanäle auch zu nutzen, sondern dass es hier lediglich darum geht, prinzipielle Möglichkeiten aufzuzeigen.
Zuerst die Frage, ob ein Mensch mit Gott auf virtuellen Wegen kommunizieren kann. Dazu ist es hilfreich, den Begriff der Virtualität genauer zu untersuchen. Von lat. virtus kommend bezeichnet etwas Virtuelles ein durch „Manneskraft“ oder gegendert „menschliche Kreativität“ gewirktes Etwas. Dabei ist weder ein technisches Grundsystem noch eine Abwertung gegenüber der Materie vorgegeben. Virtuell ist jeder Gedanke, den ein Mensch denkt, jeder Wunsch, Traum, jedes Objekt der Vorstellungskraft. In erster Stufe gibt es dabei Virtuelles in uns (Gedanken), in zweiter Stufe geteilte Virtualität (ein gemaltes Bild oder eine aufgeschriebene Geschichte) und in dritter Stufe vernetzte Virtualität (geteilte Fiktion, die wir gemeinsam weiterentwickeln).[6] Wenn wir nun jeden künstlerischen Gedanken und jede Inspiration als Virtualität begreifen und gleichzeitig daran festhalten, dass große Kunst von Gott inspiriert sein kann, wird automatisch der virtuelle Kanal auch ein Zugangsweg zu Gott. Gott kann unsere Gedanken inspirieren und wir können mit der Kunst, die wir schaffen, darauf antworten. Die Kunst kann sicherlich auch physisch (ein gemaltes Bild) oder geistlich (eine Predigt) sein, aber ebenso auch in virtuellen Systemen der dritten Stufe stehen bleiben (vernetzte Onlinekunst). Somit ist gezeigt, dass der Zugang zwischen Gott und Mensch oder Mensch und Gott durchaus auch auf der virtuellen Ebene liegen kann.
Nach diesem Weg ist nun als letzter Schritt die Frage zu beantworten, ob uns unsere SocialMedia-Nutzung auch auf der geistlichen Ebene beeinflussen kann. Sicherlich kann man anmerken, dass der Zugang zu digitalen Informationen in Computernetzwerken immer durch virtuelle Kanäle geschieht. Allerdings kann, ebenso wie die digitale Welt unsere physische Selbstwahrnehmung außer Kraft setzen kann, wenn wir beim stundenlangen Daddeln die Zeit vergessen, auch unsere geistliche Realität direkt von SocialMedia-Erlebnisse geprägt werden. Es gibt Berichte von Menschen, die in virtuellen Welten wie World of Warcraft eine Totenklage und Trauerfeier für einen in der physischen Welt verstorbenen Mitspieler abgehalten haben. Andere Menschen erzählen, dass sie von einer Onlinepredigt oder einem YouTube-Video derart angesprochen waren, dass sie Gottes Nähe gespürt haben. Und in virtuellen Andachtsräumen finden immer wieder Menschen eine Schnittstelle, die etwas in Ihnen zum Klingen bringt, was weder selbst gewirkt noch materiell greifbar und somit nach unserer Definition geistlich zu nennen ist. Das Beispiel von Amen.de zeigt in der Tridirektionalität der Kommunikation, dass auf Gebete, die ein Mensch online einstellt auch eine virtuelle Verteilung und geistliche Verarbeitung folgen kann, deren Auswirkungen der Absender dann zumindest virtuell, erwartungsgemäß aber auch geistlich (und ggf in der Folge physisch) erleben kann.

Somit ist gezeigt, dass ein Mensch sowohl mit Gott als auch mit SocialMedia auf allen Kommunikationsebenen interagieren kann. Ob man diese Erfahrungen auch auf allen Ebenen tatsächlich macht, hängt freilich nicht nur von der Möglichkeit ab, sondern auch davon, ob man es zulässt.[7] Wer mit verstocktem Herzen eine Kirche betritt, wird weniger offen für geistliche Erfahrungen sein, und wer mit nüchternem Verstand ein Liebesgedicht liest, wird weniger angesprochen von der Kunst der Poesie sein. Ebenso kann man bei der SocialMedia-Nutzung entscheiden, auf welchem Ohr man hören will, welche Ebenen man auf Empfang schaltet und welche Erwartungen man an die Kommunikation hat. Wenn die Kirche vernetzte Onlineerfahrungen fördern will, muss sie zulassen, dass Menschen sich ganzheitlich auf digitale Welten einlassen. Natürlich muss sie genauso auch die Backsides beleuchten: Suchtprobleme, Selbstreduktion und ideologische Fremdbestimmung ernstnehmen. Sie sollte aber Gottes Wirken dort genau so offen erwarten, wie sie es in der stillen Selbstreflexion, beim papierbasierten Bibellesen oder in einem Vor-Ort-Gottesdienst erwartet.

[1] Die oft vorgenommene verkürzende Unterscheidung in virtuell vs. real soll bewusst konkretisiert werden, um zu verdeutlichen, dass auch Kommunikation in der virtuellen Welt einen spürbaren Einfluss auf die menschliche Existenz hat, also durchaus real ist. Daher ist die Unterscheidung in verschiedene Realitätsebenen produktiver, die diesem Abschnitt zugrunde liegen wird. Vgl.: Kopjar: Kommunikation des Evangeliums, S.31ff.

