Alle Beiträge von Karsten Kopjar

meine Tanzgeschichte

Tanzen ist Kommunikation. Ein Medium, um die Welt um mich herum in Bewegung umzusetzen.

Tanzen ist eine Leidenschaft, die mich schon lange begleitet. Mit 13 Jahren habe ich angefangen in einer Marburger Tanzschule Kurse zu belegen. Walzer, Jive, Tango, Samba, … Das Welttanzprogramm eben. Nach den üblichen Grund- und Medaillenkursen habe ich etwa 6 Jahre in einer Art Tanzkreis mit anderen Jugendlichen komplexere Technik und Figurenfolgen gelernt. Neben Showtanzformationen war das individuelle Führen und kreative entwickeln neuer Abläufe mit unterschiedlichen Tanzpartnerinnen meine Spezialität. So habe ich gelernt, mit verschiedenen Damen Musik auszutanzen und Freude auszustrahlen.
Neben dem eigenen Tanzen habe ich viel hospitiert, Tanzdamen auf dem Weg durch die Medaillenprüfungen begleitet und dadurch Souveränität auf dem Parkett entwickelt. Auch außerhalb der Tanzschule wurde ich öfters nach Tipps gefragt und habe angefangen, Anfängern die Lust am Tanzen weiterzugeben. Bewusst habe ich nie eine professionelle Turnierlaufbahn eingeschlagen, weil mir Freude und Ausdruck immer wichtiger waren als das penible Gutachten eines Wertungsrichters, der vorgibt, wie etwas korrekt zu sein hat. Neben dem Sport war die Tanzschule auch mein zweites Zuhause. Dort verbrachte ich viel Zeit, traf Freunde und konnte Selbstbewusstsein tanken.

Später habe ich im Studium verstärkt Salsa getanzt. Gelernt habe ich auf Partys von Latinos und in Workshops. Paarweise, als Rueda oder Linedance. Die lockere Partystimmung mit schnellen koordinierten Bewegungen hat mich fasziniert. Dass ich stilistisch dabei sowohl cubanisch als auch NewYorkStyle geprägt bin, habe ich erst später rausgefunden.
Gleichzeitig habe ich beim argentinischen Tango (Salón und Nuevo) das Konzept des modularen „Führen und Folgen“ kennen gelernt. Es hat mich begeistert, wie aufgrund kleiner Nuancen der Körperhaltung harmonische Bewegungen als Paar entstehen. So konnte ich aus bestehenden Bewegungen aller Tänze neue Variationen bauen und flexibler mit tänzerischen Elementen umgehen.

Mein Drang zu extravaganten Elementen hat mich weiter zum sportlichen Rock’n’Roll geführt, wo schnelle Tanzfolgen mit akrobatischen Hebefiguren und stärkeren Show-Elementen kombiniert wurden. Über 10 Jahre war das mein Haupttanz, auch als Übungsleiter im Hochschulsport und Organisator von Trainingslagern, während andere Tänze eher als Hobby nebenher liefen. Da meine langjährige Rock’n’Roll-Partnerin in der gleichen Tanzschule aufgewachsen war wie ich, konnten wir bei Showeinlagen oft mehrere Tänze kombinieren und bei Medleys zwischen Stilen switchen.
In dieser Zeit verstärkten sich die Anfragen und ich konnte öfters Tanz-Workshops oder Wochenend-Freizeiten anbieten, bei denen die Teilnehmer teilweise über Jahre wieder kamen und so eine Gemeinschaft formten. Das Tanzen war für mich also Hobby, Beruf und Familie gleichzeitig. Eine enge Gemeinschaft, die mein Leben geprägt hat.

Dann musste ich durch einen Umzug nach Erfurt viele Dinge aufgeben und am neuen Ort auch tänzerisch neu Fuß fassen. Ich konnte Grundlagen der Gesellschaftstänze vertiefen und freie Improvisation in den Paartanz integrieren. Quasi als Steigerung des Tango Argentino fing ich an, auch in anderen Tänzen als Paar zu verschmelzen und die Musik in elementare Bewegungen zu interpretieren, die zwar grundlegend auf z.B. Rumbaelementen aufbauen, aber letztlich freie Improvisation im Paar sind. Eine sehr emotionale Spielart, die durch die enge Bindung des Paares einen speziellen Reiz hat.
Als etwas ruhigere Form des Rock’n’Roll begann ich mich mit dem Lindy Hop zu beschäftigen, der die freie (argentinische) Improvisation mit schnellen (nordamerikanischen) Bewegungen kombiniert und so faszinierende Lebensfreude mit tänzerischem Spiel verbinden kann.

Ebenso lernte ich sportliche Individualformen wie Zumba, Salsation oder Iron Body kennen, die tänzerische Elemente mit schweißtreibenden Aerobic-Übungen kombinieren und auf fröhlichen Kalorienverbrauch hin optimiert sind. Diese Gruppentänze eignen sich auch, um jede Disco zum Fitnessstudio umzuwidmen und durch Tanz körperlich fit zu bleiben.

Die Kombination aus individueller Bewegung und inhaltlich-musischer Interpretation eröffnete mir ein weiteres Feld der Tanz-Meditation. Nicht nur Musik, sondern auch Gefühle und Inhalte individuell in Bewegung umsetzen und dabei sich selber besser verstehen. Was in der Theologie über Bibliolog, Bibliodrama und andere theologisch-therapeutische Formate passiert, kann auch beim Tanzen helfen, sich in Personen hineinzuversetzen und Rollen zu spielen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Um das auch tänzerisch umzusetzen, braucht man einen geschützten Rahmen um die Scheu vor der Performance abzulegen. Man muss sich seiner selbst bewusst sein und gelernt haben, in sich hinein zu spüren. Dann ist es möglich, über Tanz und Körperlichkeit Geschichten tiefer zu erleben und künstlerisch umzusetzen.

Ich hoffe, dass ich tänzerisch noch nicht am Ende bin. Auf der einen Seite nehme ich in meiner Geschichte eine Entwicklung von festen Strukturen zu modularer Improvisation wahr, auf der anderen Seite spüre ich eine Sehnsucht, an bisherige Formate anzuknüpfen und Fäden wieder aufzunehmen. So kann die methodische Erkenntnis einer Tanz-Meditation vielleicht auch einen regelkonform getanzten Quickstep in seiner Performance bereichern, ein Discofox durch Showtanz-Elemente oder klassischer Tanzschul-Jive durch LindyHop- und Rock’n’Roll-Einlagen etwas mehr Würze bekommen.
Und letztlich geht es beim Tanzen immer um eine Kommunikation im Paar. Ganz egal, wie der Tanz am Ende heißt, habe ich die Sehnsucht mit Menschen ins tänzerische Gespräch zu kommen, das nicht auf vorher definierten Schritten, sondern auf ausgetanzten Emotionen basiert. Ich wünsche mir, tänzerisch auf dem Weg zu bleiben, neue und alte Formen zu verbinden, Freude zu erleben und weiterzugeben.
Ich möchte Tanzen! Vielleicht auch mit dir?

Zug ins ungewisse – ein virtuelles live action role play

Beim Rollenspiel probieren wir uns aus, erleben uns in neuen, ungewohnten Szenarien und können die (körperlich-ganzheitlichen) Erfahrungen, die wir im Spiel machen, für das „echte Leben“ reflektieren. Aber geht das auch digital?

