Archiv der Kategorie: Science Fiction

„Wissenschaftlich Erdachtes“ in Film, Literatur, Theologie und Philosophie

Eine Reise durch Narnia

Dieses Frühjahr habe ich die sieben Hörbücher der „Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis (auf deutsch gelesen von Philipp Scheppmann) gehört. Es ist spannend, wie natürlich und lebendig Religion und Glaube in diesen Büchern wiedergegeben werden. Dabei nutzt Lewis einen eigenen phantastischen Kosmos, um in märchenhafter Form über geistliche Realitäten zu schreiben. Diese Form macht es sowohl künstlerisch als auch theologisch spannend.

Die Serie beginnt mit dem Buch „Das Wunder von Narnia“. Grundlage ist der phantastische Gedanke, dass man durch Ringe Portale öffnen kann, um zwischen Welten hin und her zu reisen. So wird die Idee angelegt dass es neben unserer Realität andere Realitäten gibt die vielleicht größer, mächtiger, zumindest anders sind und dass es einen Übergang gibt von unserer Realität in eine andere Dimension. 2 Kinder landen zufällig durch ein Experiment ihres Onkels in dieser schönen, bunten Welt mit vielen Portalen in unterschiedliche Realitäten. Sie betreten eine dieser Welten, die sehr düster aussieht und am Zerfallen ist. Eine böse Hexe scheint hier große Macht zu haben und statt Leben zu schaffen alles in leblose Materie zu verwandeln. Beim Verlassen dieser Welt folgt ihnen diese Hexe und landet nach vielen Umwegen mit ihnen in einer andere Welt, die komplett leer zu sein scheint. Aus dem dunklen „Nichts“ wird jedoch durch einen mächtigen Schöpfer „Etwas“. Er schafft Wiesen, Berge, Sonne, Regen, Pflanzen, Tiere, den Kreislauf des Lebens. Später tritt dieser Schöpfer als großer Löwe auf stellt sich als Aslan vor. Durch ein Lied, durch ein Wort, durch das was aus seinem Mund kommt entsteht alles. Damit sind wir sehr nah am biblischen Schöpfungsbericht, der auch durch Gottes Wort alles entstehen lässt. Auch erfahren wir, dass neben dem guten Schöpfer das übernatürliche „Böse“ bereits anwesend ist. Es scheint kein gleichberechtigt dualistisches Machtverhältnis zu sein, aber dennoch kann diese destruktive Macht innerhalb der Schöpfung eingreifen und Wesen negativ beeinflussen. Der allmächtige König ist sich der Existenz der bösen Macht bewusst, lässt sie aber gewähren, sodass es auch für die Bewohner die Möglichkeit gibt, sich zwischen den beiden Seiten zu entscheiden. Verführung und Versagen, aber auch Gnade und Vergebung werden so möglich. Wir erleben eine Aufgabe, eine heilende Frucht von einem Baum zu pflücken und die Versuchung sie selber zu essen statt damit anderen zu helfen. Dieses Buch legt den Grundstein einer Welt, die sich durch alle Bände ziehen wird. Ähnlich erleben wir auch in der Bibel einen Rahmen von Genesis zur Offenbarung, die von Schöpfung bis zur Neuschöpfung unsere Realität begleitet. Wir können zwar nicht so ganzheitlich zwischen den Welten wechseln, glauben aber auch an eine Realität Gottes außerhalb unserer Welt und einen Schöpfer, der gute Pläne mit unserer Welt verfolgt, auch wenn destruktive Mächte Dinge durcheinander bringen können.

Das zweite Buch „Der König von Narnia“ ist das bekannteste Buch der Reihe und das was am ehesten aus diversen Verfilmungen bekannt ist. Auch hier landen vier (andere) Kinder ca 60 Jahre später in der fremden Realität Narnia, erleben sprechende Tiere, Fabelwesen und eine wundervolle, friedliche Natur, die aber unter dem Fluch einer bösen Königin (die Hexe des ersten Teils) leidet. Aslan taucht erst relativ spät auf, um im entscheidenden Kampf gegen das Böse einzugreifen, vorher überlässt er seine Schöpfung sich selbst, auch wenn dadurch nicht alles perfekt verläuft. Die Kinder lernen, dass die Hexe große Macht erlangt hat, dass sie Wesen zu Stein verwandeln kann und ihr mit normalen Mitteln nicht beizukommen ist. Dennoch stehen sich das Herr der Narnianen und das Heer der „Königin“ in Gefechtsposition gegenüber, als Aslan eingreift und durch sein Opfer die Macht des Bösen bricht. Auf einem Steintisch lässt er sich ohne Gegenwehr fesseln und ermorden, weil dadurch eine uralte Verheißung erfüllt wird, die nicht einmal die Hexe kennt. So kann Aslan wundersam auferstehen und seine wahre Macht über alles in Narnia beweisen. Im Namen Aslans können nun auch die Kreaturen Narnias erfolgreich böse Strukturen bekämpfen und ein friedliches Narnia schaffen. Auch auf der Erde erleben wir manchmal eine Herrschaft des Bösen, die sich wie ein ewiger Winter anfühlt. Böse Mächte verführen mit Süßigkeiten und Machtversprechen, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Das Leben von Christen im Untergrund haben Menschen im Kommunismus jahrzehntelang erlebt und trotz allem guten Willen ist dauerhafter Frieden nur durch Jesu Tod und Auferstehung möglich. „Ein ewiger Winter und nie Weihnachten“ ist eine bekannte Schreckensvorstehung aus diesem Buch. Passend zur Geburt Christi, die wir mitten im jährlichen Winter feiern und damit den Aufbruch des Frühlings verbinden.

Das dritte Buch „Der Ritt nach Narnia“ (als Spätschrift von Lewis als fünftes geschrieben) ist weniger bekannt und spielt in der folgenden Zeit, in der die vier Kinder viele Jahre lang als Könige über Narnia herrschen. Die Handlung beginnt jedoch in einem südlich gelegenen anderen Land und thematisiert die Ungerechtigkeit, wie eine Gesellschaft arme Kinder und nichtsprechende Tiere behandelt. Ein Waisenjunge wächst unter schlechten Bedingungen auf als ein sprechendes Pferd ihm offenbart, dass es gefangen genommen und hierher verschleppt wurde. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, verlassen ihr altes Leben, um die Freiheit in Narnia zu suchen. Unterwegs treffen sie auf ein ebenfalls geflohenes Mädchen und ein zweites sprechendes Pferd. Sprache, Bildung und Machtgefüge dieser Erzählung ähneln einer mittelalterlichen Gesellschaft mit Anspielungen an orientalische Großreiche. Es ist nicht üblich, dass man seinen Platz in der Gesellschaft verlässt, sodass die Flucht schnell auffällt und die Kinder sich verstecken müssen. Getrennt voneinander erfahren sie, dass diese aggressiv gezeichneten Calormenen einen Angriff gegen das friedliche Narnia vorbereiten, weil eine angedachte politische Hochzeit zu platzen droht. Am Ende helfen die Kinder den Narnianen auf den Angriff vorbereitet zu sein und den Kampf zu gewinnen. Sie sind durch den Weg nicht nur selber gereift, sondern können auch anderen Gutes tun. Unterwegs begegnet ihnen immer wieder ein Löwe, der ihnen Angst macht, der mächtig ist, der aber gleichzeitig auch teilweise als liebevolle kleine Katze Wärme in der kalten Wüstennacht spendet oder als wohlwollend besonnenes Wesen in Erscheinung tritt. Am Ende wird ihnen Aslan erklären, dass er all diese Erscheinungen angenommen hat, um sie durch dieses Eingreifen zu leiten. Teilweise musste er sie verwunden oder verängstigen, damit sie eigenständig gute Entscheidungen treffen konnten. So kann man sich vorstellen, dass Gott in unsere Welt eingreift, Menschen leitet, ohne ihnen den freien Willen abzunehmen.