[2]Da Gottes Realität für unserer Wahrnehmung nur indirekt zugänglich ist und die Interpretation von Gottes Handeln immer durch subjektiv menschliche Interpretation gefärbt ist, bleibt Gottes Souveränität in dieser Ausführung unangetastet. Dennoch ist in der christlichen Tradition die Annahme einer generellen Möglichkeit verankert, mit Gott in Kontakt zu treten, wenn Christen sich in Gebeten an ihn wenden und darauf vertrauen, dass er daraufhin aktiv in die menschliche Realität eingreift. Ebenso bezeugt die Tauflehre, dass physische menschliche Taten eine Auswirkung auf die kommende Realität Gottes haben.

[3] Die allgemeine Mensch-Maschine-Kommunikation wird greifbarer, wenn man sie anhand von konkreten Beispielen diskutiert. Das kann ein bestimmtes Programm, eine bestimmte Online-Community oder eine bestimmte Szenerie sein. Smartphone-Kommunikation macht sie massentauglich und verortet sie im Alltag und die Mainstreamnetzwerke großer SocialMedia-Anbieter erreichen ähnlich große Zielgruppen wie die weltweiten Religionen. Die Namen wandeln sich dabei in kurzer Zeit, die kommunikativen Konzepte bleiben längerfristig erhalten. Daher soll hier SocialMedia als Phänomen betrachtet werden, ohne konkrete Netzwerke direkt zu nennen.

[4] Ob man in Gottes Realität von „physisch“ sprechen kann, darf diskutiert werden. Bei Algorithmen und Datenstrukturen von „Physis“ zu reden, dürfte den meisten zu weit gehen. Dennoch ist es hier hilfreich, die Worte beizubehalten, um die Systeme vergleichen zu können und sich gleichzeitig bewusst zu machen, dass man für die emotionale Beschreibung von Maschinen neue Begriffe wird finden müssen.

[5] SocialMedia meint hier v.a. das Gesamtkonzept, bei dem natürlich eine Vielzahl von Maschinen und anderen Menschen beteiligt ist, meist aber eine konkrete Zielperson oder Gruppe der Gegenpart einer Kommunikation ist, selbst wenn (wie auf Twitter oder bei einem Blog) eine Nachricht prinzipiell offen an alle gesendet wurde. Für diese Argumentation betrachten wir den Kommunikationspartner SocialMedia also bewusst verkürzend als eine Einheit.

[6] Bernd Michael Haese: Hinter den Spiegeln. Kirche im virtuellen Zeitalter des Internet, Bonn 2006., S.15.

[7] Der Vollständigkeit halber sei ergänzt: und von Gottes Handeln, der unabhängig vom genutzten Kanal autark Segen schenken und verwehren kann. Da alles von Menschen geschaffene auch Teil seiner Schöpfung ist, ist davon auszugehen, dass für ihn unsere SocialMedia ebenso Teil seiner Schöpfung sind und er diesen doppelten Realitätssprung problemlos kompensieren kann. Perspektivisch ist es also auch denkbar, dass Gott mit Bestandteilen der SocialMedia oder zumindest über diese mit Menschen in Kommunikation steht.

Medientheologischer Rückblick auf die #rpTEN

Vom 2.-4. Mai 2016 fand in Berlin zum zehnten Mal die Internetkonferenz „re:publica“ statt. Was als Blogger-Family angefangen hat, ist inzwischen Mainstream geworden. So tummeln sich neben 8000 Teilnehmenden (davon über 800 Vortragende) auch zahlreiche Werbepartner und Sponsoren auf dem Gelände, die Werbung für Produkte machen (Google, Microsoft, Snapchat), die die Digitale Generation der ersten Stunde noch scharf kritisiert hatte. Zu vielen Themen gibt es also PRO und CONTRA, allerdings wenigen offenen Diskurs, eher das breite Spektrum aus dem sich jeder raussuchen kann, welche Meinung man hören will…

Ich bin als SocialMedia-Koordinator der EKM von Berufswegen sehr interessiert, in welche Richtung sich die digitale Gesellschaft entwickelt und welche Rolle Kirchen und engagierte Christen für eine lebenswerte digitalen Zukunft spielen können.
Nachdem dieses Thema in den letzten Jahren gerade auf Seiten der Veranstalter und Redner eher kritische Distanz oder sogar Ablehnung zu spüren bekam, hatte ich dieses Jahr das Gefühl, dass die Offenheit, gemeinsam etwas Gutes zu bauen, größer wird.

So hat Markus Beckedahl in seinem Vortrag offen dazu aufgerufen, auch mitweet1t Partnern aus Politik und Kirche positive Allianzen zu gründen.
Auf der re:publica treffen sich immer auch einige Kirchenmenschen. Dieses Jahr hatte Brot für die Welt ein Treffen für WebWorker aus Kirchen und Diakonie angeboten. Allerdings abseits des Geländes und außerhalb des Tagungsprogramms. Dort bei #wework16 waren wir uns einig, dass wir einiges für die Zukunft der Gesellschaft beizutragen haben und es garnciht immer um die richtigen Logos und Gesichter gehen muss, sondern Menschen aus religiösen Motiven heraus für ein friees und gleichberechtigtes Miteinander eintreten wollen.Ein Kollege hat dann am letzten Tag der re:publica berichtet, dass er bei einem GetTogether für Veranstaltungstechniker für seine modernen Gottesdienstformen lernen wollte und am Ende 20min lang anderen Veranstaltungstechnikern über seine Erfahrungen in der Gottesdienstorganisation erzählt hat. Auch so kann man zum „Redner“ werden indem man offen ist, den Menschen zuzuhören 🙂

tweet2Ein besonderer Schwerpunkt war dieses Jahr Virtuelle Realität und virtuelle Welten. So kann man durch Plastikbrillen komplett in digitale Welten abtauchen und in „augmentierten Simulationen“ gegen Gegner kämpfen, die eigentlich garnicht da sind.

