Alle Beiträge von Karsten Kopjar

Serie: Dispatches from Elsewhere

Eine skurrile Mischung aus Escape Room, LARP, Monty Python und Gruppentherapie mit einem historischen Hintergrund.

Die Serie ist keine leichte Kost, aber große Filmkunst. Retrostil mit futuristischen Elementen, Slapstick, Meta-Kommentar, Zeitbrüchen, Selbstironie, Philosophie, einer großen Portion Kreativismus und einem Hauch Science Fiction.
Auf der Metaebene betrachten wir die Innenwahrnehmung der vier Hauptpersonen in psychotherapeutischer Art mit noetischem Anklang. Gleichzeitig zeigt die Storyline ein aufwändiges Parallelwelt-„Spiel“, das als Schnitzeljagt mit Alternativ Reality-Elementen provoziert und herausfordert.

In 10 Episoden erfährt man immer mehr Details, die teilweise die Gesamtdeutung des Geschichte fundamental verändern und aufklären oder verwirren. Dabei geht die Serie sparsam mit Trickeffekten um und verzichtet auf übertriebenen Einsatz von Horror, Gewalt oder Sexualität. Die Spannung wird ganz klassisch durch Informationsmangel und das Begleiten der Charaktäre in ihrer persönlichen Entwicklung erzeugt. Dabei wechseln die Realitätsebenen mehrfach, was zumindest mich fasziniert hat.
Keine Serie für jeden, aber wenn man erstmal drin ist mit hohem Suchtpotential!

Spannend auch die Information, dass ein ähnliches „Alternate-Reality-Spiel“ des Künstlers Jeff Hull tatsächlich 2008 in San Francisco stattgefunden haben soll. Wie wäre es, eine Art Rollenspiel als Mischung aus Geocaching, ActionBound und Schnitzeljagd in physischen Städten aufzubauen. Vielleicht als (religions)pädagogisches Konzept, vielleicht als alternative Sommerfreizeit, vielleicht touristisch oder einfach nur als Kunstprojekt. Ein leerstehendes Geschäft als Rekrutierungs-Center einrichten, in verschiedenen Geschäften, Bars, Museen Hinweise verstecken und die Teilnehmer*innen durch unbekannte Straßen lotsen, während sie sich selbst, die eigene Kreativität und ihr Team kennen lernen. Sicherlich sind die aufwändigen Inszenierungen der Serie ohne millionenschwere Sponsoren nicht umzusetzen, aber eine Light-Version könnte dennoch fesselnd sein. Falls jemand sowas plant: Ich wäre gerne dabei!

Upload (Serie)

Aktuell gibt es unglaublich viele aktuelle Filme und Serien, die das Thema Digitalisierung, VR und gesellschaftliche Folgen thematisieren. Diese Woche habe ich auf Amazon Prime die locker-spaßige Familienkomödie „Upload“ gesehen und kann aus medientheologischer Sicht die Serie weiterstgehend empfehlen.

Es geht um „Heaven“, eine VR in die man sich hochladen kann, kurz bevor man stirbt, um dort „ewig leben“ zu können. Je nach Budget im Design eines Sanatoriums oder eines Wellness-Hotels. Die Uploads können eigenständig handeln, miteinander interagieren oder sogar per Video-Telefon mit lebendigen Menschen im Gespräch sein – solange ein Hinterbliebener die monatliche Rechnung bezahlt. Die religiöse Vorstellung, seine Liebsten wiederzusehen und wieder vereint zu sein scheint so also erfüllt, wobei diese himmlishce VR weit weg vom Paradies ist. Auf der einen Seite ist es ein begrenzter Rahmen in dem die Avatare handeln, auf der anderen Seite sind sie komplett abhängig von einer Firma, die ihnen jederzeit den Stecker ziehen oder sie herabstufen kann. Und dass sich in der Serie ein Upload in eine Servicetechnikerin verliebt – während unklar ist, ob er ermordet oder bewusst ins digitale Nirvana verschoben wurde, – zeigt, wie stark es dort auch „menschelt“. Gott oder eine höhere Instanz, die Gerechtigkeit schafft oder ewige Glückseligkeit gibt es nicht. So bleibt dieser filmische Himmel ein irdisch Ding. Immerhin wird ein Mann gezeigt, der bewusst „sterben“ möchte (statt sich uploaden zu lassen), um lieber im religiösen Himmel (an den sonst keiner mehr glaubt) mit seiner verstorbenen Frau vereint zu sein als in der VR auf seine noch lebende Tochter zu warten. Gezeigt wird also eine rational atheistische Welt in der religiöse Menschen eher belächelt werden. Spannend aber, dass so viele religiöse Aspekte (Kapelle, Beerdigung, Himmel & Hölle, Engel, Auferstehung, Gebete, Ablass, Versuchung) genutzt werden, weil man sich das Leben nach dem Tod scheinbar doch nicht ohne diese Bilder vorstellen kann.

Die 10x 30min hat man schnell durchgeschaut. Lockere Gags unterhalten gut, die Kapitalismuskritik trifft, auch wenn die dargestellten Sicherheitsprozesse eines MultimillionenDollar-Unternehmens nicht recht überzeugen wollen. Vom Spannungsbogen scheint die erste Steffel eher eine lange Exposition zu sein, die Charaktäre einführt und Probleme aufzeigt, diese leider am Ende aber nicht auflöst. Von daher war ich 5 Stunden lang gefesselt und am Ende enttäuscht. Ob oder wann eine zweite Staffel in Planung ist, ist noch offen (Prognosen erwarten sie Ende 2021). Wünschen würde ich es mir, um die losen Enden in meinem Kopf zu einem Abschluss zu bringen und aus der Wartestarre aufzuwachen. Und für zukünftige Staffeln bzw andere Serien würde ich mir wünschen, dass sie gerne mit dem Ausblick auf Folgestaffeln enden, aber zentrale Fragen der Erzähllogik der Staffel zum Abschluss führen (sehr gut hat das z.B. „Westworld“ St2 gelöst, „Dark“ St2 war fast schon zu extrem finde ich!). Denn jede ungeklärte Frage lässt frustrierte Zuschauer zurück und erschwert es, sich auf die neue Staffel einzulassen. Das würde mich auf lange Sicht dazu bringen, solche Serien komplett zu meiden.

#RPremote – ein kurzes recap

re:ublica, das bedeutet drei volle Tage mit tausenden von Menschen bei hunderten von Veranstaltungen in der „Station“ Berlin. Oft gemeinsames Treffen am Vorabend mit #DigitaleKirche und Freunden und das Kennenlernen zahlreicher neuer Leute. Dieses Jahr war so einiges anders. Ein Rückblick.

Schon allein die Anreise war viel kürzer. Mit Hausschuhen aus der Küche zum Schreibtisch statt mehrere Stunden im Zug. Keine Hotelbuchung, aber auch kein Meetup am Vorabend und keine zufälligen Frühstücksbekanntschaften. Erste Erkenntnis: Vorfreude gehört dazu! Vielleicht sollte ich die nächste virtuelle Großveranstaltung doch schon bewusst am Vorabend beginnen?!
Zwischendurch saß ich mit Picknickdecke im Park, während ich auf zwei Devices die Konferenz verfolgt habe, dann wieder am großen Monitor am Schreibtisch. Vorteile der digitalen Möglichkeiten!

Vieles war bei der #rp20 viel kürzer. Die Einlassschlangen wurden durch eine überlastete Website adequat nachempfungen, aber ein Direktlink zu YouTube half, doch noch in alle (!) Veranstaltungen rein zu kommen. Ein echter Vorteil. Kurze Wege und keine verschlossenen Türen. ASAP1 war auch immer auf die Minute pünktlich, leider die anderen „Bühnen“ (ASAP2, re:work) nicht so, eine geplante Veranstaltung musste ich also wegen Verspätung skippen. Aber insgesamt war es ein voller und runder Tag. Aber eben nur einer statt drei. Das nimmt die typische Dramaturgie (1. Tag viele Sessions, 2. Tag weniger Sessions & mehr Treffen, 3. Tag kaum noch Sessions & Zufallsbegegnungen). Aber auch in den 12h gab es (für mich) alle drei Teile:

Hanno hat für die digitale Kirchenblase einen Meetingraum bereit gestellt. Gefühlt saß ich da die meiste Zeit auf einer gemütlichen Ledercouch und hab mit Freunden geredet (auch wenn erstaunlich wenige der „üblichen Verdächtigen“ dabei waren!). Zwischendurch konnte man sogar dort sitzen bleiben, während man auf einem SecondScreen ein Event besucht hat. Etwas skurril war nur, wenn mehrere Leute Kommentare zu unterschiedlichen Bühnen gegeben haben oder sich tiefere Gespräche ergaben, während man auf dem anderen Ohr einem spannenden Sprecher lauschen wollte. Für Zufallsbegegnungen gab es vom Veranstalter den „Hof“ als Zoom-Konferenz. Dort konnte man zusammenkommen und mit Leuten über triviales reden, was oft auch persönlich oder relevant wurde und zumindest nah dran war am Gewusel des physischen Hof-Erlebens. Mit 100 Leuten in einem Raum nimmt man einzelne kaum wahr, aber gegen später beim Beerpong in kleiner Runde wurde es dann sogar richtig innovativ…

An die Inhalte erinnere ich mich diesmal irgendwie weniger als sonst. Komisch, weil man ja denken könnte, Inhaltsvermittlung gehe online besser als Atmosphäre. Vielleicht liegt es daran, dass die Sessions auf 30min gekürzt wurden (oft mit 30min DeepDive hinterher für Interessierte). Das Screen Design war eine Mischung aus 90er-Jahre Website und TV-Studio mit bunter Laufschrift und Twitter-Einblendungen. Im News-Stil wurden die Speaker angekündigt und die Übergänge waren rund.
Es ging, um mögliche Learnings aus der Coronakrise für die Klimakrise und die Frage, nach effektiver Teamarbeit ohne physischen Kontakt. Um die Unterscheidung zwischen sofort-Themen und langfristiger Entwicklung, den WirVSVirus-Hackathon und die Systemrelevanz von Kultur. Resümieren über technische Entwicklungen des Internets, von Schule und Bildung sowie die Corona-App. Durch die Kürze hatte ich den Eindruck, dass die Redner*innen oft nur die Projektvorstellung bzw. Einleitung in komplexe Themen geschafft haben und die Anwendung oder Vertiefung fehlte. Da würde ich in Zukunft Mut machen, wieder auf längere Formate zu setzen, um mehr Komplexität zu ermöglichen.

