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…wissenschaftlich von Gott reden

Pilgern in Deutschland – ein Erfahrungsbericht

Ich schreibe als Medientheologe über meine Erfahrungen mit einem sehr klassischen Medium – die Pilgerreise. Eine Auszeit, in der ich bewusst viele Kanäle nicht genutzt habe, um anderes stärker wahrzunehmen.
Da der Text etwas länger ist, hier eine Übersicht der Kapitel:

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Der Weg ist das Ziel

Eigentlich hatte ich geplant, den nordspanischen Küstenweg nach Santiago de Compostella zu pilgern. Nachdem Nordspanien kurzfristig Risikogebiet wurde, war ich im Oktober 2020 stattdessen vier Wochen auf Pilgertour in Deutschland.
Nach der ersten Enttäuschung kam es mir eigentlich total passend vor: Wie ursprünglich üblich bin ich zuhause (in Erfurt) losgelaufen. Die richtung wurde durch die Wege mit der Jakobsmuschel ausgewiesen. Auch wenn mir klar war, dass ich in einem Monat nicht den ganzen Camino gehen kann, war ich im Geiste der Jakobspilger unterwegs. Und diese Ausrichtung gab der Tour eine zusätzliche Tiefe. Neben dem Fernwandern haben mich geistliche und menschliche Fragen beschägtigt: Wer bin ich? Was ist mir wirklich wichtig? Wie will ich in Zukunft leben? Fragen, die im Alltag zu oft untergehen. Da bietet es sich an, eine Auszeit zu nutzen, um bewusst darüber nachzudenken.
Die täglich Routine des Laufens und wo möglich ein einfaches Leben mit Verzicht auf unnötigen Luxus und Zerstreuung waren mir wichtig. Leider ist letzteres in Deutschland gar nicht so einfach (dazu später mehr). Einige sagen ja, man muss sich vom Weg leiten lassen, aber um entspannter zu sein, empfehle ich hierzulande ein wenig vorzuplanen. So habe ich die Übernachtungen der ersten beiden Wochen komplett vorgebucht und die letzten beiden Wochen dann unterwegs immer mit ein paar Tagen Vorlauf recherchiert. Das war gut, weil ich auf Veränderungen reagieren konnte, hat aber unterwegs auch zu einigen Stunden MobileOffice geführt. Und dass ich am Ende nach 500 Km an der Loreley lande, hätte ich am Anfang noch nicht gedacht. Von daher hat der Weg mich geführt, auch wenn ich nicht ganz unvorbereitet gestartet bin.

Planung und Literatur

Die Grundlage meiner Wegplanung war die Website https://camino-europe.eu (ergänzend auch www.oekumenischer-pilgerweg.de, www.elisabethpfad.de/elisabethpfade/eisenach-marburg und www.lahn-rhein-camino.de und die entsprechende Literatur). Ursprünglich geplant war die via regia und der Elisabethpfad. Durch kurzfristiges Umdisponieren (durch die sich ständig ändernden Infos zu Beherbergungsverbot und Corona-Hotspots) kamen noch LahnCamino und RheinCamino hinzu. Auf der europäischen Camino-Website finden sich Kurzbeschreibungen und gpx-Dateien der zentralen Jakobswege. Außerdem habe ich mir Literatur besorgt, um detailiertere Beschreibungen und Herbergsverzeichnisse (notfalls auch ohne Internet und Strom) dabei zu haben. Im Nachhinein würde ich aber sagen, dass beides auch nur mit digitalen Mitteln gut funktioniert hätte und die Bücher nicht unbedingt nötig sind. Besonders enttäuscht war ich, dass die eigentlich sehr guten OUTDOOR-Führer des Conrad-Stein-Verlages völlig unpassende Unterkünfte (Einzelzimmer oft 60-80 EUR pro Nacht) angeben und damit als Pilgerführer an sich ungeeignet sind. Allerdings muss man dazu sagen, dass es an den Strecken auch nicht sehr einfach ist, günstigere Alternativen zu finden (zumal aktuell fast alle Jugendherbergen wegen Umbau geschlossen sind). Da wäre also auch an die Jakobusvereine zu apellieren, noch mehr Kirchgemeinden und andere Anbieter zu motivieren, ihre Gemeindehäuser für Pilger zu öffnen und das auch klar zu kommunizieren. Positiv hervorheben möchte ich daher das Herbegsverzeichnis des ökumenischen Pilgerweges entlang der Via Regia (nur im Heft) und des Elisabethpfades, welches zwar dringend aktualisiert werden müsste, aber viele, auch günstige und pilgergeeignete Unterkünfte (5-10 EUR für Massenquartier, 15-30 EUR Pension) enthält. Wer die Bücher nutzt, bekommt freilich noch viele kulturelle Infos zu Städten und Sehenswürdigkeiten am Weg, die man sich sonst zusammengoogeln müsste. Und wer digitale Medien reduzieren will, kann das so entspannt tun (als Ergänzung sollte man dann eine gute Wanderkarte mitnehmen!).

Ich war allerdings primär digital unterwegs. Ich nutze die OpenSource-Software OSMAND~ die kostenlose Karten auf dem Gerät speichert und so unterwegs ohne Internetverbindung via gps navigieren kann. Über die importierten GPX-Daten wurde mir als rote Linie der vorgeschlagene Weg angezeigt. Zusätzlich habe ich meist eine Fußgänger-Navigation gestartet, um die Entfernung zum Ziel im Blick zu haben und bei Wegänderungen einfach weiter geleitet zu werden. Als Backup hatte ich die Beschreibungen in den Führern und die Wegmarkierungen (Jakobsmuschel bzw Elisabeth-Symbol am Wegrand), die mir gezeigt haben, dass ich auf dem richtigen Weg bin. An einigen Stellen musste ich zwischendurch abwägen, wenn die GPX-Daten, Navigation und Wegmarkierungen voneinander abwichen. Und letztlich muss jeder Pilger immer wieder seinen eigenen Weg finden. Der kann mal eine Ehrenrunde drehen, eine Abkürzung nehmen oder Exkurse integrieren. Vor allem zwischen Eisenach und Marburg musste man sich fast täglich entscheiden, ob man dem Jakobsweg auf den alten Handelsrouten im Tal (20Km asphaltierter und eher langweiliger Radweg) oder dem Weg der Heiligen Elisabeth (anstrengenderer aber schönerer Waldweg über die Hügel) folgt. Ich war meist mit Lissy unterwegs. Am Rhein verweigert sich der Jakobsweg allerdings der „einfachen Route“ am Fluss entlang (die mir das Navi immer wieder aufdrängen wollte) und folgt in weiten Teilen dem bekannten Rheinsteig mit deutlich mehr Höhenmetern (und dadurch schönerem Lauferlebnis). Ich würde empfehlen, lieber mehr Zeit zu investieren und die schöneren Wege zu gehen, denn auf den Weg kommt es ja an. Nicht versiegelte Waldwege tun den Füßen (meist) gut und inspirierende Umgebungen helfen beim Nachdenken. Ob man allerdings wirklich jede Dorfkirche am Weg mitnehmen muss, darf jeder selbst entscheiden. Einige haben mich nachhaltig fasziniert, während ich kurz sitzen und ausruhen konnte. Andere waren nicht so einladend oder sogar geschlossen. Dann ist die Enttäuschung über den Umweg doppelt so groß. Ein Highlight ist die offene Kirche in Aspach (bei Gotha) mit Tisch & Stühlen und toller Atmosphäre!

Was sind geeignete Herbergen?

Bei den Übernachtungen muss man sich auf einen Mix aus günstigen Pilgerherbergen und teureren Hotels oder Pensionen einstellen. Ganz so günstig wie in Spanien kommt man nicht davon. Vor allem, weil eine Hotelübernachtung meist auch ein Abendessen im Restaurant erfordert, wenn die einfache Pilgerküche fehlt. Und in manchen Hotelrestaurants hat schon ein Glas Wein und Wasser zum Abendessen mehr gekostet als an anderen Orten die Übernachtung inkl selbstzubereitetem Abendessen, Getränken und Frühstück zusammen. Weiter unten werde ich detaillierter auf meine Erfahrungen eingehen (wobei die durch die Brille der Corona-Maßnahmen im Herbst 2020 zu sehen sind).
Gute Erfahrungen habe ich mit dem Anrufen bei Pfarrerinnen und Pfarrern gemacht. Einige haben mich aufgenommen, obwohl sie keine offizielle Pilgerherberge betreiben. Leider musste ich mir auch einige verständnislose Absagen anhören, die gar nicht verstehen konnten, warum man auf einer Pilgerreise in einer Kirche nach Unterkunft fragt. Vielleicht sollten die Landeskirchen (in dem Fall EKM, EKKW, EKHN und EKiR) das Thema „Pilgerfreundliche Gemeinde sein“ nochmal vertieft behandeln. Denn wer Pilger aufnimmt, tut nicht nur denen etwas gutes, sondern kann auch von deren Fragen und Erlebnissen profitieren (sofern man irgendwann wieder wirklich miteinander in Kontakt kommen darf). Eine Falt-Matratze in einem beheizbaren Raum, eine einfache Pilgerküche (Herdplatte, Topf, Wasserkocher) und eine Toilette mit Waschbecken reichen notfalls aus. Ein Kühlschrank und eine Dusche erhöhen den Komfort natürlich deutlich. Aus Pilgersicht wäre es schön gewesen, mehr Kontakt zu Gastgebern oder anderen Pilgern zu haben. Das war coronabedingt nur eingeschränkt möglich, weil oft pro Sanitäreinrichtung nur ein Haushalt zugelassen war und ich daher oft alleine im großen Gemeindehaus war, während andere weiterreisen mussten.