Im Rahmen des Studienmoduls „Kunst, Kultur & Medien“ an der Ev. Hochschule Tabor in Marburg haben wir uns mit Improvisationstheater und Rollenspiel beschäftigt. Ursprünglich war dann geplant, als Seminargruppe einen Teil des Unterrichts als LARP zu gestalten. Da aber die Seminarblöcke im Frühjahr 2020 nur digital als Zoom-Konferenz möglich waren, musste auch das LARP online stattfinden. Als Setting wählten wir eine fiktionale Welt in der nahen Zukunft, die unserer in nahezu allen Faktoren gleicht, aber zum einen Corona und die Auswirkungen ignorieren kann und zum anderen die spielerische Möglichkeit bietet, neue Technologien oder Gesellschaftssysteme anzusprechen. Soweit nicht explizit angegeben, gehen wir aber davon aus, dass die Welt funktioniert, wie wir sie kennen.

Im Vorfeld haben wir uns Fernsehformate angesehen und fiktionale Figuren analysiert. Welche Rollen spielen sie und welche Funktionen hat das für den Plot (z.B. in Kudamm ’56). Dann haben wir Formatunterschiede zwischen fiktionalen Werken und ScriptedReality-Formaten betrachtet, die einen non-fiktionalen Inhalt in ein fiktionales Szenario übertragen. Auf dieser Folie sollten die Studierenden sich eigene Rollen überlegen, in denen sie ein Mini-LARP spielen wollen. Sie bekamen einen Charakter-Fragebogen, sollten sich eine Hintergrundgeschichte mit Stärken, Schwächen und ein Primärziel für ihre Figur ausdenken. Wir haben in die Vorbereitung des LARP eine Unterichtseinheit investiert. Soweit das im beschränkten zeitlichen Rahmen möglich war, sollten sie sich eine passende Gewandung suchen und dann nach einer bewussten Pause zum „Live-Block“ in ihrer Rolle erscheinen. Danach haben wir uns eine reale Stunde Spielzeit gegönnt, um Start und Ende der Zeit klar abgrenzen zu können und hinterher (nach einer weiteren Pause) noch eine Einheit zur Reflexion des Geschehens. Was haben wir erlebt? Wie haben unterschiedliche Teilnehmer Dinge wahrgenommen? Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt? Bin ich vielleicht irgendwo in Rollenkonflikte gekommen, wenn mein „ich“ anders handeln würde als meine Rolle?
So „kostet“ das LARP-Projekt insgesamt vier UE, die sich aber wirklich lohnen.

Im vLARP musste alle Interaktion online stattfinden. Unsere Plattform war das bereits bekannte Tool „Zoom“ in dem auch der digitale Unterricht stattfindet. Die Teilnehmer*innen waren also mit der grundlegenden Bedienung bereits vertraut, hatten Kameras und Mikrofone getestet, der Chat und Breakout-Sessions waren ihnen vertraut und sie waren dort „zu Hause“. Für das Spiel verwandelten wir Zoom in einen „Zug ins Ungewisse“, weil ein Zug einen abgegrenzten Spielraum bietet aus dem man nicht ohne weiteres entfliehen kann und gleichzeitig eine logische Aufteilung (Abteile und Speisewagen) bietet. Die Zoom-Namen wurden angepasst und ein geteilter Bildschirm setze einen klassischen Dampfzug als Szenerie. Als Spielleitung war ich der Zugbegleiter im Speisewagen, der für Snacks und Informationen bereit steht und Fahrgäste auf Anfrage von ihrem Abteilplatz in ein anderes Abteil umbuchen kann. Somit konnten sie von einem Abteil in ein anderes navigieren, indem sie im Speisewagen darum baten. Das ermöglichte es, in jedem Abteil mit kleinen Gruppen intensiv zu interagieren aber auch die Gruppen zu wechseln. Als Haupt-Ziel hatten die Teilnehmer, ihre Rolle auszuspielen. Zusätzlich habe ich ihnen jeweils eine (zufällige) individuelle Aufgabe gegeben, die inhaltlich den nächsten Unterichtsblock vorbereitet hat, der so spielerisch im Geschehen angeteasert wurde, ohne zu stark referierend zu sein.

Nachdem das erste vLARP „Zug ins Ungewisse“ gut angekommen ist, haben wir, im folgenden Block (eine virtuelle Exkursion nach Erfurt) eine weitere Einheit eingebaut, die die Handlung zusammenbindet ohne zu stark auf der ersten Einheit aufzubauen. Das vLARP „Zurück zum Zug“ war gesettelt am Bahnhofsvorplatz (Zoom-Raum-Ebene) in Erfurt mit Breakout-Räumen an zentralen Erfurter Orten, die bereits aus der Exkursion eingeführt waren. Diesmal bekamen alle Spieler eine Main-Quest, bei der sie fünf Fragen zum vergangenen Exkursionsgeschehen an diesen fünf Orten beantworten sollten. An jedem Ort gab es gebriefte Informanten (NPCs), die ihnen helfen sollten, bestimmte Informationen zu bekommen. Jeder Spieler wurde am Anfang einem Ort zugelost, konnte aber frei wählen, wie lange man dort verweilt und wann man den Raum wechselt. So ergaben sich immer wieder neue Konstellationen und spannende Interaktionen der Charaktere. Gleichzeitig hatte ich als Spielleitung die Möglichkeit, die Routen zu leiten und Raumempfehlungen zu geben, wo gerade nicht so viel los ist. Mit dem Zuordnen zur passenden Breakout-Session konnte ich ihnen den Weg zur passenden Straßenbahn ausschildern, die sie nur noch betreten mussten. Einige der Informanten haben ihren Zoom-Hintergrund passend ausgetauscht, sodass „Bratmaxe“ am Domplatz tatsächlich in einer Wurstbude saß und die Stadtführerin am Augustinerkloster tatsächlich im Raum der Stille angesiedelt war. Mit gregorianischen Gesängen wurde Meister Eckhart in der Predigerkirche lebendig, andere spielten ihre Rolle durch starkes Auftreten, gute Argumentation oder setzten Stimmungen, die sich schnell übertrugen.
Auch die Teilnehmer*innen haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Einige haben sich auf die Main-Quest konzentriert, andere stärker ihre persönliche Side-Quest bearbeitet und wieder andere primär ihre Rolle ausgespielt und mit anderen interagiert. Das war für diese Selbsterfahrung freigestellt und in einer Zeitstunde ohnehin nicht alles möglich.

Falls man bei einem vLARP einen stärkeren roten Faden spinnen möchte, müsste man mit einem größeren Team vorher geplante Story-Elemente setzen und die eingerichteten Breakout-Sessions dafür kurzzeitig beenden, damit alle die relevanten Informationen mitbekommen. Spannend wäre es, so ein Spiel über mehrere Stunden zu ziehen, ggf auch die zur Verfügung stehenden Räume zu variieren und Gruppenaufgaben zu stellen (Rätsel, Sozialexperimente, Kampsimulation). Dafür müssen die NPCs gut gebrieft sein und optimalerweise sollte man einen externen Messenger zur Meta-Kommunikation im Team haben. Optimal wäre, wenn eine Spielleitung sich nur kommunikativ an die Teilnehmer wenden könnte, während eine weitere Person als Host im Hintergrund die technischen Dinge erledigt. Das Zuordnen der Teilnehmer zu Breakout-Sessions, die Chat-Kommunikation, das Gestalten und benennen der Breakout-Sessions und das Einspielen eines geteilten Desktops mit Informationen beansprucht viel Zeit, die dann zur InGame-Kommunikation fehlt. Allerdings muss eine auf mehrere Schultern verteilte Spielleitung sich gut absprechen, an welcher Stelle im Plot man gerade ist, damit die einzelnen Erlebnisse zusammengebunden werden.

