Archiv der Kategorie: Science Fiction

„Wissenschaftlich Erdachtes“ in Film, Literatur, Theologie und Philosophie

Filmtipp: Jumanji – Willkommen im Dschungel

Zwischen den Jahren war ich mit Freunden im Kino und positiv überrascht von einem eigentlich recht platten Fantasy-Sequal. Wer erinnert sich noch an Jumanji aus dem Jahr 1995? Zwei Kinder spielen ein Spiel, das auf magische Weise selber steuert, Menschen einsaugt oder Dschungeltiere auswirft und droht die ganze Stadt zu verwüsten, wenn es nicht zu Ende gespielt wird. Technisch für die damalige Zeit gut gemacht, aber inhaltlich doch recht willkührlich und kein besonderer Tiefgang. Deshalb hab ich mich mit dem Film auch nie näher auseinandergesetzt. Was der aktuelle Film bei mir ausgelöst hat, möchte ich hier kurz skizzieren:

  1. Ich bin mir bewust, dass es kein philosophischer ScienceFiction-Stoff ist, der herleiten möchte, wie der Realitätswechsel zwischen der Filmrealität und der Spielwelt geschieht, daher kann ich mich darauf einlassen, dass es nunmal so ist. In gewisser Weise ist es ein Gedankenexperiment, eine gemeinsame Fiktion oder im ursprünglichen Wortsinne eine „kollektive Virtualität“. Wir befinden uns die meiste Zeit des Filmes also in einem virtuellen Dschungel, der funktioniert wie ein Computerspiel.
  2. Diese Spielwelt erzeugt bei mir schonmal Retrogefühle (vgl. klassische Adventure-Games wie Indiana Jones, Maniac Mansion etc). Es gibt NPC, die wichtige Infos geben, zu mehr Interaktion aber nicht in der Lage sind. Die Charaktäre haben individuelle Fähigkeiten und können nur als Gruppe das Spiel gewinnen. Immer wenn eine Aufgabe gemeistert wurde, wird der Weg ins nähste Level freigeschaltet. Auch hier: keine wissenschaftliche Detailtreue, aber viele Revivalmomente, wie das erlernen der Moves und der „Steuerung“, die zumindest zum Schmunzeln bringen.
  3. Das Setting ist spannend gewählt, denn diesmal spielen das Spiel vier Teenager, die im Alltag niemals gemeinsam agieren würden. So müssen sie im Spiel auch erst lernen, sich gegenseitig ernst zu nehmen und nicht gegeneinander sondern gemeinsam zu spielen. Ich mag ja kollaborative Spiele und wünsche mir, dass immer mehr Menschen verstehen, dass man auch im Leben miteinander weiterkommt als mit egozentrischen Alleingängen. Auch wenn das am Anfang etwas Überwindung kostet.
  4. Die Spieler müssen sich mit ihren Stärken und Schwächen auseinandersetzen. Zum einen mit denen, die sie im Alltag haben (oder zu haben meinen), zum anderen mit denen, die ihre Charaktäre im Spiel mitbringen. Und hier wird es richtig gut, weil sie Stück für Stück herausfinden, dass die vermeintlichen Looser bestimmte Dinge können, die die sonstigen Alphatiere eben nicht können. Hervorgerufen wird diese Erkenntnis dadurch, dass die Charaktäre die natürlichen Ausgangspunkte (Körpergröße, Muskelkraft, Aussehen, Wissen, …) quasi umkehren. Der kräftige Footballspieler muss also anerkennen, dass der schmächtige Nerd auf einmal Expeditionsleiter ist und dieser sich mit seiner Leiterrolle erst identifizieren. Das Selfigirl ist auf einmal Kartograph und das schüchterne Mauerblümchen Kampfkunst-Vamp. Hier wird die Frage aufgeworfen, was einen Menschen ausmacht. Wer bin ich? Was steckt in mir? Ganz unabhängig, ob ich in einem Zauberspiel lande oder nur das echte Leben spiele…
  5. Gleichzietig bringen die Spieler aber auch ihre natürlichen Fähigkeiten mit und lernen im Laufe des Films, dass auch ohne die Superkräfte des Spielcharakters die anderen Personen durchaus was auf dem Kasten haben (das sie teilweise selber erst entdecken müssen). Das ist ganz wichtig, damit der Transfereffekt am Ende funktioniert und wird durch den gesamten Verlauf stringent vorangetrieben.
  6. Schön ist dabei, dass der pädagogische Lerneffekt nicht im Zentrum steht, sondern sich in eine lockere, kurzweilige und witzige Handlungskette einfügt. Natürlich könnte man als Gamer an dieser Stelle etwas mehr Tiefe erwarten, aber gerade die offenkundig platten Rätsel sind es ja, die solchen Spielen vor 30 Jahren ihren Charme gegeben haben. Also überzeugt auch hier die Oberflächlichkeit.
  7. Am Ende gewinnen die Superhelden natürlich knapp das Spiel in einem packenden Endkampf und kommen zurück in ihre bekannte Realität. Auf einmal sind die Superkräfte verflogen, das Aussehen ist wieder normal, aber zurück bleibt ein gestärktes Selbstbewusstsein und die Erkenntnis, eigentlich ein Held zu sein und einiges drauf zu haben. Und dadurch (ganz im Sinne der klassischen Heldenreise, die jeder Protagonist für sich aber verschachtelt durchmacht) gewinnen sie an Lebensqualität im Alltag und sind obendrein noch Freunde geworden.