Realistisches Tagesziel

Bei den Etappenvorschlägen in der Literatur finde ich immer wieder Touren um die 30 Km am Tag. Das halte ich persönlich für eine Pilgerreise für zu viel. Aber das muss jeder selber rausfinden. Mein Körper sagt mir bei über 20Km (mit gut 10Kg Rucksack auf dem Rücken) sehr deutlich, dass es reicht. Ich laufe meist zwischen 8 und 9 Uhr los und versuche, zwischen 16 und 17 Uhr anzukommen. Und dafür sind 20Km eine gute Distanz. Denn an schönen Punkten sollte man auch Zeit zum Verweilen einplanen. Sei es eine 30min Mittagspause, mehrere kurze Auszeiten an schöner Aussicht, in einer Kirche oder zum Lesen informativer Schautafeln. Und auch das Nachdenken und ggf Aufschreiben von Erkenntnissen sollte Zeit haben. An den Tagen, wo ich ein zu hohes Pensum schaffen musste, habe ich weniger von mir und meiner Umgebung wahrgenommen als an entspannten Wandertagen. Also lieber nur 18 Km vornehmen (kleinere Umwege ergeben sich von selbst…) als mit zu hohen Ansprüchen unglücklich werden. Zwar hört man immer wieder Geschichten von Pilgern, die 30 oder 40 Km an einem Tag gelaufen sind, aber das sind dann oft Ausnahmen, weil es nicht anders ging oder irgendwas schief gegangen ist. Und das sind vor allem keine Entfernungen, die man mehrere Wochen am Stück geht. Wer nur eine Tagestour macht oder eine Woche unterwegs ist, kann mehr leisten als wer dauerhaft geht. Zusätzlich würde ich außerdem alle 10-14 Tage einen Pausetag einplanen, an dem man nur wenig oder gar nicht gehen muss, sondern vor Ort bleibt, Wunden versorgen, Wäsche waschen oder lokale Sehenswürdigkeiten besichtigen kann. Und wenn es mal gar nicht mehr geht (Wetter, Füße, Motivation, …), darf man auch ruhig mal eine Strecke per Bus und Bahn abkürzen. Ich habe zum Beispiel die Innenstadtrouten von Erfurt und Gotha abgekürzt, weil ich an dem Tag erst mittags losgekommen bin und der mir gut bekannte Weg vom Domplatz zum Messegelände ohnehin nicht so reizvoll ist.

Mahlzeiten und Tagesstruktur

Abends habe ich meist zwischen 18 und 20 Uhr gegessen. Oft war ich der einzelne Pilger in einer Unterkunft (gleichzeitig ein Vorteil und Nachteil der Corona-Maßnahmen), so dass gemeinsame Gespräche über den Weg eher spärlich ausfielen. Dadurch bin ich entgegen meinem Alltag als Spätschläfer meist schon um 21-22 Uhr Schlafen gegangen und habe oft 10h geschlafen. Wenn der Körper es braucht, gönn es ihm! Dennoch fand ich es hilfreich, nicht zu spät loszulaufen. Also um 7 Uhr aufstehen und zwischen 8 und 9 Uhr loslaufen, wäre mein Tipp. Wobei ich auch Tage hatte, an denen es immer später wurde oder ich nach 20min Weg doch nochmal auf nen Kaffee beim nächstbesten Bäcker angehalten habe.
Bei den Mahlzeiten habe ich flexibel auf die Gegebenheiten reagiert. Teilweise gab es ein tolles Frühstücksbüffet, manchmal einfach nur Müsli und Milch, oder auch mal gar nichts. Dann gab es Supermarktfrühstück oder notfalls Fallobst an der nächsten Wiese. Eine Notration hatte ich immer dabei, um notfalls nicht zu unterzuckern. Und einige Herbergen haben schon vorher den Hinweis gegeben, unterwegs einzukaufen, weil es im Ort nichts gibt. Das war hilfreich. Um von Logistik vor Ort unabhängig zu sein, habe ich mir eine kleine Flasche und Kaffeepulver mitgenommen und jeden Abend eine Portion ColdBrewCoffee angesetzt (10g Kaffeepulver mit 250ml kaltem Wasser aufgießen und 8-12h ziehen lassen). So hatte ich jeden Tag einen kalten Koffeinschub zum Mitnehmen. Danaben hatte ich pro Tag 1-2 Müsliriegel, viel Obst und wenn möglich 1-2 Brötchen dabei. Nach Ankunft gab es erstmal eine warme Dusche (oder eben Katzenwäsche) und Vitamin/Magnesium-Brausetablette zum Trinken. Abends war in einigen Orten ohne Küche oder Geschäft ein Pizza-Lieferdienst die einzige Nahrungsquelle. Auch da kann man zwischen Nudeln, Reis und ähnlichem variieren, aber die Qualität im Vorfeld nur selten einschätzen. Zumindest satt bin ihc immer geworden.

Zwischen Erfurt und Loreley

Im Nachhinein wird mir bewusst, wie unterschiedlich Deutschland beschaffen ist und wie diese Gegebenheiten auch kulinarisch und menschlich prägen. Das ist natürlich hochgradig persönlich und von Reisebedingungen wie Wetter, Begegnungen, Unterkünften abhängig. Die Beobachtungen sollen niemanden diffamieren und haben keinen Anspruch auf wissenschaftliche Neutralität:
Die Thüringer Wege waren recht kühl, rauh, windig, sehr ländlich, dünn besiedelt. Infrastruktur war eher spärlich, aber das was da ist, teilt man gerne. Hier waren einfache Übernachtungen am einfachsten zu finden und ich hatte am ehesten das Gefühl, zu pilgern.
Die nordhessischen Wege kamen mir eher wie ein Übergang vor. Das Bindeglied zwischen der neuen und der alten Heimat. RollingHills, kleine Städtchen, die für sich funktionieren aber selber wissen, dass sie keine Highlights sind. Eher entspannt und pragmatisch. Es war ein tägliches Abwägen zwischen den Bergtouren („mit Lissy“) oder den einfachen Talstrecken („mit Jack“), bevor abends beide wieder zusammen kommen.
Die mittelhessischen Wege an der Lahn waren unspektakulär schön. Auf diesem Abschnitt habe ich viel bei Freunden übernachtet und es gab die größten Umplanungen. Die großen Entscheidungen passieren ja oft im unscheinbaren. Mal flach an der Lahn oder mit seichter Steigung über die Hügel. Im Rückblick alles recht zahm, aber ohne zahlreiche unspektakuläre Zuflüsse wie die Lahn wäre der Rhein auch nicht so ein großer Strom…
Zwischen Lahn und Rhein wurde für mich die Reise deutlich katholischer, gefühlt konservativer, weniger flexibel und kommerzieller. Auch da gab es wohlwollende Begegnungen und schöne Strecken, aber die persönliche Nähe wich einer touristischen Gastlichkeit des Gebens und Nehmens.
Das UNESCO-Weltkulturerbe des Mittelrheins schließlich begeistert mit Weinbau, hohen Felsen, Prunk und Unnahbarkeit. Sicherlich liegen einige der schönsten Erlebnisse dort und ich mag das bergige, herausforderne. Aber hier ist man sich auch bewusst, dass man etwas besonderes ist. Man frotzelt gegen die andere Rheinseite, grenzt Altbier- Kölsch-, Pils- und Weingegenden voneinander ab und ist stolz auf alte Steine, egal ob Kirche oder Schloß. Wobei es davon so viel gibt, dass es auch wieder egal ist.

Ausrüstung – Wirklich nur das nötigste

„Maximal 10% des eigenen Körpergewichts soll man auf dem Rücken tragen“ hab ich mal gehört. Da hab ich ja nochmal Glück gehabt, aber wie man als zierliches Wesen bei so einer Tour unter 10 Kg kommen soll, kann ich mir nicht vorstellen. Ein leichter 40l Rucksack scheint mir passend für folgendes zu sein:
Ein Set Wanderklamotten: T-Shirt, Fleece, Unterhose, Socken, Wanderhose, Wanderschuhe, Schweißtuch, Jacke, Mütze, Schal, Handschuhe, Mundschutz. (wenn möglich alles Merinowolle oder schnelltrocknende Microfaser)
Ein Set Freizeitklamotten (notfalls auch wandertauglich): T-Shirt, Longsleeve, Unterhose, Hose, Socken, leichte Schuhe, Mikrofaserhandtuch
Backup für nass-kaltes Wetter: Wollsocken, lange Unterhose, Regenhose, Regencape
Kleines Technik-Set (wasserdicht verpackt): Handy, USB-Ladegerät, Kopfhörer, leichte Powerbank, Smart-Armband + Ladegerät, USB-Stick, Minilampe
Kleiner Kulturbeutel: kl. Zahnbürste, Zahncremekonzentral, Duschgel, Deo-Stick, Feuchtigkeitscreme, Wundheilsalbe, Pflasterset, Nagelschere, Baby-Puder, Desinfektionsspray, Kaugummi
weiteres: Geldbeutel (minimal mit Karten & kleinen Scheinen), Tagebuch, Stift, Pilgerführer, Schlafsack, Baumwollbeutel (um Kleidung zum Kissen zu machen), Schlafanzug, Ersatzmundschutz, Trinkblase (mir haben 1,5l Wasser pro Tagesmarsch gereicht), Termoskanne + Teebeutel, CB-Coffeeflasche + Kaffeepulver, Vitamintabletten, Müsliriegel, Obst, Besteck, Plastikschüssel, Pilgermuschel, Pilgerkreuz

Ich hatte anfangs 15Kg gepackt, habe dann schon zu Hause zweimal entschlackt und nach 3 Tagen nochmal ca 2Kg „Notfallmaterial“ aussortiert und per Päckchen nach Hause geschickt.

persönliches Resümee

Die Reise hat sich auf jeden Fall gelohnt! Es waren vier Wochen Abenteuer, die am Ende so schnell vorbei waren, dass ich mir für das nächste mal gerne 6-8 Wochen Zeit nehmen würde. Aber das ist schwer im Arbeitsalltag einzutackten. Ich hatte öfters die Frage, warum ich mir das eigentlich antue, täglich schmerzende Füße und Beine, wunde Stellen zu versorgen und neue Reise-Bedingungen auf die man sich einstellen musste. Es ist schon was anderes wie ein All-Inclusive-Mittelmeerurlaub (und am Ende vermutlich ähnlich teuer). Aber es ist eine unbezahlbare Erfahrung und hilft, den überdrehten Alltag wieder besser einzuordnen. Zwischendurch habe ich mich manchmal auf SocialMedia-Kanälen umgesehen und gemerkt, welche Belanglosigkeiten uns täglich beschäftigen. Worum geht es eigentlich? Was brauchen wir eigentlich? Und wie viel Ballast hält uns vom eigentlichen Leben ab?
Jetzt komme ich langsam wieder im Alltag an und werde vermutlich ganz schnell wieder nach dem bisherigen „Normal“ funktionieren. Aber das Gegenkonzept im HInterkopf zu haben kann auch helfen, den üblichen Alltag immer wieder zu hinterfragen, reflektierter zu gestalten und kleine Dinge bewusster wahrzunehmen.