Hinterher kam nicht die stundenlange Heimfahrt, was cool ist, aber auch den gedanklichen Transfer verhindert. Keine Zeit zum Runterfahren, zum Reflektieren, als Übergang in den Alltag. Am nächsten Tag Büro als wäre nichts gewesen. Immerhin kann man die verpassten Sessions (demnächst) in der Mediathek nachschauen, wie man das von der physischen re:publica gewohnt ist. Mein Eindruck ist, dass dieses Event (mit den genannten Einschränkungen) richtig gut gelungen ist, aber ich als Teilnehmer noch lernen muss, ein digitales Event noch stärker als solches wahrzunehmen. Ich vermute, dass einige Kolleg*innen und Freunde gerade deshalb nicht dabei waren: Wenn Familie und Kinder zu Hause drängeln oder Kollegen an die Tür klopfen, kann man sich nicht so leicht aus dem Flow rausziehen als wenn man wirklich in einer anderen Stadt ist. Trotz Virtualisierungstechnologie müssen wir uns immer noch entscheiden, an welchem Ort wir gerade wie intensiv sein wollen.

Digitale Socials – zwischen Spielerunde und Whisky-Tasting

Können wir trotz physischem Kontaktverbot persönliche Gemeinschaftserfahrungen machen? Wie können wir Freunde treffen und neue Menschen kennen lernen, wenn man sich nicht zufällig treffen kann?

In den letzten Wochen habe ich viele Experimente gemacht, wie Gemeinschaft im Internet funktionieren kann. Hier möchte ich ein paar Ideen kurz skizzieren. Wer über Details fachsimpeln möchte, kann mich gerne kontaktieren 🙂
Bei den Aktionen war mir immer wichtig, dass sie möglichst barrierefrei sind, also nicht von bestimmter Software abhängig sind. Pragmatisch habe ich allerdings meist „Zoom“ genutzt, weil die Usability da einfach gepasst hat. Überall wo Zoom steht, kann man aber auch GotoMeeting, Skype, Teams, BBB oder Jitsi ausprobieren…

Über Zoom kann man Spiele spielen. Am enfachsten, wenn es keine geheimen Handkarten oder Nachziehstapel gibt. Alle sozialen Spiele wie „Die Werwölfe vom Düsterwald“ (am Anfang im Privatchat Charaktäre zuweisen, danach spielen wie normal) oder „StadtLandFluss“ sind einfach umzusetzen. Aber auch „Uno“ geht, wenn alle Mitspieler ein eigenes Kartendeck haben. Etwas anspruchsvoller ist es, eine Runde „Skat“ zu organisieren. Dabei muss eine vierte Person die 32 Karten bei sich verteilen und die Mitspieler per Privatchat informieren. Dann kann jeder haptisch diese 10 Karten auf die Hand nehmen. Effektive Runden nutzen alternativ eine Online-App, aber meine Erfahrung ist, dass gerade die unproduktiven Wartezeiten gute Gespräche und Gemeinschaft ermöglichen. Wer mehr Aufwand betreiben will, kann auch versuchen, Brettspiele oder P&P-Rollenspiele online zu spielen. Sobald man eine Spielleitung investiert und die Mitspieler das benötigte Material haben, ist nahezu alles möglich.
*Edit* Nicht zu vergessen sind Tools wie www.horsepaste.com (Codenames online), skribbl.io (Montagsmaler), m.brettspielwelt.de (zahlreiche Brettspiele online umgesetzt) oder klassische Multiplayer-Konsolenspiele, die gerne mit Discord-Server, Telefonverbindung oder Zoom-Call kombiniert werden. *Ende Edit*

Über Zoom kann man Freunde treffen. Egal ob einfach so zum Reden, Mentoring, Seelsorge, Gottesdienst, Teammeeting oder zum philosophischen Kreis, Lesezirkek, Kochgruppe, …
Wichtig ist, dass bei großen Gruppen oder lautem Hintergrund alle Teilnehmer die Mikrofone stumm schalten und nur an machen, wenn sie etwas sagen wollen. Wir haben in verschiedenen Besetzungen zusammen gekocht, gefrühstückt, getrunken, getanzt, gebetet und gefachsimpelt. Mein Tipp: Plant vorher, worum es geht, damit keine falschen Erwartungen entstehen, aber bleibt offen, wenn im Moment etwas anderes dran ist.

dezentrales Whisky-Tasting

Auch eine Verbindung aus Fortbildung und Gemeinschaft ist möglich. Wir haben ein „dezentrales Whiskytasting“ eingeführt, bei dem die Teilnehmer sich vorher anmelden, per Post die abgefüllten Probierflaschen zugeschickt bekommen und dann zur festgelegten Zeit gemeinsam verkosten. In unserer Gruppe kam der Wunsch auf, ein BlindTasting zu machen, also erst nach dem Probieren aufzulösen, was man gerade getrunken hat. Bei mehr als 10 Personen empfielt sich das Verkosten Kleingruppen (Zoom Breakout-Sessions). Danach dann die Auflösung und Austausch als Gesamtgruppe. Je Gang muss man 20-30min rechnen und am Anfang sollte sich jeder zumindest kurz vorstellen, damit die Gruppe sich finden kann.
Das nächste Tasting mit sechs hochwertigen Whiskys (meist schottische SingleMalt, aber auf Wunsch der Gruppe auch internationale Varianten) findet am Sa 23.5.2020 statt (mehr Informationen). Wer dazu kommen möchte, kann sich bis 16. Mai bei mir anmelden.

Berührungslose Tanz-Partys, Impro-Theater, VirtualChoir, Beer-Pong, SpeedDating. Viele digitale Events sind vorstellbar. Wichtig ist, dass man in der Krise nicht sagt, „Doof dass XY nicht möglich ist!“, sondern dass man sich überlegt, wie XY unter den gegebenen Umständen anteilig erlebbar wird. Und dabei darf man auch die klassischen Medien nutzen. Mit dem Telefon statt Computer kann man bei Webinaren spazieren gehen. Einfach mal ein Buch lesen und nicht digital vernetzt sein, ist auch erlaubt. Finde heraus, welche Gemeinschaftsbedürfnisse du hast und welches Tool dir helfen kann, sie zu stillen. Und sprich mit anderen Menschen darüber, was auch für die passt, denn Gemeinschaft hat immer was mit mehreren Personen zu tun 🙂

Gottesdienst-Live-Streaming kann ganz einfach sein

Durch die aktuelle Infektionsgefahr werden immer mehr Veranstaltungen abgesagt und Menschen mit erhöhtem Risiko zögern auch oft, zum Gottesdienst zu gehen. Daher habe ich mich kurzfristig bereit erklärt, im ersten Online-Barcamp der Initiative „GottDigital“ eine digitale Session zu dem Thema Gottesdienst-Livestream zu halten, die ich hier aufbereite.

Disclaimer: Es ging dabei primär um technische Hürden. Die Frage, ob man nur die Predigt oder das gesamte Programm streamen möchte, ob Live oder Aufnahme besser passt und wie man Interaktion und Online-Gemeinschaft erzeugen kann, war nicht unser Thema. Dazu wird sicherlich demnächst ein ergänzender Beitrag der OnlineKirche folgen.

Außerdem verweise ich jetzt schon auf den guten Beitrag von Christoph Breit, der das Thema für die ELKB durchdacht hat.

Quick & Dirty (für spontane Notfälle und ohne Budget):

  • Fixiere dein Handy auf einem Stativ und streame direkt via Facebook/Insta-live. Das geht ohne große Vorbereitung direkt über die App (YouTube streamt nicht ohne weiteres vom Handy)
  • Nutze ggf einen Laptop, um parallel mit den Zuschauern zu interagieren. Zuschauer begrüßen, Fragen beantworten oder bei Problemen unterstützen ist hilfreich und vermeidet Frust. Das sollte man nicht mit dem Device machen, das gerade streamt, sondern besser mit einem zweiten Gerät (Facebook im Browser vom Laptop aus)
  • Als Upgrade kann man ein Mikrofon oder den Masterausgang des lokalen Audiomischers per Klinkekabel anschließen, um nicht die Umgebungsgeräusche des Smartphones aufzunehmen.
  • Gemeinden für die, das DSGEKD gilt, können sich auf §53 berufen, der das Streamen von Gottesdiensten nach vorheriger Information der Gemeinde erlaubt. Ein deutliches Schild am Eingang und ein Hinweis in der Begrüßung sollten dabei hinreichend sein. Fairerweise sollte man Besucher vor Ort dennoch informieren, wo sie mehr/ weniger/ gar nicht im Bild sind.
  • Für einen Stream mit mobilen Daten sollte man UMTS oder LTE nutzen und 1-2GB Datenvolumen (oder stabiles WLAN) zur Verfügung haben. Ggf sollte man sich informieren, wie man kurzfristig neues Volumen dazubuchen kann, um Lücken zu vermeiden. Auch ein Netzteil zur Stromversorgung hilft, Abbrüche zu vermeiden.