Eve Massacre betont, dass es wichtig ist, VR-Kunst als freien Handlungsraum (auch) aus Arthouse-Werkstätten ernstzunehmen und nicht nur die perfekte Simulation der Mainstreamanbieter zu feiern.

Björn Lengers zeigt auf, dass Theater immer schon immersiv war und jetzt auch neue Technik interaktiv nutzen kann.

tweet3Andere Projekte zeigen auf, wie man ein gemeinsames Abendessen kommunikativer oder zumindest vernetzter gestalten kann. Die echte Interaktion auch mit Menschen von anderen Orten scheint allerdings immer noch schwer umsetzbar zu sein, so bleibt der Beigeschmack, dass ein physisches Mahl vielleicht einfacher und erfüllender gewesen wäre…

Ich bin jetzt getriggert, zu experimentieren, was da im kirchlichen Bereich machbar ist. Vielleicht ein Projekt zum #KadW? Besondere Live-Berichterstattung oder Veranstaltungsdokumentation. Wie kann spezifisch geistlicher Inhalt vom Rundumblick, dem „Mittendrin-Gefühl“ oder der interaktiven virtuellen Welt profitieren? Können wir Gottes Perspektive oder seine immaterielle Anwesenheit mit solchen Methoden besser erklären? Oder ist es nur technische Spielerei? Wer Ideen hat: Lasst es mich wissen!

tweet4In einer Session erzählte Dong-Seon Chang über die Realität von virtuellen Welten (Thema meiner Diss) und zitierte dabei noch eine Grafik zur Bibelstelle aus Matthäus 4,19.

So kommt Religion also zumindest am Rande einiger Vorträge vor udn ich frage mich, ob das nur mir dieses Jahr so deutlich aufgefallen ist…

Religionskritisch äußerte sich der atheistische Blogger Md Mtweet5ahmudul Haque Munshi (scheinbar nicht online), der in Bangladesh für seine freiheitlichen Texte verfolgt wurde und nach Deutschland fliehen musste. Gerade gegenüber andauernder religiöser Unterdrückung ist die freiheitliche Grundlage des Protestantismus als Stimme des Friedens in der Welt eine wichtige Stellung, die wir öfters und lauter beziehen sollten. Ich hätte ja mal Lust zu einer Session über Religionsfreiheit oder digitale Aspekte religiöser Gemeinschaften in Deutschland. Leider sind viele Gemeinden immer noch zu wenig (ersthaft) online vernetzt, sodass die beiden Welten sich nur selten berühren.

tweet6Die Frage nach Gleichberechtigung wurde von Andres Guadamuz erweitert auf die Ebene der Roboterkunst. Nur in Großbritannien gibt es gesetzliche Grundlagen, um einer KI Rechte an geschaffener Kunst zugestehen. Welche Rechte haben Roboter, Maschinen oder Computerprogramme, wenn Sie Kunst hervorbringen, die vom Inspirationsfaktor her von menschlicher Kunst nicht zu unterscheiden ist? Weitergedacht wäre es die alte SciFi-Frage: Was ist der Mensch? Wie lange ist er Krone der Schöpfung? Wie verhalten wir uns gegenüber (potentiell) intelligenten Geräten in SmartHouses und SmartCities…?
Kate Crawford hingegen nimmt uns die Angst. Es dauert noch mindestens 20 Jahre bis wir ernsthafte KI bauen können und auch dann wird ein gesellshaftliches System entscheiden, was gut und was böse ist. Heute wird die Entwicklung einer KI stark durch die Ethik der CEOs beeinflusst. Wie wir soziale Standards einer menschlichen Welt gegen die Maschinenlogik durchsetzen wollen, wenn der Algorithmus sagt, dass wir Terroristen oder anderweitig geartete Zielpersonen sind, sagt sie allerdings nicht.

Gegen Ende rief Mark Surman (scheinbar noch nicht online), der CEO der Mozilla Foundation, noch einmal die Grundlagen des „alten Internets“ in Erinnerung und thematisierte, dass die Expansionspolitik von Facebook und ähnlichen Netzwerken an die Ausbreitung des römischen Reiches erinnere statt eine freie und gleichberechtigte Welt zu fördern. Globale digitale Entwicklungshilfe, das Vermeidung von Rekolonialisierung und die Freiheit der Nutzer gegen die Interessen der Konzerne werden wohl Themen sein, die uns noch lange beschäftigen. Dass das Evangelium frei machen kann und wir zwar Gott aber keinem irdischen System untertan sind, wäre dabei ein wichtiger Aspekt aus Sicht des Glaubens. Sowohl für die digitale Gesellschaft als auch für christliche Gemeinden, die oft ihren Ruf in die Welt vergessen haben. Hoffentlich wächst die gesunde Schnittmenge aus beidem.

Wer sich selber ein Bild machen möchte findet viele der Vorträge hier als Video online oder hier als Audio.