Etappen-Übersicht

Für alle, die es ganz genau wissen wollen, hier eine tabellarische Übersicht meiner Reise mit ein paar Kommentaren. Nicht als perfekte Tour zum Nachahmen, aber vielleicht hilft es ja bei der eigenen Tourplanung:

  • Tag -2: Packen, aussortieren, neu packen, klären, was man noch braucht
  • Tag -1: letzte Dinge besorgen & für die Abwesenheit klären, final packen (da ich an einem Montag los wollte, konnte ich Sonntag nicht einkaufen und bin erst Montagmittag losgekommen, kein guter Start…)
  • Erfurt-Gotha, lange geradeaus, unspektakulär, zu schnell unterwegs (Blase gelaufen)
    ÜN im ev. Gemeindehaus der Versöhnungskirche inkl Küche
  • Gotha-Neufrakenroda (Siloah), eigentlich zu kurzer Weg aber als zweite Etappe bewusst so geplant. Abstecher nach Aspach lohnt!
    ÜN im Einzelzimmer, Wetter sehr kalt, aber gute Gemeinschaft auf dem Hof
  • Neufrankenroda – Eisenach, toller Kammweg später schlecht ausgeschildert (ein Bahnübergang existiert nicht mehr), langer Weg durchs Industriegebiet
    ÜN Junker Jörg = schönes Einzelzimmer, aber weit oben am Berg, kein Altstadtbummel mehr, weil müde
  • Eisenach-Ifta, viele Tiere getroffen und bewusst wahrgenommen, Einkaufen schon in Creuzburg (für 2 Tage)
    ÜN im ev. Gemeindesaal, einfacher Standard mit kl Küche
  • Ifta-Datterode, kurze Etappe über die ehem. innerdeutsche Grenze, die mir kaum aufgefallen ist. Hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen?
    ÜN in einfacher Pension im alten Bauernhaus mit super Frühstück!
  • Datterode-Waldkappel, auf Waldweg mit Förster über Fichtensterben geredet & lange Pause in der Sonne
    ÜN im ev. Gemeindehaus, Frühstück beim Bäcker
  • Waldkappel-Spangenberg, zu schnell bergauf gegangen = den ganzen Tag nassgeschwitzt, weil zu wenig Sonne zum schnell trocknen
    ÜN auf Burgsitz (toll reloviert, Spendenbasis)
  • Spangenberg-Homberg, schöner Weg, aber unmotiviert, also viele kurze Sonnenpausen, vor kurzem Starkregen in Kirche geflüchtet, ab Ostheim mit Bus abgekürzt
    ÜN SELK-Herberge inkl Küche direkt in schöner Altstadt!
  • Homberg-Treysa, langer Weg über die Berge „mit Lissy“, nasses Gras = nasse Füße = saukalt
    ÜN privat in Treysa
  • Treysa-Kirchhain, Weg über Momberg und Speckswinkel, ungeheizte Kirchen zum „Aufwärmen“, weil kalter Wind, Stadtallendorf lange Innenstadt, dann per Zug abgekürzt
    ÜN privat in Kirchhain
  • Kirchhain-Rauischholzhausen, entspannter Aufstieg zur Amöneburg mit tollem Ausblick, danach Weg verlassen und Freunde getroffen
    (wäre die Tour bis Marburg gegangen, hätte ich den Berg vermutlich umgangen)
    ÜN privat in Rauischholzhausen
  • RHH-Marburg-Roth, Logistik/Pause-Tag, privates organisieren, daher tw Auto/Bus/Zug gefahren und tw gelaufen, eigentliche Route macht hinterm Schloss einen sicher schönen aber unnötigen Umweg
    ÜN privat in Roth
  • Roth-Bellhausen-Niederwalgern , nochmal ein Tag ohne viel Weg (aus logistischen Gründen), dafür einen Schlenker gemacht und spannende Landwirtschaftsprojekte entdeckt.
    ÜN privat in Niederwalgern
  • Niederwalgern-Gleiberg, auf diesem Weg sind auf einmal alle Dorfkirchen abgeschlossen, kommt mir komisch vor! (zu lange) Pause an der Schmelzmühle, danach zieht sich der (schöne) Weg länger als gedacht
    ÜN im ev. Gemeindehaus
  • Gleiberg-Wetzlar, Burg, Feld, Wald, schöne Wege, aber wenig Caminofeeling (keine Wegweiser), Marburg-Wetzlar ist eher „Zubringer“ zum Lahn-Camino, warum eigentlich?
    ÜN privat in Wetzlar
  • Wetzlar-Weilburg (Kubach), Dörfer abgekürzt, dafür Turm ohne Aussicht und Braunfelser Altstadt mitgenommen, Weilburger Innenstadt ausgespart, weil Herbergssuche schwer war
    ÜN in Pension am Kartoffelhof
  • Weilburg-Langhecke, eigentlich kurze Tour wird länger, weil ich einen Geldautomaten suche, sehr ländliche Gegend, toller sonniger Weg, Highlight ist Burg Freienfels!
    ÜN im kath. Gemeindehaus
  • Langhecke-Limburg, emotionaler Gedanken, daher nehme ich den Weg kaum war, Einlauf nach Limburg sonnig und schön!
    ÜN im Priesterseminar, Andacht mit indischen Schwestern
  • Limburg-Balduinstein, kurze Etappe, um noch etwas Zeit für Limburg und Diez zu haben, wegen Regen länger im Café und mittags Pizzaria gesessen. Dennoch rechtzeitig angekommen
    ÜN in Hotel
  • Balduinstein-Obernhof, fixe Deadline,w eil Klosterpforte 16.30 Uhr schließt, daher schnell unterwegs, dabei im Wald falsch abgebogen und am Ende länger unterwegs, Erlebnis: orthodoxen Gottesdienst mit Schwestern des Klosters gefeiert, einfach aber herzlich
    ÜN Kloster Arnstein
  • Obernhof-Bad Ems, überrascht von schönem Dausenau, aber wenig gastlich, Bad Ems wirkt wie eine alternde Diva, die mal schön war und jetzt langsam unattraktiv wird (schwierige Herbergssuche)
    ÜN Hotel Prinz Eitel
  • Bad Ems-Lahnstein, Schleuse und Flusspflege an der Lahn sind Highlights, der Weg wird bergiger, dank Zeitumstellung schon um halb6 dunkel, emotionales Ende des LahnCamino an der Mündung erst im Stockdunkeln gesehen
    ÜN in sehr schöner Villa via AirB&B
  • Lahnstein-Kamp-Bornhofen, SmallTalk mit anderen Gästen = spät losgegangen, RheinCamino wird bergiger, obwohl es Wege am Fluss gibt = schön, aber nicht effektiv
    ÜN Hotel Rheinkönig direkt am Ufer
  • Kamp-Bornhofen-St. Goarshausen, es gibt da ein Wallfahrtskloster, das keine Pilger beherbergt und das nichteinmal komisch findet…
    Der Weg ist mein Gesamt-Highlight, viel hoch und runter und tolle Ausblicke auf den Rhein, sonnig, aber kalter Wind
    ÜN im ev. Gemeindehaus (ohne Küche)
  • St. Goarshausen-Kaub, letzte (kurze) Etappe des RheinCamino, ich laufe früh los, um noch mit Fähre & Bahn weiterzukommen, zwischendurch kurzer Regenschauer, lange Mittagspause im noblen Restaurant FETZ, Weg durch unscheinbares Hinterland des berühmten Loreley-Felsens (angeblich soll da demnächst ein Vergnügungspark mit Luxushotels entstehen, Anwohner protestieren)
    ÜN in Boppard im neu renovierten Hotel Ebertor
  • Klettersteig in Boppard, es ist gut, ein wenig Zeit zum reflektieren zu haben, am Abschlußtag daher keine große Wanderung, aber ein spannender 5km Wanderweg mit (einfachen) Kletterelementen und hinterher Sauna und Weinprobe runden die Tour ab
  • Rückfahrt über Koblenz, Ausblick vom Deutschen Eck auf den MoselCamino, den ich vielleicht nächstes Jahr laufe, um dem Heiligen Jakobus näher zu kommen?
    Oder doch den Ostteil der Via Regia von Görlitz nach Erfurt, den ich eigentlich dieses Jahr schon gehen wollte?
    Oder den spanischen Camino wie ursprünglich geplant?
    Mal schaun, welcher Weg mich nächstes Jahr ruft…

Upload (Serie)

Aktuell gibt es unglaublich viele aktuelle Filme und Serien, die das Thema Digitalisierung, VR und gesellschaftliche Folgen thematisieren. Diese Woche habe ich auf Amazon Prime die locker-spaßige Familienkomödie „Upload“ gesehen und kann aus medientheologischer Sicht die Serie weiterstgehend empfehlen.