Etwas besser (mit Vorbereitung und kleinem Budget):

  • Wer ein wenig Zeit zur Vorbereitung hat, kann eine einfache USB-Webcam (FullHD reicht aus) und den sauberen Saalton an einen Laptop anschließen.
  • Ggf kann die Webcam auch als zusätzliches Raumklangmikro genutzt werden.
  • Die kostenlose Software OBS läuft unter Windows, Mac und Linux und bietet kostenlos die Funktionen einer kompletten TV-Regie. Eine oder mehrere Webcams, Videoeinspieler, Desktopaufnahmen, Bilder, Sounds, Mikros oder sogar Webseiten können abgemischt und direkt zu Facebook oder YouTube gestreamt werden. Für eine Ausspielung über die Gemeindewebsite empfiehlt sich YouTube, weil man den Live-Feed direkt als iframe in jede Website integrieren kann und die Zuschauer keinen Account brauchen, um den Livestream zu sehen. Auch kann man hinterher die Videos dauerhaft nachschauen und einfach verwalten.
  • Wichtig: Die Kameraperspektive so wählen, dass ein relevantes Bild gestreamt wird. Ggf kann man mit zwei Webcams arbeiten, um eine Großaufnahme (z.B. Prediger) und eine Totale der Gemeinde oder des liturgischen Raumes zu bieten.
  • Für die Zuschauer ist dabei ein verständlicher Ton das wichtigste, eine gute Beleuchtung das zweitwichtigste und eine super Videoauflösung nur das drittwichtigste. Also nicht als erstes in Profi-Kameras investieren, sondern zuerst Ton und Licht optimieren, dann kann oft auch eine einfache Kamera gute Bilder einfangen.
  • Ein stationärer DSL-Anschluss mit min 2-3Mbit/s Upload reicht für einen 720p-Stream. Für FullHD sollte man 5Mbit/s sicher stellen. 4K Livestreams sind für Gottesdienste nicht unbedingt nötig und belasten meist die Internetleitungen unnötig stark.

Richtig gut (Aufwand und Budget nach oben offen):

  • 1-3 Camcorder mit Schwenkstativen und Kameraperson können natürlich viel professioneller die perfekten Blickwinkel abdecken. Wichtig sind dabei die Gesichter der handelnden Personen (einheitliche Eyeline beachten), teilweise auch die ganzen Personen und bei Textlesung/Gebet auch liturgische Symbole wie Kreuz, Kerze, Bibel oder andere Dinge, die nicht vom Inhalt ablenken aber auch nicht die Person über den Inhalt stellen.
  • Ggf kann eine Remote-Cam helfen, auch ohne Zusatzpersonal mehrere Kameraperspektiven abbilden zu können.
  • Für den guten Ton kann man jedem Mitwirkenden ein Funkmikrofon anstecken oder ein Rednermikrofon auf einem Stativ nutzen. Für gut hörbaren Gemeindegesang, einen Chor oder eine Band sind mitunter Saalmikros hilfreich. All diese Kanäle sollte ein zusätzliches Audiomischpult zu einem guten Klang für die Aufnahme abmischen. Roland bietet AV-Mischpulte an, die Audio und Video in einem Gerät mischen und am Ende ein USB-Signal zum Stream ausgeben. Das kann dann wiederum über OBS oder ein Streaming-Device ins Netz gelangen.
  • Wer für die Zuschauer das abgefilmte Geschehen kommentieren möchte, sollte ein Kommentator-Mikrofon bereithalten. Ob das bei einem Gottesdienst nötig ist, hängt vom Format ab (z.B. könnte man übers Netz gesammelte Fürbitten bewusst vom Techniker einbringen lassen statt vom Liturgen.
  • Über OBS oder die Superimpose-Funktion des Videomischers können Namen und Textinfos als „Bauchbinden“ über PErsonen eingeblendet werden. Außerdem können Video-Einspieler, Vorspann, Nachspann, oder ein Gemeindelogo als Bug das Video aufhübschen. All das ist nicht nötig, macht aber einen runden Gesamteindruck aus und hilft den Online-Zuschauern ggf, sich stärker verbunden zu fühlen, wenn speziell für sie gestaltete Informationsclips vor und nach dem Livestream sie am Gemeindeleben teilhaben lassen.
  • Wie gesagt: Der Aufwand ist nach oben offen und beliebig skalierbar. Für eine Konferenz mit tausend Zuschauern wird man mehr investieren also für 10 Gottesdienst-Mitfeiernde. In manchen Situationen ist es wichtiger, überhaupt etwas anzubieten, als es perfekt zu inszenieren. Und das Wichtigste sind mitunter die inhaltlichen Kriterien, was wann warum mit wem geteilt wird, um welchen Effekt zu erziehlen. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Weitere Infos:

  • Die OnlineKirche (Erprobungsraum der EKM) bietet mehrere OnlineGottesdienste an, die unabhängig von Zeit und Ort, aber dennoch interaktiv gefeiert werden können.
  • Ggf werden Teile des Barcamp Kirche Online (ursprünglich geplant 2.-4. April in Dresden) online erfahrbar gemacht.
  • Techniklinks und Infotext als fertige Vorlage
  • Evt kann einigen das MEVO Kamera-Kit (ca 400 EUR) hilfreich sein, was ich aber nie getestet habe.

Kirchliche Medienkompetenz

Neulich wurde ich gefragt: „Was sollte sich in Sachen kirchliche Medienkompetenz in den nächsten fünf Jahren entwickeln?“ Daraufhin habe ich folgendes geantwortet:

Wir erleben, dass digitale Kommunikation in der Gesellschaft fest verankert ist. Menschen treffen sich weiterhin Face-to-Face, aber zwischen den Treffen bleiben sie medial in Kontakt. Und der virtuelle Austausch nimmt immer mehr Lebenszeit ein und prägt dadurch sehr stark, was Menschen denken, glauben und tun. Auf diese Form von Sozialleben sind wir als Kirche weitestgehend nicht gut vorbereitet.
Es wäre wichtig, dass wir schon in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Diakonen, Gemeindepädagogen und Jugendreferentinnen wert darauf legen, sie ganzheitlich – also auch digital – zu bilden. Das bedeutet einmal, dass sie praktisch mit aktuellen Tools umgehen können, sie ethisch bewerten und einordnen, welche Folgen ein Einsatz sowohl positiv als auch negativ hat, aber auch, dass sie die Kompetenz entwickeln, sich selber in neue Szenarien einzuarbeiten und für bestehende Problemfelder digitale Lösungen mitzudenken. Denn der Medienkanon wird sich alle paar Jahre verändern und nur die bisherigen und die aktuellen Medien zu kennen wird auf Dauer im Job nicht kompetent machen.
Aber nur Menschen, die mit einem weisen Überblick digitale Möglichkeiten für den Gemeindealltag nutzbar machen, können Gemeindemitglieder wirklich kompetent begleiten. Wie gehe ich mit Seelsorgeanfragen auf WhatsApp um? Welche Fotos kann ich bei Instagram ohne Genehmigung einstellen und welche Folgen hat es, wenn ich Jugendliche ermutige, ihre Künste über TikTok zu teilen. Chancen und Risiken kennen, abwägen und Menschen beraten kann nur, wer selbst souverän mit Medien umgeht. Weil nicht jeder Hauptamtliche alles wissen kann, braucht es Experten in Kirchenämtern, die schulen, beraten und in konkreten Fällen ansprechbar sind. Aber eine digitale Basisausbildung wird in Zukunft ähnlich wichtig sein, wie eine saubere Handschrift in den letzten 100 Jahren war.
Und das betrifft letztlich nicht nur Hauptamtliche, sondern auch Ehrenamtliche und Laien, weil mittlerweile jeder mit Medien umgeht und Medien produziert. Wer Kinderfotos veröffentlicht, sollte vorher über Bildrechte Minderjähriger nachdenken (wobei die Antwort durchaus unterschiedlich ausfallen darf!) und wer den eigenen (oder Fremden) Nachwuchs vor YouTube abstellt, um Zeit für andere Dinge zu haben, sollte zumindest im Blick haben, dass weniger kindgerechte Inhalte nur 2 Klicks entfernt warten. Medien sind keine Babysitter, sondern Tools, die man in der Erziehung von Kindern durchaus nutzen darf, ohne dadurch die Beziehungszeit zu kürzen.
Wenn also digitale Medien sowohl privat, als auch im Gemeindealltag, in der wissenschaftlichen, organisatorischen und öffentlichen Kommunikation unser Leben zu großen Teilen prägen, sollten wir sie auch in der Aus- und Weiterbildung entsprechend stark berücksichtigen. Es ist gut, wenn Pfarrpersonen theologisch immer wieder auf dem aktuellen Stand bleiben, sich methodisch weiterentwickeln und philosophisch immer tiefere Erkenntnisse gewinnen. Gleichzeitig brauchen sie ein Wissen über zeitgemäße mediale Formen, um diese Kompetenzen für sich und ihre Aufgaben anzuwenden. Das wird am Ende auch die Form und Qualität der Gottesdienste, der Konfirmandenarbeit und der Selbstorganisation beeinflussen und vielleicht sogar helfen, die steigende Burnoutgefahr zu mindern, weil ein weiser Umgang mit neuen Medien auch die Kompetenz umfasst, sich Ruhepausen und Rückzugsorte zu schaffen und eben nicht pausenlos erreichbar zu sein.