Generell kann man durch Spiele viel lernen. Soziale Situationen, Interaktionen, der Umgang mit unterschiedlichen Situationen und ethische Fragen zu Handlungsweisen von Rolle und Person. Daher sollte man in keinem Fall an der Auswertungszeit sparen und dafür reichlich Zeit und kreative Methoden einplanen. Auch die inhaltliche Vorbereitung und Entwicklung einer funktionierenden Spielmechanik sind nicht zu unterschätzen. In jedem Fall ist dafür ein Team zu empfehlen, das sich auf Augenhöhe reflektiert, um Gefahren und Lücken in Plot oder Methodik früh zu erkennen. Außerdem braucht man immer reichlich Spontaneität und Improvisationsgabe, um auf unvorhersehbare Situationen eingehen zu können.

Ich freue mich schon auf weitere LARP-Erfahrungen, gerne als Live-Action-Variante vor Ort aber nach den ersten beiden virtuellen Erfahrungen auch als vLARP.

Wie funktionieren Hybride Gottesdienste?

Bei einem Gottesdienst treffen sich Menschen in einer Kirche und werden von Theologen bepredigt, von Musikern zum Singen animiert und von Liturgen durch den Gottesdienst geleitet. Das kann inhaltlich und musikalisch ganz unterschiedlich aussehen, lebt aber oft von der Begegnung im gleichen Raum.

Durch die Kontaktsperren haben viele Gemeinde statt der Treffen vor Ort auf Online-Formate umgestellt. Einige haben die Zelebranten in leeren Kirchen abgefilmt, andere bunte und vielfältige Impulsformate vorproduziert, die da Thema des jeweiligen Sonntags medial passend umgesetzt haben. Der kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt, aber oft bleibt es bei einer Einbahnstraße. Die Gemeinde sendet und die Teilnehmer schauen zu. Interaktionselemente (Gebetsanliegen, Dialogpredigt, Umfragen, …) sind eher bei digitalen Live-Gottesdiensten möglich, die dafür meist nur einen Ort zeigen.

Wenn jetzt Versammlungen in Gotteshäusern unter bestimmten Auflagen wieder stattfinden können, stellt sich vielerorts die Frage, wie man weitermacht. Gerade die Gemeinden, die online 10-20x so viele Menschen erreicht haben als vorher offline wollen diese Menschen nicht einfach im Stich lassen, wenn sie zurück in die Gebäude gehen. Auch für Risikogruppen ist mitunter eine Feier vor Ort momentan noch nicht angesagt, was bei reinen Offline-Veranstaltugnen einem Ausschluss gleich kommen würde. Man kann also überlegen, einen minimalistischen Gottesdienst (nur 30 min, kein Gesang vor Ort, keine Kontakte, Hyginekonzept) in der Kirche zu feiern und zentrale geistliche Elemente auch nochmal für eine Onlinezielgruppe als Kurzclips zu produzieren. Das können kurze Liveaufnahmen sein oder Aufnahmen an neutralen Orten, wie man es als Onlineformat bereits eingeführt hat.

Oder man kann Gottesdienste feiern, die eine Gemeinschaft aus Menschen im Kirchgebäude und Menschen vor den Monitoren bildet und so hybrid und gleichzeitig Menschen zusammenbringt. Für so eine Gemeinschaft ist es wichtig, sich gegensitig wahrzunehmen, bestimmte Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen und beiden Gruppen das Gefühl zu geben, „echter Teil der Gemeinde“ zu sein. Das bedeutet, dass eine Begrüßung sowohl die Menschen vor Ort als auch die Online-Teilnehmer (direkt in die Kamera reden!) ansprechen muss, dass die Predigt sowohl in den Raum gesprochen wird, aber auch immer wieder direkt in eine Kamera (die optimalerweise so steht, dass man beide Gruppen gleichzeitig im Blick haben kann) gerichtet ist und dass die Menschen im Raum mitbekommen, wie viele Leute online dabei sind (ggf sogar wer) udn die Leute im Stream die Gemeinde vor Ort wahrnehmen (Kameraschwenk durch die Bänke, aber auch Offscreen-Plätze schaffen, falls jemand nciht im Bild auftauchen möchte!).

Ein Beispiel, wo so ein Interaktiver Hybrid-Gottesdienst mit Livestream und Dialogpredigt umgesetzt wird, ist der Checkpoint Jesus in Erfurt.

Ein weiteres Beispiel ist der Einführungs-Gottesdienst von Superintendentin Rosenthal im Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau am Pfingstmontag, der von der OnlineKirche in Zusammenarbeit mit zahlreichen Akteuren umgesetzt wird. Hier sind über den Hybrid-Charakter hinaus auch noch zwei Gottesdienst-Orte liturgisch vernetzt.

Was kennst du für Beispiele? Ich freue mich über inspirierende Arten, aktuell passend Gottesdienst zu feiern!

Serie: Dispatches from Elsewhere

Eine skurrile Mischung aus Escape Room, LARP, Monty Python und Gruppentherapie mit einem historischen Hintergrund.

Die Serie ist keine leichte Kost, aber große Filmkunst. Retrostil mit futuristischen Elementen, Slapstick, Meta-Kommentar, Zeitbrüchen, Selbstironie, Philosophie, einer großen Portion Kreativismus und einem Hauch Science Fiction.
Auf der Metaebene betrachten wir die Innenwahrnehmung der vier Hauptpersonen in psychotherapeutischer Art mit noetischem Anklang. Gleichzeitig zeigt die Storyline ein aufwändiges Parallelwelt-„Spiel“, das als Schnitzeljagt mit Alternativ Reality-Elementen provoziert und herausfordert.

In 10 Episoden erfährt man immer mehr Details, die teilweise die Gesamtdeutung des Geschichte fundamental verändern und aufklären oder verwirren. Dabei geht die Serie sparsam mit Trickeffekten um und verzichtet auf übertriebenen Einsatz von Horror, Gewalt oder Sexualität. Die Spannung wird ganz klassisch durch Informationsmangel und das Begleiten der Charaktäre in ihrer persönlichen Entwicklung erzeugt. Dabei wechseln die Realitätsebenen mehrfach, was zumindest mich fasziniert hat.
Keine Serie für jeden, aber wenn man erstmal drin ist mit hohem Suchtpotential!

Spannend auch die Information, dass ein ähnliches „Alternate-Reality-Spiel“ des Künstlers Jeff Hull tatsächlich 2008 in San Francisco stattgefunden haben soll. Wie wäre es, eine Art Rollenspiel als Mischung aus Geocaching, ActionBound und Schnitzeljagd in physischen Städten aufzubauen. Vielleicht als (religions)pädagogisches Konzept, vielleicht als alternative Sommerfreizeit, vielleicht touristisch oder einfach nur als Kunstprojekt. Ein leerstehendes Geschäft als Rekrutierungs-Center einrichten, in verschiedenen Geschäften, Bars, Museen Hinweise verstecken und die Teilnehmer*innen durch unbekannte Straßen lotsen, während sie sich selbst, die eigene Kreativität und ihr Team kennen lernen. Sicherlich sind die aufwändigen Inszenierungen der Serie ohne millionenschwere Sponsoren nicht umzusetzen, aber eine Light-Version könnte dennoch fesselnd sein. Falls jemand sowas plant: Ich wäre gerne dabei!