Es geht um „Heaven“, eine VR in die man sich hochladen kann, kurz bevor man stirbt, um dort „ewig leben“ zu können. Je nach Budget im Design eines Sanatoriums oder eines Wellness-Hotels. Die Uploads können eigenständig handeln, miteinander interagieren oder sogar per Video-Telefon mit lebendigen Menschen im Gespräch sein – solange ein Hinterbliebener die monatliche Rechnung bezahlt. Die religiöse Vorstellung, seine Liebsten wiederzusehen und wieder vereint zu sein scheint so also erfüllt, wobei diese himmlishce VR weit weg vom Paradies ist. Auf der einen Seite ist es ein begrenzter Rahmen in dem die Avatare handeln, auf der anderen Seite sind sie komplett abhängig von einer Firma, die ihnen jederzeit den Stecker ziehen oder sie herabstufen kann. Und dass sich in der Serie ein Upload in eine Servicetechnikerin verliebt – während unklar ist, ob er ermordet oder bewusst ins digitale Nirvana verschoben wurde, – zeigt, wie stark es dort auch „menschelt“. Gott oder eine höhere Instanz, die Gerechtigkeit schafft oder ewige Glückseligkeit gibt es nicht. So bleibt dieser filmische Himmel ein irdisch Ding. Immerhin wird ein Mann gezeigt, der bewusst „sterben“ möchte (statt sich uploaden zu lassen), um lieber im religiösen Himmel (an den sonst keiner mehr glaubt) mit seiner verstorbenen Frau vereint zu sein als in der VR auf seine noch lebende Tochter zu warten. Gezeigt wird also eine rational atheistische Welt in der religiöse Menschen eher belächelt werden. Spannend aber, dass so viele religiöse Aspekte (Kapelle, Beerdigung, Himmel & Hölle, Engel, Auferstehung, Gebete, Ablass, Versuchung) genutzt werden, weil man sich das Leben nach dem Tod scheinbar doch nicht ohne diese Bilder vorstellen kann.

Die 10x 30min hat man schnell durchgeschaut. Lockere Gags unterhalten gut, die Kapitalismuskritik trifft, auch wenn die dargestellten Sicherheitsprozesse eines MultimillionenDollar-Unternehmens nicht recht überzeugen wollen. Vom Spannungsbogen scheint die erste Steffel eher eine lange Exposition zu sein, die Charaktäre einführt und Probleme aufzeigt, diese leider am Ende aber nicht auflöst. Von daher war ich 5 Stunden lang gefesselt und am Ende enttäuscht. Ob oder wann eine zweite Staffel in Planung ist, ist noch offen (Prognosen erwarten sie Ende 2021). Wünschen würde ich es mir, um die losen Enden in meinem Kopf zu einem Abschluss zu bringen und aus der Wartestarre aufzuwachen. Und für zukünftige Staffeln bzw andere Serien würde ich mir wünschen, dass sie gerne mit dem Ausblick auf Folgestaffeln enden, aber zentrale Fragen der Erzähllogik der Staffel zum Abschluss führen (sehr gut hat das z.B. „Westworld“ St2 gelöst, „Dark“ St2 war fast schon zu extrem finde ich!). Denn jede ungeklärte Frage lässt frustrierte Zuschauer zurück und erschwert es, sich auf die neue Staffel einzulassen. Das würde mich auf lange Sicht dazu bringen, solche Serien komplett zu meiden.

Kirchliche Medienkompetenz

Neulich wurde ich gefragt: „Was sollte sich in Sachen kirchliche Medienkompetenz in den nächsten fünf Jahren entwickeln?“ Daraufhin habe ich folgendes geantwortet:

Wir erleben, dass digitale Kommunikation in der Gesellschaft fest verankert ist. Menschen treffen sich weiterhin Face-to-Face, aber zwischen den Treffen bleiben sie medial in Kontakt. Und der virtuelle Austausch nimmt immer mehr Lebenszeit ein und prägt dadurch sehr stark, was Menschen denken, glauben und tun. Auf diese Form von Sozialleben sind wir als Kirche weitestgehend nicht gut vorbereitet.
Es wäre wichtig, dass wir schon in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Diakonen, Gemeindepädagogen und Jugendreferentinnen wert darauf legen, sie ganzheitlich – also auch digital – zu bilden. Das bedeutet einmal, dass sie praktisch mit aktuellen Tools umgehen können, sie ethisch bewerten und einordnen, welche Folgen ein Einsatz sowohl positiv als auch negativ hat, aber auch, dass sie die Kompetenz entwickeln, sich selber in neue Szenarien einzuarbeiten und für bestehende Problemfelder digitale Lösungen mitzudenken. Denn der Medienkanon wird sich alle paar Jahre verändern und nur die bisherigen und die aktuellen Medien zu kennen wird auf Dauer im Job nicht kompetent machen.
Aber nur Menschen, die mit einem weisen Überblick digitale Möglichkeiten für den Gemeindealltag nutzbar machen, können Gemeindemitglieder wirklich kompetent begleiten. Wie gehe ich mit Seelsorgeanfragen auf WhatsApp um? Welche Fotos kann ich bei Instagram ohne Genehmigung einstellen und welche Folgen hat es, wenn ich Jugendliche ermutige, ihre Künste über TikTok zu teilen. Chancen und Risiken kennen, abwägen und Menschen beraten kann nur, wer selbst souverän mit Medien umgeht. Weil nicht jeder Hauptamtliche alles wissen kann, braucht es Experten in Kirchenämtern, die schulen, beraten und in konkreten Fällen ansprechbar sind. Aber eine digitale Basisausbildung wird in Zukunft ähnlich wichtig sein, wie eine saubere Handschrift in den letzten 100 Jahren war.
Und das betrifft letztlich nicht nur Hauptamtliche, sondern auch Ehrenamtliche und Laien, weil mittlerweile jeder mit Medien umgeht und Medien produziert. Wer Kinderfotos veröffentlicht, sollte vorher über Bildrechte Minderjähriger nachdenken (wobei die Antwort durchaus unterschiedlich ausfallen darf!) und wer den eigenen (oder Fremden) Nachwuchs vor YouTube abstellt, um Zeit für andere Dinge zu haben, sollte zumindest im Blick haben, dass weniger kindgerechte Inhalte nur 2 Klicks entfernt warten. Medien sind keine Babysitter, sondern Tools, die man in der Erziehung von Kindern durchaus nutzen darf, ohne dadurch die Beziehungszeit zu kürzen.
Wenn also digitale Medien sowohl privat, als auch im Gemeindealltag, in der wissenschaftlichen, organisatorischen und öffentlichen Kommunikation unser Leben zu großen Teilen prägen, sollten wir sie auch in der Aus- und Weiterbildung entsprechend stark berücksichtigen. Es ist gut, wenn Pfarrpersonen theologisch immer wieder auf dem aktuellen Stand bleiben, sich methodisch weiterentwickeln und philosophisch immer tiefere Erkenntnisse gewinnen. Gleichzeitig brauchen sie ein Wissen über zeitgemäße mediale Formen, um diese Kompetenzen für sich und ihre Aufgaben anzuwenden. Das wird am Ende auch die Form und Qualität der Gottesdienste, der Konfirmandenarbeit und der Selbstorganisation beeinflussen und vielleicht sogar helfen, die steigende Burnoutgefahr zu mindern, weil ein weiser Umgang mit neuen Medien auch die Kompetenz umfasst, sich Ruhepausen und Rückzugsorte zu schaffen und eben nicht pausenlos erreichbar zu sein.

Gerade bin ich dabei, ein Modul zu gestalten, mit dem wir Studierende an der Ev. Hochschule Tabor an „Kunst, Kultur und Medien“ heranführen. In fünf Blöcken werden wir ein Semester lang darüber nachdenken, wie diese drei die Gemeindearbeit bereichern können.  Ich bin gespannt, ob es in den nächsten Jahren ähnliche Formate auch an anderen Ausbildungsstätten geben wird!

Geistliches Liedgut im Radiovergleich

Erik Flügges „Kirchenaustritte: Thesen für eine stabilere Kirche“ (20. Juli 2019, primär der vorletzte Absatz) motiviert mich, einen Vergleich christlicher Musik mit der Radiolandschaft zu posten, den ich schon länger im Kopf habe:

Wenn in der Kirche Lieder gesunden werden, geht es darum, Gott die Ehre zu geben und sich als Gemeinschaft der Glaubenden gegenseitig zu bestärken. Das gemeinsame Singen bringt zusammen, die durch Wiederholung ins Herz rutschenden Texte bilden auch in Wüstenzeiten einen Anker an geistlichen Grundwahrheiten und Gottesdienste werden interaktiver wahrgenommen (Ich-bin-beteiligt-Erfahrung). Doch oft scheiden sich am Musikgeschmack die Geister.

Klassische Landeskirchen bauen auf einem Liederbuch auf, das die Hochkultur der letzten Jahrhunderte konserviert. Wertvolle Lieder, die oft stilecht mit der Orgel begleitet werden. Luther würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass wir immer noch  eine Lieder singen, hatte er doch damals Tavernenmelodien umgedichtet, um nah am Volk zu sein. Gleichzeitig sind diese Lieder eine Art Best-Of, die sich über Generationen bewährt haben, weil sie Halt geben und in Krisen tragen.
Als Innovation wurde in den 70ern das moderne geistliche Liedgut entwickelt, dass ähnlich wie die Werke Luthers und Bachs konserviert wurde und daher für heutige Ohren auch nicht mehr wirklich neu klingt.
Bei Gospel und Taize-Gesängen kommt ein wenig Schwung auf, Kinderlieder bringen (erzwungene) Bewegung in den Gottesdienst, insgesamt bleibt es aber eine ernste und gesetzte Veranstaltung.