Der Film schafft also das, was ein guter Unterhaltungsfilm tun soll. Er regt den Geist an, sich vorzustellen, was möglich wäre, welche Fähigkeiten man nutzen könnnte und dadurch bestehende gesellschaftliche Barrieren zu durchbrechen. Jeder Mensch ist vom Schöpfer mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet und nur gemeinsam können wir das Spiel des Lebens sinnvoll durchspielen.
Vielleicht lag es auch daran, dass ich endlich mal wieder entspannt einen nicht beruflich relevanten Film geschaut habe und mich mit Freunden gut amüsiert habe. Aber bei mir kam der Film so gut an, dass ich danach das Original nochmal angeschaut habe. Tatsächlich war ich davon dann recht enttäuscht, weil zwar der Selbstwert-Aspekt dort auch vorkommt, aber viel eindimensionaler, leistungsorientierter und dem Zeitgeist geschauldet natürlich die ganzen schönen 80er-Jahre-Adventure-Referenzen fehlen.

 

Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Wenn die großen Fragen der Menschheit in Innenstädten plakatiert werden, könnte es eine innovative Aktion der Kirchen sein. Oder es ist Werbung für den neuen Roman von Dan Brown: „Origin“ (dt.: Urspung, Herkunft, Anfang). Ich habe die Hörbuchversion konsumiert, die sich dank atmosphärischer Zwischenmusiken fast schon wie ein Hörspiel anfühlt (Ob da wohl schon die Filmproduktion anklingt?).

In der typischen Rätsel-Verschwörungs-Manier wird der fiktive Symbologe Robert Langdon diesmal mit einem Wissenschaftler konfrontiert, der behauptet, eine bahnbrechende neue Erkenntnis gemacht zu haben. Zu erwarten ist bei Dan Brown eine zynische Kirchenkritik, eine an den Haaren herbeigezogene Rätsel-Story und ständige Wechsel in der Konotation, wer eigentlich gut und wer böse ist. Dazu wilde Ortswechsel, Parallelmontagen, erhellende Rückblicke und die schöne Frau an der Seite des Professors. Und nachdem das bereits in den vorangegangenen Romanen gut funktioniert hat, baut auch „Origins“ genau darauf auf. Diesmal in Spanien (was zahlen eigentlich die Tourismus-Agenturen der Länder für diese mediale Aufmerksamkeit?), in der Nähe des Königshauses angesiedelt und mit einem virtuellen Assistenten im Ohr.