Upload (Serie)

Aktuell gibt es unglaublich viele aktuelle Filme und Serien, die das Thema Digitalisierung, VR und gesellschaftliche Folgen thematisieren. Diese Woche habe ich auf Amazon Prime die locker-spaßige Familienkomödie „Upload“ gesehen und kann aus medientheologischer Sicht die Serie weiterstgehend empfehlen.

Es geht um „Heaven“, eine VR in die man sich hochladen kann, kurz bevor man stirbt, um dort „ewig leben“ zu können. Je nach Budget im Design eines Sanatoriums oder eines Wellness-Hotels. Die Uploads können eigenständig handeln, miteinander interagieren oder sogar per Video-Telefon mit lebendigen Menschen im Gespräch sein – solange ein Hinterbliebener die monatliche Rechnung bezahlt. Die religiöse Vorstellung, seine Liebsten wiederzusehen und wieder vereint zu sein scheint so also erfüllt, wobei diese himmlishce VR weit weg vom Paradies ist. Auf der einen Seite ist es ein begrenzter Rahmen in dem die Avatare handeln, auf der anderen Seite sind sie komplett abhängig von einer Firma, die ihnen jederzeit den Stecker ziehen oder sie herabstufen kann. Und dass sich in der Serie ein Upload in eine Servicetechnikerin verliebt – während unklar ist, ob er ermordet oder bewusst ins digitale Nirvana verschoben wurde, – zeigt, wie stark es dort auch „menschelt“. Gott oder eine höhere Instanz, die Gerechtigkeit schafft oder ewige Glückseligkeit gibt es nicht. So bleibt dieser filmische Himmel ein irdisch Ding. Immerhin wird ein Mann gezeigt, der bewusst „sterben“ möchte (statt sich uploaden zu lassen), um lieber im religiösen Himmel (an den sonst keiner mehr glaubt) mit seiner verstorbenen Frau vereint zu sein als in der VR auf seine noch lebende Tochter zu warten. Gezeigt wird also eine rational atheistische Welt in der religiöse Menschen eher belächelt werden. Spannend aber, dass so viele religiöse Aspekte (Kapelle, Beerdigung, Himmel & Hölle, Engel, Auferstehung, Gebete, Ablass, Versuchung) genutzt werden, weil man sich das Leben nach dem Tod scheinbar doch nicht ohne diese Bilder vorstellen kann.

Die 10x 30min hat man schnell durchgeschaut. Lockere Gags unterhalten gut, die Kapitalismuskritik trifft, auch wenn die dargestellten Sicherheitsprozesse eines MultimillionenDollar-Unternehmens nicht recht überzeugen wollen. Vom Spannungsbogen scheint die erste Steffel eher eine lange Exposition zu sein, die Charaktäre einführt und Probleme aufzeigt, diese leider am Ende aber nicht auflöst. Von daher war ich 5 Stunden lang gefesselt und am Ende enttäuscht. Ob oder wann eine zweite Staffel in Planung ist, ist noch offen (Prognosen erwarten sie Ende 2021). Wünschen würde ich es mir, um die losen Enden in meinem Kopf zu einem Abschluss zu bringen und aus der Wartestarre aufzuwachen. Und für zukünftige Staffeln bzw andere Serien würde ich mir wünschen, dass sie gerne mit dem Ausblick auf Folgestaffeln enden, aber zentrale Fragen der Erzähllogik der Staffel zum Abschluss führen (sehr gut hat das z.B. „Westworld“ St2 gelöst, „Dark“ St2 war fast schon zu extrem finde ich!). Denn jede ungeklärte Frage lässt frustrierte Zuschauer zurück und erschwert es, sich auf die neue Staffel einzulassen. Das würde mich auf lange Sicht dazu bringen, solche Serien komplett zu meiden.

#RPremote – ein kurzes recap

re:ublica, das bedeutet drei volle Tage mit tausenden von Menschen bei hunderten von Veranstaltungen in der „Station“ Berlin. Oft gemeinsames Treffen am Vorabend mit #DigitaleKirche und Freunden und das Kennenlernen zahlreicher neuer Leute. Dieses Jahr war so einiges anders. Ein Rückblick.

Schon allein die Anreise war viel kürzer. Mit Hausschuhen aus der Küche zum Schreibtisch statt mehrere Stunden im Zug. Keine Hotelbuchung, aber auch kein Meetup am Vorabend und keine zufälligen Frühstücksbekanntschaften. Erste Erkenntnis: Vorfreude gehört dazu! Vielleicht sollte ich die nächste virtuelle Großveranstaltung doch schon bewusst am Vorabend beginnen?!
Zwischendurch saß ich mit Picknickdecke im Park, während ich auf zwei Devices die Konferenz verfolgt habe, dann wieder am großen Monitor am Schreibtisch. Vorteile der digitalen Möglichkeiten!

Vieles war bei der #rp20 viel kürzer. Die Einlassschlangen wurden durch eine überlastete Website adequat nachempfungen, aber ein Direktlink zu YouTube half, doch noch in alle (!) Veranstaltungen rein zu kommen. Ein echter Vorteil. Kurze Wege und keine verschlossenen Türen. ASAP1 war auch immer auf die Minute pünktlich, leider die anderen „Bühnen“ (ASAP2, re:work) nicht so, eine geplante Veranstaltung musste ich also wegen Verspätung skippen. Aber insgesamt war es ein voller und runder Tag. Aber eben nur einer statt drei. Das nimmt die typische Dramaturgie (1. Tag viele Sessions, 2. Tag weniger Sessions & mehr Treffen, 3. Tag kaum noch Sessions & Zufallsbegegnungen). Aber auch in den 12h gab es (für mich) alle drei Teile:

Hanno hat für die digitale Kirchenblase einen Meetingraum bereit gestellt. Gefühlt saß ich da die meiste Zeit auf einer gemütlichen Ledercouch und hab mit Freunden geredet (auch wenn erstaunlich wenige der „üblichen Verdächtigen“ dabei waren!). Zwischendurch konnte man sogar dort sitzen bleiben, während man auf einem SecondScreen ein Event besucht hat. Etwas skurril war nur, wenn mehrere Leute Kommentare zu unterschiedlichen Bühnen gegeben haben oder sich tiefere Gespräche ergaben, während man auf dem anderen Ohr einem spannenden Sprecher lauschen wollte. Für Zufallsbegegnungen gab es vom Veranstalter den „Hof“ als Zoom-Konferenz. Dort konnte man zusammenkommen und mit Leuten über triviales reden, was oft auch persönlich oder relevant wurde und zumindest nah dran war am Gewusel des physischen Hof-Erlebens. Mit 100 Leuten in einem Raum nimmt man einzelne kaum wahr, aber gegen später beim Beerpong in kleiner Runde wurde es dann sogar richtig innovativ…

An die Inhalte erinnere ich mich diesmal irgendwie weniger als sonst. Komisch, weil man ja denken könnte, Inhaltsvermittlung gehe online besser als Atmosphäre. Vielleicht liegt es daran, dass die Sessions auf 30min gekürzt wurden (oft mit 30min DeepDive hinterher für Interessierte). Das Screen Design war eine Mischung aus 90er-Jahre Website und TV-Studio mit bunter Laufschrift und Twitter-Einblendungen. Im News-Stil wurden die Speaker angekündigt und die Übergänge waren rund.
Es ging, um mögliche Learnings aus der Coronakrise für die Klimakrise und die Frage, nach effektiver Teamarbeit ohne physischen Kontakt. Um die Unterscheidung zwischen sofort-Themen und langfristiger Entwicklung, den WirVSVirus-Hackathon und die Systemrelevanz von Kultur. Resümieren über technische Entwicklungen des Internets, von Schule und Bildung sowie die Corona-App. Durch die Kürze hatte ich den Eindruck, dass die Redner*innen oft nur die Projektvorstellung bzw. Einleitung in komplexe Themen geschafft haben und die Anwendung oder Vertiefung fehlte. Da würde ich in Zukunft Mut machen, wieder auf längere Formate zu setzen, um mehr Komplexität zu ermöglichen.