Junge Gemeinden und Freikirchen sind oft offener für moderne Lobpreismusik, die vom Songwriting her zumindest richtung 90er Jahre geht. Tatsächlich gelten viele der Lieder erst 20 Jahren als etabliert, wenn sie musikalisch eigentlich schon fast als Retro gelten könnten. Klassiker der deutschen Lobpreiskultur findet man in „Feiert Jesus“ Liederbüchern, gleichnamigen CDs oder ähnlichen Reihen. Hier den Überblick zu behalten ist allerdings schwierig und was für die eine Gemeinde aktuelle Hits sind, wird anderswo bereits als veraltet und uncool wahrgenommen. Für manche sind nur internationale Originale (Hillsong, Vineyard, Bethel Music, Rend Collective, …) wirklich hip, die möglichst exakt gecovert und mit Bandbesetzung inszeniert werden. Andere Gemeinden kopieren zwar die Musik, verpflichten sich aber zu deutschen Übersetzungen, die nicht selten unsingbar oder alternativ inhaltlich weit weg vom Original sind. Zudem kursieren von einigen Songs mehrere deutsche Versionen, weil Pioniergemeinden manchmal schneller übersetzen als Standardisierungsprozesse es verbreiten können.
Diese Lieder haben noch keine jahrhundertelange Wirkungsgeschichte, sprechen aber musikalisch in die Jetztzeit hinein. Entsprechend stark ist die emotionale Beziehung, die (junge) Menschen zu den Melodien aufbauen. Ob die Texte dieser Bindung gerecht werden, müsste man im Einzelfall analysieren, was ggf zu wenig geschieht, wenn man sich bewusst macht, dass Lobpreis viele Gottesdienstbesucher stärker prägt als die sauber formulierte Predigt.

Von Musikern und Künstlern schließlich wird Contemporary Worship oft dafür kritisiert, musikalisch zu anspruchslos, zu flach zu schlagerartig-vorhersehbar zu sein. Klar, jeder soll schnell mitsingen können, der Song soll in kleinen Gruppen und im Stadion funktionieren und am besten mit Wandergitarre oder großer Band gut klingen. Aber so wie der Musikmarkt sich ausdifferenziert, brauchen wir auch unterschiedliche moderne Stilrichtungen, um nah dran an den Menschen zu sein. Und wer lange genug sucht, findet das auch: Da gibt es jazzigere Interpretationen, Sambarhythmen, Techno-Worship, Swing- und Punk-Varianten Gott zu loben. Zwischen Filmorchester und HeavyMetal ist jede Stilrichtung auch im „post-modernen geistlichen Liedgut“ vertreten. Nur in den Gottesdiensten trauen sich viele Gemeinden nicht so ganz, mit innovativen Formen zu experimentieren. Zum einen, weil es mit Amateurmusikern nicht so einfach ist, eine wirklich hochwertige Umsetzung zu garaniteren, zum anderen, weil extremere Stilrichtungen stärker binden aber auch stärker abstoßen. Der klassische Klavier-und-Gitarre-mit-Cajon-lastige Lobpreisstil bringt wohl die meisten Generationen zusammen, wenn er auch für viele nur halbwegs passend ist.

Diese Erkenntnis hat mich schon vor einigen Jahren zu einem Vergleich gebracht, warum es gut ist, unterschiedliche Musikstile in christlichen Gottesdiensten zu fördern. Ich habe damals in Hessen gelebt und bin in den 90ern mit einer öffnetlich rechtlichen Radiolandschaft von vier Sendern aufgewachsen:

  • HR1 für gediegene Infos, Sport, niveauvolle aber massentaugliche Musik der letzten 50 Jahre.
  • HR2 für Klassik und niveauvolle Bildung, die wertvoll ist, aber oft eher sperrig wirkt.
  • HR3 als locker flockige moderne Unterhaltung mit viel Chartmusik und nebenbei eingestreuten Infos.
  • HR4 für Schlager- und Heimatfreunde mit harmonischen Wohlfühlklängen aus der „guten alten Zeit“ zur Selbstvergewisserung.

Ähnliche Aufteilungen gab es vermutlich in den meisten Regionen. In diesem Schema sind vermutlich die meisten landeskirchlichen Gottesdienste eher im HR2-Spektrum anzusiedeln, Kirchentagsbewegungen und Gemeindefeste tendieren eher zu HR4, moderne Landeskirchen und klassische Freikirchen eher zu HR1 und die innovativen Jugendbewegungen zu HR3. (Ich will damit niemandem zu nahe treten, jeder möge sich im Zweifel selber einordnen!)
Für die, denen das Spektrum insgesamt zu eng wurde, gab es das Privatradio FFH (die charismatischen Gemeinden?), das Radio der US-Streitkräfte AFN (internationale Missionsgemeinden?) oder das lokale Bürgerradio RUM (Teestubenbewegung?).
Gefühlt mitte der 90er Jahre startete ein weiterer ÖR Jugendsender für die, denen selbst HR3 zu konservativ war. Weitere Privatradios, neue Infokanäle und digitale Streamingdienste, die das Radiohören stark individualisiert haben kamen dazu. Heute lässt man sich meist das persönliche Musikprogramm gespickt mit den Lieblingspodcasts als Infoquelle vone inem Algorithmus zusammenstellen.

Ähnliches erleben wir auch im geistlichen Spektrum. Gerade im städtischen Bereich sucht man seinen Gottesdienst nicht mehr nach Denomination oder theologischen Positionen, sondern nach Uhrzeit und Musikstil aus. Mitunter ist auch ChurchHopping passend, wenn man sich nicht festlegen will und zwischendurch streamt man sich internationale Lobpreismusik auf die Couch. Einige besonders hippe Gemeinden werden mittlerweile nicht mehr um Starprediger, sondern um besondere Lobpreis-Pastoren gebildet. Insgesamt haben wir als Christenheit so die Möglichkeit, viele Menschen da abzuholen, wo sie stehen, haben aber gleichzeitig die Herausforderung, dass wir Menschen den Wert von genreübergreifender Gemeinschaft ganz neu vermitteln müssen. Es geht eben nicht nur darum, die für mich perfekt abgestimmte Musik zu finden, sondern darum, sich darauf einzulassen, am Fremden zu wachsen und die horizonterweiternde Begegnung über die reine Selbstverwirklichung zu stellen.

An der Stelle versagen viele Landeskirchen im Übersetzungsprozess, die beim Stadtfest den Posaunenkreis antreten lassen genauso wie Freikirchen, die das Worshipteam unmoderiert auf die Marktplatzbühne schicken.
Gute Ansätze sind christliche Musiker, die technisch so gut sind, dass sie im Jazzkeller jammen, beim Sommerfest Charthits covern und zwischendurch selbstgeschriebene Songs mit tiefgängigem aber anschlussfähigem Text darbieten. So kann Kirche mit hoher zeitgemäßer Kultur überzeugen und zum Gottesdienst einladen, wo solche Musiker aus geistlichen Liedern aller Zeiten individuell passende Kunstwerke zur Ehre Gottes machen. Da darf die Orgel, das Schlagzeug und der Synthesizer gemeinsam mit Klavier und E-Gitarre oder Bongo und Querflöte erklingen und das Xylophon mit der Melodika und dem Akkordeon zwischen den Radiosendern und den individuellen Erfahrungswelten der Gemeindeglieder switchen. Wenn das gut gemacht, kreativ-liebevoll und mit geistlichem Blick einen Gottesdienst rahmt, wird er vielleicht einen ähnlichen Effekt haben, den Bachs Choräle und Luthers Tavernenlieder in ihrer Zeit hatten.

BTW, um nochmal auf Flügge einzugehen: Ich glaube, es braucht dann gar keine Liederbücher mehr, sondern digital vernetzte Liederdatenbanken und juristisch sowie pragmatisch geregelte flexible Anzeigemöglichkeiten. Egal ob das Monitore, Leinwände, Tablets oder Liedzettel sind.

Miracle Workers – Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein

Ich mag ja Filme und Serien, die sich mit dem christlichen Glauben befassen. Selbst, wenn die gezeichneten Gottesbilder oft abstruse Züge annehmen und man den Zynismus der Autoren spüren kann, helfen sie, das eigene Gottessbild zu schärfen. Mit diesem Blick habe ich kürzlich „Miracle Workers“ gesehen.

Die amerikanische Klamaukserie (TNT Comedy 2019) stellt Gottes Regiment und den Vorgang geistlicher Kommunikation als globale Firma mit vielen Abteilungen im Stil der 1980er Jahre dar. Es gibt Spezialisten für Flora & Fauna, Routinen für Naturkatastrophen und Darmdurchbrüche und Methoden zur Berufung von Propheten. Im Schwerpunkt beleuchtet die Serie allerdings die Abteilung für Gebetsanliegen. Für jedes gesendete Gebet ist ein „Engel“ zuständig, nur besonders schwere Fälle werden als „unmöglich“ an Gott weitergeleitet. Dieser Gott wird allerdings als gefrusteter zynischer Bournout-Kandidat gezeichnet, der keinen Bock mehr auf das Ganze hat, die Erde sprengen und ein Restaurant eröffnen möchte. Soweit eine interessante Grundannahme, die die Frage ernst nimmt, warum es so viel Leid und Chaos in der Welt gibt. Die traditionell christliche Deutung des allmächtigen und liebenden Vaters im Himmel wird gebrochen und menschliches Leid als Folge himmlischer Inkonpetenz dargestellt.

Gleichzeitig werden typische Arbeitsweltphänomene auf eine himmlische Organisation gespiegelt, die ja für so viel Arbeit sicherlich auch ähnliche Strukturen haben müsse. Nervige Formulare, pickierte Vorzimmerdamen, Rohrpostanlagen und Strukturen, die selbst der Chef nicht mehr durchschaut. Schade finde ich, dass dabei sowohl Gott selbst als auch die meisten Mitarbeiter als ziehmlich unsensible und unfähige Trampeltiere gezeigt werden und eigentlich niemand wirklich wohlwollend mit der Erde umgeht. Stattdessen finden wir uns bereits in einer sich andeutenden Apokalypse wieder, in der Mitarbeiter sich nach neuen Jobs in anderen Sonnensystemen umsehen und mehr Energie in Abschiedsparties als die eigentliche Arbeit stecken. Nur ein Engel ist davon überzeugt, die Erde noch retten zu können und schafft es, Gott zu einer Wette zu überreden: Wenn ein „unmögliches“ Gebetsanliegen in zwei Wochen erfolgreich bearbeitet werden kann, stimmt Gott zu, die Erde zu verschohnen. Was statt der Apokalypse dann geplant ist, bleibt offen, da niemand ernsthaft damit rechnet.