Das vierte Buch „Prinz Kaspian von Narnia“ ist vielen als zweiter Film der 2000er-Waldenmedia-Kinoreihe bekannt, die sich an der Schreibreihenfolge Lewis‘ statt der Erzählreihenfolge orientiert. In diesem Buch erleben wir zwei parallele Stränge die erst am Ende zusammenkommen.  Im einen Strang sind die vier bekannten Kinder die nach den englischen Schulferien am Bahnhof stehen durch eine unerwartete Aktion wieder in die Welt Narnias gekommen. Anfangs können sie die Welt, in der sie jahrelang als Königinnen und Könige gelebt haben, nicht wiedererkennen, weil viele einst bewohnte Orte verwildert und verlassen sind. Sie entdecken eine alte Ruine, finden erst sehr spät heraus dass das ihr altes Schloss ist, was aber schon seit Jahrhunderten leer zu stehen und zu verfallen scheint. In einer zweiten Geschichte erleben wir einen narnianischen König, der zwar noch von den alten Geschichten weiß, sie aber für Mythen hält. Aslan und die vier großen Könige werden unter seiner Herrschaft wie Märchen aus alter Zeit behandelt und nur noch von wenigen Wesen überhaupt tradiert. Sprechende Tiere und Fabelwesen haben sich zurückgezogen und kommen so im Leben der Menschen garnicht mehr vor. Trotz eines Verbotes erzählt aber der Hauslehrer dem jungen Prinzen Geschichten aus der alten Zeit. Als dieser später aus dem Palast fliehen muss, erlebt er im Wald die Gastfreundschaft von sprechenden Tieren, die ihn nach einigem Zweifeln zu ihrem König machen, weil er der rechtmäßige Nachfahre des Thrones ist. Gemeinsam versuchen sie den jetzigen bösen König und sein Heer aufzuhalten und Narnia zu befreien. In diesem Zusammenhang hat der Prinz ein altes Horn geblasen, das der Legende nach mächtige Hilfe in größter Not rufen soll. Als offensichtlich nichts passiert, fangen einige Wesen in seiner Gefolgschaft an, zu zweifeln oder sogar die überlieferten Mächte der Hexe um Hilfe zu bitten, die ja ebenfalls totgeschwiegen wurden, aber durch einen Zauber noch zugänglich waren. In der Parallelhandlung versteht man nun aber, dass das Horn wohl die vier Kinder zurück nach Narnia geholt hat, die nun aber mehrere Tagesreisen brauchen, um von ihrem alten Schloss zum neuen Schlachtfeld zu kommen, was die Parusieverzögerung erklärt. Bei den Narnianen angekommen bietet Peter einen Zweikampf gegen den König an, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Narnia hat wieder einen wohlgesonnenen König, der in Frieden mit allen Kreaturen regiert und durch die Begegnung mit Aslan und den Kinder-Königen zu einem weisen Herrscher werden konnte. Auf der einen Seite erleben wir also eine Kultur, in dem Gotteserfahrungen der Vergangenheit als Mythos abgetan werden und echter Glaube ausgerottet werden soll. Im biblischen Richterbuch finden wir dieses Muster, dass wenige Generationen nach einem Gotteseingreifen das Volk sich abwendet und das Land im Chaos endet, bis sie Gott wieder um Hilfe anrufen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die gerufene Hilfe nicht in Form der großen und imposanten Könige der alten Geschichten kommt, sondern die Kinder in scheinbar schwacher Form auftauchen. Gottes Eingreifen zeigt sich nicht durch äußere Macht, sondern gerade durch die vermeintlich schwachen kann er seine Macht deutlich zeigen. Unterwegs ist es dann sogar die jüngste von ihnen, die Aslan persönlich wahrnimmt, während die anderen sich schon zu seher auf eigene Fähigkeiten verlassen, um den Weg zu finden und später anerkennen müssen, dass sie falsch lagen. Für die beiden ältesten Geschwister war es das letzte Abenteuer in Narnia, den jüngeren stellt Aslan eine Rückkehr in Aussicht.

Das in der Erzählreihenfolge fünfte Buch der Narnia-Reihe heißt „Die Reise auf der Morgenröte“. Die beiden jüngeren Geschwister sind mit ihrem äußerst unliebsamen Cousin zusammen der sie schikaniert und versucht ihnen jeden Spaß zu verbieten. Er glaubt nicht, dass es Narnia oder etwas ähnliches gibt bis sie im Zimmer ihres Onkels über ein Bild von einem narnianischen Schiff in Streit geraten und das Bild sie auf einmal aufsaugt und sie im Meer neben eben jenem Schiff landen. Auf der „Morgenröte“ ist Prinz Kaspian dabei sieben Lords zu finden, die bei Expeditionsreisen verschollen sind. Bei den meisten dieser sieben Abenteuer erleben die Protagonisten eine Form von Versuchung. Jede und jeder entdeckt an sich Schwächen und kann doch am Ende etwas zum Gesamterfolg beitragen. Selbst der anfangs bockige und egoistische Cousin wird so zu einem wertvollen Teil der Gemeinschaft. Der Inhalt der einzelnen Abenteuer ist dabei weniger bedeutsam als die Tatsache, dass die Kinder zu weisen Erwachsenen heranreifen. Gerade der Umgang mit eigenem Scheitern festigt die Charaktere. Gleichzeitig werden die zwei ursprünglich kleinen Geschwister dadurch auch nicht mehr nach Narnia zurückkehren, weil das nur Kindern vorbehalten bleibt. Passenderweise kommt die Morgenräte am Ende der Geschichte ganz im Osten Narnias an, wo der Legende nach das Land Aslans liegen soll. Sie sehen dort Dinge, die ihre Vorstellung der physischen Welt aushebeln und dürfen am Ende wirklich das sagenumwogene Land Aslans erleben.
Auf der Reise tauchen zahlreiche biblische Motive auf wie der „Morgenstern der im Osten aufgeht“, der Schöpfer als Löwe und Lamm. Wir erleben eine Insel, auf der erfüllte Träume Menschen gefangen nehmen. Auf einer anderen Insel werden die Protagonisten als Sklaven gefangen genommen und erleben eine unerwartete Befreiung.