Empfehlen kann ich vor allem
Keynote
Gunter Dueck
Sascha Lobo
Greenpeace on TTIP
Markus Beckedahl
Opening Ceremony
Closing Ceremony
…oder was dich eben interessiert 🙂

Pub Theology – Buchrezension

Vor kurzem hab ich ein Buch gelesen, das ich schon länger im Schrank stehen hatte. Und es scheint aktuell sehr gut in meine gedankliche Situation zu passen: Bryan Berghoef – Pub Theology.

pubtheologyEin amerikanischer Pfarrer aus streng reformierter Tradition beschreibt darin seinen Glaubensweg von einem dogmengläubigen Mitläufer über die Öffnung für andere Christen im Studium bis zu einer grundsätzlichen Offenheit, alle Menschen in Glaubensfragen komplett stehenzulassen.
Das ist auch gleich der Punkt, wo er mir etwas zu weit geht. Er vertritt einen sehr universalistischen Ansatz (auf James Fowler: „Stages of Faith“, NewYork 1995 aufbauend), der alle philosophischen Quellen gleichwertig betrachtet. Ich bin ja auch sehr offen dafür, von unterschiedlichen spirituellen Strömungen zu lernen und verschiedene Welterklärungsmuster stehen zu lassen. Aber ich bleibe dabei (aktuell) etwas tiefer in der christlichen Tradition verwurzelt, weil sie als Gottesoffenbarung für mich eigentlich nur dann Sinn macht, wenn man ihr einen gewissen Gültigkeitsanspruch zuspricht. Bei aller berechtigter Kritik an Gegebenheiten der Kirchengeschichte und aller Offenheit für andere Methoden.

Bis auf diese für meinen Geschmack etwas zu starke Öffnung nach allen Seiten finde ich das Buch als Ganzes allerdings sehr spannend und hilfreich, um über die aktuelle Gemeindesituation nachzudenken. Die Grundlage, dass man keine Dogmen auswendig lernen sollte, sondern sich nur aufgrund eigener Glaubenserfahrung oder –Erkenntnis für eine spirituelle Weltsicht entscheiden kann, ist mir als Baptist ja nicht neu. Ebenso freue ich mich über die Impulse, im Studium auch andere Frömmigkeitsstile kennenzulernen, offen zu sein, sich auszuprobieren, Stärken und Schwächen kennen zu lernen und so das Fundament des eigenen Glaubens zu festigen. Auch das durfte ich über 10 Jahre lang erfahren und finde es gerade in meinem aktuellen Job bei der evangelischen Kirche immer noch spannend, zwischen evangelischen, katholischen und freikirchlichen Events zu pendeln und mit ganz unterschiedlichen Menschen im Gespräch zu sein.

Der Kerngedanke des Buches liegt dann freilich in der Präsentation der „Pub Theology“, eines interreligiös offenen Kneipengesprächskreises, den der reformierte Pfarrer aus Michigan ins Leben gerufen hat. Er sagt, „beer, conversations and God“ sind drei Dinge, die er liebt und die er deshalb zusammen bringen wollte. Also fand er eine lokale Kleinbrauerei, die ihm jeden Donnerstag einen Tisch reservierte und lud Menschen aus Gemeinden und Freidenkerclubs ein, mit ihm zu diskutieren. Er sagt, er möchte Menschen nicht missionieren, bekehren oder belehren, sondern offen und auf Augenhöhe mit ihnen ins Gespräch kommen. Er bereitet zwar Startup-Fragen für jeden Abend vor, aber nur, um ein Gespräch anzukurbeln und nicht mit einem bestimmten Ziel oder Ergebnis verbunden. Diese Offenheit ist für ihn der Schlüssel, warum sich Skeptiker und auch von Kirche enttäuschte Christen bei diesen Abenden so wohl fühlen. Für Atheisten ist es eine Möglichkeit, Vorurteile gegenüber vermeintlich „naiven Christen“ abzubauen. Christen aus traditionellen Gemeinden finden hier die Offenheit, kritische Fragen zu stellen statt sich vom Glauben abzuwenden.

Genau diese Offenheit fehlt heute vielen Gemeinden. Es gibt konservative Kreise, wo man schon schief angeschaut wird, wenn man skeptische Gedanken überhaupt zulässt und liberale Gemeinden, in denen klar ist, dass jeder Denken und Glauben kann, was er möchte. Beides ist als Extremform meiner Ansicht nach nicht zielführend. Aber offen und ehrlich über alle Themen zu reden, alle Denkrichtungen ernst zu nehmen und dennoch auch eine eigene Meinung zu vertreten, ist eine Kunst, die ich nicht allzu oft antreffe. Ich kenne solche Situationen allerdings von meiner Arbeit an diversen Cocktailbars. Wenn man nach Mitternacht mit Menschen ins Gespräch kommt, die ihren dritten Cocktail bestellen und sie herausfinden, dass man neben der Arbeit als Barkeeper auch Theologe ist, kommen sehr schnell zentrale Glaubensfragen auf. Oft von Menschen, die sonst niemanden kennen, mit dem sie über solche Themen reden können.
Warum also nicht gleich einen offenen Gesprächskreis ins Leben rufen, der philosophische Gespräche auf Augenhöhe und ohne vorgefasstes Ergebnis anbietet? Und ob das dann beim Kaffee, Bier oder Cocktail passt, darf man individuell entscheiden. Ein solcher Treffpunkt und so eine offene Einstellung würden jeder (größeren) Gemeinde gut tun. Das könnte den Glauben der eigenen Mitglieder festigen und Skeptiker für christliche Gemeinschaft interessieren.