Hinterher kam nicht die stundenlange Heimfahrt, was cool ist, aber auch den gedanklichen Transfer verhindert. Keine Zeit zum Runterfahren, zum Reflektieren, als Übergang in den Alltag. Am nächsten Tag Büro als wäre nichts gewesen. Immerhin kann man die verpassten Sessions (demnächst) in der Mediathek nachschauen, wie man das von der physischen re:publica gewohnt ist. Mein Eindruck ist, dass dieses Event (mit den genannten Einschränkungen) richtig gut gelungen ist, aber ich als Teilnehmer noch lernen muss, ein digitales Event noch stärker als solches wahrzunehmen. Ich vermute, dass einige Kolleg*innen und Freunde gerade deshalb nicht dabei waren: Wenn Familie und Kinder zu Hause drängeln oder Kollegen an die Tür klopfen, kann man sich nicht so leicht aus dem Flow rausziehen als wenn man wirklich in einer anderen Stadt ist. Trotz Virtualisierungstechnologie müssen wir uns immer noch entscheiden, an welchem Ort wir gerade wie intensiv sein wollen.

Digitale Socials – zwischen Spielerunde und Whisky-Tasting

Können wir trotz physischem Kontaktverbot persönliche Gemeinschaftserfahrungen machen? Wie können wir Freunde treffen und neue Menschen kennen lernen, wenn man sich nicht zufällig treffen kann?

In den letzten Wochen habe ich viele Experimente gemacht, wie Gemeinschaft im Internet funktionieren kann. Hier möchte ich ein paar Ideen kurz skizzieren. Wer über Details fachsimpeln möchte, kann mich gerne kontaktieren 🙂
Bei den Aktionen war mir immer wichtig, dass sie möglichst barrierefrei sind, also nicht von bestimmter Software abhängig sind. Pragmatisch habe ich allerdings meist „Zoom“ genutzt, weil die Usability da einfach gepasst hat. Überall wo Zoom steht, kann man aber auch GotoMeeting, Skype, Teams, BBB oder Jitsi ausprobieren…

Über Zoom kann man Spiele spielen. Am enfachsten, wenn es keine geheimen Handkarten oder Nachziehstapel gibt. Alle sozialen Spiele wie „Die Werwölfe vom Düsterwald“ (am Anfang im Privatchat Charaktäre zuweisen, danach spielen wie normal) oder „StadtLandFluss“ sind einfach umzusetzen. Aber auch „Uno“ geht, wenn alle Mitspieler ein eigenes Kartendeck haben. Etwas anspruchsvoller ist es, eine Runde „Skat“ zu organisieren. Dabei muss eine vierte Person die 32 Karten bei sich verteilen und die Mitspieler per Privatchat informieren. Dann kann jeder haptisch diese 10 Karten auf die Hand nehmen. Effektive Runden nutzen alternativ eine Online-App, aber meine Erfahrung ist, dass gerade die unproduktiven Wartezeiten gute Gespräche und Gemeinschaft ermöglichen. Wer mehr Aufwand betreiben will, kann auch versuchen, Brettspiele oder P&P-Rollenspiele online zu spielen. Sobald man eine Spielleitung investiert und die Mitspieler das benötigte Material haben, ist nahezu alles möglich.
*Edit* Nicht zu vergessen sind Tools wie www.horsepaste.com (Codenames online), skribbl.io (Montagsmaler), m.brettspielwelt.de (zahlreiche Brettspiele online umgesetzt) oder klassische Multiplayer-Konsolenspiele, die gerne mit Discord-Server, Telefonverbindung oder Zoom-Call kombiniert werden. *Ende Edit*

Über Zoom kann man Freunde treffen. Egal ob einfach so zum Reden, Mentoring, Seelsorge, Gottesdienst, Teammeeting oder zum philosophischen Kreis, Lesezirkek, Kochgruppe, …
Wichtig ist, dass bei großen Gruppen oder lautem Hintergrund alle Teilnehmer die Mikrofone stumm schalten und nur an machen, wenn sie etwas sagen wollen. Wir haben in verschiedenen Besetzungen zusammen gekocht, gefrühstückt, getrunken, getanzt, gebetet und gefachsimpelt. Mein Tipp: Plant vorher, worum es geht, damit keine falschen Erwartungen entstehen, aber bleibt offen, wenn im Moment etwas anderes dran ist.

dezentrales Whisky-Tasting

Auch eine Verbindung aus Fortbildung und Gemeinschaft ist möglich. Wir haben ein „dezentrales Whiskytasting“ eingeführt, bei dem die Teilnehmer sich vorher anmelden, per Post die abgefüllten Probierflaschen zugeschickt bekommen und dann zur festgelegten Zeit gemeinsam verkosten. In unserer Gruppe kam der Wunsch auf, ein BlindTasting zu machen, also erst nach dem Probieren aufzulösen, was man gerade getrunken hat. Bei mehr als 10 Personen empfielt sich das Verkosten Kleingruppen (Zoom Breakout-Sessions). Danach dann die Auflösung und Austausch als Gesamtgruppe. Je Gang muss man 20-30min rechnen und am Anfang sollte sich jeder zumindest kurz vorstellen, damit die Gruppe sich finden kann.
Das nächste Tasting mit sechs hochwertigen Whiskys (meist schottische SingleMalt, aber auf Wunsch der Gruppe auch internationale Varianten) findet am Sa 23.5.2020 statt (mehr Informationen). Wer dazu kommen möchte, kann sich bis 16. Mai bei mir anmelden.

Berührungslose Tanz-Partys, Impro-Theater, VirtualChoir, Beer-Pong, SpeedDating. Viele digitale Events sind vorstellbar. Wichtig ist, dass man in der Krise nicht sagt, „Doof dass XY nicht möglich ist!“, sondern dass man sich überlegt, wie XY unter den gegebenen Umständen anteilig erlebbar wird. Und dabei darf man auch die klassischen Medien nutzen. Mit dem Telefon statt Computer kann man bei Webinaren spazieren gehen. Einfach mal ein Buch lesen und nicht digital vernetzt sein, ist auch erlaubt. Finde heraus, welche Gemeinschaftsbedürfnisse du hast und welches Tool dir helfen kann, sie zu stillen. Und sprich mit anderen Menschen darüber, was auch für die passt, denn Gemeinschaft hat immer was mit mehreren Personen zu tun 🙂

Gottesdienst-Live-Streaming kann ganz einfach sein

Durch die aktuelle Infektionsgefahr werden immer mehr Veranstaltungen abgesagt und Menschen mit erhöhtem Risiko zögern auch oft, zum Gottesdienst zu gehen. Daher habe ich mich kurzfristig bereit erklärt, im ersten Online-Barcamp der Initiative „GottDigital“ eine digitale Session zu dem Thema Gottesdienst-Livestream zu halten, die ich hier aufbereite.