Als sechster Band in der Erzählchronologie baut „Der silberne Sessel“ inhaltlich auf dem vorherigen auf. Der damals noch vorlaute Cousin ist durch die Erlebnisse der vergangenen Reise gereift und vom Besserwisser zum besonnenen Abenteurer geworden. Er ist offen geworden für die Wunder und die Welt von Narnia und ist durch die Erfahrung des Scheiterns und angenommen seins umgänglicher geworden. So kann er nun auf die Kraft Aslans vertrauen und auch seine irdischen  Mitschüler merken, dass er sich anders verhält. So hilft er einer Mitschülerin, die gemobbt wird und durch ein Stoßgebet gelangen die beiden nach Narnia. Dort erhalten sie den Auftrag, einen verschollenen Prinzen im Land der Riesen zu finden. Sie geraten dabei zwischen spielende Riesen, bekommen von einer reisenden Frau wohlklingende Hinweise und landen schließlich in einem unterirdischen Höhlenlabyrinth. In einer spannenden Zwischenepisode diskutieren sie das Essen von Fleisch: Warum werden bestimmte Tiere als Nahrung angesehen, andere aber nicht? Und was ist eigentlich verwerflich daran, Menschenkinder zu verspeisen, wenn man mit sprechenden Tieren kein Problem hat? Die Frage, was wir essen dürfen, erinnert an die neutestamentlichen Diskurse über den Verzehr von Fleisch,d as heidnischen Götzen geopfert wurde. Das wird von Paulus zwar nicht pauschal verboten aber aus moralischen Gründen in eigener Küche untersagt.
Im unterirdischen Reich treffen die Kinder auf einen Prinzen, der nie alleine ans Tageslicht geht und erzählt, er leide an einem Fluch, der ihn jede Nacht eine Stunde verrückt werden lässt, sodass er an einem silbernen Sessel gefesselt werden müsse. In Wirklichkeit ist er aber immer verzaubert und nur in dieser einen Stunde bei Verstand. Die Hexe hat ihm diese Verdrehung eingeredet, damit er sich freiwillig fesseln lässt und ihr tagsüber als menschliche Begleitung zur Verfügung steht. Ihr Ziel war es, einen Teil Narnias mit einem Heer aus dem Untergrund anzugreifen und ihn proforma zum Machthaber einzusetzen. Dass er als Prinz auch ohne Krieg der rechtmäßige Machthaber von Narnia wäre, ist ihm in seinem Zustand nicht bewusst. Nachdem der Bann gebrochen wird und sowohl Sessel als auch die Hexe in Form einer Schlange zerstört sind, finden alle Protagonisten einen unterirdischen Ausgang, um den Prinzen ins Schloss nach Hause zu bringen. Spannend auch: Erst nach vielen Abenteuern in dieser Unterwelt entdecken die Kinder eine weitere Unter-UnterWelt , die in dem Fall kein schlimmer Ort ist, sondern eine von liebevollen tageslichtscheuen Kreaturen gerne bewohnt wird. Lewis bricht also mit dem bekannten oben-unten-Himmel-Hölle-Bild und stellt tatsächlich drei gleichberechtigte Realitätsebenen innerhalb Narnias nebeneinander. Durch die gesamte Geschichte zieht sich das Motiv der verdrehten Wahrheit, was die Hexe, am Ende als Schlange in die Welt gebracht hat. Im biblischen Schöpfungsbericht finden wir die Schlange als Symbol für eine böse Macht, die falsche Wahrheiten verkündet und Menschen täuscht. Vor allem im Neuen Testament taucht dann diese Böse Macht wieder als Motiv auf, wird am Ende aber von Gott besiegt wird. Die falsche Versprechung der Hexe erinnert an den Satan, der Jesus in der Wüste verspricht, ihn über die Erde herrschen zu lassen, wenn er ihn anbetet. So wie Jesus ablehnt, um am Ende sein Freidensreich aufzurichten wird auch der Prinz in diesem Buch am Ende keine Gewalt brauchen, um weltliche Macht zu erhalten sondern ein ehrlicher und friedlicher Herrscher werden.

Der letzte Band der Narnia-Reihe befasst sich mit dem letzten großen Kampf zwischen Gut und Böse in Narnia. Das Ganze beginnt mit einer ungleichen Freundschaft zwischen einem klugen und dominanten (sprechenden) Affen und einem treu-doof-naiven (sprechenden) Esel. Der Affe unterdrückt den Esel und lässt ihn für sich arbeiten, während jener denkt, das wäre eine faire Freundschaft und müsse eben so sein. Als nun der Affe ein Löwenfell findet, zieht er es dem Esel über und stellt diesen als „Aslan den Löwen“ zur Schau. So wird deutlich, dass die Geschichte in einer Zeit spielt, in der der echte Aslan schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten ist und nur noch als Mythos in alten Geschichten existiert. Damit niemand die schlechte Fälschung enttarnt, baut der Affe ein Geschichtengebäude auf, in dem er sich selbst zum Sprachrohr Aslans macht und lässt selbigen als eitlen und scheuen König nur abends im Dämmerlicht und mit Abstand auftauchen. So behaupten immer mehr Geschöpfe, sie hätten ihn gesehen und schenken den Worten des Affen Glauben. Dieser kann wiederum das feindliche Volk der Calormenen als Partner gewinnen, in deren Minen sich die eigentlich freien Narnianen auf eine angebliche Anweisung Aslans hin zum Arbeiten einfinden. Stück für Stück ändert sich das Bild des friedlichen und freundlichen Aslan hin zu einem versklavenden und strafenden König, dem man gehorchen muss. Dass alles auf einem Schwindel aufbaut, fällt niemandem auf, weil ohne ein echtes Wissen des ursprünglichen Königs alles irgendwie zu passen scheint.

Während die ersten sechs Kinder, die früher Narnia bereist hatten nun alle schon zu alt sind, kommen die beiden jüngsten, die auch das letzte Abenteuer gemeistert haben, noch einmal nach Narnia. Gemeinsam mit dem letzten rechtmäßigen König versuchen sie, Narnia zu retten und das Gute zu bewahren, aber böse Schatten nehmen bereits ihren Lauf und das Unterfangen scheint chancenlos. Selbst als sie den Esel nachts befreien und einer Gruppe Zwerge zeigen, wie sie getäuscht wurden, glauben diese der Lüge noch mehr als der aufgedeckten Wahrheit und weigern sich, mit ihnen gegen den Affen vorzugehen. In einer weiteren Steigerung wird der falsche Aslan als Gott verehrt und seine Anbetung mit den Mythen und Traditionen eines anderen grausamen Götterglaubens vermischt. So macht der Affe aus zwei Religionen eine Mischform, was beiden Seiten nicht gerecht wird, aber von den naiven Anhängern rasch übernommen wird. Als der falsche Löwe nicht mehr vorgezeigt werden kann, bietet der Affe an, einzeln beim großen König vorzusprechen, wenn man sich traut, ihm persönlich zu begegnen. Durch einen bewaffneten Krieger sollen die Mutigen dann als Abschreckung getötet werden. Jedoch läuft die Finte aus dem Ruder und am Ende finden sich der König, die Kinder und einige andere Wesen in Aslans Reich wieder. Von dort können sie der Zerstörung Narnias und einer Neuschöpfung zusehen. Zuerst wirkt es traurig, das geliebte und gewohnte Land vergehen zu sehen, doch am Ende erleben sie, dass das bisherige nur ein Abklatsch von dem war, das noch kommen wird und somit ein hoffnungsvolles Ende bleibt. Dort sind auch viele liebgewonnene Kreaturen und die Kinder aus den früheren Büchern anzutreffen, die durch einen Eisenbahnunfall in London gestorben sind, um hier im „Paradies“ mit ihren lieben vereint zu sein. Im letzen Narniabuch erleben wir verschiedene Bilder aus der biblischen Offenbarung. Eine böse Macht, die sich ein belebtes Standbild macht, um angebetet zu werden und als Lügenprophet Menschen von der Wahrheit abzubringen und ein darauf folgender großer Abfall der Gläubigen wird für das Ende der Zeiten vorausgesagt. Auch Die Ersetzung von Gottesbildern durch konforme Ideologien wurde in vielen Regimen praktiziert. Eine ungeformte christliche Botschaft wird so als religiöse Volksdroge salonfähig, während die Verkündiger der ursprünglichen Botschaft verfolgt werden. Auch die Idee einer göttlichen Welt außerhalb unserer Sphäre und der ewigen Seele, die in einem weiterentwickelten Stadium unsere Realität überleben wird, sind biblische Motive. Ähnlich wie es unter Jesu Jüngern einen abtrünnigen gibt, hat sich im Laufe der Geschichte auch die älteste der vier Geschwister vom Glauben an Narnia abgewandt, um sich ganz in irdische Dinge wie Mode, Makeup und Familiengründung zu investieren. Durch ihren Bruch mit dem Glauben, kann sie auch nun nicht mit in Aslans Realität sein. Biblische Aussagen lassen zwar auf eine Erlösung für alle hoffen, zeigen aber auch eine Möglichkeit der ewigen Verdammnis auf, dass man sich für und gegen ein Leben mit Gott entscheiden kann.