In diesem Sinne, auf viele gute Gespräche, Prost!

 

Hinweis: Ich habe "Pub Theology" von 2012 (162 Seiten) gelesen.

Mittlerweile gibt es eine Neuauflage "Pub theology 101" als E-book von 2013, die fast doppelt so viele Seiten hat. Ob da mehr drinsteht oder der Inhalt aktueller ist, kann ich nicht sagen.

Wer Bücher kauft, darf gerne den lokalen Buchhandel unterstützen :-)

 

gespielte Religion

Heute habe ich dem MDR etwas über Videospiele und Religion erzählt. Das nutze ich, um auch gleich einen Blogbeitrag dazu zu machen…

Das Spiel kommt ja bekanntlich über das Schauspiel und die Inszenierung ursprünglich aus dem Ritus der Religion. Ein Priester, der mit Gott in Kontakt tritt verkörpert über seine normale Persönlichkeit hinaus etwas über-menschliches. Und so wie der Fremde, nicht physisch aber doch real vorhandene Gott im Ritus erlebbar wird, entsteht auch im Alltagsspiel eine neue Dimension. In der kann man sich verlieren, kann aber auch über sich hinaus wachsen. Egal ob beim klassischen Ballspiel, Kartenspiel, Schauspiel oder Onlinerollenspiel. Man taucht ein und erlebt ein Abenteuer. Dadurch lernt man und entwickelt Strategien, die auch nach dem Spiel noch abrufbar sind und helfen, das Leben zu meistern. So schulen viele Gruppenspiele das Sozialverhalten, den Teamgeist oder das logische zielorientierte Denken.

Es gibt Browserspiele, die eigentlich ganz einfach gestrickt sind aber unglaublich fesselnd wirken. Man erlegt Mohrhühner, schießt gefrorenen Blasen an die Decke oder sortiert Bonbons nach ihrer Farbe. Oder man legt einen Gemüsegarten an, baut eine mittelalterliche Stadt, einen Ponyhof oder eine Sternenkolonie auf. Eigenverantwortlich, wie man es gerne möchte! Das ist dann ein bisschen wie selber Gott sein und eine eigene Welt gestalten. Rohstoffe suchen, vermehren, investieren. Auf bunte Bilder klicken, mit Freunden tauschen, Belohnungen bekommen und in Ranglisten aufsteigen. Es wirkt ganz einfach und man muss ja auch „nur mal kurz“ online gehen, um anzufangen. Ist man dann aktiv dabei, ist aber meist der ganze Tag vom Ablauf des Browserspieles geprägt.

Videospiele haben ganz ähnliche Strukturen. Durch die deutlich aufwändigere Grafik und Spielgestaltung entwickeln sie sogar oft eine noch größere Sogwirkung. Man taucht tief in das Geschehen ein und ggf erst am nächsten Morgen wieder auf.

Ist das gut? Natürlich kann man die Hand-Augo-Koordination trainieren und Systemoptimierung lernen. Und man darf im Leben ja auch einfach mal Spaß haben. Aber überall da, wo der Alltag zu kurz kommt, weil das Spiel bestimmt, wann man Zeit hat, geht es zu weit.

„Alles ist erlaubt, aber nichts soll dich gefangen nehmen“ schreibt Paulus in der Bibel. Von daher möchte ich Videospiele nicht verbieten, aber zu einem wachsamen Umgang damit aufrufen.

World of Warcraft ist eines der beliebtesten Spiele. Man kann es alleine auf dem PC oder vernetzt mit vielen auch Online spielen und als Gruppe Aufgaben erledigen. Es gibt immer etwas zu tun und je mehr man schafft, desto erfolgreicher wird man. Das motiviert, sich oft einzuloggen und kann mitunter schon zu Abhängigkeiten führen. Wer mehr Zeit investiert, steht im Spiel besser da, also muss man ja quasi jede freie Minute spielen, um mithalten zu können. Und gerade Menschen ohne soziales Netz können dem Sog dann nicht mehr widerstehen.

Das physische Leben außerhalb des Computers ist nicht so einfach wie das Spiel. Wenns in der Schule nicht so läuft, die Beziehung krieselt oder die Eltern Stress machen, findet man online schnellen Erfolg. Da sind Freunde, die einen für guten Einsatz loben und man kann sich selber Kompetenz antrainieren, um endlich auch mal gut zu sein. Dagegen ist es wenig hilfreich, wenn Eltern starre Regeln einführen und Kinder auf 30min Computer am Tag oder ähnliches festlegen, ohne zu verstehen womit sich ihr Kind beschäftigt. Es ist nicht schlimm, dass Kinder und Jugendliche online spielen; schlimm ist, wenn Eltern sich nicht dafür interessieren, was ihre Kinder tun. Denn dann fehlt eine wichtige Instanz, um einen reflektierten Umgang mit dem Medium zu erlernen. Mitunter müssen sich dafür auch die Eltern erstmal weiterbilden, um ihren Kindern ein ernstzunehmendes Gegenüber zu sein und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen.