Disclaimer: Es ging dabei primär um technische Hürden. Die Frage, ob man nur die Predigt oder das gesamte Programm streamen möchte, ob Live oder Aufnahme besser passt und wie man Interaktion und Online-Gemeinschaft erzeugen kann, war nicht unser Thema. Dazu wird sicherlich demnächst ein ergänzender Beitrag der OnlineKirche folgen.

Außerdem verweise ich jetzt schon auf den guten Beitrag von Christoph Breit, der das Thema für die ELKB durchdacht hat.

Quick & Dirty (für spontane Notfälle und ohne Budget):

  • Fixiere dein Handy auf einem Stativ und streame direkt via Facebook/Insta-live. Das geht ohne große Vorbereitung direkt über die App (YouTube streamt nicht ohne weiteres vom Handy)
  • Nutze ggf einen Laptop, um parallel mit den Zuschauern zu interagieren. Zuschauer begrüßen, Fragen beantworten oder bei Problemen unterstützen ist hilfreich und vermeidet Frust. Das sollte man nicht mit dem Device machen, das gerade streamt, sondern besser mit einem zweiten Gerät (Facebook im Browser vom Laptop aus)
  • Als Upgrade kann man ein Mikrofon oder den Masterausgang des lokalen Audiomischers per Klinkekabel anschließen, um nicht die Umgebungsgeräusche des Smartphones aufzunehmen.
  • Gemeinden für die, das DSGEKD gilt, können sich auf §53 berufen, der das Streamen von Gottesdiensten nach vorheriger Information der Gemeinde erlaubt. Ein deutliches Schild am Eingang und ein Hinweis in der Begrüßung sollten dabei hinreichend sein. Fairerweise sollte man Besucher vor Ort dennoch informieren, wo sie mehr/ weniger/ gar nicht im Bild sind.
  • Für einen Stream mit mobilen Daten sollte man UMTS oder LTE nutzen und 1-2GB Datenvolumen (oder stabiles WLAN) zur Verfügung haben. Ggf sollte man sich informieren, wie man kurzfristig neues Volumen dazubuchen kann, um Lücken zu vermeiden. Auch ein Netzteil zur Stromversorgung hilft, Abbrüche zu vermeiden.

Etwas besser (mit Vorbereitung und kleinem Budget):

  • Wer ein wenig Zeit zur Vorbereitung hat, kann eine einfache USB-Webcam (FullHD reicht aus) und den sauberen Saalton an einen Laptop anschließen.
  • Ggf kann die Webcam auch als zusätzliches Raumklangmikro genutzt werden.
  • Die kostenlose Software OBS läuft unter Windows, Mac und Linux und bietet kostenlos die Funktionen einer kompletten TV-Regie. Eine oder mehrere Webcams, Videoeinspieler, Desktopaufnahmen, Bilder, Sounds, Mikros oder sogar Webseiten können abgemischt und direkt zu Facebook oder YouTube gestreamt werden. Für eine Ausspielung über die Gemeindewebsite empfiehlt sich YouTube, weil man den Live-Feed direkt als iframe in jede Website integrieren kann und die Zuschauer keinen Account brauchen, um den Livestream zu sehen. Auch kann man hinterher die Videos dauerhaft nachschauen und einfach verwalten.
  • Wichtig: Die Kameraperspektive so wählen, dass ein relevantes Bild gestreamt wird. Ggf kann man mit zwei Webcams arbeiten, um eine Großaufnahme (z.B. Prediger) und eine Totale der Gemeinde oder des liturgischen Raumes zu bieten.
  • Für die Zuschauer ist dabei ein verständlicher Ton das wichtigste, eine gute Beleuchtung das zweitwichtigste und eine super Videoauflösung nur das drittwichtigste. Also nicht als erstes in Profi-Kameras investieren, sondern zuerst Ton und Licht optimieren, dann kann oft auch eine einfache Kamera gute Bilder einfangen.
  • Ein stationärer DSL-Anschluss mit min 2-3Mbit/s Upload reicht für einen 720p-Stream. Für FullHD sollte man 5Mbit/s sicher stellen. 4K Livestreams sind für Gottesdienste nicht unbedingt nötig und belasten meist die Internetleitungen unnötig stark.

Richtig gut (Aufwand und Budget nach oben offen):

  • 1-3 Camcorder mit Schwenkstativen und Kameraperson können natürlich viel professioneller die perfekten Blickwinkel abdecken. Wichtig sind dabei die Gesichter der handelnden Personen (einheitliche Eyeline beachten), teilweise auch die ganzen Personen und bei Textlesung/Gebet auch liturgische Symbole wie Kreuz, Kerze, Bibel oder andere Dinge, die nicht vom Inhalt ablenken aber auch nicht die Person über den Inhalt stellen.
  • Ggf kann eine Remote-Cam helfen, auch ohne Zusatzpersonal mehrere Kameraperspektiven abbilden zu können.
  • Für den guten Ton kann man jedem Mitwirkenden ein Funkmikrofon anstecken oder ein Rednermikrofon auf einem Stativ nutzen. Für gut hörbaren Gemeindegesang, einen Chor oder eine Band sind mitunter Saalmikros hilfreich. All diese Kanäle sollte ein zusätzliches Audiomischpult zu einem guten Klang für die Aufnahme abmischen. Roland bietet AV-Mischpulte an, die Audio und Video in einem Gerät mischen und am Ende ein USB-Signal zum Stream ausgeben. Das kann dann wiederum über OBS oder ein Streaming-Device ins Netz gelangen.
  • Wer für die Zuschauer das abgefilmte Geschehen kommentieren möchte, sollte ein Kommentator-Mikrofon bereithalten. Ob das bei einem Gottesdienst nötig ist, hängt vom Format ab (z.B. könnte man übers Netz gesammelte Fürbitten bewusst vom Techniker einbringen lassen statt vom Liturgen.
  • Über OBS oder die Superimpose-Funktion des Videomischers können Namen und Textinfos als „Bauchbinden“ über PErsonen eingeblendet werden. Außerdem können Video-Einspieler, Vorspann, Nachspann, oder ein Gemeindelogo als Bug das Video aufhübschen. All das ist nicht nötig, macht aber einen runden Gesamteindruck aus und hilft den Online-Zuschauern ggf, sich stärker verbunden zu fühlen, wenn speziell für sie gestaltete Informationsclips vor und nach dem Livestream sie am Gemeindeleben teilhaben lassen.
  • Wie gesagt: Der Aufwand ist nach oben offen und beliebig skalierbar. Für eine Konferenz mit tausend Zuschauern wird man mehr investieren also für 10 Gottesdienst-Mitfeiernde. In manchen Situationen ist es wichtiger, überhaupt etwas anzubieten, als es perfekt zu inszenieren. Und das Wichtigste sind mitunter die inhaltlichen Kriterien, was wann warum mit wem geteilt wird, um welchen Effekt zu erziehlen. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Weitere Infos:

  • Die OnlineKirche (Erprobungsraum der EKM) bietet mehrere OnlineGottesdienste an, die unabhängig von Zeit und Ort, aber dennoch interaktiv gefeiert werden können.
  • Ggf werden Teile des Barcamp Kirche Online (ursprünglich geplant 2.-4. April in Dresden) online erfahrbar gemacht.
  • Techniklinks und Infotext als fertige Vorlage
  • Evt kann einigen das MEVO Kamera-Kit (ca 400 EUR) hilfreich sein, was ich aber nie getestet habe.