Gerade bin ich dabei, ein Modul zu gestalten, mit dem wir Studierende an der Ev. Hochschule Tabor an „Kunst, Kultur und Medien“ heranführen. In fünf Blöcken werden wir ein Semester lang darüber nachdenken, wie diese drei die Gemeindearbeit bereichern können.  Ich bin gespannt, ob es in den nächsten Jahren ähnliche Formate auch an anderen Ausbildungsstätten geben wird!

Geistliches Liedgut im Radiovergleich

Erik Flügges „Kirchenaustritte: Thesen für eine stabilere Kirche“ (20. Juli 2019, primär der vorletzte Absatz) motiviert mich, einen Vergleich christlicher Musik mit der Radiolandschaft zu posten, den ich schon länger im Kopf habe:

Wenn in der Kirche Lieder gesunden werden, geht es darum, Gott die Ehre zu geben und sich als Gemeinschaft der Glaubenden gegenseitig zu bestärken. Das gemeinsame Singen bringt zusammen, die durch Wiederholung ins Herz rutschenden Texte bilden auch in Wüstenzeiten einen Anker an geistlichen Grundwahrheiten und Gottesdienste werden interaktiver wahrgenommen (Ich-bin-beteiligt-Erfahrung). Doch oft scheiden sich am Musikgeschmack die Geister.

Klassische Landeskirchen bauen auf einem Liederbuch auf, das die Hochkultur der letzten Jahrhunderte konserviert. Wertvolle Lieder, die oft stilecht mit der Orgel begleitet werden. Luther würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass wir immer noch  eine Lieder singen, hatte er doch damals Tavernenmelodien umgedichtet, um nah am Volk zu sein. Gleichzeitig sind diese Lieder eine Art Best-Of, die sich über Generationen bewährt haben, weil sie Halt geben und in Krisen tragen.
Als Innovation wurde in den 70ern das moderne geistliche Liedgut entwickelt, dass ähnlich wie die Werke Luthers und Bachs konserviert wurde und daher für heutige Ohren auch nicht mehr wirklich neu klingt.
Bei Gospel und Taize-Gesängen kommt ein wenig Schwung auf, Kinderlieder bringen (erzwungene) Bewegung in den Gottesdienst, insgesamt bleibt es aber eine ernste und gesetzte Veranstaltung.

Junge Gemeinden und Freikirchen sind oft offener für moderne Lobpreismusik, die vom Songwriting her zumindest richtung 90er Jahre geht. Tatsächlich gelten viele der Lieder erst 20 Jahren als etabliert, wenn sie musikalisch eigentlich schon fast als Retro gelten könnten. Klassiker der deutschen Lobpreiskultur findet man in „Feiert Jesus“ Liederbüchern, gleichnamigen CDs oder ähnlichen Reihen. Hier den Überblick zu behalten ist allerdings schwierig und was für die eine Gemeinde aktuelle Hits sind, wird anderswo bereits als veraltet und uncool wahrgenommen. Für manche sind nur internationale Originale (Hillsong, Vineyard, Bethel Music, Rend Collective, …) wirklich hip, die möglichst exakt gecovert und mit Bandbesetzung inszeniert werden. Andere Gemeinden kopieren zwar die Musik, verpflichten sich aber zu deutschen Übersetzungen, die nicht selten unsingbar oder alternativ inhaltlich weit weg vom Original sind. Zudem kursieren von einigen Songs mehrere deutsche Versionen, weil Pioniergemeinden manchmal schneller übersetzen als Standardisierungsprozesse es verbreiten können.
Diese Lieder haben noch keine jahrhundertelange Wirkungsgeschichte, sprechen aber musikalisch in die Jetztzeit hinein. Entsprechend stark ist die emotionale Beziehung, die (junge) Menschen zu den Melodien aufbauen. Ob die Texte dieser Bindung gerecht werden, müsste man im Einzelfall analysieren, was ggf zu wenig geschieht, wenn man sich bewusst macht, dass Lobpreis viele Gottesdienstbesucher stärker prägt als die sauber formulierte Predigt.

Von Musikern und Künstlern schließlich wird Contemporary Worship oft dafür kritisiert, musikalisch zu anspruchslos, zu flach zu schlagerartig-vorhersehbar zu sein. Klar, jeder soll schnell mitsingen können, der Song soll in kleinen Gruppen und im Stadion funktionieren und am besten mit Wandergitarre oder großer Band gut klingen. Aber so wie der Musikmarkt sich ausdifferenziert, brauchen wir auch unterschiedliche moderne Stilrichtungen, um nah dran an den Menschen zu sein. Und wer lange genug sucht, findet das auch: Da gibt es jazzigere Interpretationen, Sambarhythmen, Techno-Worship, Swing- und Punk-Varianten Gott zu loben. Zwischen Filmorchester und HeavyMetal ist jede Stilrichtung auch im „post-modernen geistlichen Liedgut“ vertreten. Nur in den Gottesdiensten trauen sich viele Gemeinden nicht so ganz, mit innovativen Formen zu experimentieren. Zum einen, weil es mit Amateurmusikern nicht so einfach ist, eine wirklich hochwertige Umsetzung zu garaniteren, zum anderen, weil extremere Stilrichtungen stärker binden aber auch stärker abstoßen. Der klassische Klavier-und-Gitarre-mit-Cajon-lastige Lobpreisstil bringt wohl die meisten Generationen zusammen, wenn er auch für viele nur halbwegs passend ist.

Diese Erkenntnis hat mich schon vor einigen Jahren zu einem Vergleich gebracht, warum es gut ist, unterschiedliche Musikstile in christlichen Gottesdiensten zu fördern. Ich habe damals in Hessen gelebt und bin in den 90ern mit einer öffnetlich rechtlichen Radiolandschaft von vier Sendern aufgewachsen:

  • HR1 für gediegene Infos, Sport, niveauvolle aber massentaugliche Musik der letzten 50 Jahre.
  • HR2 für Klassik und niveauvolle Bildung, die wertvoll ist, aber oft eher sperrig wirkt.
  • HR3 als locker flockige moderne Unterhaltung mit viel Chartmusik und nebenbei eingestreuten Infos.
  • HR4 für Schlager- und Heimatfreunde mit harmonischen Wohlfühlklängen aus der „guten alten Zeit“ zur Selbstvergewisserung.

Ähnliche Aufteilungen gab es vermutlich in den meisten Regionen. In diesem Schema sind vermutlich die meisten landeskirchlichen Gottesdienste eher im HR2-Spektrum anzusiedeln, Kirchentagsbewegungen und Gemeindefeste tendieren eher zu HR4, moderne Landeskirchen und klassische Freikirchen eher zu HR1 und die innovativen Jugendbewegungen zu HR3. (Ich will damit niemandem zu nahe treten, jeder möge sich im Zweifel selber einordnen!)
Für die, denen das Spektrum insgesamt zu eng wurde, gab es das Privatradio FFH (die charismatischen Gemeinden?), das Radio der US-Streitkräfte AFN (internationale Missionsgemeinden?) oder das lokale Bürgerradio RUM (Teestubenbewegung?).
Gefühlt mitte der 90er Jahre startete ein weiterer ÖR Jugendsender für die, denen selbst HR3 zu konservativ war. Weitere Privatradios, neue Infokanäle und digitale Streamingdienste, die das Radiohören stark individualisiert haben kamen dazu. Heute lässt man sich meist das persönliche Musikprogramm gespickt mit den Lieblingspodcasts als Infoquelle vone inem Algorithmus zusammenstellen.

Ähnliches erleben wir auch im geistlichen Spektrum. Gerade im städtischen Bereich sucht man seinen Gottesdienst nicht mehr nach Denomination oder theologischen Positionen, sondern nach Uhrzeit und Musikstil aus. Mitunter ist auch ChurchHopping passend, wenn man sich nicht festlegen will und zwischendurch streamt man sich internationale Lobpreismusik auf die Couch. Einige besonders hippe Gemeinden werden mittlerweile nicht mehr um Starprediger, sondern um besondere Lobpreis-Pastoren gebildet. Insgesamt haben wir als Christenheit so die Möglichkeit, viele Menschen da abzuholen, wo sie stehen, haben aber gleichzeitig die Herausforderung, dass wir Menschen den Wert von genreübergreifender Gemeinschaft ganz neu vermitteln müssen. Es geht eben nicht nur darum, die für mich perfekt abgestimmte Musik zu finden, sondern darum, sich darauf einzulassen, am Fremden zu wachsen und die horizonterweiternde Begegnung über die reine Selbstverwirklichung zu stellen.