Denn oft fehlt es jungen Menschen an positiven Erfahrungen und Erfolgserlebnissen. Wer offline kein Lob bekommt, flüchtet leicht in Onlinewelten. Wer offline nichts erreicht, kann sich online eine zweite Identität aufbauen. Und wer sein Leben offline nicht im Griff hat, kann in der neuen Welt umso mehr durchstarten und sich ganz ausleben. ABER: Das Onlineleben ist keine Alternative zur Kohlenstoff-Realität. Der Körper aus Fleisch und Blut muss ernährt und gepflegt werden. Die Wohnung muss gereinigt, Rechnugnen bezahlt und meist auch irgendeine berufliche Arbeit erledigt werden. Das kann kein Spiel ersetzen.

Digitale Welten, auch die Hochglanzillusion vom Freundeskreis auf Facebook, Instagram und WhatsApp sind nur ein Abbild unserer Existenz. Es ist gut, wenn wir unsere Freunde auch online treffen, wenn wir mit ihnen chatten, Wissen & Emotionen austauschen und spielen. Aber der Rahmen muss geklärt sein. Wer aus einer funktionierenden Offline-Realität in die Onlinewelt eintaucht, kann dort lernen, wachsen, Gutes weitergeben und als ganzheitlicher Mensch Erfahrungen sammeln. Aber wer als Fluchtreflex in die Online-Realität übersiedelt, um sich vor der Offline-Verantwortung zu drücken, der wird sich verlieren. Schnell dreht man sich im Hamsterrad aus dem es kein Entrinnen gibt, weil man ja sonst aussteigen müsste und den Problemen ins Gesicht sehen. Und der erarbeitete Erfolg im Rollenspiel besteht nunmal nur aus virtuellen Gütern, die man nicht behalten kann. Sobald der Server abgeschaltet wird, ist die Onlinewelt Vergangenheit. Ein bisschen wie sterben. Daher ist es gut, wenn man sich neben dem zerstreuenden Spiel am Feierabend auch mit metaphysischen Fragen auseinandersetzt. Was gibt mir Halt, was prägt mich, wen präge ich, wie will ich mein Leben und meine Umwelt gestalten? Für welche höhere Realität lerne ich im Lebens-Spiel hier auf Erden? Die Religion bietet Halt – auch über den Tod hinaus. In der Bibel begegnen wir einem Gott, der uns zu kreativen Geschöpfen macht und will, dass wir die Erde bewahren und gestalten. Also lasst uns raus gehen und das tun. Und mit der gleichen Kreativität lasst uns auch Computerwelten gestalten und mit Menschen interagieren, die wir online treffen. Als göttlich beauftragte Baumeister, nicht als Sklaven unserer Triebe oder irgendeiner Marketingstrategie. Denn am Ende sind wir doch alle nur „Priester“, die Rituale vollziehen und versuchen, sich dem Unbekannten zu nähern. Und solange uns diese Rituale nicht abhängig machen, sondern freisetzen, helfen sie uns, das Leben zu gestalten.
Und wenn wir auf Menschen treffen, die sich immer mehr zurückziehen und in Onlinewelten abtauchen, ist es gut, sie ernst zu nehmen, hinter die Fassade zu schauen und sie wieder für unsere Welt zu gewinnen. Z.B. indem wir ihnen Halt und Freundschaft schenken. Denn wer einen Grund findet, in der RealWorld zu spielen, wird entdecken, dass die Grafik und die Sensorik noch viel faszinierender sind. Die Level sind manchmal recht knifflig und die Mitspieler eigenwillig. Aber es verspricht ein lebenslanges Abenteuer zu werden, wenn man sich darauf einlässt, den menschlichen Charakter hochlevelt – also weiterentwickelt – und genauso engagiert dabei ist, wie online.

Folge dem Stern-Pfeil

Je nach Tradition endet die Weihnachtszeit in den meisten Kirchen heute oder am kommenden Wochenende. Weihnachten? Irgendwie scheint das alles schon so lang her zu sein. Lebkuchen seit Ende August, Weihnachts-Deko seit September, Geschenke kaufen seit Oktober und Glühwein ab November. Da freut man sich, wenn am 26. Dezember endlich alles vorbei ist …
Eigentlich ist es andersrum gedacht: Weihnachten ist nicht das Ende, sondern der Anfang der Freudenzeit. Ursprünglich war die Adventszeit eine Fastenzeit (ähnlich wie vor Ostern) und ab Heiligabend wurde dann die Geburt Christi gefeiert bis (mindestens) zum 6. Januar.
Daher kommt ja auch mein traditioneller Weihnachts-Rundbrief immer erst im Januar und heute hier schonmal ein Auszug daraus für euch als Weihnachtsgruß:

„In welche Richtung willst du gehen?
Alles hat Folgen.
Forscher & Arbeiter, die nicht alles hatten,
ein Architekt und ein schwangeres Mädchen folgen
dem Stern von Bethlehem, denn
das Christkind lässt sich gerne finden!
Frohe Weihnachten 2014.“

stern-pfeil_webDie Geschichte ist schon krass:
Gelehrte Menschen aus dem Osten machen sich auf. Sie reisen aufgrund ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse hunderte von Kilometern, um einen neuen König zu begrüßen. Sie lassen sich von kosmischen Phänomenen leiten, bis sie ihn finden. Ob es drei waren, wissen wir nicht. Ob sie Könige oder Sterndeuter waren und was mit den Geschenken passierte, ist nebensächlich. Wichtig ist: Sie haben Jesus gesucht und gefunden. Der Stern hat ihnen den Weg gezeigt.