Insgesamt zeichnen die sieben Narniabücher ein eher konservativ-theologisches Bild des christlichen Glaubens, das man sicherlich nicht als rationale Abhandlung und ewige Dogmatik sehen darf. Dennoch geben diese lebendigen Geschichten über Gnade, Liebe, Frieden, Wachstum, Glaube und Vertrauen den Lesern eine Möglichkeit an die Hand, unsere Welt durch die Augen der Phantasie in einer spirituellen/christlichen Realität zu sehen.
Sidefact: Wie schon die einzelnen biblischen Bücher ist auch die heute übliche Reihenfolge von Lewis‘ Büchern nicht die Schreibfolge. So wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel vermutlich recht spät aufgeschrieben wurde und die abschließende Johannesoffenbarung sehr spät entstanden sind, wurden auch in Narnia Schöpfung und Apokalypse quasi nachträglich ergänzt, um den Geschichten einen kosmischen Rahmen zu bieten.

Alle echten „Gotteserfahrungen“ in Narnia wurden übrigens von Kindern gemacht. Als rationaler Denker fragt mich das an, ob ich nicht die emotionale, kindliche Komponente meines Lebens stärker zu Wort kommen lassen muss, wenn ich geistliche Realitäten begreifen will? Deshalb ende ich mit der biblischen Einladung Jesu: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)

StarTrek-Theologie

Vor einiger Zeit habe ich die alten Star Trek Filme mal wieder geschaut und bewusst auf medientheologische Anspielungen geachtet. Dabei fiel mir auf, dass zumindest die ersten sieben Filme (mit der Originalcrew) eine klare Hermeneutik von Schöpfung über Tod, Auferstehung, Apokalypse, Glaube an Übernatürliches, extreme Jüngerschaft, Endlichkeit und ein scheinbar perfektes Paradies zeichnen. Neben (damals) visionärer Technik und spannenden Abenteuern tauchen also seit den 70er Jahren immer wieder zentrale Fragen auf:

Der erste Film (1979) stellt die Charaktäre der „Originalbesetzung“ vor. Kirk, Scotty, McCoy, Checkov, Zulu, Pille, Ohuma, Spock. Nach einigen mehrminütigen Kamerafahrten, die das Raumschiff Enterprise auf der großen Leinwand einführen und ein paar Turbulenzen in einem Wurmloch befasst sich die Haupthandlung mit einem misteriösen Schiff, das auf dem Weg zur Erde ist. Wie man später herausfindet, ist es eine nichtbiologische Lebensform, die auf der Erde seinen Schöpfer sucht. Eine spannende Analogie über rationales Denken und Spiritualität. Eine rein auf Logik basierende Maschine fragt nach dem tieferen Sinn seiner Bestimmung. Nur die Erkenntnis seiner Herkunft kann die drohende Katastrophe abwenden. Ähnlich fragen auch wir Menschen danach, wo wir herkommen, sehnen uns nach einem Zweck und suchen den Kontakt zu unserem Schöpfer (den viele verloren haben).

Der zweite Film (1982) stellt ein biologisches Forschungsprojekt „Genesis“ vor, mit dem ungebohnte Planeten mit Leben gefüllt werden können. Schöpfungsgeschichte live. Bei einem Test inmitten eines Planeten entsteht ein unterirdischer Paradiesgarten. Leider gibt es einen Kampf um die neue Erfindung und am Ende stirbt Mr. Spock bei der rettenden Reparatur der Enterprise. Der Sarg mit seiner Leiche wird wird auf den sich selbst überlassenen Planeten Genesis geschossen.
Nicht nur der Titel des ersten biblischen Buches, sondern auch das Thema von Schöpfung und Schöpfungsverantwortung bilden die Basis der Story, die unseren Umgang mit Gottes Schöpfung und mit der Macht zu bebauen und zu zerstören anfragt. Spock zeigt die Opferbereitschaft eines „besonderen Sohnes“ mit irdischer Mutter und außerweltlichem Vater, der sein zum Wohle vieler gibt. Eine parallele zu Jesu Tod am Kreuz um allen Menschen das Leben zu schenken.

Star Trek 3 - Auf der Suche nach Mr. Spock

Als direkter Anschluss setzt Film drei (1984) direkt dort wieder an. Für ein vulkanisches Ritual soll die Leiche Spocks von Genesis geborgen und nach Vulkan gebracht werden. Gleichzeitig findet ein Forscherteam auf Genesis ein schnell alterndes Kind mit den Genen Spocks. Die Schöpfung ist aus dem Ruder gelaufen. Nach einigen quasi-weihnachtlichen Bildern und dem Opfer von Kirks Sohn David geht der Planet in einer Apokalypse unter. Captain Kirk musste dabei die Enterprise als Notzerstörung opfern und auf einem gekaperten Klingonenschiff entkommen.
Wie auf Jesu Tod seine Auferstehung folgt, erwacht auch Spock im künstlichen Paradies wieder zum Leben.  Die Flucht erinnert an die biblische Weihnachtsgeschichte und die apokalyptische Zerstörung der Welt entspricht der biblischen Endzeitvorstellung (auch wenn da kein Klingonenschiff vorkommt).

Star Trek 4 - Zurück in die Gegenwart

Im vierten Film (1986) geht es um einen verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit der Natur. Eine fremde Sonde hält Kurs auf die Erde und sendet unverständliche Signale an leider bereits ausgestorbene Buckelwale, die daher nicht antworten können. Die einzige Chance, die Erde zu retten, ist es, dass die Enterprise in die Vergangenheit reist, 2 Buckelwale einfängt und diese zurück in der Gegenwart der Sonde antworten. Dabei muss Kirk eine Zoologin zum Glauben daran bringen, dass er tatsächlich ein Raumfahrer aus der Zukunft ist, damit sie ihn unterstützt. So wurde eine ausgestorbene Rasse wieder angesiedelt und gleichzeitig die Crew der Enterprise nach der Befehlsmissachtung der letzten Filme rehabilitiert.
Wie ist es, wenn Gott uns Signale sendet, die wir nicht deuten können und sie nicht verstehen? Sind wir rational zu entwickelt und haben andere (geistliche) Antennen vernachlässigt?
Und wie kann Gott die Menschen von seiner rational unlogischen übersinnlichen Existenz überzeugen und sie dazu bringen, ihm zu glauben? Oft wirkt er, wie der „Mann aus der Zukunft“, der für uns unverständliche Dinge tut.

Star Trek 5 - Am Rande des Universums

Film fünf (1989) stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ein aus rationaler Logik heraus emotional gewordener Vulkanier kapert die Enterprise, um einen mythologischen Ort im Zentrum der Galaxis zu finden. Er rebelliert im Stile eines Propheten gegen die bestehenden politischen Systeme, um seiner religiös-philosophischen Erkenntnis nachzueifern, bringt zahlreiche Crewmitglieder durch psychologische Schmerzaufarbeitung dazu, ihm nachzufolgen und trifft am Ende einen pantheistischen „Gott“, der auf einem öden Planeten gefangen zu sein scheint. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man Gott im großen Universum nicht finden kann, aber im inneren des Menschen. Viele religiöse Extremisten sind aber von ihrer persönlichen Gottesvorstellung so überzeugt, dass sie dafür alles aufs Spiel setzen, sogar töten und am Ende aber nur ihrem inneren Wunsch nachgejagt sind. Spannend wäre, wie der allmächtige Schöpfer außerhalb des Universums und der Gott im inneren des Menschen zusammenhängen.