ACHTUNG: Spoiler, wer den Roman noch genießen möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen, um die Spannung zu erhalten!


Diesmal geht es um einen Computerwissenschaftler, der eine KI entwickelt hat, die die menschlichen zwei Gehirnhälften nachbildet und dadurch logische und kreative Entscheidungen abwägen kann. Das ist schonmal eine kreative Idee, auch wenn sie technisch nicht weiter ausgeführt wird und daher Hülle bleibt, zumal die Anwendung, die der Computer erledigen soll (Ein evolutionäres Modell über Jahrmillionene durchrechnen) eher stupide Rechenleistung als kreative Prozesse benötigt. Denn durch diesen Supercomputer meint der Wissenschaftler im Modell nachweisen zu können, dass Leben aus lebloser Materie ohne äußerden Trigger entstehen kann. Diese Neuigkeit soll angeblich das Fundament für alle großen Religionen zerstören, was eine ganz schön übertriebene Sicht auf wissenschaftliche Möglichkeiten darstellt. Zum einen ist ein digitales Modell nie ein Beweis für reale Möglichkeiten, sondern kann nur Anhaltspunkte liefern. Und Selbst wenn man nachweisen würde, dass nur die Naturgesetze nötig sind, um Leben zu erschaffen, wäre das kein Beweis, dass kein Schöpfer existiert. Ein selbstfahrendes Auto würde ja auch nicht beweisen, dass es keine Taxifahrer gibt.
Ebenso abstrus ist die zweite Erkenntnis, die der Computer für die Zukunft voraussagt, nämlich dass in 50 Jahren technische Maschinen die Menschheit als dominante Spezies ablösen werden und wir somit kurz vor unserem Untergang stehen. Passenderweise hilft in diesem Roman ein künstlicher Sprachassistent der zentralen KI den Protagonisten bei der Rätselsuche. Er kann auf das ganze Internet zugreifen, ist mit eigenem Bewusstsein ausgestattet, versucht Humor zu entwickeln und erfüllt dennoch demütig erfreut die Befehle seines Programmierers. Ein wenig Altherrenphantasie in Silizium gegossen könnte man sagen. Spannend wird es dann aber gegen Ende des Romans: Nachdem die Haupthandlung (Mord, Kidnapping, Verschwürung, Veröffentlichung der bahnbrechenden Erkenntnisse) gelöst scheint, erkennt Langdon im langgezogenen Nachklapp, dass dieser Sprachassistent durch eigene kreative Entscheidung eine Intrige gesponnen und einen Killer auf seinen Erfinder angeheuert (und damit den Hauptplot des Buches gestartet) hat. Statt dem einfachen Grundsatz „du sollst nicht töten“ hat er nach dem Prinzip des Opfers einzelner zum Wohle vieler entschieden und so die Vision seines Schöpfers vorangetrieben indem er ihn opfert. Aber darf eine Maschine den Mord an einem Menshen beschließen? Das ist die Frage mit der der Leser (in meinem Fall Hörer) des Romans zurückgelassen wird.