An der Stelle versagen viele Landeskirchen im Übersetzungsprozess, die beim Stadtfest den Posaunenkreis antreten lassen genauso wie Freikirchen, die das Worshipteam unmoderiert auf die Marktplatzbühne schicken.
Gute Ansätze sind christliche Musiker, die technisch so gut sind, dass sie im Jazzkeller jammen, beim Sommerfest Charthits covern und zwischendurch selbstgeschriebene Songs mit tiefgängigem aber anschlussfähigem Text darbieten. So kann Kirche mit hoher zeitgemäßer Kultur überzeugen und zum Gottesdienst einladen, wo solche Musiker aus geistlichen Liedern aller Zeiten individuell passende Kunstwerke zur Ehre Gottes machen. Da darf die Orgel, das Schlagzeug und der Synthesizer gemeinsam mit Klavier und E-Gitarre oder Bongo und Querflöte erklingen und das Xylophon mit der Melodika und dem Akkordeon zwischen den Radiosendern und den individuellen Erfahrungswelten der Gemeindeglieder switchen. Wenn das gut gemacht, kreativ-liebevoll und mit geistlichem Blick einen Gottesdienst rahmt, wird er vielleicht einen ähnlichen Effekt haben, den Bachs Choräle und Luthers Tavernenlieder in ihrer Zeit hatten.

BTW, um nochmal auf Flügge einzugehen: Ich glaube, es braucht dann gar keine Liederbücher mehr, sondern digital vernetzte Liederdatenbanken und juristisch sowie pragmatisch geregelte flexible Anzeigemöglichkeiten. Egal ob das Monitore, Leinwände, Tablets oder Liedzettel sind.

Nicetea – Eistee neu gedacht

Die einen wollen mehr Genuss, die anderen weniger Kalorien. Neben Schorlen und SkinnyDrinks gibt es einen neuen Trend: Nicetea. Also kalter Tee mit (meist kalorienarmen) Geschmacksträgern zu einem fancy Modedrink gepimpt. Ich hab mich daran mal ausprobiert und folgende sieben Variationen erarbeitet. Teilen, nachmachen und weiterentwickeln ausdrücklich erlaubt. Über Feedback freue ich mich 🙂

Grundrezept: großer Becher halb mit Eiswürfeln gefüllt, Eistee auffüllen und ggf eine Fruchtscheibe als Deko auflegen. Für edle Anlässe kann man Nicetea auch mit Cocktaildeko, Strohhalm und Serviette servieren, bei der Gartenparty ist das nicht unbedingt nötig. Für Kinder empfielt sich ggf ein Hinweis auf die koffeinhaltigen Varianten:

Rezepte für jeweils 2 Liter Nicetea:

Black Cucumba

  • aus 15g losem Assam (oder 5 Beuteln) 1l Schwarztee kochen (5 min)
  • eine halbe Salatgurke mit 1l kochendem Wasser übergießen und so 1l Gurkenaufguss  herstellen (min. 30 min ziehen lassen, danach abseihen)
  • 1 Limette waschen, von den Nasen befreien und in 2×5 halbe Scheiben schneiden
  • In zwei Litergefäßen je 5cl Zuckersirup, 5 halbe Limettenscheiben (leicht ausdrücken) und zu gleichen Teilen Schwarztee und Gurkenaufguss abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern

Charakteristik: wenig Süße, viel Koffein, eher herb

Earl Basil

  • aus 15g Earl Grey (oder 5 Beuteln) 1l Schwarztee kochen (5 min)
  • ca. 20 große Basikum-Blätter am Stengel mit 1l kochendem Wasser übergießen und so 1l Basilikumaufguss herstellen (min. 30 min ziehen lassen, danach abseihen)
  • 1 Zitrone waschen, von den Nasen befreien und in 2×5 halbe Scheiben schneiden
  • In zwei Litergefäßen je 5 halbe Zitronenscheiben (leicht ausdrücken) und zu gleichen Teilen Schwarztee und Basilikumaufguss abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern

Charakteristik: keine Süße, viel Koffein, eher herb

Green Orange

  • aus 15g losem Grüntee (oder 5 Beuteln) 1l Grüntee kochen (5 min)
  • ca. 20 große Minz-Blätter am Stengel mit 1l kochendem Wasser übergießen und so 1l Basilikumaufguss herstellen (min. 30 min ziehen lassen, danach abseihen)
  • 1 Orange waschen, von den Nasen befreien und in 2×5 halbe Scheiben schneiden
  • In zwei Litergefäßen je 3cl Zuckersirup, 5 halbe Orangenscheiben (leicht ausdrücken) und zu gleichen Teilen Grüntee und Minzaufguss abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern

Charakteristik: wenig Süße, viel Koffein, wenig herb

Tonic Mate

  • aus 15g gerösteter Mate 1l Matetee kochen (5 min)
  • 1 Liter TonicWater bereitstellen
  • 1 Limette waschen, von den Nasen befreien und in 2×5 halbe Scheiben schneiden
  • In zwei Litergefäßen je 5 halbe Limettenscheiben (leicht ausdrücken) und zu gleichen Teilen Matetee und TonicWater abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern

Charakteristik: wenig Süße, viel Koffein, eher herb

Hot Passion

  • aus 15g Früchtetee mit Zitrusanteilen ohne Aromen (oder 5 Beuteln) 1l Früchtetee kochen (10 min)
  • 2 große Chilischoten (z.B. Jalapeno, Sorte nach Geschmack variieren, längs aufschneiden) mit 0,5l kochendem Wasser übergießen und so einen Chiliaufguss herstellen (min. 30 min ziehen lassen, danach abseihen)
  • 500ml Liter Passionsfruchtnektar (Maracuja) bereitstellen
  • In zwei Litergefäßen je 500ml Früchtetee, 250ml Chiliaufguss und Passionsfruchtnektar abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern
    (vor dem Eingießen abgesetztes Fruchfleisch aufschütteln)

Charakteristik: wenig Süße, kein Koffein, nicht herb

Red Orange

  • aus 15g losem Rotbusch (oder 5 Beuteln, unaromatisert!) 1l Rotbuschtee kochen (10 min)
  • 1l Orangensaft bereitstellen
  • 8 Erdbeeren wasche, vom Stil befreien und vierteln
  • In zwei Litergefäßen je 4 zerteilte Erdbeeren und zu gleichen Teilen Rotbuschtee und Orangensaft abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern
    (vor dem Eingießen abgesetztes Fruchfleisch aufschütteln)

Charakteristik: wenig Süße, kein Koffein, nicht herb

Mild Rosemary

  • aus 15g Kamille (oder 5 Beuteln) 1l Kamillentee kochen (10 min)
  • 2 Stengel Rosmarin leicht andrücken und mit 1l kochendem Wasser übergießen und so 1l Rosmarinaufguss herstellen (min. 30 min ziehen lassen, danach abseihen)
  • 1 halben Apfel waschen, Kerngehäuse entfernen und in dünne Scheiben schneiden; ebenso eine halbe Orange waschen, von den Nasen befreien und in 2×5 viertel Scheiben schneiden
  • In zwei Litergefäßen je 5 viertel Orangenscheiben (leicht ausdrücken), die Hälfte der Apfelscheiben und zu gleichen Teilen Kamillentee und Rosmarinaufguss abfüllen, abkühlen lassen, kalt lagern

Charakteristik: keine Süße, kein Koffein, nicht herb

Ähnlich lecker funktioniert übrigens auch ColdBrewCoffee mit TonicWater, Orangensaft, Grapefruit oder sicherlich auch mit einigen der Aufgüsse …

 

Miracle Workers – Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

Ich mag ja Filme und Serien, die sich mit dem christlichen Glauben befassen. Selbst, wenn die gezeichneten Gottesbilder oft abstruse Züge annehmen und man den Zynismus der Autoren spüren kann, helfen sie, das eigene Gottessbild zu schärfen. Mit diesem Blick habe ich kürzlich „Miracle Workers“ gesehen.

Die amerikanische Klamaukserie (TNT Comedy 2019) stellt Gottes Regiment und den Vorgang geistlicher Kommunikation als globale Firma mit vielen Abteilungen im Stil der 1980er Jahre dar. Es gibt Spezialisten für Flora & Fauna, Routinen für Naturkatastrophen und Darmdurchbrüche und Methoden zur Berufung von Propheten. Im Schwerpunkt beleuchtet die Serie allerdings die Abteilung für Gebetsanliegen. Für jedes gesendete Gebet ist ein „Engel“ zuständig, nur besonders schwere Fälle werden als „unmöglich“ an Gott weitergeleitet. Dieser Gott wird allerdings als gefrusteter zynischer Bournout-Kandidat gezeichnet, der keinen Bock mehr auf das Ganze hat, die Erde sprengen und ein Restaurant eröffnen möchte. Soweit eine interessante Grundannahme, die die Frage ernst nimmt, warum es so viel Leid und Chaos in der Welt gibt. Die traditionell christliche Deutung des allmächtigen und liebenden Vaters im Himmel wird gebrochen und menschliches Leid als Folge himmlischer Inkonpetenz dargestellt.