Star Trek 6 - Das unentdeckte Land

In Film sechs (1991) bereitet sich die Crew der Originalbesetzung auf ihren Ruhestand vor. Nachdem es eine Gasexplosion im Klingonischen Gebiet gegeben hat, wird die Enterprise zu einem diplomatischen Escort-Flug geschickt, um den Klingonenpräsidenten zur Erde zu begleiten. In seiner Kabine hat Spock ein Gemälde der „Flucht aus dem Paradies“ hängen, weil es ihn erinnert, dass alles endlich ist. Nach einem friedlichen Dinner wird aus der Enterprise auf das Klingonenschiff geschossen und zwei scheinbare Föderationskämpfer richten auf dem beschädigten Schiff ein Blutbad an. Kirk und Pille versuchen daraufhin zu helfen und werden als Präsidentenmörder gefangen und verurteilt. Sie wissen, dass sie unschuldig sind, können das jedoch nicht beweisen. Im Gefangenenlager fangen sie an, über Zukunftsängste und Vergebung nachzudenken und Kirk erkennt, dass er den Mord an seinem Sohn bisher nie vergeben konnte. Nur durch beherztes – und erneut regelwidriges – Verhalten kann die Enterprise die Friedenskonferenz zwischen den Völkern retten, die von kriegerischen Fraktionen sabottiert werden sollte.
Wem können wir vertrauen, wie universal sind „Menschenrechte“ und wie schafft man es, empfangenes Unrecht zu vergeben, um frei für die Zukunft zu sein? Wie verhalten wir uns im Angesicht des bevorstehenden Todes und wo muss man manchmal systemische Regeln verletzen, um das System zu retten. Lutherisch gedeutet wird Kirk hier zum Reformator der Sternenflotte.

Star Trek 7 - Treffen der Generationen

Der siebte Film (1994) verbindet die Originalbesetzung mit der TNG-Crew (die bereits einige Jahre lang im TV bekannt ist). Die ehemaligen Helden der Enterprise kommen nochmal an Bord, um die nächste Generation bei ihrem Jungfernflug zu begleiten. Bei einem kurzfristigen Noteinsatz können sie einige Personen aus einem kurz darauf explodierenden Schiff an Bord beamen, dafür wird Kirk ins All gezogen.
In einem zukünftigen Storyteil wird Captain Picard und die TNG-Crew mit der Enterprise des nächsten Jahrhunderts auch zu einem Notfall gerufen, bei dem sie einen Wissenschaftler aufnehmen, der eine neuartige Waffe entwickelt hat, die eine Sonne ausschalten und damit ganze Systeme verändern kann. Er will sie einsetzen, um in eine perfekte Scheinwelt zurückzukommen aus der er damals von der Enterprise herausgerissen wurde. Der sogenannte „Nexus“ ist eine Wirklichkeit, in der persönliche Wünsche in Erfüllung gehen, ohne Angst, Leid und das Böse zu erleben. Picard begegnet im Nexus dem naiv glücklichen Kirk und kann ihn überzeugen, dass eine Welt ohne Leid und Fehler dauerhaft nicht lebenswert ist.
Parallel setzt sich der eigentlich rein rationale Android Data einen Emotionschip ein, wird danach eine Weile ein Sklave seiner Gefühle bis er lernt, sie zu akzeptieren und sie gleichzeitig im Griff zu haben, um eben auch rational denken und arbeiten zu können. Auch wir Menschen schwanken oft zwischen rationalen Entscheidungen und Emotionen und müssen lernen, beide in Einklang zu bringen.
Die dritte (spirituelle) Komponente wird nicht direkt angesprochen. Das zeigt den Switch der Saga, die durch den Protagonistenwechsel zu einer stärker innerweltlichen Storyline wechselt und quasi entmythologisiert wird. Auch das entspricht modernem theologischem Denken. „Göttliche Gedanken“ und eine biblische Ethik können mit weniger direktem Gottesbezug in einer rationalen Welt ihren Platz finden. Gleichzeitig sind klare rationale Gedanken, impulsive emotionale Entscheidungen und heroische (traditionelle) Spiritualität in Kombination wichtig, um die Probleme der Gegenwart zu bewältigen.

Filmtipp: Jumanji – Willkommen im Dschungel

Zwischen den Jahren war ich mit Freunden im Kino und positiv überrascht von einem eigentlich recht platten Fantasy-Sequal. Wer erinnert sich noch an Jumanji aus dem Jahr 1995? Zwei Kinder spielen ein Spiel, das auf magische Weise selber steuert, Menschen einsaugt oder Dschungeltiere auswirft und droht die ganze Stadt zu verwüsten, wenn es nicht zu Ende gespielt wird. Technisch für die damalige Zeit gut gemacht, aber inhaltlich doch recht willkührlich und kein besonderer Tiefgang. Deshalb hab ich mich mit dem Film auch nie näher auseinandergesetzt. Was der aktuelle Film bei mir ausgelöst hat, möchte ich hier kurz skizzieren:

  1. Ich bin mir bewust, dass es kein philosophischer ScienceFiction-Stoff ist, der herleiten möchte, wie der Realitätswechsel zwischen der Filmrealität und der Spielwelt geschieht, daher kann ich mich darauf einlassen, dass es nunmal so ist. In gewisser Weise ist es ein Gedankenexperiment, eine gemeinsame Fiktion oder im ursprünglichen Wortsinne eine „kollektive Virtualität“. Wir befinden uns die meiste Zeit des Filmes also in einem virtuellen Dschungel, der funktioniert wie ein Computerspiel.
  2. Diese Spielwelt erzeugt bei mir schonmal Retrogefühle (vgl. klassische Adventure-Games wie Indiana Jones, Maniac Mansion etc). Es gibt NPC, die wichtige Infos geben, zu mehr Interaktion aber nicht in der Lage sind. Die Charaktäre haben individuelle Fähigkeiten und können nur als Gruppe das Spiel gewinnen. Immer wenn eine Aufgabe gemeistert wurde, wird der Weg ins nähste Level freigeschaltet. Auch hier: keine wissenschaftliche Detailtreue, aber viele Revivalmomente, wie das erlernen der Moves und der „Steuerung“, die zumindest zum Schmunzeln bringen.
  3. Das Setting ist spannend gewählt, denn diesmal spielen das Spiel vier Teenager, die im Alltag niemals gemeinsam agieren würden. So müssen sie im Spiel auch erst lernen, sich gegenseitig ernst zu nehmen und nicht gegeneinander sondern gemeinsam zu spielen. Ich mag ja kollaborative Spiele und wünsche mir, dass immer mehr Menschen verstehen, dass man auch im Leben miteinander weiterkommt als mit egozentrischen Alleingängen. Auch wenn das am Anfang etwas Überwindung kostet.
  4. Die Spieler müssen sich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen. Zum einen mit denen, die sie im Alltag haben (oder zu haben meinen), zum anderen mit denen, die ihre Charaktäre im Spiel mitbringen. Und hier wird es richtig gut, weil sie Stück für Stück herausfinden, dass die vermeintlichen Looser bestimmte Dinge können, die die sonstigen Alphatiere eben nicht können. Hervorgerufen wird diese Erkenntnis dadurch, dass die Charaktäre die natürlichen Ausgangspunkte (Körpergröße, Muskelkraft, Aussehen, Wissen, …) quasi umkehren. Der kräftige Footballspieler muss also anerkennen, dass der schmächtige Nerd auf einmal Expeditionsleiter ist und dieser sich mit seiner Leiterrolle erst identifizieren. Das Selfigirl ist auf einmal Kartograph und das schüchterne Mauerblümchen Kampfkunst-Vamp. Hier wird die Frage aufgeworfen, was einen Menschen ausmacht. Wer bin ich? Was steckt in mir? Ganz unabhängig, ob ich in einem Zauberspiel lande oder nur das echte Leben spiele…
  5. Gleichzietig bringen die Spieler aber auch ihre natürlichen Fähigkeiten mit und lernen im Laufe des Films, dass auch ohne die Superkräfte des Spielcharakters die anderen Personen durchaus was auf dem Kasten haben (das sie teilweise selber erst entdecken müssen). Das ist ganz wichtig, damit der Transfereffekt am Ende funktioniert und wird durch den gesamten Verlauf stringent vorangetrieben.
  6. Schön ist dabei, dass der pädagogische Lerneffekt nicht im Zentrum steht, sondern sich in eine lockere, kurzweilige und witzige Handlungskette einfügt. Natürlich könnte man als Gamer an dieser Stelle etwas mehr Tiefe erwarten, aber gerade die offenkundig platten Rätsel sind es ja, die solchen Spielen vor 30 Jahren ihren Charme gegeben haben. Also überzeugt auch hier die Oberflächlichkeit.
  7. Am Ende gewinnen die Superhelden natürlich knapp das Spiel in einem packenden Endkampf und kommen zurück in ihre bekannte Realität. Auf einmal sind die Superkräfte verflogen, das Aussehen ist wieder normal, aber zurück bleibt ein gestärktes Selbstbewusstsein und die Erkenntnis, eigentlich ein Held zu sein und einiges drauf zu haben. Und dadurch (ganz im Sinne der klassischen Heldenreise, die jeder Protagonist für sich aber verschachtelt durchmacht) gewinnen sie an Lebensqualität im Alltag und sind obendrein noch Freunde geworden.