Dann sind da die Lohnarbeiter, die am Heiligabend zur Nachtschicht auf dem Felde verdonnert sind und in ihrem tristen Alltag eine übernatürliche Erscheinung haben, die sie dazu antreibt, sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu machen. War Alkohol im Spiel? Was war mit den Schafen? Sind sie hinterher zurück zur Arbeit gegangen oder haben sie den Job verloren? Unwichtige Fragen hinter der Erkenntnis, dass es sich lohnt, im Alltagsleben offen für göttliche Intervention zu bleiben. Auch sie haben sich auf den Weg gemacht, der ihnen gewiesen wurde.

Ebenso das junge Paar, verlobt aber noch nicht verheiratet. Auf einmal ist sie schwanger, aber nicht von ihm. Sie bleiben zusammen, gehen durch dick und dünn zur Zählung im überfüllten Bethlehem, später nach Ägypten und zurück nach Nazareth. Aufgrund eines Engels. Wie das biologisch tatsächlich war ist völlig egal. Irgendwo treffen sich Historie und Mythos. Relevant ist, dass beide den Worten Gottes vertraut haben und seinen Weg eingeschlagen haben. Maria war bereit, ihre Lebensplanung auf den Kopf stellen zu lassen und Josef war die Beziehung zu Maria und die Zusage Gottes wichtiger als soziale Anerkennung und der „normale Werdegang“.

Alle diese Personen treffen sich beim Stern an der Krippe. Da wo Gottes Licht in die Welt kommt. Dafür ist der Stern von Bethlehem ein gutes Bild. Er weist darauf hin, dass Weihnachten etwas entscheidendes passiert ist. Daher ist der Stern auch ein Pfeil, der uns darauf hinweist, worum es im Leben geht. Ich habe dieses Jahr einen Weihnachtsgruß als Pfeil-Stern gebastelt. krippe_webUnd ich habe mir die Frage gestellt, wo Gott mir die Richtung weisen möchte. Ich hab zwar keine kosmische oder innere Erscheinung gesehen und musste auch nicht nach Ägypten auswandern. Aber der Neuanfang in Erfurt ist für mich eine deutliche Führung Gottes, die er über lange Zeit vorbereitet hat. Deshalb kann ich ihm gerne folgen, weil ich ihm vertraue, dass er mich zu einem guten Ziel führt.

In welche Richtung willst DU gehen? Wo stehst du in der Stern-Geschichte? Machst du dich aufgrund rationaler Erkenntnis auf die Suche nach Gott? Oder aufgrund einer emotionalen Begegnung? Oder müsste Gott innerlich dein ganzes Leben auf den Kopf stellen, damit du aufhorchst? Probiers doch mal! Gott hat ein Interesse daran, auch dir deinen Weg zu weisen und ihn mit dir zu gehen. Nimm dir Zeit und mach dich auf den Weg. Das Tempo ist dabei zweitranging, solange die Richtung stimmt…

Zum Nachlesen die Bibeltexte: Matthäus 2 und Lukas 2

Fairphone

„Ich hab ein neues Handy“

ist immer mal wieder zu hören. Der Akku war kaputt, das Display zerkratzt, der Prozessor zu langsam oder es hatte einfach nicht alle Funktionen, die ein Telefon heutzutage haben muss. Also wird das alte ausgesondert und ein neues muss her.
Reparieren lohnt meist nicht, Teile austauschen ist teurer und meist auch vom Hersteller nicht gewollt.

„Ich hab ein neues Fairphone.“

fairphoneEin aktuelles Smartphone (obere Mittelklasse würde ich sagen), das konzeptionell auf Fairness ausgelegt ist. Die Materialien und Arbeiter werden zu fairen Bedingungen eingekauft. Die Produktionskette ist weitestgehend transparent. Und wenn mal was defekt ist, kann der Nutzer nahezu alles selber austauschen und bekommt Ersatzteile dazu zum Selbstkostenpreis. Das Fairphone soll also repariert werden statt es wegzuwerfen.

So hab ich ein gutem Gewissen und ein gutes Smartphone. Das eigene FairphoneOS basiert auf Android 4.2, ist aber von Anfang an gerootet, lässt mich also alle Apps installieren. Ob ich z.B. die typischen GoogleApps (Mail, Maps, Drive, …) nutzen will oder lieber freie OpenSource-Software installiere kann ich selber entscheiden. So ist jedes Fairphone nach kurzer Zeit individuell.

„Ich lebe (weitestgehend) googlefrei!“

Ich habe mich entschieden, soweit es geht auf Google-Dienste zu verzichten und bin damit bisher recht zufrieden. Ein Freund sagte zwar mal „Google hat eh irgendwoher meine Daten, dann kann ich auch deren Dienste nutzen“, aber ich möchte zumindest nicht aktiv dazu beitragen, einem weltweit tätigen Monopolisten mit undurchsichtigen Strukturen und unglaublicher Marktmacht noch mächtiger zu machen. Klar suche ich auch ab und zu mit Google oder plane mal eine Reise mit maps. Aber einer App erlauben, mein Adressbuch und meine Nachrichten zu lesen und mit ihrem Server abzugleichen finde ich aus Datenschutzgründen schwierig. Das wäre bei Microsoft und Apple nicht anders. Freien Initiativen mit offenem Quellcode vertraue ich tendentiell mehr. Aber auch da denke ich weiterhin aktiv nach, was ich einer App erlaube und was nicht.