Wenn man sich mit diesem düsteren Kosmologiekonzept angefreundet hat, wird im Verlauf der Serie deutlich, dass das Erfüllen eines Gebetsanliegens tatsächlich nicht so einfach ist. Unscheinbare Signale werden oft übersehen, deutlichere Hinweise rufen dafür globale Katastrophen hervor und trotz guter Planung sind Menschen permanent unzähligen Einflüssen ausgesetzt und handeln am Ende doch nach ihrem eigenen Kopf. So wird es verständlich, dass es gar nicht so einfach für Gott ist, es jedem recht zu machen. Abgesehen davon, dass Menschen oft unbedachte Wünsche äußern statt reflektiert und weitsichtig zu beten. Es wird kein Gott gezeigt, der Menschen das langfristig bessere zukommen lässt. Stattdessen erleben wir einen Gott, der aus einer ambitionierten Götterfamilie stammt und wegen seinen unkonventionellen Ideen und mangelhaften Umsetzung gemobbt wird. Die gutbürgerlichen Konventionen sehen Wesen mit freiem Willen einfach nicht vor. Eltern und Geschwister hingegen können mit ihren Welten ohne Krieg und mit florierenden Aktienkursen glänzen. Die Erde und ihre freien Menschen wären  eben doch nur ein Abbild ihres unfähigen Schöpfers. Statt um Startkapital für die neue Restaurant-Idee zu bitten motivert diese Abfuhr Gott jedoch, sich doch nochmal für sein ehemaliges Herzensprojekt einzusetzen und die Welt mit ihren komischen freien Wesen zu retten. Es scheint, wie eine Bekehrung Gottes zu seiner Schöpfung, freilich ohne einen konkreten Plan zu präsentieren, wie es weitergehen kann. Aber am Ende der ersten Staffel ist zumindest fürs Erste die Zerstörung der Erde abgewendet und das eine erfolgreich beantwortete Gebetsanliegen könnte einen Motivationsschub auslösen, um den Rest auch noch in der Griff zu bekommen.

Theologisch bleibt die Serie dabei sehr oberflächlich, zeigt keine wirklichen Lösungen für ethische Dilemmata und führt einen eher unglaubwürdigen Pantheon ein. Ein wenig erkennt man das Grundmuster von Bruce Allmächtig, in dem Gott einem Menschen offenbart, wie viel Stress ihm die täglichen Gebete machen. Vom Stil und Humor bleibt die Serie aber eher auf trivialem Standup-Niveau stehen.
Am Ende bleibt bei mir der Gedanke hängen, warum wir den transzendenten Schöpfer, über den wir streng genommen als Menschen nichts sagen können, per se als perfektes Wesen annehmen und nicht vielmehr menschlich-unperfekt. Zumindest wenn wir seine Abbilder sind…

Halleluja – Bin ich Valerie oder der Priester?

Als 2016 das Projekt „Valerie und der Priester“ online ging, war es ein viel beachteter Blog. Viele meinten: Endlich öffnet sich die (katholische) Kirche, lässt jemanden hinter die Kulissen blicken und kritische Fragen stellen. Andere freuten sich, über die missionarische Chance, mit Skeptikern über Glaubensdinge zu sprechen. Ein Jahr lang hat die atheistisch-feministische Journalistin Valerie Schönian den katholischen Priester Franziskus von Boeselager in seinem Alltag  begleitet. Sie hat Kirchen betreten, Messen beobachtet, Alten- und Krankenbesuche erlebt. Beide haben sich auf Augenhöhe wahrgenommen, zusammen gefeiert, sich offen und ehrlich ausgetauscht und gemeinsame Erfahrungen gemacht. Und die Erkenntnis: Trotz grundsätzlich unterschiedlicher Meinungen zu bestimmten Themen (Frauenordination, Homo-Ehe, Obrigkeitsgehorsamkeit) kann man sich akzeptieren, verstehen und mögen. Auch wenn das Jahr mit Frusterlebnissen und Kontroversen gespickt war, haben beide eine Sensibilität für die Lebenswelt des anderen erlangt und zumindest einen Perspektivwechsel versucht. 2018 ist „Halleluja : wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen“ (Valerie Schönian, Piper Verlag 2018) als reflektierter Rückblick auf das Projekt erschienen.

Ich möchte nicht spoilern, ob sie am Ende heiraten, einer die andere bekehrt (oder umgekehrt) oder die Kirche in ihren Grundwerten erschüttert wird, aber definitiv ist bei der Lektüre etwas in mir in Bewegung gekommen. Ich nehme den Protagonisten ab, dass sie sich ernsthaft umeinander bemühen und kann ihre inneren Prozesse nachvollziehen.

Das Buch beschreibt den Weg dieses Jahres in sieben Abschnitten von anfänglichem Unverständnis, einer persönlichen Annäherung, frustrierter Abgrenzung und Erfahrungen, die das eigene Handeln und Glauben hinterfragen. Wie wichtig ist eine übernommene Tradition (religiös oder a-religiös)? Wo fängt Gebet an und wieviel „Geist“ wird emotional und gruppensozial erzeugt? Was würde ich denken, wenn ich anders aufgewachsen wäre? Was würde sich an meinem Alltag ändern, wenn ich davon ausginge, dass es Gott (nicht) gibt?

Wenn ich meinen Platz in dem Buch suche, stehe ich zwischen den beiden Protagonisten. Als Christ und studierter (evangelischer) Theologe bin ich eher auf der Seite des Priesters. Freiheitliche Gedanken, Grundeinstellungen und der ungeordnete Lebensstil ähneln wohl eher der Berliner Partykultur als dem Dorfpfarramt. Und in vielen Fragen springe ich, kann beide Seiten verstehen, weiß manchmal selber nicht, wie ich mich klar positionieren soll. Für die einen bin ich konservativ, in anderen Kreisen mit der gleichen Meinung liberal. Klar mag ich die Kirche als Gemeinschaft der Christen, aber ein solch blinder Gehorsam, wie es Franziskus zeigt, geht mir zu weit. In vielen Punkten bin ich froh (bei aller ökumenischer Offenheit), dem evangelischen Spektrum anzugehören, wo die Kritik an der eigenen Institution (als „Protestant“) quasi immanent ist. Und doch schätze ich dieses tiefe Gott-Vertrauen, das ich bei Franziskus herausspüre. Ich versuche gnädig zu sein, wenn Menschen Fehler machen oder an Strukturen festhalten, die einer gesunden Entwicklung im Weg stehen. Und gleichzeitig kann ich mit einigen modernen Spielarten der freiheitlichen Gesellschaft nicht viel anfangen und verteidige Traditionen, wo sie mir hilfreich erscheinen.

Das nehme ich aus dem Buch mit: Glaubensdinge kritisch anschauen ohne das reflektierte Vertrauen aufzugeben. Ich kann bei heiklen Fragen immer eine kleine Valerie in meinem Kopf haben, die mit rationalem Klargeist sagt „Warum denn?“ und gleichzeitig einen kleinen Franziskus, der sagt „Gut, dass es so ist!“. Und beide dürfen sein.
Auf jeden Fall hat mir das Buch wieder neu Lust gemacht, echte Atheisten kennenzulernen und tiefer zu bohren, was sie denken, fühlen, glauben. Nicht, um sie zu bekehren, sondern um sie zu verstehen und mit ihnen zwischen beiden Welten zu pendeln. Danke für diesen Anstoß!

StarTrek-Theologie

Vor einiger Zeit habe ich die alten Star Trek Filme mal wieder geschaut und bewusst auf medientheologische Anspielungen geachtet. Dabei fiel mir auf, dass zumindest die ersten sieben Filme (mit der Originalcrew) eine klare Hermeneutik von Schöpfung über Tod, Auferstehung, Apokalypse, Glaube an Übernatürliches, extreme Jüngerschaft, Endlichkeit und ein scheinbar perfektes Paradies zeichnen. Neben (damals) visionärer Technik und spannenden Abenteuern tauchen also seit den 70er Jahren immer wieder zentrale Fragen auf:

Der erste Film (1979) stellt die Charaktäre der „Originalbesetzung“ vor. Kirk, Scotty, McCoy, Checkov, Zulu, Pille, Ohuma, Spock. Nach einigen mehrminütigen Kamerafahrten, die das Raumschiff Enterprise auf der großen Leinwand einführen und ein paar Turbulenzen in einem Wurmloch befasst sich die Haupthandlung mit einem misteriösen Schiff, das auf dem Weg zur Erde ist. Wie man später herausfindet, ist es eine nichtbiologische Lebensform, die auf der Erde seinen Schöpfer sucht. Eine spannende Analogie über rationales Denken und Spiritualität. Eine rein auf Logik basierende Maschine fragt nach dem tieferen Sinn seiner Bestimmung. Nur die Erkenntnis seiner Herkunft kann die drohende Katastrophe abwenden. Ähnlich fragen auch wir Menschen danach, wo wir herkommen, sehnen uns nach einem Zweck und suchen den Kontakt zu unserem Schöpfer (den viele verloren haben).

Der zweite Film (1982) stellt ein biologisches Forschungsprojekt „Genesis“ vor, mit dem ungebohnte Planeten mit Leben gefüllt werden können. Schöpfungsgeschichte live. Bei einem Test inmitten eines Planeten entsteht ein unterirdischer Paradiesgarten. Leider gibt es einen Kampf um die neue Erfindung und am Ende stirbt Mr. Spock bei der rettenden Reparatur der Enterprise. Der Sarg mit seiner Leiche wird wird auf den sich selbst überlassenen Planeten Genesis geschossen.
Nicht nur der Titel des ersten biblischen Buches, sondern auch das Thema von Schöpfung und Schöpfungsverantwortung bilden die Basis der Story, die unseren Umgang mit Gottes Schöpfung und mit der Macht zu bebauen und zu zerstören anfragt. Spock zeigt die Opferbereitschaft eines „besonderen Sohnes“ mit irdischer Mutter und außerweltlichem Vater, der sein zum Wohle vieler gibt. Eine parallele zu Jesu Tod am Kreuz um allen Menschen das Leben zu schenken.