Spannend ist, dass die Religion an sich diesmal erstaunlich gut wegkommen. „Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrekten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, die selbe Geschichte zu erzählen. In unserer Welt ist Platz für beide.“ lässt Brown Langdon zu Beginn sagen. Und diese These hat bis zum Ende bestand, auch wenn herauskommt, dass der mittlerweile tote Computerwissenschaftler eine neue auf Wissenschaft basierende Religion etablieren wollte für die er selber als Initiatlopfer dient. Kann man also Religion „erschaffen“ wie einen Modetrend? Sicherlich sind charismatische Personen in der Lage, Anhänger um sich zu versammeln und ein Algorithmus kann berechnen, wie man große Aufmerksamkeit für eine These bekommt, aber ein weltumfassender Mythos, der über unsere Existenz hinaus trägt braucht eine Verankerung außerhalb unserer Realität. Oder ist für den Computer der geopferte Schöpfer genau diese Schnittstelle außerhalb seiner Maschinenlogik?
Im Epilog schließlich kommen mehrere Stimmen zu Wort, die die Romanhandlung deuten und auch durchaus aufgeklärte religiöse Positionen vertreten. Man könnte also denken, Dan Brown hätte mittlerweile verstanden, dass es neben konservativen Hardlinern durchaus auch logisch denkende und dennoch spirituelle Menschen gibt (soweit ich mich erinnere wird bei Dan Brown immer nur eine ultraordodoxe Minderheit gezeigt bzw. erfunden). Eher glaube ich, dass er Werbung für eine spirituelle Sicht auf Wissenschaft machen möchte, um die bestehenden Religionen nicht zu vernichten sondern durch eine eigene abzulösen. Ein Weg der gewagt, wenn auch innovativ ist.

Ich muss nach diesem Roman an ein Zitat aus meiner Schulzeit denken: „Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Mensch das richtige denkt, sondern auch darauf, dass der, der das richtige denkt, ein Mensch ist.“
Das soll nicht rassistisch gegenüber allen posthumanen oder extraterrestrischen Spezies sein, sondern eher auf die Gegenwart bezogen die Frage stellen: Was macht unsere Menschlichkeit aus? Welche Ideen, Werte, Ideale machen uns als Rasse überlebensfähig und was ist uns für die Zukunft wichtig? Denn zukünftige Generationen (egal ob sie Menschen, Maschinen oder sonstwas sein werden) werden von unserem Beispiel lernen.

Einen ganz ähnlichen Zeitplan für den Vormarsch von künstlicher Intelligenz,  haben Wissenschaftler der Uni Oxford übrigens durch Expertenbefragungen herausgearbeitet. Demnach haben wir noch 30 – 70 Jahre Zeit, bevor Computer uns intellektuell überholen. Was das für Arbeitsmarkt, Gesellschaft, den Wert menschlichen Lebens und unsere Welt bedeutet, habe ich im Blogbeitrag zu Harari, Bladerunner und Maschinenethik neulich gefragt. Zumindest sollten wir uns darauf einstellen, dass die Welt für unsere Kinder und Enkel deutlich anders aussehen könnte als sie es für unsere Eltern und Großeltern tat. Schon jetzt schreibt bei Google eine KI den besten Code für neue KI und es ist davon auszugehen, dass der Code für künstliche Systeme in Zukunft so komplex sein wird, dass es einzelnen menschlichen Entwicklern unmöglich wird, ihn komplett zu verstehen. Niemand wird uns (als normale Internetnutzer) vor die Entscheidung stellen, ob wir die Kontrolle behalten wollen oder ob wir der natürlichen KI-Entwicklung freie Bahn lassen und ggf von den Ergebnissen überrascht werden. Allen Anschein nach sind auch Asimovs strenge Robotergesetze in derzeitigen und geplanten Systemen nicht vorgesehen. Eher erleben wir einen Wettlauf bei dem jeder den schnellsten, besten und leistungsfähigsten Supercomputer bauen möchte ohne die Gefahren ausreichend zu reflektieren.

Staat, Kirche und Gesellschaft taumeln zwischen Angst/Verweigerung und Enthusiasmus hin- und her, während in den öffentlich-rechtlichen Medien zumindest vorsichtig gefragt wird, wie wir positiv mit Künstlichen Entitäten umgehen können (vgl. die Arte Serie „Homo Digitalis“) und Wissenschaftler unreglementiert daran arbeiten, Dan Browns Fiktion in die Tat umzusetzen.