Kirchliche Medienkompetenz

Neulich wurde ich gefragt: „Was sollte sich in Sachen kirchliche Medienkompetenz in den nächsten fünf Jahren entwickeln?“ Daraufhin habe ich folgendes geantwortet:

Wir erleben, dass digitale Kommunikation in der Gesellschaft fest verankert ist. Menschen treffen sich weiterhin Face-to-Face, aber zwischen den Treffen bleiben sie medial in Kontakt. Und der virtuelle Austausch nimmt immer mehr Lebenszeit ein und prägt dadurch sehr stark, was Menschen denken, glauben und tun. Auf diese Form von Sozialleben sind wir als Kirche weitestgehend nicht gut vorbereitet.
Es wäre wichtig, dass wir schon in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Diakonen, Gemeindepädagogen und Jugendreferentinnen wert darauf legen, sie ganzheitlich – also auch digital – zu bilden. Das bedeutet einmal, dass sie praktisch mit aktuellen Tools umgehen können, sie ethisch bewerten und einordnen, welche Folgen ein Einsatz sowohl positiv als auch negativ hat, aber auch, dass sie die Kompetenz entwickeln, sich selber in neue Szenarien einzuarbeiten und für bestehende Problemfelder digitale Lösungen mitzudenken. Denn der Medienkanon wird sich alle paar Jahre verändern und nur die bisherigen und die aktuellen Medien zu kennen wird auf Dauer im Job nicht kompetent machen.
Aber nur Menschen, die mit einem weisen Überblick digitale Möglichkeiten für den Gemeindealltag nutzbar machen, können Gemeindemitglieder wirklich kompetent begleiten. Wie gehe ich mit Seelsorgeanfragen auf WhatsApp um? Welche Fotos kann ich bei Instagram ohne Genehmigung einstellen und welche Folgen hat es, wenn ich Jugendliche ermutige, ihre Künste über TikTok zu teilen. Chancen und Risiken kennen, abwägen und Menschen beraten kann nur, wer selbst souverän mit Medien umgeht. Weil nicht jeder Hauptamtliche alles wissen kann, braucht es Experten in Kirchenämtern, die schulen, beraten und in konkreten Fällen ansprechbar sind. Aber eine digitale Basisausbildung wird in Zukunft ähnlich wichtig sein, wie eine saubere Handschrift in den letzten 100 Jahren war.
Und das betrifft letztlich nicht nur Hauptamtliche, sondern auch Ehrenamtliche und Laien, weil mittlerweile jeder mit Medien umgeht und Medien produziert. Wer Kinderfotos veröffentlicht, sollte vorher über Bildrechte Minderjähriger nachdenken (wobei die Antwort durchaus unterschiedlich ausfallen darf!) und wer den eigenen (oder Fremden) Nachwuchs vor YouTube abstellt, um Zeit für andere Dinge zu haben, sollte zumindest im Blick haben, dass weniger kindgerechte Inhalte nur 2 Klicks entfernt warten. Medien sind keine Babysitter, sondern Tools, die man in der Erziehung von Kindern durchaus nutzen darf, ohne dadurch die Beziehungszeit zu kürzen.
Wenn also digitale Medien sowohl privat, als auch im Gemeindealltag, in der wissenschaftlichen, organisatorischen und öffentlichen Kommunikation unser Leben zu großen Teilen prägen, sollten wir sie auch in der Aus- und Weiterbildung entsprechend stark berücksichtigen. Es ist gut, wenn Pfarrpersonen theologisch immer wieder auf dem aktuellen Stand bleiben, sich methodisch weiterentwickeln und philosophisch immer tiefere Erkenntnisse gewinnen. Gleichzeitig brauchen sie ein Wissen über zeitgemäße mediale Formen, um diese Kompetenzen für sich und ihre Aufgaben anzuwenden. Das wird am Ende auch die Form und Qualität der Gottesdienste, der Konfirmandenarbeit und der Selbstorganisation beeinflussen und vielleicht sogar helfen, die steigende Burnoutgefahr zu mindern, weil ein weiser Umgang mit neuen Medien auch die Kompetenz umfasst, sich Ruhepausen und Rückzugsorte zu schaffen und eben nicht pausenlos erreichbar zu sein.

Gerade bin ich dabei, ein Modul zu gestalten, mit dem wir Studierende an der Ev. Hochschule Tabor an „Kunst, Kultur und Medien“ heranführen. In fünf Blöcken werden wir ein Semester lang darüber nachdenken, wie diese drei die Gemeindearbeit bereichern können.  Ich bin gespannt, ob es in den nächsten Jahren ähnliche Formate auch an anderen Ausbildungsstätten geben wird!

Geistliches Liedgut im Radiovergleich

Erik Flügges „Kirchenaustritte: Thesen für eine stabilere Kirche“ (20. Juli 2019, primär der vorletzte Absatz) motiviert mich, einen Vergleich christlicher Musik mit der Radiolandschaft zu posten, den ich schon länger im Kopf habe:

Wenn in der Kirche Lieder gesunden werden, geht es darum, Gott die Ehre zu geben und sich als Gemeinschaft der Glaubenden gegenseitig zu bestärken. Das gemeinsame Singen bringt zusammen, die durch Wiederholung ins Herz rutschenden Texte bilden auch in Wüstenzeiten einen Anker an geistlichen Grundwahrheiten und Gottesdienste werden interaktiver wahrgenommen (Ich-bin-beteiligt-Erfahrung). Doch oft scheiden sich am Musikgeschmack die Geister.

Klassische Landeskirchen bauen auf einem Liederbuch auf, das die Hochkultur der letzten Jahrhunderte konserviert. Wertvolle Lieder, die oft stilecht mit der Orgel begleitet werden. Luther würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass wir immer noch  eine Lieder singen, hatte er doch damals Tavernenmelodien umgedichtet, um nah am Volk zu sein. Gleichzeitig sind diese Lieder eine Art Best-Of, die sich über Generationen bewährt haben, weil sie Halt geben und in Krisen tragen.
Als Innovation wurde in den 70ern das moderne geistliche Liedgut entwickelt, dass ähnlich wie die Werke Luthers und Bachs konserviert wurde und daher für heutige Ohren auch nicht mehr wirklich neu klingt.
Bei Gospel und Taize-Gesängen kommt ein wenig Schwung auf, Kinderlieder bringen (erzwungene) Bewegung in den Gottesdienst, insgesamt bleibt es aber eine ernste und gesetzte Veranstaltung.