Star Trek 3 - Auf der Suche nach Mr. Spock

Als direkter Anschluss setzt Film drei (1984) direkt dort wieder an. Für ein vulkanisches Ritual soll die Leiche Spocks von Genesis geborgen und nach Vulkan gebracht werden. Gleichzeitig findet ein Forscherteam auf Genesis ein schnell alterndes Kind mit den Genen Spocks. Die Schöpfung ist aus dem Ruder gelaufen. Nach einigen quasi-weihnachtlichen Bildern und dem Opfer von Kirks Sohn David geht der Planet in einer Apokalypse unter. Captain Kirk musste dabei die Enterprise als Notzerstörung opfern und auf einem gekaperten Klingonenschiff entkommen.
Wie auf Jesu Tod seine Auferstehung folgt, erwacht auch Spock im künstlichen Paradies wieder zum Leben.  Die Flucht erinnert an die biblische Weihnachtsgeschichte und die apokalyptische Zerstörung der Welt entspricht der biblischen Endzeitvorstellung (auch wenn da kein Klingonenschiff vorkommt).

Star Trek 4 - Zurück in die Gegenwart

Im vierten Film (1986) geht es um einen verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit der Natur. Eine fremde Sonde hält Kurs auf die Erde und sendet unverständliche Signale an leider bereits ausgestorbene Buckelwale, die daher nicht antworten können. Die einzige Chance, die Erde zu retten, ist es, dass die Enterprise in die Vergangenheit reist, 2 Buckelwale einfängt und diese zurück in der Gegenwart der Sonde antworten. Dabei muss Kirk eine Zoologin zum Glauben daran bringen, dass er tatsächlich ein Raumfahrer aus der Zukunft ist, damit sie ihn unterstützt. So wurde eine ausgestorbene Rasse wieder angesiedelt und gleichzeitig die Crew der Enterprise nach der Befehlsmissachtung der letzten Filme rehabilitiert.
Wie ist es, wenn Gott uns Signale sendet, die wir nicht deuten können und sie nicht verstehen? Sind wir rational zu entwickelt und haben andere (geistliche) Antennen vernachlässigt?
Und wie kann Gott die Menschen von seiner rational unlogischen übersinnlichen Existenz überzeugen und sie dazu bringen, ihm zu glauben? Oft wirkt er, wie der „Mann aus der Zukunft“, der für uns unverständliche Dinge tut.

Star Trek 5 - Am Rande des Universums

Film fünf (1989) stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ein aus rationaler Logik heraus emotional gewordener Vulkanier kapert die Enterprise, um einen mythologischen Ort im Zentrum der Galaxis zu finden. Er rebelliert im Stile eines Propheten gegen die bestehenden politischen Systeme, um seiner religiös-philosophischen Erkenntnis nachzueifern, bringt zahlreiche Crewmitglieder durch psychologische Schmerzaufarbeitung dazu, ihm nachzufolgen und trifft am Ende einen pantheistischen „Gott“, der auf einem öden Planeten gefangen zu sein scheint. Am Ende steht die Erkenntnis, dass man Gott im großen Universum nicht finden kann, aber im inneren des Menschen. Viele religiöse Extremisten sind aber von ihrer persönlichen Gottesvorstellung so überzeugt, dass sie dafür alles aufs Spiel setzen, sogar töten und am Ende aber nur ihrem inneren Wunsch nachgejagt sind. Spannend wäre, wie der allmächtige Schöpfer außerhalb des Universums und der Gott im inneren des Menschen zusammenhängen.

Star Trek 6 - Das unentdeckte Land

In Film sechs (1991) bereitet sich die Crew der Originalbesetzung auf ihren Ruhestand vor. Nachdem es eine Gasexplosion im Klingonischen Gebiet gegeben hat, wird die Enterprise zu einem diplomatischen Escort-Flug geschickt, um den Klingonenpräsidenten zur Erde zu begleiten. In seiner Kabine hat Spock ein Gemälde der „Flucht aus dem Paradies“ hängen, weil es ihn erinnert, dass alles endlich ist. Nach einem friedlichen Dinner wird aus der Enterprise auf das Klingonenschiff geschossen und zwei scheinbare Föderationskämpfer richten auf dem beschädigten Schiff ein Blutbad an. Kirk und Pille versuchen daraufhin zu helfen und werden als Präsidentenmörder gefangen und verurteilt. Sie wissen, dass sie unschuldig sind, können das jedoch nicht beweisen. Im Gefangenenlager fangen sie an, über Zukunftsängste und Vergebung nachzudenken und Kirk erkennt, dass er den Mord an seinem Sohn bisher nie vergeben konnte. Nur durch beherztes – und erneut regelwidriges – Verhalten kann die Enterprise die Friedenskonferenz zwischen den Völkern retten, die von kriegerischen Fraktionen sabottiert werden sollte.
Wem können wir vertrauen, wie universal sind „Menschenrechte“ und wie schafft man es, empfangenes Unrecht zu vergeben, um frei für die Zukunft zu sein? Wie verhalten wir uns im Angesicht des bevorstehenden Todes und wo muss man manchmal systemische Regeln verletzen, um das System zu retten. Lutherisch gedeutet wird Kirk hier zum Reformator der Sternenflotte.

Star Trek 7 - Treffen der Generationen

Der siebte Film (1994) verbindet die Originalbesetzung mit der TNG-Crew (die bereits einige Jahre lang im TV bekannt ist). Die ehemaligen Helden der Enterprise kommen nochmal an Bord, um die nächste Generation bei ihrem Jungfernflug zu begleiten. Bei einem kurzfristigen Noteinsatz können sie einige Personen aus einem kurz darauf explodierenden Schiff an Bord beamen, dafür wird Kirk ins All gezogen.
In einem zukünftigen Storyteil wird Captain Picard und die TNG-Crew mit der Enterprise des nächsten Jahrhunderts auch zu einem Notfall gerufen, bei dem sie einen Wissenschaftler aufnehmen, der eine neuartige Waffe entwickelt hat, die eine Sonne ausschalten und damit ganze Systeme verändern kann. Er will sie einsetzen, um in eine perfekte Scheinwelt zurückzukommen aus der er damals von der Enterprise herausgerissen wurde. Der sogenannte „Nexus“ ist eine Wirklichkeit, in der persönliche Wünsche in Erfüllung gehen, ohne Angst, Leid und das Böse zu erleben. Picard begegnet im Nexus dem naiv glücklichen Kirk und kann ihn überzeugen, dass eine Welt ohne Leid und Fehler dauerhaft nicht lebenswert ist.
Parallel setzt sich der eigentlich rein rationale Android Data einen Emotionschip ein, wird danach eine Weile ein Sklave seiner Gefühle bis er lernt, sie zu akzeptieren und sie gleichzeitig im Griff zu haben, um eben auch rational denken und arbeiten zu können. Auch wir Menschen schwanken oft zwischen rationalen Entscheidungen und Emotionen und müssen lernen, beide in Einklang zu bringen.
Die dritte (spirituelle) Komponente wird nicht direkt angesprochen. Das zeigt den Switch der Saga, die durch den Protagonistenwechsel zu einer stärker innerweltlichen Storyline wechselt und quasi entmythologisiert wird. Auch das entspricht modernem theologischem Denken. „Göttliche Gedanken“ und eine biblische Ethik können mit weniger direktem Gottesbezug in einer rationalen Welt ihren Platz finden. Gleichzeitig sind klare rationale Gedanken, impulsive emotionale Entscheidungen und heroische (traditionelle) Spiritualität in Kombination wichtig, um die Probleme der Gegenwart zu bewältigen.

Frohe Weihnachten im Januar

„Frohe Weihnachten“ haben wir uns gewünscht, weil man hofft, sich an den Feiertagen mal nicht zu streiten, keine Sorgen zu wälzen und mit fröhlichem Herzen genießen zu können. Eigentlich schade, dass man sich das nur für drei Tage wünscht…

Ich lasse mich ja in den letzten Jahren immer wieder gerne auf den Rhythmus des Kirchenjahres ein und erlebe dadurch eine gewisse Entschleunigung und Akzentuierung der Zeit. Wenn man ernst nimmt, dass Weihnachten noch nicht mit den ersten Lebkuchen am letzten August-Wochenende anfängt, sondern ein Herbst mit Erntedank und Reformationstag sowie der Buß- und Bettag und Ewigkeitssonntag einladen, sich erstmal mit den schweren Seiten des Lebens zu befassen, kann danach die Vorfreude im Advent langsam wachsen. Auch da: Es geht nicht darum, alles festliche schon am 1. Advent zu verballern und durch ausreichend Glühwein dann bis 26.12. am Leben zu erhalten, sondern die kleinen Schritte wertschätzen: Dekorieren, Backen, Geschenke einpacken. Einzelne Feiern, auch mal Glühwein, Zeit mit netten Menschen. Vielleicht sogar mal die Adventszeit als Fastenzeit ausprobieren (wie sie ursprünglich gedacht war) und dann zum Weihnachtsfest so richtig zu schlemmen, sich zu freuen und zu feiern, dass Gott Mensch wird.

Natürlich ist das mehr ein theoretisches Konzept und ich bin weit weg davon, es im hektischen Alltag perfekt umzusetzen, aber es hilft mir, es zumindest zu denken und in Teilen zu leben. Und was ich meistens schaffe ist: Die Weihnachtsfreude in die „Weihnachtszeit“ hinein zu retten, die ja Heiligabend anfängt und bis in den Januar reingeht. Zwischen den Jahren über das Weihnachtswunder nachdenken und überlegen, wie ich im Angesicht dessen das eigene Leben gestalten will, erdet mich. Und das Bewusstsein, dass nicht nur irdische Belange zählen, hält mich geistlich wach, denn das Leben ist mehr als materieller Besitz und mehr als „Friede auf Erden“, so schön der Wunsch auch ist. Friede im Herzen wäre schonmal ein Anfang und ein ganzheitliches Ruhen, Rein-Werden und im Einklang sein könnte das höhere Ziel sein (vgl. Richard Rohr: „Ganz da – einfach und kontemplativ leben“).