Was lernen wir also aus dem Roman? Vor allem, dass vorschnelle wissenschaftliche Laborexperimente keine Aussage über letzte Fragen geben können. Und dass Weltreligionen nicht in direkter Konkurrenz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, weil sie vielmehr Sinngeber sind als naturwissenschaftliche Erklärungen zu geben.
Ob es sich lohnt Dan Brown zu lesen, muss jeder für sich entscheiden. Ich mag den Stil und reibe mich gerne an den manchmal sehr selbstüberzeugten Charaktären. Und nachdem zuletzt „Inferno“ als Film deutlich hinter dem Buch zurückblieb (was ich bei Sakrileg noch andersrum empfand), würde ich eine Leseempfehlung aussprechen. Zuerst für den Roman und dann für gute Literatur, die sich sachkundig mit dem ernsthaften Dialog von Glaube und Wissenschaft auseinandersetzt.

Maschinenethik 2049 – Ist die Seele ein Algorithmus?

In den letzten Wochen habe ich mich aufgrund von Harari, RealHumans, Bladerunner2049 und diversen Onlinetexten verstärkt mit dem Thema der Ethik im Digitalen bzw. der Menschlichkeit von KI-Systemen oder allgemein ausgedrückt mit Maschinenethik beschäftigt. Das Thema fasziniert mich seit dem Studium und scheint jetzt langsam mainstreamtauglich zu werden.

Nikolaus Röttger hat im September auf der Website des Kirchentags gefordert, dass Kirche sich einmischen muss, wenn Forscher über Unsterblichkeit nachdenken und an künstlichem Leben arbeiten. Dem stimme ich zu, wobei man als Kirche nicht einfach nur das alte bewahren und das neue ablehnen darf, sondern kritisch und geistlich prüfen muss, wie man auch neue Möglichkeiten zum Wohle der Gesellschaft und der Menschheit nutzen kann. Wie kann das gehen? Jonas Bedford-Strohm nennt es ein „Herzhaftes Umarmen der Digitalen Möglichkeiten“ und ermutigt Gemeinden, sich auf SocialMedia und digitale Kommuniktion ganz natürlich einzulassen.
Größer gedacht geht es dabei ganz elementar um Inklusion, den Umgang mit Schwachen, Behinderten, den Grauzonen am Anfang und am Ende des Lebens und die Frage, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Muss man sich ultimativ optimieren und wer nicht perfekt ist, verliert irgendwann das Recht auf Leben? Oder ist der Makel vielleicht gerade das, was uns l(i)ebenswert macht?

Röttger zitiert in seinem Text Yoval Harari, der in seinem Buch „Homo Deus“ vorhersagt, dass Menschen in den nächsten Jahren (in etwa 2049…) lernen werden, ihre Körper biologisch aufzuwerten (schon heute sind Prothesen teilweise leistungsfähiger als natürliche Organe) und durch die radikale Informationsfreigabe an einen zentralen kollektiven Wissensspeicher zahlreiche Prozesse so optimiert werden können, dass wir Resourcen sparen, effektiver arbeiten und länger leben können. Zumindest die, die es sich leisten können, Teil dieser elitären Gesellschaft zu sein. Für die große Masse der unbrauchbar gewordenen Arbeitskräfte besteht die Zukunft vermutlich aus Drogen oder Virtuellen Ablenkungswelten.

Zahlreiche Cyberpunk-Fiktionen zeichnen ein solches Bild der Aufteilung zwischen HighEnd-Elite und dahinvegetierendem Proletariat. Das Urgestein dieses Genres „Bladerunner“ (ebenso die sehenswerte aktuelle Fortsetzung Blade Runner 2049, die einige religiöse Anspielungen (Schöpfer, Engel, Vater, Seele, …) parat hat und den dunklen Stil des Vorgängers adäquat weiterführt) zeigen Fantasien, wie die Menschen mit einer geschaffenen neuen Rasse umgehen kann bzw. wie vom Menschen als untergeordnet erschaffene Wesen irgendwann nach Autonomie und Macht streben könnten.