Gleichzeitig werden typische Arbeitsweltphänomene auf eine himmlische Organisation gespiegelt, die ja für so viel Arbeit sicherlich auch ähnliche Strukturen haben müsse. Nervige Formulare, pickierte Vorzimmerdamen, Rohrpostanlagen und Strukturen, die selbst der Chef nicht mehr durchschaut. Schade finde ich, dass dabei sowohl Gott selbst als auch die meisten Mitarbeiter als ziehmlich unsensible und unfähige Trampeltiere gezeigt werden und eigentlich niemand wirklich wohlwollend mit der Erde umgeht. Stattdessen finden wir uns bereits in einer sich andeutenden Apokalypse wieder, in der Mitarbeiter sich nach neuen Jobs in anderen Sonnensystemen umsehen und mehr Energie in Abschiedsparties als die eigentliche Arbeit stecken. Nur ein Engel ist davon überzeugt, die Erde noch retten zu können und schafft es, Gott zu einer Wette zu überreden: Wenn ein „unmögliches“ Gebetsanliegen in zwei Wochen erfolgreich bearbeitet werden kann, stimmt Gott zu, die Erde zu verschohnen. Was statt der Apokalypse dann geplant ist, bleibt offen, da niemand ernsthaft damit rechnet.

Wenn man sich mit diesem düsteren Kosmologiekonzept angefreundet hat, wird im Verlauf der Serie deutlich, dass das Erfüllen eines Gebetsanliegens tatsächlich nicht so einfach ist. Unscheinbare Signale werden oft übersehen, deutlichere Hinweise rufen dafür globale Katastrophen hervor und trotz guter Planung sind Menschen permanent unzähligen Einflüssen ausgesetzt und handeln am Ende doch nach ihrem eigenen Kopf. So wird es verständlich, dass es gar nicht so einfach für Gott ist, es jedem recht zu machen. Abgesehen davon, dass Menschen oft unbedachte Wünsche äußern statt reflektiert und weitsichtig zu beten. Es wird kein Gott gezeigt, der Menschen das langfristig bessere zukommen lässt. Stattdessen erleben wir einen Gott, der aus einer ambitionierten Götterfamilie stammt und wegen seinen unkonventionellen Ideen und mangelhaften Umsetzung gemobbt wird. Die gutbürgerlichen Konventionen sehen Wesen mit freiem Willen einfach nicht vor. Eltern und Geschwister hingegen können mit ihren Welten ohne Krieg und mit florierenden Aktienkursen glänzen. Die Erde und ihre freien Menschen wären  eben doch nur ein Abbild ihres unfähigen Schöpfers. Statt um Startkapital für die neue Restaurant-Idee zu bitten motivert diese Abfuhr Gott jedoch, sich doch nochmal für sein ehemaliges Herzensprojekt einzusetzen und die Welt mit ihren komischen freien Wesen zu retten. Es scheint, wie eine Bekehrung Gottes zu seiner Schöpfung, freilich ohne einen konkreten Plan zu präsentieren, wie es weitergehen kann. Aber am Ende der ersten Staffel ist zumindest fürs Erste die Zerstörung der Erde abgewendet und das eine erfolgreich beantwortete Gebetsanliegen könnte einen Motivationsschub auslösen, um den Rest auch noch in der Griff zu bekommen.

Theologisch bleibt die Serie dabei sehr oberflächlich, zeigt keine wirklichen Lösungen für ethische Dilemmata und führt einen eher unglaubwürdigen Pantheon ein. Ein wenig erkennt man das Grundmuster von Bruce Allmächtig, in dem Gott einem Menschen offenbart, wie viel Stress ihm die täglichen Gebete machen. Vom Stil und Humor bleibt die Serie aber eher auf trivialem Standup-Niveau stehen.
Am Ende bleibt bei mir der Gedanke hängen, warum wir den transzendenten Schöpfer, über den wir streng genommen als Menschen nichts sagen können, per se als perfektes Wesen annehmen und nicht vielmehr menschlich-unperfekt. Zumindest wenn wir seine Abbilder sind…

Eine Reise durch Narnia

Dieses Frühjahr habe ich die sieben Hörbücher der „Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis (auf deutsch gelesen von Philipp Scheppmann) gehört. Es ist spannend, wie natürlich und lebendig Religion und Glaube in diesen Büchern wiedergegeben werden. Dabei nutzt Lewis einen eigenen phantastischen Kosmos, um in märchenhafter Form über geistliche Realitäten zu schreiben. Diese Form macht es sowohl künstlerisch als auch theologisch spannend.

Die Serie beginnt mit dem Buch „Das Wunder von Narnia“. Grundlage ist der phantastische Gedanke, dass man durch Ringe Portale öffnen kann, um zwischen Welten hin und her zu reisen. So wird die Idee angelegt dass es neben unserer Realität andere Realitäten gibt die vielleicht größer, mächtiger, zumindest anders sind und dass es einen Übergang gibt von unserer Realität in eine andere Dimension. 2 Kinder landen zufällig durch ein Experiment ihres Onkels in dieser schönen, bunten Welt mit vielen Portalen in unterschiedliche Realitäten. Sie betreten eine dieser Welten, die sehr düster aussieht und am Zerfallen ist. Eine böse Hexe scheint hier große Macht zu haben und statt Leben zu schaffen alles in leblose Materie zu verwandeln. Beim Verlassen dieser Welt folgt ihnen diese Hexe und landet nach vielen Umwegen mit ihnen in einer andere Welt, die komplett leer zu sein scheint. Aus dem dunklen „Nichts“ wird jedoch durch einen mächtigen Schöpfer „Etwas“. Er schafft Wiesen, Berge, Sonne, Regen, Pflanzen, Tiere, den Kreislauf des Lebens. Später tritt dieser Schöpfer als großer Löwe auf stellt sich als Aslan vor. Durch ein Lied, durch ein Wort, durch das was aus seinem Mund kommt entsteht alles. Damit sind wir sehr nah am biblischen Schöpfungsbericht, der auch durch Gottes Wort alles entstehen lässt. Auch erfahren wir, dass neben dem guten Schöpfer das übernatürliche „Böse“ bereits anwesend ist. Es scheint kein gleichberechtigt dualistisches Machtverhältnis zu sein, aber dennoch kann diese destruktive Macht innerhalb der Schöpfung eingreifen und Wesen negativ beeinflussen. Der allmächtige König ist sich der Existenz der bösen Macht bewusst, lässt sie aber gewähren, sodass es auch für die Bewohner die Möglichkeit gibt, sich zwischen den beiden Seiten zu entscheiden. Verführung und Versagen, aber auch Gnade und Vergebung werden so möglich. Wir erleben eine Aufgabe, eine heilende Frucht von einem Baum zu pflücken und die Versuchung sie selber zu essen statt damit anderen zu helfen. Dieses Buch legt den Grundstein einer Welt, die sich durch alle Bände ziehen wird. Ähnlich erleben wir auch in der Bibel einen Rahmen von Genesis zur Offenbarung, die von Schöpfung bis zur Neuschöpfung unsere Realität begleitet. Wir können zwar nicht so ganzheitlich zwischen den Welten wechseln, glauben aber auch an eine Realität Gottes außerhalb unserer Welt und einen Schöpfer, der gute Pläne mit unserer Welt verfolgt, auch wenn destruktive Mächte Dinge durcheinander bringen können.

Das zweite Buch „Der König von Narnia“ ist das bekannteste Buch der Reihe und das was am ehesten aus diversen Verfilmungen bekannt ist. Auch hier landen vier (andere) Kinder ca 60 Jahre später in der fremden Realität Narnia, erleben sprechende Tiere, Fabelwesen und eine wundervolle, friedliche Natur, die aber unter dem Fluch einer bösen Königin (die Hexe des ersten Teils) leidet. Aslan taucht erst relativ spät auf, um im entscheidenden Kampf gegen das Böse einzugreifen, vorher überlässt er seine Schöpfung sich selbst, auch wenn dadurch nicht alles perfekt verläuft. Die Kinder lernen, dass die Hexe große Macht erlangt hat, dass sie Wesen zu Stein verwandeln kann und ihr mit normalen Mitteln nicht beizukommen ist. Dennoch stehen sich das Herr der Narnianen und das Heer der „Königin“ in Gefechtsposition gegenüber, als Aslan eingreift und durch sein Opfer die Macht des Bösen bricht. Auf einem Steintisch lässt er sich ohne Gegenwehr fesseln und ermorden, weil dadurch eine uralte Verheißung erfüllt wird, die nicht einmal die Hexe kennt. So kann Aslan wundersam auferstehen und seine wahre Macht über alles in Narnia beweisen. Im Namen Aslans können nun auch die Kreaturen Narnias erfolgreich böse Strukturen bekämpfen und ein friedliches Narnia schaffen. Auch auf der Erde erleben wir manchmal eine Herrschaft des Bösen, die sich wie ein ewiger Winter anfühlt. Böse Mächte verführen mit Süßigkeiten und Machtversprechen, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Das Leben von Christen im Untergrund haben Menschen im Kommunismus jahrzehntelang erlebt und trotz allem guten Willen ist dauerhafter Frieden nur durch Jesu Tod und Auferstehung möglich. „Ein ewiger Winter und nie Weihnachten“ ist eine bekannte Schreckensvorstehung aus diesem Buch. Passend zur Geburt Christi, die wir mitten im jährlichen Winter feiern und damit den Aufbruch des Frühlings verbinden.