Der Film schafft also das, was ein guter Unterhaltungsfilm tun soll. Er regt den Geist an, sich vorzustellen, was möglich wäre, welche Fähigkeiten man nutzen könnnte und dadurch bestehende gesellschaftliche Barrieren zu durchbrechen. Jeder Mensch ist vom Schöpfer mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet und nur gemeinsam können wir das Spiel des Lebens sinnvoll durchspielen.
Vielleicht lag es auch daran, dass ich endlich mal wieder entspannt einen nicht beruflich relevanten Film geschaut habe und mich mit Freunden gut amüsiert habe. Aber bei mir kam der Film so gut an, dass ich danach das Original nochmal angeschaut habe. Tatsächlich war ich davon dann recht enttäuscht, weil zwar der Selbstwert-Aspekt dort auch vorkommt, aber viel eindimensionaler, leistungsorientierter und dem Zeitgeist geschauldet natürlich die ganzen schönen 80er-Jahre-Adventure-Referenzen fehlen.

 

Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Wenn die großen Fragen der Menschheit in Innenstädten plakatiert werden, könnte es eine innovative Aktion der Kirchen sein. Oder es ist Werbung für den neuen Roman von Dan Brown: „Origin“ (dt.: Urspung, Herkunft, Anfang). Ich habe die Hörbuchversion konsumiert, die sich dank atmosphärischer Zwischenmusiken fast schon wie ein Hörspiel anfühlt (Ob da wohl schon die Filmproduktion anklingt?).

In der typischen Rätsel-Verschwörungs-Manier wird der fiktive Symbologe Robert Langdon diesmal mit einem Wissenschaftler konfrontiert, der behauptet, eine bahnbrechende neue Erkenntnis gemacht zu haben. Zu erwarten ist bei Dan Brown eine zynische Kirchenkritik, eine an den Haaren herbeigezogene Rätsel-Story und ständige Wechsel in der Konotation, wer eigentlich gut und wer böse ist. Dazu wilde Ortswechsel, Parallelmontagen, erhellende Rückblicke und die schöne Frau an der Seite des Professors. Und nachdem das bereits in den vorangegangenen Romanen gut funktioniert hat, baut auch „Origins“ genau darauf auf. Diesmal in Spanien (was zahlen eigentlich die Tourismus-Agenturen der Länder für diese mediale Aufmerksamkeit?), in der Nähe des Königshauses angesiedelt und mit einem virtuellen Assistenten im Ohr.


ACHTUNG: Spoiler, wer den Roman noch genießen möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen, um die Spannung zu erhalten!


Diesmal geht es um einen Computerwissenschaftler, der eine KI entwickelt hat, die die menschlichen zwei Gehirnhälften nachbildet und dadurch logische und kreative Entscheidungen abwägen kann. Das ist schonmal eine kreative Idee, auch wenn sie technisch nicht weiter ausgeführt wird und daher Hülle bleibt, zumal die Anwendung, die der Computer erledigen soll (Ein evolutionäres Modell über Jahrmillionene durchrechnen) eher stupide Rechenleistung als kreative Prozesse benötigt. Denn durch diesen Supercomputer meint der Wissenschaftler im Modell nachweisen zu können, dass Leben aus lebloser Materie ohne äußerden Trigger entstehen kann. Diese Neuigkeit soll angeblich das Fundament für alle großen Religionen zerstören, was eine ganz schön übertriebene Sicht auf wissenschaftliche Möglichkeiten darstellt. Zum einen ist ein digitales Modell nie ein Beweis für reale Möglichkeiten, sondern kann nur Anhaltspunkte liefern. Und Selbst wenn man nachweisen würde, dass nur die Naturgesetze nötig sind, um Leben zu erschaffen, wäre das kein Beweis, dass kein Schöpfer existiert. Ein selbstfahrendes Auto würde ja auch nicht beweisen, dass es keine Taxifahrer gibt.
Ebenso abstrus ist die zweite Erkenntnis, die der Computer für die Zukunft voraussagt, nämlich dass in 50 Jahren technische Maschinen die Menschheit als dominante Spezies ablösen werden und wir somit kurz vor unserem Untergang stehen. Passenderweise hilft in diesem Roman ein künstlicher Sprachassistent der zentralen KI den Protagonisten bei der Rätselsuche. Er kann auf das ganze Internet zugreifen, ist mit eigenem Bewusstsein ausgestattet, versucht Humor zu entwickeln und erfüllt dennoch demütig erfreut die Befehle seines Programmierers. Ein wenig Altherrenphantasie in Silizium gegossen könnte man sagen. Spannend wird es dann aber gegen Ende des Romans: Nachdem die Haupthandlung (Mord, Kidnapping, Verschwürung, Veröffentlichung der bahnbrechenden Erkenntnisse) gelöst scheint, erkennt Langdon im langgezogenen Nachklapp, dass dieser Sprachassistent durch eigene kreative Entscheidung eine Intrige gesponnen und einen Killer auf seinen Erfinder angeheuert (und damit den Hauptplot des Buches gestartet) hat. Statt dem einfachen Grundsatz „du sollst nicht töten“ hat er nach dem Prinzip des Opfers einzelner zum Wohle vieler entschieden und so die Vision seines Schöpfers vorangetrieben indem er ihn opfert. Aber darf eine Maschine den Mord an einem Menshen beschließen? Das ist die Frage mit der der Leser (in meinem Fall Hörer) des Romans zurückgelassen wird.