„Ich installiere bewusst!“

Meine erste App war daher auch „xprivacy“ eine Art Firewall, die jeden unnötigen Systemzugriff einer App sperren kann. Und es ist erschreckend, wie viele Apps Sachen machen wollen, die sie überhaupt nicht brauchen. Klar, wer kostenlose Software zur Verfügung stellt, muss irgendwie Geld verdienen, aber dann soll man das auch transparent sagen… Und ein heruntergeladenes Spiel muss normalerweise weder Kontakte noch Telefonfunktionen nutzen oder auf das Internet zugreifen. Ich setze im Zweifel lieber enge Richtlinien und lockere sie nachträglich, wenn etwas nicht funktioniert. Mit dieser Gatekeeper-Strategie fühle ich mich zumindest einigermaßen als Hausherr auf meinem Telefon.

„Was dich auch interessieren könnte…“

Ich will hier nicht jede App auflisten, aber ein paar Tips, was für andere interessant sein könnte:

  • F-Droid ist ein App-Store für „freie OpenSource Software“ (FOSS). Ähnlich wie beim Google Play Store kann man hier Apps suchen und installieren. Für die meisten Sachen, die ich suche, gibt es freie Software, die ich dann auch gerne installiere.
    Google-Play hab ich bewusst nicht installiert. Falls ich doch mal eine App aus dem PlayStore brauche, nutze ich den apk-Downloader (nicht von den Werbeeinblendungen verwirren lassen), um am PC die Installationsdateien runterzuladen.
  • Firefox ist der freie OpenSource-Browser, den ich auch am PC nutze und bei dem ich mit sync Lesezeichen u.ä. synchron halten kann.
  • K-9-Mail ist ein (sicheres) Email-Programm, mit dem ich meine imap-Mails auch auf dem Handy bearbeiten kann.
  • aCalendar ist eine schönere Kalender-Ansicht, leider kein eigenständiger Kalender, aber dennoch eine lohnenswerte Installation. Synchronisierbar mit meinem PC via owncloud (oder MyPhone Explorer)
  • owncloud ein dropbox-artiger Fileserver, der lokale Daten von meiner Festplatte sowie Adressen und Termine (aus Thunderbird via CalDAV-Sync und CardDAV-Snc) synchronisiert. So hab ich alle Daten dabei und online gespiegelt.
  • Kingsoft WPS Office kann doc/ppt/pdf/xls und anderes lesen und bearbeiten. Schönes kostenloses Paket.
  • SwiftKey ist eine Tastatur mit Gestensteuerung. Klar, keine FOSS, aber deutlich komfortabler als die Standardeingabe von Android. Schön finde ich, dass die Tastatur schnell lernt und kleine Ungenauigkeiten erkennt und korrigiert. Die Online-Cloud hab ich allerdings deaktiviert und erlaube der App nicht zu viel, da ein Keyboard sicherheitstechnisch  die Schwachstelle jedes Systems ist.
  • Twidere ist ein freies Twitter Tool mit dem ich auf die Schnelle Tweets lesen und posten kann (z.B. das was du rechts in der Seitenleiste siehst).
  • Threema ist ein sicherer Messenger ähnlich wie WhattsApp. Die Server stehen in der Schweiz und für knapp 2 EUR kauft man europäisches Datenschutzrecht und End-zu-End-Verschlüsselung. Den Lizenzcode kaufe ich via Website, weil ich ja den PlayStore meiden will.
  • Für andere News, Blogs und Podcasts nutze ich den Simple RSS Feedreader.
  • Für Audio und Video den freien VLC Medienplayer.
  • OsmAnd~ bietet freies weltweites Kartenmaterial und brauchbare Navigation (wenn man sich an ein paar Eigenarten gewöhnt hat) basierend auf OpenStreetMaps.
  • And Bible ist eine freie Bibelsoftware, die lizenzfreie (also meist etwas ältere) internationale Bibelübersetzungen, Karten und Kommentare als Moduldatenbank anbietet.
    Für aktuelle Übersetzungen sind freilich die Onlinedienste bibelserver.de und bibelwissenschaft.de auch auf dem Smartphone sinnvoll nutzbar.

Weitere Dienste (wie Facebook, dict.leo.org oder bahn.de) nutze ich bewusst im Browser, weil ich es unnötig finde, dafür eine App zu installieren.

Sicherlich bin ich noch nicht am Ende und lerne gerne mehr Apps kennen oder vertiefe meine Überlegungen, was man sinnvoll installieren kann und sollte und was nicht. Prinzipiell hab ich übrigens garnichts dagegen, für gute Software auch ein paar Euro auszugeben. Allerdings ist das Bezahlmodell via Playstore für mich momentan nicht handlebar, also wären InApp-Spendenmöglichkeiten oder AddOns mir deutlich lieber.

Können und sollen jetzt alle Firmen, Projekte und Gemeinden eigene Apps erstellen? Oder ist es sinnvoller, mobiltaugliche Webseiten zu entwickeln, die mit responsive Webdesign erkennen, wie groß der Bildschirm ist und automatisch sinnvolle Infos für diese Größe anzeigen? Zumindest ist es sinnvoll für jede Organisation, die Menschen begegnen möchte, das auch auf dem Smartphone zu tun.

Welche Apps nutzt du? Wie bewusst und nachhaltig kann mobile Kommunikation sein? Bedarf an Schulung oder Infos zum Thema?

Ich freu mich auf dein Feedback! Via facebook, mail, twitter, threema oder auch persönlich, wenn wir uns mal treffen 🙂