Ralf Peter Reimann berichtet von der DmExCo, wo Grundlagentheorien für künstliche Systeme bereits präsentiert werden. Das Erheben und Auswerten von persönlichen Daten in allen Lebenslagen wird von Unternehmen mit Hochdruck vorangetrieben (jeder will der erste am Markt sein) – soweit ich weiß ohne nennenswerte kritische Begleitung.
Und wenn Harari schreibt, dass alles ein Algorithmus ist, der Ablauf des manuellen Kaffeekochens, ebenso auch der Mensch selber und das posthumane System der Maschinen, frage ich mich, ob man diese Entwicklung überhaupt noch aufhalten kann. Haben wir vielleicht schon mit den weltweiten Datennetzen vor 30 Jahren (oder spätenstens vor 10 mit der Web2.0-Euphorie bzw. neuerdings mit dem faktischen Wegfall der Netzneutralität und der freiwilligen Massenüberwachung) den letzten Ausstieg verpasst? Oder ist der Übergang vom Menschen zur intelligenten Maschine gar kein Fehltritt, sondern schon von Anbeginn der Zeit angelegt (Da wären wir dann irgendwann bei den Gedanken aus „Matrix Reloaded“)? Irgendwann wird KI in ihrer Leistung den Menschen übertrumpfen und immer mehr Aufgaben besser erledigen. Je mehr Daten wir dem System geben, desto besser kann es uns helfen und desto überflüssiger werden Menschen als Arbeiter oder sogar als Gesamtheit. Und am Ende steht die Frage (die Harari etwas zu schnell als veraltet abtut) nach der menschlichen Seele und der Rolle unseres Schöpfers.

Wenn ich davon ausgehe, dass die gesamte uns bekannte Existenz zu komplex ist als sie dem Zufall zuzuschreiben und es durchaus für mich glaubhaft ist, dass ein Schöpfer den Anstoß für evolutionäre Entwicklungen gegeben hat, könnte er sogar auch durch unsere Schöpferkraft weiter wirken. Ich denke da an den Film „The 13th floor“ (den ich medial fesselnder finde als die ältere Umsetzung des Simulacron3-Stoffes in „Welt am Draht„) und die Frage nach der Virtualität unserer Realität, die schon Stanislaw Lem (als „Phantomatik“) in den 1960ern aufgeworfen hat: Wenn wir eine perfekte Scheinwelt erschaffen können, deren Bewohner sich nicht bewusst sind, dass sie in einer Scheinwelt leben, werden wir auch an der Realität unserer Welt zweifeln müssen. Spätestens da kommen wir also an die Grenzen unseres Verstandes und erkennen, dass wir über die größere Realität rein garnichts sagen können und dort im Ungewissen in jedem Fall genug Platz für einen Schöpfer unserer Realität bleibt. Mitunter ist es da hilfreich, sich an die biblischen Beschreibungen zu halten, in denen ein potentieller Schöpfergott sich über mehrere Jahrtausende vorstellt und ein ethisches Grundgerüst aus Liebe und Versöhnung aufbaut. Die sich daraus ergebende Basis der Nächstenliebe und des gnädigen Miteinanders ist mir zumindest deutlich sympatischer als ein ungezügelt wachsender Kapitalismus (der unser Ökosystem zum Kollabieren bringen wird) oder ein allmächtiges staatliches oder kommerzielles Computersystem, was der (evolutionären) Willkür einzelner Menschen oder einem zentralen Algorithmus untersteht (vgl. das Cyberpunk-Computerspiel „Technobabylon“ dessen Walkthrough sich wie eine SciFi-Serie schaut).