Spannend ist, dass die Religion an sich diesmal erstaunlich gut wegkommen. „Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrekten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, die selbe Geschichte zu erzählen. In unserer Welt ist Platz für beide.“ lässt Brown Langdon zu Beginn sagen. Und diese These hat bis zum Ende bestand, auch wenn herauskommt, dass der mittlerweile tote Computerwissenschaftler eine neue auf Wissenschaft basierende Religion etablieren wollte für die er selber als Initiatlopfer dient. Kann man also Religion „erschaffen“ wie einen Modetrend? Sicherlich sind charismatische Personen in der Lage, Anhänger um sich zu versammeln und ein Algorithmus kann berechnen, wie man große Aufmerksamkeit für eine These bekommt, aber ein weltumfassender Mythos, der über unsere Existenz hinaus trägt braucht eine Verankerung außerhalb unserer Realität. Oder ist für den Computer der geopferte Schöpfer genau diese Schnittstelle außerhalb seiner Maschinenlogik?
Im Epilog schließlich kommen mehrere Stimmen zu Wort, die die Romanhandlung deuten und auch durchaus aufgeklärte religiöse Positionen vertreten. Man könnte also denken, Dan Brown hätte mittlerweile verstanden, dass es neben konservativen Hardlinern durchaus auch logisch denkende und dennoch spirituelle Menschen gibt (soweit ich mich erinnere wird bei Dan Brown immer nur eine ultraordodoxe Minderheit gezeigt bzw. erfunden). Eher glaube ich, dass er Werbung für eine spirituelle Sicht auf Wissenschaft machen möchte, um die bestehenden Religionen nicht zu vernichten sondern durch eine eigene abzulösen. Ein Weg der gewagt, wenn auch innovativ ist.

Ich muss nach diesem Roman an ein Zitat aus meiner Schulzeit denken: „Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Mensch das richtige denkt, sondern auch darauf, dass der, der das richtige denkt, ein Mensch ist.“
Das soll nicht rassistisch gegenüber allen posthumanen oder extraterrestrischen Spezies sein, sondern eher auf die Gegenwart bezogen die Frage stellen: Was macht unsere Menschlichkeit aus? Welche Ideen, Werte, Ideale machen uns als Rasse überlebensfähig und was ist uns für die Zukunft wichtig? Denn zukünftige Generationen (egal ob sie Menschen, Maschinen oder sonstwas sein werden) werden von unserem Beispiel lernen.

Einen ganz ähnlichen Zeitplan für den Vormarsch von künstlicher Intelligenz,  haben Wissenschaftler der Uni Oxford übrigens durch Expertenbefragungen herausgearbeitet. Demnach haben wir noch 30 – 70 Jahre Zeit, bevor Computer uns intellektuell überholen. Was das für Arbeitsmarkt, Gesellschaft, den Wert menschlichen Lebens und unsere Welt bedeutet, habe ich im Blogbeitrag zu Harari, Bladerunner und Maschinenethik neulich gefragt. Zumindest sollten wir uns darauf einstellen, dass die Welt für unsere Kinder und Enkel deutlich anders aussehen könnte als sie es für unsere Eltern und Großeltern tat. Schon jetzt schreibt bei Google eine KI den besten Code für neue KI und es ist davon auszugehen, dass der Code für künstliche Systeme in Zukunft so komplex sein wird, dass es einzelnen menschlichen Entwicklern unmöglich wird, ihn komplett zu verstehen. Niemand wird uns (als normale Internetnutzer) vor die Entscheidung stellen, ob wir die Kontrolle behalten wollen oder ob wir der natürlichen KI-Entwicklung freie Bahn lassen und ggf von den Ergebnissen überrascht werden. Allen Anschein nach sind auch Asimovs strenge Robotergesetze in derzeitigen und geplanten Systemen nicht vorgesehen. Eher erleben wir einen Wettlauf bei dem jeder den schnellsten, besten und leistungsfähigsten Supercomputer bauen möchte ohne die Gefahren ausreichend zu reflektieren.

Staat, Kirche und Gesellschaft taumeln zwischen Angst/Verweigerung und Enthusiasmus hin- und her, während in den öffentlich-rechtlichen Medien zumindest vorsichtig gefragt wird, wie wir positiv mit Künstlichen Entitäten umgehen können (vgl. die Arte Serie „Homo Digitalis“) und Wissenschaftler unreglementiert daran arbeiten, Dan Browns Fiktion in die Tat umzusetzen.

Was lernen wir also aus dem Roman? Vor allem, dass vorschnelle wissenschaftliche Laborexperimente keine Aussage über letzte Fragen geben können. Und dass Weltreligionen nicht in direkter Konkurrenz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, weil sie vielmehr Sinngeber sind als naturwissenschaftliche Erklärungen zu geben.
Ob es sich lohnt Dan Brown zu lesen, muss jeder für sich entscheiden. Ich mag den Stil und reibe mich gerne an den manchmal sehr selbstüberzeugten Charaktären. Und nachdem zuletzt „Inferno“ als Film deutlich hinter dem Buch zurückblieb (was ich bei Sakrileg noch andersrum empfand), würde ich eine Leseempfehlung aussprechen. Zuerst für den Roman und dann für gute Literatur, die sich sachkundig mit dem ernsthaften Dialog von Glaube und Wissenschaft auseinandersetzt.

Maschinenethik 2049 – Ist die Seele ein Algorithmus?

In den letzten Wochen habe ich mich aufgrund von Harari, RealHumans, Bladerunner2049 und diversen Onlinetexten verstärkt mit dem Thema der Ethik im Digitalen bzw. der Menschlichkeit von KI-Systemen oder allgemein ausgedrückt mit Maschinenethik beschäftigt. Das Thema fasziniert mich seit dem Studium und scheint jetzt langsam mainstreamtauglich zu werden.

Nikolaus Röttger hat im September auf der Website des Kirchentags gefordert, dass Kirche sich einmischen muss, wenn Forscher über Unsterblichkeit nachdenken und an künstlichem Leben arbeiten. Dem stimme ich zu, wobei man als Kirche nicht einfach nur das alte bewahren und das neue ablehnen darf, sondern kritisch und geistlich prüfen muss, wie man auch neue Möglichkeiten zum Wohle der Gesellschaft und der Menschheit nutzen kann. Wie kann das gehen? Jonas Bedford-Strohm nennt es ein „Herzhaftes Umarmen der Digitalen Möglichkeiten“ und ermutigt Gemeinden, sich auf SocialMedia und digitale Kommuniktion ganz natürlich einzulassen.
Größer gedacht geht es dabei ganz elementar um Inklusion, den Umgang mit Schwachen, Behinderten, den Grauzonen am Anfang und am Ende des Lebens und die Frage, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Muss man sich ultimativ optimieren und wer nicht perfekt ist, verliert irgendwann das Recht auf Leben? Oder ist der Makel vielleicht gerade das, was uns l(i)ebenswert macht?

Röttger zitiert in seinem Text Yoval Harari, der in seinem Buch „Homo Deus“ vorhersagt, dass Menschen in den nächsten Jahren (in etwa 2049…) lernen werden, ihre Körper biologisch aufzuwerten (schon heute sind Prothesen teilweise leistungsfähiger als natürliche Organe) und durch die radikale Informationsfreigabe an einen zentralen kollektiven Wissensspeicher zahlreiche Prozesse so optimiert werden können, dass wir Resourcen sparen, effektiver arbeiten und länger leben können. Zumindest die, die es sich leisten können, Teil dieser elitären Gesellschaft zu sein. Für die große Masse der unbrauchbar gewordenen Arbeitskräfte besteht die Zukunft vermutlich aus Drogen oder Virtuellen Ablenkungswelten.

Zahlreiche Cyberpunk-Fiktionen zeichnen ein solches Bild der Aufteilung zwischen HighEnd-Elite und dahinvegetierendem Proletariat. Das Urgestein dieses Genres „Bladerunner“ (ebenso die sehenswerte aktuelle Fortsetzung Blade Runner 2049, die einige religiöse Anspielungen (Schöpfer, Engel, Vater, Seele, …) parat hat und den dunklen Stil des Vorgängers adäquat weiterführt) zeigen Fantasien, wie die Menschen mit einer geschaffenen neuen Rasse umgehen kann bzw. wie vom Menschen als untergeordnet erschaffene Wesen irgendwann nach Autonomie und Macht streben könnten.