Das dritte Buch „Der Ritt nach Narnia“ (als Spätschrift von Lewis als fünftes geschrieben) ist weniger bekannt und spielt in der folgenden Zeit, in der die vier Kinder viele Jahre lang als Könige über Narnia herrschen. Die Handlung beginnt jedoch in einem südlich gelegenen anderen Land und thematisiert die Ungerechtigkeit, wie eine Gesellschaft arme Kinder und nichtsprechende Tiere behandelt. Ein Waisenjunge wächst unter schlechten Bedingungen auf als ein sprechendes Pferd ihm offenbart, dass es gefangen genommen und hierher verschleppt wurde. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, verlassen ihr altes Leben, um die Freiheit in Narnia zu suchen. Unterwegs treffen sie auf ein ebenfalls geflohenes Mädchen und ein zweites sprechendes Pferd. Sprache, Bildung und Machtgefüge dieser Erzählung ähneln einer mittelalterlichen Gesellschaft mit Anspielungen an orientalische Großreiche. Es ist nicht üblich, dass man seinen Platz in der Gesellschaft verlässt, sodass die Flucht schnell auffällt und die Kinder sich verstecken müssen. Getrennt voneinander erfahren sie, dass diese aggressiv gezeichneten Calormenen einen Angriff gegen das friedliche Narnia vorbereiten, weil eine angedachte politische Hochzeit zu platzen droht. Am Ende helfen die Kinder den Narnianen auf den Angriff vorbereitet zu sein und den Kampf zu gewinnen. Sie sind durch den Weg nicht nur selber gereift, sondern können auch anderen Gutes tun. Unterwegs begegnet ihnen immer wieder ein Löwe, der ihnen Angst macht, der mächtig ist, der aber gleichzeitig auch teilweise als liebevolle kleine Katze Wärme in der kalten Wüstennacht spendet oder als wohlwollend besonnenes Wesen in Erscheinung tritt. Am Ende wird ihnen Aslan erklären, dass er all diese Erscheinungen angenommen hat, um sie durch dieses Eingreifen zu leiten. Teilweise musste er sie verwunden oder verängstigen, damit sie eigenständig gute Entscheidungen treffen konnten. So kann man sich vorstellen, dass Gott in unsere Welt eingreift, Menschen leitet, ohne ihnen den freien Willen abzunehmen.

Das vierte Buch „Prinz Kaspian von Narnia“ ist vielen als zweiter Film der 2000er-Waldenmedia-Kinoreihe bekannt, die sich an der Schreibreihenfolge Lewis‘ statt der Erzählreihenfolge orientiert. In diesem Buch erleben wir zwei parallele Stränge die erst am Ende zusammenkommen.  Im einen Strang sind die vier bekannten Kinder die nach den englischen Schulferien am Bahnhof stehen durch eine unerwartete Aktion wieder in die Welt Narnias gekommen. Anfangs können sie die Welt, in der sie jahrelang als Königinnen und Könige gelebt haben, nicht wiedererkennen, weil viele einst bewohnte Orte verwildert und verlassen sind. Sie entdecken eine alte Ruine, finden erst sehr spät heraus dass das ihr altes Schloss ist, was aber schon seit Jahrhunderten leer zu stehen und zu verfallen scheint. In einer zweiten Geschichte erleben wir einen narnianischen König, der zwar noch von den alten Geschichten weiß, sie aber für Mythen hält. Aslan und die vier großen Könige werden unter seiner Herrschaft wie Märchen aus alter Zeit behandelt und nur noch von wenigen Wesen überhaupt tradiert. Sprechende Tiere und Fabelwesen haben sich zurückgezogen und kommen so im Leben der Menschen garnicht mehr vor. Trotz eines Verbotes erzählt aber der Hauslehrer dem jungen Prinzen Geschichten aus der alten Zeit. Als dieser später aus dem Palast fliehen muss, erlebt er im Wald die Gastfreundschaft von sprechenden Tieren, die ihn nach einigem Zweifeln zu ihrem König machen, weil er der rechtmäßige Nachfahre des Thrones ist. Gemeinsam versuchen sie den jetzigen bösen König und sein Heer aufzuhalten und Narnia zu befreien. In diesem Zusammenhang hat der Prinz ein altes Horn geblasen, das der Legende nach mächtige Hilfe in größter Not rufen soll. Als offensichtlich nichts passiert, fangen einige Wesen in seiner Gefolgschaft an, zu zweifeln oder sogar die überlieferten Mächte der Hexe um Hilfe zu bitten, die ja ebenfalls totgeschwiegen wurden, aber durch einen Zauber noch zugänglich waren. In der Parallelhandlung versteht man nun aber, dass das Horn wohl die vier Kinder zurück nach Narnia geholt hat, die nun aber mehrere Tagesreisen brauchen, um von ihrem alten Schloss zum neuen Schlachtfeld zu kommen, was die Parusieverzögerung erklärt. Bei den Narnianen angekommen bietet Peter einen Zweikampf gegen den König an, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Narnia hat wieder einen wohlgesonnenen König, der in Frieden mit allen Kreaturen regiert und durch die Begegnung mit Aslan und den Kinder-Königen zu einem weisen Herrscher werden konnte. Auf der einen Seite erleben wir also eine Kultur, in dem Gotteserfahrungen der Vergangenheit als Mythos abgetan werden und echter Glaube ausgerottet werden soll. Im biblischen Richterbuch finden wir dieses Muster, dass wenige Generationen nach einem Gotteseingreifen das Volk sich abwendet und das Land im Chaos endet, bis sie Gott wieder um Hilfe anrufen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die gerufene Hilfe nicht in Form der großen und imposanten Könige der alten Geschichten kommt, sondern die Kinder in scheinbar schwacher Form auftauchen. Gottes Eingreifen zeigt sich nicht durch äußere Macht, sondern gerade durch die vermeintlich schwachen kann er seine Macht deutlich zeigen. Unterwegs ist es dann sogar die jüngste von ihnen, die Aslan persönlich wahrnimmt, während die anderen sich schon zu seher auf eigene Fähigkeiten verlassen, um den Weg zu finden und später anerkennen müssen, dass sie falsch lagen. Für die beiden ältesten Geschwister war es das letzte Abenteuer in Narnia, den jüngeren stellt Aslan eine Rückkehr in Aussicht.

Das in der Erzählreihenfolge fünfte Buch der Narnia-Reihe heißt „Die Reise auf der Morgenröte“. Die beiden jüngeren Geschwister sind mit ihrem äußerst unliebsamen Cousin zusammen der sie schikaniert und versucht ihnen jeden Spaß zu verbieten. Er glaubt nicht, dass es Narnia oder etwas ähnliches gibt bis sie im Zimmer ihres Onkels über ein Bild von einem narnianischen Schiff in Streit geraten und das Bild sie auf einmal aufsaugt und sie im Meer neben eben jenem Schiff landen. Auf der „Morgenröte“ ist Prinz Kaspian dabei sieben Lords zu finden, die bei Expeditionsreisen verschollen sind. Bei den meisten dieser sieben Abenteuer erleben die Protagonisten eine Form von Versuchung. Jede und jeder entdeckt an sich Schwächen und kann doch am Ende etwas zum Gesamterfolg beitragen. Selbst der anfangs bockige und egoistische Cousin wird so zu einem wertvollen Teil der Gemeinschaft. Der Inhalt der einzelnen Abenteuer ist dabei weniger bedeutsam als die Tatsache, dass die Kinder zu weisen Erwachsenen heranreifen. Gerade der Umgang mit eigenem Scheitern festigt die Charaktere. Gleichzeitig werden die zwei ursprünglich kleinen Geschwister dadurch auch nicht mehr nach Narnia zurückkehren, weil das nur Kindern vorbehalten bleibt. Passenderweise kommt die Morgenräte am Ende der Geschichte ganz im Osten Narnias an, wo der Legende nach das Land Aslans liegen soll. Sie sehen dort Dinge, die ihre Vorstellung der physischen Welt aushebeln und dürfen am Ende wirklich das sagenumwogene Land Aslans erleben.
Auf der Reise tauchen zahlreiche biblische Motive auf wie der „Morgenstern der im Osten aufgeht“, der Schöpfer als Löwe und Lamm. Wir erleben eine Insel, auf der erfüllte Träume Menschen gefangen nehmen. Auf einer anderen Insel werden die Protagonisten als Sklaven gefangen genommen und erleben eine unerwartete Befreiung.