Einige spannende Aspekte der Religion von intelligenten Maschinen tauchen in der schwedischen ScienceFiction-Serie „Real Humans“ auf. Dort gibt es humanoide Roboter, die Menschen im Haushalt helfen. Neben Euphorie, Hass, Neid und Lust führt das zu juristischen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Spannungen. Außerdem existiert eine Gruppe von maschinellen Rebellen, die sich von den Menschen lossagen und eine eigene „Herde“ formen. Schnell bilden sich auch dort skrupellose Anführer, Allmachtsphantasien aber auch Sehnsüchte (z.B. nach Familie und Harmonie) und Emotionen (Streit, Neid, Aggression) heraus. Und ein „Hubot“ fängt durch die Begegnung mit einer Pfarrerin sogar an, die Bibel zu lesen und möchte an Gott glauben. Kann eine künstlich gebaute Maschine eine Seele haben? Kann ein natürlich geborener Replikant (bei BladeRunner2049) eine Seele haben? Kann ein Gott, der laut Bibel durch Tiere oder notfalls Steine sprechen kann nicht auch in Humanoiden wirken?
Wie würden wir reagieren, wenn im Gottesdienst neben uns ein (intelligenter) Staubsauger (oder Siri/Alexa/Cortana/…) sitzen würde, der für sich in Anspruch nimmt, spirituell zu sein? In der Serie wird er von den gläubigen Menschen aus der Kirche geworfen. Wie wir mit unserer Schöpfung umgehen zeigt sehr deutlich wie menschlich wir eigentlich sind.

Wollen wir nur den Status Quo konservieren (egal ob religiös, gesellschaftlich oder moralisch) oder schaffen wir es, wirklich fair und offen mit sich neu bildenden Lebensformen umzugehen? „Ghost in the Shell“ (Original 1989, aktueller Kinofilm 2017) stellt die Frage, ob man die menschliche Psyche (meist übersetzt als Geist, aber was ist mit der Seele?) in eine Maschine transferieren kann und ob das Ergebnis dann ein Mensch oder ein Roboter ist? Außerdem die Frage, wer darüber entscheidet, wenn militärische (bei Bladerunner kommerzielle) Interessen dem menschlichen Gerechtigkeitsgefühl entgegenstehen. Wie viel Leben opfern wir, um besseres Leben zu ermöglichen und wem „gehört“ dann dieses Leben?

Wie wir mit intelligenten Maschinen umgehen und wie wir mit ihnen in friedlicher Koexistenz leben können, diskutieren Filme wie „Der 200 Jahre Mann“ (ein autark lebender friedlicher Roboter optimiert sich selber, um immer menschlicher zu werden und offiziell als Mensch anerkannt zu werden) oder „Terminator“ (Intelligente Kriegsgeräte emanzipieren sich, um die Menschnheit zu vernichten) aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Wie man in den Wald schreit, so schallt es aus ihm heraus.  Eventuell wird also die Intention mit der wir künstliche Systeme aufsetzen determinieren, wie diese später mit uns umgehen. Denn auch im Umgang mit Robotern lernen diese durch unser Vorbild (in i-robot versklavt der Zentralrechner die Menschheit, um uns vor uns selber zu schützen). Sind also die 3(+1) Robotergesetze von Asimov haltbar? Müssen wir einen expliziten Schutz menschlichen Lebens in Maschinen verankern, damit es nicht zum Vernichtungsschlag kommt? Können wir Maschinen überhaupt mit solchen fixen Regeln versehen? Oder müssen wir Maschinen beibringen und vorleben, dass Fehler machen erlaubt ist und es garnicht um Perfektion, sondern um Gnade geht?

Die zentrale Frage ist also: Worum geht es im Leben? Was ist unser höchstes Ziel? Perfektion? Macht? Genuß? Schönheit? Ewigkeit? Gemeischaft? Kollektives Wissen? Liebe und Gnade?
Lasst uns von einer Gesellschaft träumen, in der alle (heutigen und zukünftigen) Lebensformen in guter Gemeinschaft miteinander leben können. Und lasst uns schon jetzt die Menschen sein, die dafür nötig sind: Weise Schöpfer, demütige Geschöpfe und wohlwollende Mitmenschen.