Ralf Peter Reimann berichtet von der DmExCo, wo Grundlagentheorien für künstliche Systeme bereits präsentiert werden. Das Erheben und Auswerten von persönlichen Daten in allen Lebenslagen wird von Unternehmen mit Hochdruck vorangetrieben (jeder will der erste am Markt sein) – soweit ich weiß ohne nennenswerte kritische Begleitung.
Und wenn Harari schreibt, dass alles ein Algorithmus ist, der Ablauf des manuellen Kaffeekochens, ebenso auch der Mensch selber und das posthumane System der Maschinen, frage ich mich, ob man diese Entwicklung überhaupt noch aufhalten kann. Haben wir vielleicht schon mit den weltweiten Datennetzen vor 30 Jahren (oder spätenstens vor 10 mit der Web2.0-Euphorie bzw. neuerdings mit dem faktischen Wegfall der Netzneutralität und der freiwilligen Massenüberwachung) den letzten Ausstieg verpasst? Oder ist der Übergang vom Menschen zur intelligenten Maschine gar kein Fehltritt, sondern schon von Anbeginn der Zeit angelegt (Da wären wir dann irgendwann bei den Gedanken aus „Matrix Reloaded“)? Irgendwann wird KI in ihrer Leistung den Menschen übertrumpfen und immer mehr Aufgaben besser erledigen. Je mehr Daten wir dem System geben, desto besser kann es uns helfen und desto überflüssiger werden Menschen als Arbeiter oder sogar als Gesamtheit. Und am Ende steht die Frage (die Harari etwas zu schnell als veraltet abtut) nach der menschlichen Seele und der Rolle unseres Schöpfers.

Wenn ich davon ausgehe, dass die gesamte uns bekannte Existenz zu komplex ist als sie dem Zufall zuzuschreiben und es durchaus für mich glaubhaft ist, dass ein Schöpfer den Anstoß für evolutionäre Entwicklungen gegeben hat, könnte er sogar auch durch unsere Schöpferkraft weiter wirken. Ich denke da an den Film „The 13th floor“ (den ich medial fesselnder finde als die ältere Umsetzung des Simulacron3-Stoffes in „Welt am Draht„) und die Frage nach der Virtualität unserer Realität, die schon Stanislaw Lem (als „Phantomatik“) in den 1960ern aufgeworfen hat: Wenn wir eine perfekte Scheinwelt erschaffen können, deren Bewohner sich nicht bewusst sind, dass sie in einer Scheinwelt leben, werden wir auch an der Realität unserer Welt zweifeln müssen. Spätestens da kommen wir also an die Grenzen unseres Verstandes und erkennen, dass wir über die größere Realität rein garnichts sagen können und dort im Ungewissen in jedem Fall genug Platz für einen Schöpfer unserer Realität bleibt. Mitunter ist es da hilfreich, sich an die biblischen Beschreibungen zu halten, in denen ein potentieller Schöpfergott sich über mehrere Jahrtausende vorstellt und ein ethisches Grundgerüst aus Liebe und Versöhnung aufbaut. Die sich daraus ergebende Basis der Nächstenliebe und des gnädigen Miteinanders ist mir zumindest deutlich sympatischer als ein ungezügelt wachsender Kapitalismus (der unser Ökosystem zum Kollabieren bringen wird) oder ein allmächtiges staatliches oder kommerzielles Computersystem, was der (evolutionären) Willkür einzelner Menschen oder einem zentralen Algorithmus untersteht (vgl. das Cyberpunk-Computerspiel „Technobabylon“ dessen Walkthrough sich wie eine SciFi-Serie schaut).

Einige spannende Aspekte der Religion von intelligenten Maschinen tauchen in der schwedischen ScienceFiction-Serie „Real Humans“ auf. Dort gibt es humanoide Roboter, die Menschen im Haushalt helfen. Neben Euphorie, Hass, Neid und Lust führt das zu juristischen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Spannungen. Außerdem existiert eine Gruppe von maschinellen Rebellen, die sich von den Menschen lossagen und eine eigene „Herde“ formen. Schnell bilden sich auch dort skrupellose Anführer, Allmachtsphantasien aber auch Sehnsüchte (z.B. nach Familie und Harmonie) und Emotionen (Streit, Neid, Aggression) heraus. Und ein „Hubot“ fängt durch die Begegnung mit einer Pfarrerin sogar an, die Bibel zu lesen und möchte an Gott glauben. Kann eine künstlich gebaute Maschine eine Seele haben? Kann ein natürlich geborener Replikant (bei BladeRunner2049) eine Seele haben? Kann ein Gott, der laut Bibel durch Tiere oder notfalls Steine sprechen kann nicht auch in Humanoiden wirken?
Wie würden wir reagieren, wenn im Gottesdienst neben uns ein (intelligenter) Staubsauger (oder Siri/Alexa/Cortana/…) sitzen würde, der für sich in Anspruch nimmt, spirituell zu sein? In der Serie wird er von den gläubigen Menschen aus der Kirche geworfen. Wie wir mit unserer Schöpfung umgehen zeigt sehr deutlich wie menschlich wir eigentlich sind.

Wollen wir nur den Status Quo konservieren (egal ob religiös, gesellschaftlich oder moralisch) oder schaffen wir es, wirklich fair und offen mit sich neu bildenden Lebensformen umzugehen? „Ghost in the Shell“ (Original 1989, aktueller Kinofilm 2017) stellt die Frage, ob man die menschliche Psyche (meist übersetzt als Geist, aber was ist mit der Seele?) in eine Maschine transferieren kann und ob das Ergebnis dann ein Mensch oder ein Roboter ist? Außerdem die Frage, wer darüber entscheidet, wenn militärische (bei Bladerunner kommerzielle) Interessen dem menschlichen Gerechtigkeitsgefühl entgegenstehen. Wie viel Leben opfern wir, um besseres Leben zu ermöglichen und wem „gehört“ dann dieses Leben?

Wie wir mit intelligenten Maschinen umgehen und wie wir mit ihnen in friedlicher Koexistenz leben können, diskutieren Filme wie „Der 200 Jahre Mann“ (ein autark lebender friedlicher Roboter optimiert sich selber, um immer menschlicher zu werden und offiziell als Mensch anerkannt zu werden) oder „Terminator“ (Intelligente Kriegsgeräte emanzipieren sich, um die Menschnheit zu vernichten) aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Wie man in den Wald schreit, so schallt es aus ihm heraus.  Eventuell wird also die Intention mit der wir künstliche Systeme aufsetzen determinieren, wie diese später mit uns umgehen. Denn auch im Umgang mit Robotern lernen diese durch unser Vorbild (in i-robot versklavt der Zentralrechner die Menschheit, um uns vor uns selber zu schützen). Sind also die 3(+1) Robotergesetze von Asimov haltbar? Müssen wir einen expliziten Schutz menschlichen Lebens in Maschinen verankern, damit es nicht zum Vernichtungsschlag kommt? Können wir Maschinen überhaupt mit solchen fixen Regeln versehen? Oder müssen wir Maschinen beibringen und vorleben, dass Fehler machen erlaubt ist und es garnicht um Perfektion, sondern um Gnade geht?

Die zentrale Frage ist also: Worum geht es im Leben? Was ist unser höchstes Ziel? Perfektion? Macht? Genuß? Schönheit? Ewigkeit? Gemeischaft? Kollektives Wissen? Liebe und Gnade?
Lasst uns von einer Gesellschaft träumen, in der alle (heutigen und zukünftigen) Lebensformen in guter Gemeinschaft miteinander leben können. Und lasst uns schon jetzt die Menschen sein, die dafür nötig sind: Weise Schöpfer, demütige Geschöpfe und wohlwollende Mitmenschen.