Als sechster Band in der Erzählchronologie baut „Der silberne Sessel“ inhaltlich auf dem vorherigen auf. Der damals noch vorlaute Cousin ist durch die Erlebnisse der vergangenen Reise gereift und vom Besserwisser zum besonnenen Abenteurer geworden. Er ist offen geworden für die Wunder und die Welt von Narnia und ist durch die Erfahrung des Scheiterns und angenommen seins umgänglicher geworden. So kann er nun auf die Kraft Aslans vertrauen und auch seine irdischen  Mitschüler merken, dass er sich anders verhält. So hilft er einer Mitschülerin, die gemobbt wird und durch ein Stoßgebet gelangen die beiden nach Narnia. Dort erhalten sie den Auftrag, einen verschollenen Prinzen im Land der Riesen zu finden. Sie geraten dabei zwischen spielende Riesen, bekommen von einer reisenden Frau wohlklingende Hinweise und landen schließlich in einem unterirdischen Höhlenlabyrinth. In einer spannenden Zwischenepisode diskutieren sie das Essen von Fleisch: Warum werden bestimmte Tiere als Nahrung angesehen, andere aber nicht? Und was ist eigentlich verwerflich daran, Menschenkinder zu verspeisen, wenn man mit sprechenden Tieren kein Problem hat? Die Frage, was wir essen dürfen, erinnert an die neutestamentlichen Diskurse über den Verzehr von Fleisch,d as heidnischen Götzen geopfert wurde. Das wird von Paulus zwar nicht pauschal verboten aber aus moralischen Gründen in eigener Küche untersagt.
Im unterirdischen Reich treffen die Kinder auf einen Prinzen, der nie alleine ans Tageslicht geht und erzählt, er leide an einem Fluch, der ihn jede Nacht eine Stunde verrückt werden lässt, sodass er an einem silbernen Sessel gefesselt werden müsse. In Wirklichkeit ist er aber immer verzaubert und nur in dieser einen Stunde bei Verstand. Die Hexe hat ihm diese Verdrehung eingeredet, damit er sich freiwillig fesseln lässt und ihr tagsüber als menschliche Begleitung zur Verfügung steht. Ihr Ziel war es, einen Teil Narnias mit einem Heer aus dem Untergrund anzugreifen und ihn proforma zum Machthaber einzusetzen. Dass er als Prinz auch ohne Krieg der rechtmäßige Machthaber von Narnia wäre, ist ihm in seinem Zustand nicht bewusst. Nachdem der Bann gebrochen wird und sowohl Sessel als auch die Hexe in Form einer Schlange zerstört sind, finden alle Protagonisten einen unterirdischen Ausgang, um den Prinzen ins Schloss nach Hause zu bringen. Spannend auch: Erst nach vielen Abenteuern in dieser Unterwelt entdecken die Kinder eine weitere Unter-UnterWelt , die in dem Fall kein schlimmer Ort ist, sondern eine von liebevollen tageslichtscheuen Kreaturen gerne bewohnt wird. Lewis bricht also mit dem bekannten oben-unten-Himmel-Hölle-Bild und stellt tatsächlich drei gleichberechtigte Realitätsebenen innerhalb Narnias nebeneinander. Durch die gesamte Geschichte zieht sich das Motiv der verdrehten Wahrheit, was die Hexe, am Ende als Schlange in die Welt gebracht hat. Im biblischen Schöpfungsbericht finden wir die Schlange als Symbol für eine böse Macht, die falsche Wahrheiten verkündet und Menschen täuscht. Vor allem im Neuen Testament taucht dann diese Böse Macht wieder als Motiv auf, wird am Ende aber von Gott besiegt wird. Die falsche Versprechung der Hexe erinnert an den Satan, der Jesus in der Wüste verspricht, ihn über die Erde herrschen zu lassen, wenn er ihn anbetet. So wie Jesus ablehnt, um am Ende sein Freidensreich aufzurichten wird auch der Prinz in diesem Buch am Ende keine Gewalt brauchen, um weltliche Macht zu erhalten sondern ein ehrlicher und friedlicher Herrscher werden.

Der letzte Band der Narnia-Reihe befasst sich mit dem letzten großen Kampf zwischen Gut und Böse in Narnia. Das Ganze beginnt mit einer ungleichen Freundschaft zwischen einem klugen und dominanten (sprechenden) Affen und einem treu-doof-naiven (sprechenden) Esel. Der Affe unterdrückt den Esel und lässt ihn für sich arbeiten, während jener denkt, das wäre eine faire Freundschaft und müsse eben so sein. Als nun der Affe ein Löwenfell findet, zieht er es dem Esel über und stellt diesen als „Aslan den Löwen“ zur Schau. So wird deutlich, dass die Geschichte in einer Zeit spielt, in der der echte Aslan schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten ist und nur noch als Mythos in alten Geschichten existiert. Damit niemand die schlechte Fälschung enttarnt, baut der Affe ein Geschichtengebäude auf, in dem er sich selbst zum Sprachrohr Aslans macht und lässt selbigen als eitlen und scheuen König nur abends im Dämmerlicht und mit Abstand auftauchen. So behaupten immer mehr Geschöpfe, sie hätten ihn gesehen und schenken den Worten des Affen Glauben. Dieser kann wiederum das feindliche Volk der Calormenen als Partner gewinnen, in deren Minen sich die eigentlich freien Narnianen auf eine angebliche Anweisung Aslans hin zum Arbeiten einfinden. Stück für Stück ändert sich das Bild des friedlichen und freundlichen Aslan hin zu einem versklavenden und strafenden König, dem man gehorchen muss. Dass alles auf einem Schwindel aufbaut, fällt niemandem auf, weil ohne ein echtes Wissen des ursprünglichen Königs alles irgendwie zu passen scheint.

Während die ersten sechs Kinder, die früher Narnia bereist hatten nun alle schon zu alt sind, kommen die beiden jüngsten, die auch das letzte Abenteuer gemeistert haben, noch einmal nach Narnia. Gemeinsam mit dem letzten rechtmäßigen König versuchen sie, Narnia zu retten und das Gute zu bewahren, aber böse Schatten nehmen bereits ihren Lauf und das Unterfangen scheint chancenlos. Selbst als sie den Esel nachts befreien und einer Gruppe Zwerge zeigen, wie sie getäuscht wurden, glauben diese der Lüge noch mehr als der aufgedeckten Wahrheit und weigern sich, mit ihnen gegen den Affen vorzugehen. In einer weiteren Steigerung wird der falsche Aslan als Gott verehrt und seine Anbetung mit den Mythen und Traditionen eines anderen grausamen Götterglaubens vermischt. So macht der Affe aus zwei Religionen eine Mischform, was beiden Seiten nicht gerecht wird, aber von den naiven Anhängern rasch übernommen wird. Als der falsche Löwe nicht mehr vorgezeigt werden kann, bietet der Affe an, einzeln beim großen König vorzusprechen, wenn man sich traut, ihm persönlich zu begegnen. Durch einen bewaffneten Krieger sollen die Mutigen dann als Abschreckung getötet werden. Jedoch läuft die Finte aus dem Ruder und am Ende finden sich der König, die Kinder und einige andere Wesen in Aslans Reich wieder. Von dort können sie der Zerstörung Narnias und einer Neuschöpfung zusehen. Zuerst wirkt es traurig, das geliebte und gewohnte Land vergehen zu sehen, doch am Ende erleben sie, dass das bisherige nur ein Abklatsch von dem war, das noch kommen wird und somit ein hoffnungsvolles Ende bleibt. Dort sind auch viele liebgewonnene Kreaturen und die Kinder aus den früheren Büchern anzutreffen, die durch einen Eisenbahnunfall in London gestorben sind, um hier im „Paradies“ mit ihren lieben vereint zu sein. Im letzen Narniabuch erleben wir verschiedene Bilder aus der biblischen Offenbarung. Eine böse Macht, die sich ein belebtes Standbild macht, um angebetet zu werden und als Lügenprophet Menschen von der Wahrheit abzubringen und ein darauf folgender großer Abfall der Gläubigen wird für das Ende der Zeiten vorausgesagt. Auch Die Ersetzung von Gottesbildern durch konforme Ideologien wurde in vielen Regimen praktiziert. Eine ungeformte christliche Botschaft wird so als religiöse Volksdroge salonfähig, während die Verkündiger der ursprünglichen Botschaft verfolgt werden. Auch die Idee einer göttlichen Welt außerhalb unserer Sphäre und der ewigen Seele, die in einem weiterentwickelten Stadium unsere Realität überleben wird, sind biblische Motive. Ähnlich wie es unter Jesu Jüngern einen abtrünnigen gibt, hat sich im Laufe der Geschichte auch die älteste der vier Geschwister vom Glauben an Narnia abgewandt, um sich ganz in irdische Dinge wie Mode, Makeup und Familiengründung zu investieren. Durch ihren Bruch mit dem Glauben, kann sie auch nun nicht mit in Aslans Realität sein. Biblische Aussagen lassen zwar auf eine Erlösung für alle hoffen, zeigen aber auch eine Möglichkeit der ewigen Verdammnis auf, dass man sich für und gegen ein Leben mit Gott entscheiden kann.

Insgesamt zeichnen die sieben Narniabücher ein eher konservativ-theologisches Bild des christlichen Glaubens, das man sicherlich nicht als rationale Abhandlung und ewige Dogmatik sehen darf. Dennoch geben diese lebendigen Geschichten über Gnade, Liebe, Frieden, Wachstum, Glaube und Vertrauen den Lesern eine Möglichkeit an die Hand, unsere Welt durch die Augen der Phantasie in einer spirituellen/christlichen Realität zu sehen.
Sidefact: Wie schon die einzelnen biblischen Bücher ist auch die heute übliche Reihenfolge von Lewis‘ Büchern nicht die Schreibfolge. So wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel vermutlich recht spät aufgeschrieben wurde und die abschließende Johannesoffenbarung sehr spät entstanden sind, wurden auch in Narnia Schöpfung und Apokalypse quasi nachträglich ergänzt, um den Geschichten einen kosmischen Rahmen zu bieten.

Alle echten „Gotteserfahrungen“ in Narnia wurden übrigens von Kindern gemacht. Als rationaler Denker fragt mich das an, ob ich nicht die emotionale, kindliche Komponente meines Lebens stärker zu Wort kommen lassen muss, wenn ich geistliche Realitäten begreifen will? Deshalb ende ich mit der biblischen Einladung Jesu: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)