Junge Gemeinden und Freikirchen sind oft offener für moderne Lobpreismusik, die vom Songwriting her zumindest richtung 90er Jahre geht. Tatsächlich gelten viele der Lieder erst 20 Jahren als etabliert, wenn sie musikalisch eigentlich schon fast als Retro gelten könnten. Klassiker der deutschen Lobpreiskultur findet man in „Feiert Jesus“ Liederbüchern, gleichnamigen CDs oder ähnlichen Reihen. Hier den Überblick zu behalten ist allerdings schwierig und was für die eine Gemeinde aktuelle Hits sind, wird anderswo bereits als veraltet und uncool wahrgenommen. Für manche sind nur internationale Originale (Hillsong, Vineyard, Bethel Music, Rend Collective, …) wirklich hip, die möglichst exakt gecovert und mit Bandbesetzung inszeniert werden. Andere Gemeinden kopieren zwar die Musik, verpflichten sich aber zu deutschen Übersetzungen, die nicht selten unsingbar oder alternativ inhaltlich weit weg vom Original sind. Zudem kursieren von einigen Songs mehrere deutsche Versionen, weil Pioniergemeinden manchmal schneller übersetzen als Standardisierungsprozesse es verbreiten können.
Diese Lieder haben noch keine jahrhundertelange Wirkungsgeschichte, sprechen aber musikalisch in die Jetztzeit hinein. Entsprechend stark ist die emotionale Beziehung, die (junge) Menschen zu den Melodien aufbauen. Ob die Texte dieser Bindung gerecht werden, müsste man im Einzelfall analysieren, was ggf zu wenig geschieht, wenn man sich bewusst macht, dass Lobpreis viele Gottesdienstbesucher stärker prägt als die sauber formulierte Predigt.

Von Musikern und Künstlern schließlich wird Contemporary Worship oft dafür kritisiert, musikalisch zu anspruchslos, zu flach zu schlagerartig-vorhersehbar zu sein. Klar, jeder soll schnell mitsingen können, der Song soll in kleinen Gruppen und im Stadion funktionieren und am besten mit Wandergitarre oder großer Band gut klingen. Aber so wie der Musikmarkt sich ausdifferenziert, brauchen wir auch unterschiedliche moderne Stilrichtungen, um nah dran an den Menschen zu sein. Und wer lange genug sucht, findet das auch: Da gibt es jazzigere Interpretationen, Sambarhythmen, Techno-Worship, Swing- und Punk-Varianten Gott zu loben. Zwischen Filmorchester und HeavyMetal ist jede Stilrichtung auch im „post-modernen geistlichen Liedgut“ vertreten. Nur in den Gottesdiensten trauen sich viele Gemeinden nicht so ganz, mit innovativen Formen zu experimentieren. Zum einen, weil es mit Amateurmusikern nicht so einfach ist, eine wirklich hochwertige Umsetzung zu garaniteren, zum anderen, weil extremere Stilrichtungen stärker binden aber auch stärker abstoßen. Der klassische Klavier-und-Gitarre-mit-Cajon-lastige Lobpreisstil bringt wohl die meisten Generationen zusammen, wenn er auch für viele nur halbwegs passend ist.

Diese Erkenntnis hat mich schon vor einigen Jahren zu einem Vergleich gebracht, warum es gut ist, unterschiedliche Musikstile in christlichen Gottesdiensten zu fördern. Ich habe damals in Hessen gelebt und bin in den 90ern mit einer öffnetlich rechtlichen Radiolandschaft von vier Sendern aufgewachsen:

  • HR1 für gediegene Infos, Sport, niveauvolle aber massentaugliche Musik der letzten 50 Jahre.
  • HR2 für Klassik und niveauvolle Bildung, die wertvoll ist, aber oft eher sperrig wirkt.
  • HR3 als locker flockige moderne Unterhaltung mit viel Chartmusik und nebenbei eingestreuten Infos.
  • HR4 für Schlager- und Heimatfreunde mit harmonischen Wohlfühlklängen aus der „guten alten Zeit“ zur Selbstvergewisserung.

Ähnliche Aufteilungen gab es vermutlich in den meisten Regionen. In diesem Schema sind vermutlich die meisten landeskirchlichen Gottesdienste eher im HR2-Spektrum anzusiedeln, Kirchentagsbewegungen und Gemeindefeste tendieren eher zu HR4, moderne Landeskirchen und klassische Freikirchen eher zu HR1 und die innovativen Jugendbewegungen zu HR3. (Ich will damit niemandem zu nahe treten, jeder möge sich im Zweifel selber einordnen!)
Für die, denen das Spektrum insgesamt zu eng wurde, gab es das Privatradio FFH (die charismatischen Gemeinden?), das Radio der US-Streitkräfte AFN (internationale Missionsgemeinden?) oder das lokale Bürgerradio RUM (Teestubenbewegung?).
Gefühlt mitte der 90er Jahre startete ein weiterer ÖR Jugendsender für die, denen selbst HR3 zu konservativ war. Weitere Privatradios, neue Infokanäle und digitale Streamingdienste, die das Radiohören stark individualisiert haben kamen dazu. Heute lässt man sich meist das persönliche Musikprogramm gespickt mit den Lieblingspodcasts als Infoquelle vone inem Algorithmus zusammenstellen.

Ähnliches erleben wir auch im geistlichen Spektrum. Gerade im städtischen Bereich sucht man seinen Gottesdienst nicht mehr nach Denomination oder theologischen Positionen, sondern nach Uhrzeit und Musikstil aus. Mitunter ist auch ChurchHopping passend, wenn man sich nicht festlegen will und zwischendurch streamt man sich internationale Lobpreismusik auf die Couch. Einige besonders hippe Gemeinden werden mittlerweile nicht mehr um Starprediger, sondern um besondere Lobpreis-Pastoren gebildet. Insgesamt haben wir als Christenheit so die Möglichkeit, viele Menschen da abzuholen, wo sie stehen, haben aber gleichzeitig die Herausforderung, dass wir Menschen den Wert von genreübergreifender Gemeinschaft ganz neu vermitteln müssen. Es geht eben nicht nur darum, die für mich perfekt abgestimmte Musik zu finden, sondern darum, sich darauf einzulassen, am Fremden zu wachsen und die horizonterweiternde Begegnung über die reine Selbstverwirklichung zu stellen.

An der Stelle versagen viele Landeskirchen im Übersetzungsprozess, die beim Stadtfest den Posaunenkreis antreten lassen genauso wie Freikirchen, die das Worshipteam unmoderiert auf die Marktplatzbühne schicken.
Gute Ansätze sind christliche Musiker, die technisch so gut sind, dass sie im Jazzkeller jammen, beim Sommerfest Charthits covern und zwischendurch selbstgeschriebene Songs mit tiefgängigem aber anschlussfähigem Text darbieten. So kann Kirche mit hoher zeitgemäßer Kultur überzeugen und zum Gottesdienst einladen, wo solche Musiker aus geistlichen Liedern aller Zeiten individuell passende Kunstwerke zur Ehre Gottes machen. Da darf die Orgel, das Schlagzeug und der Synthesizer gemeinsam mit Klavier und E-Gitarre oder Bongo und Querflöte erklingen und das Xylophon mit der Melodika und dem Akkordeon zwischen den Radiosendern und den individuellen Erfahrungswelten der Gemeindeglieder switchen. Wenn das gut gemacht, kreativ-liebevoll und mit geistlichem Blick einen Gottesdienst rahmt, wird er vielleicht einen ähnlichen Effekt haben, den Bachs Choräle und Luthers Tavernenlieder in ihrer Zeit hatten.

BTW, um nochmal auf Flügge einzugehen: Ich glaube, es braucht dann gar keine Liederbücher mehr, sondern digital vernetzte Liederdatenbanken und juristisch sowie pragmatisch geregelte flexible Anzeigemöglichkeiten. Egal ob das Monitore, Leinwände, Tablets oder Liedzettel sind.