In diesem Sinne wünsche ich euch allen auch weiterhin eine „Frohe Weihnachtszeit“ (inkl Epiphanias noch bis 27. Januar!), also genug Zeit, um sich auch ohne Glitzerkitsch weihnachtlich zu fühlen.

Mensch bleiben in der Digitalen Kirche

Die (evangelische) Kirche ist in der Digitalisierungsdebatte angekommen! Seit März 2017 brodelt es unter dem Hashtag #DigitaleKirche. Zuerst unterschwellig, aber seit der letzten Herbstsynode hat die EKD einen Sondierungs-Prozess begonnen. Über den Sommer wurde gesammelt, sortiert und gefeilt und bei dieser Synode wird über die Einrichtung von Planstellen geredet und aller Voraussicht nach auch mal Geld in die Hand genommen, um deutschlandweit Strukturen zu schaffen. Ob dabei ein kleiner Millionenbetrag viel Geld für einen hellen Leuchtturm ist oder „ein Groschen pro Mitglied“ eher einem Teelicht gleicht, kann man diskutieren. Aber es ist gut, dass sich etwas tut!

Ein Vorreiter ist der „EKD-Medienbischof“ (das ist kein offizielles Amt, aber lässt sich gut vermarkten) Volker Jung, der als Basislektüre für Kirchenmenschen ein kleines Taschenbuch geschrieben hat.
Während die aktuellen Digitalisierungs-Literaten (Harari, Precht, Kling und Co) über die Frage nachsinnen, wie in Zukunft intelligente Maschinen menschlich werden (oder eben nicht) und unsere Zukunft teilweise durchaus dunkel zeichnen, stellt Jung in seinem Buch eine Haltung vor, wie wir „Digital Mensch bleiben“ können. Evangelisch.de zeichnet als gute Erstinfo den Inhalt nach und  @ralpe hat bereits treffend geschildert, dass Jung zwar den Status Quo gut darstellt, aber wenig eigenen Standpunkt der Kirche beisteuert. Das entspricht wohl ganz gut dem aktuellen Status der EKD anfang November 2018.

Ich möchte dem Buch jedoch zugute halten, dass es tatsächlich die Digitalisierungsdebatte in die kirchliche Landschaft in Kirchensprache übersetzt und für kirchliche Menschen „vorkaut“. Keine sperrigen Statistiken, Fachwörter oder zu abgedrehte Theorien. Dafür bischöflich-seelsorgerlich augearbeitet ein durchaus brauchbarer Überblick, welche Themen die Gesellschaft und damit uns als Kirche im Feld der Digitalisierung interessieren sollten. Ergebnis: Das Buch liest sich leicht, verstört nur wenig und öffnet die Tür zur Digitalen Welt in sanften Schüben, sodass viele sich trauen können, einen Blick hinein zu werfen.
Und zwischendurch argumentiert Jung immer wieder aus der Bibel,  von der Geschöpflichkeit des Menschen, der selber die Welt gestaltet ohne dabei Gott gleich zu werden. Und für unseren Umgang mit digitalen Medien führt er am Ende sogar das Doppelgebot der Liebe als Hauptkriterium an und verortet damit kirchlichen Medieneinsatz im christlichen Menschenbild, sich selber, den nächsten und Gott wertschätzend zu begegnen. Dieser Schritt scheint mir wichtig, weil die humanistische Selbstoptimierung (die digital oft tonangebend scheint) den Menschen leicht als minderwertige Maschine erscheinen lässt, die sich im Zuge der Digitalisierung eben zum Cyborg entwickeln muss, um mitzuhalten. Mit Volker Jung würde ich mich freuen, wenn bei allem Segen, den die Digitalisierung uns bringt, das menschliche am Menschen seinen Wert nicht verliert und wir bei der zukünftigen Programmierung von Maschinen nicht nur richtige Antworten, sondern auch einen „menschlichen Umgang“ miteinander einbauen könnten (den allerdings auch die global und lokal verantwortlichen Menschen erstmal wieder entdecken müssten). Um bei dem Thema eine ernstzunehmende Stimme zu bekommen, müsste die EKD allerdings über einen Medienpool und einen Gottesdienstfinder hinaus einen echten ethischen Diskurs über den Wert des Menschlichen und des Künstlichen führen, um herauszufinden, wie wir tatsächlich in Zukunft „Digital Mensch bleiben“ (oder werden?) können.

Am Ende bleibt zu hoffen, dass die #DigitaleKirche nicht nur Formate und Kanäle der Digitalen Gesellschaft adaptiert (auch das ist wichtig!), sondern die Chance nutzt, geistlich lebendig und nah dran an den Menschen zu sein. Landeskirchen und EKD werden weitgehend als abgehobene Institutionen wahrgenommen und passen nicht in eine Kommunikationsstruktur, die Menschen direkt miteinander verbindet. Wenn wir aber schon ohne Stellvertreter direkt mit Gott im Himmel kommunizieren, können wir ruhig auch mit seinen Kindern auf der Erde auf Augenhöhe (von Mensch zu Mensch) kommunizieren. Schön, wenn die EKD-Synode das nächste Woche mit im Blick hat.

Wasser des Lebens – Whiskygedanken zur Jahreslosung

Wenn die Jahreslosung 2018 grafisch umgesetzt wird, sieht man oft fröhliche Menschen mit einem Wasserhahn oder einem Wasserglas. Passt das wirklich zum Text?

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Off 21,6)

In einem Endzeitszenario kommt nach dem epischen Kampf zwischen Gut und Böse die Stadt Gottes auf die Erde, um Frieden zu schaffen. Gott bietet den bedürftigen Menschen etwas an, das ihre tiefsten Bedürfnisse auf Dauer befriedigen kann. Lebendiges Wasser oder Wasser des Lebens ist dabei ein Bild, das auch Jesus schon benutzt, um einer gesellschaftlich isolierten Frau zu helfen, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein und somit ihre tiefsten sozialen Nöte zu stillen (Joh 4).

Es geht also nicht nur um ne Limo zwischendurch, auch nicht um den täglichen Durst nach Flüssigkeit, sondern um ganzheitliche Bedürfnisbefriedigung. Und diese Bedürfnisse können sehr unterschiedlich sein. Es kann um Nahrung, um Getränke, um soziale oder berufliche Anerkennung oder um ganz andere Bedürfnisse gehen. Viele Süchte basieren darauf, dass eine soziale Not nicht gestillt wird und stattdessen kurzfristige Ersatzbefriedigungen gesucht werden. Wer menschliche Anerkennung sucht, kann süchtig nach beruflichem Erfolg werden oder wer menschliche Nähe sucht kann sich in wenig erfüllenden sexuellen Abenteuern verlieren ohne die eigentliche sehnsucht zu stillen. Ebenso sind Alkohol, Tabak und andere Rauschmittel als Sehnsuchtsstiller keine guten Hilfen, da sie leicht zu Suchtmitteln werden können. Von daher ist der Bezug der Jahreslosung zum Whisky auch nicht falsch zu verstehen: Es soll nicht um den übermäßigen oder regelmäßigen Missbrauch gehen, sondern um gemäßigten Genuss.

Und für den bewussten Genuss eignet sich neben gutem Essen, schönen Kunstwerken und guter Musik auch guter Single Malt Whisky (*). Denn Whisky ist kein typisches Besäufnis-Getränk, das man schnell auf Ex trinkt, um dem Geschmack wenig Zeit zu geben, sich zu entfalten, sondern Whisky wird langsam und aufmerksam genossen.

Mich hat die Sicht von Wolfgang F. Rothe sehr beeindruckt, der in seinem Buch „Wasser des Lebens“ eine Einführung in die Spiritualität des Whiskys bietet. Namentlich ist er Fan des schottischen Single Malt Whisky, aber mittlerweile wird in zahlreichen Ländern guter Whisk(e)y produziert für den ich das gesagte ebenso zutreffend finde (insbesondere gilt es auch für einige Blends, Boubon, Rye und ähnliche Whiskys).

Zu Beginn führt Rothe wie jedes gute Whiskybuch in die Ursprünge der Destillation im iro-schottischen Mönchtum ein und entwickelt den Namen Whisky aus dem schottisch-gälischen „uisge beathe“, was übersetzt „Wasser des Lebens“ bedeutet. Ein heilendes Getränk, das im 17. Jahrhundert als Medizin gereicht wurde und sich so von Klosterapotheken an Herrscherhöfe und Dorftavernen  verbreitet hat.

Im weiteren stellt er dar, mit wie viel Aufwand und Sorgfalt die Herstellung dieses „Spirits“ (was im englischen durchaus eine spirituelle Anspielung darstellt) abläuft und wie man mit allen Sinnen eine Verkostung inszenieren kann, um jede Nouance wahrzunehmen. Wenn man so also mit Auge, Nase, Tastsinn und schließlich dem Mund einen Schluck des lebendigen Wassers wahrgenommen hat, wird auch das Herz angerührt, was eine geistliche Offenbarung auslösen kann. Die Poesie mit der er dieses bewusste Genießen eines kleines Tropfens Whisky beschreibt, lässt Kennern bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Im Whisky steckt durch seine klösterliche Historie, seine aufwändige Herstellung und die besondere Aufmerksamkeit, die man dem dem Genuss widmen sollte, eine Spiritualität, die dem bewussten geistlichen Lebensstil christlicher Klosterbrüder entspricht. Die Achtsamkeit mit der man dem guten Tropfen exklusive Aufmerksamkeit schenkt, kann auch für den Rest des Lebens sehr wohltuend wirken. Der Genuss mit dem man alle Sinne auf eine Sache ausrichtet, kann auch darüberhinaus ein Sinnbild sein für einen Lebensstil des Genusses. Wichtig: Es geht dabei nicht um verschwenderisches Leben im Überfluss oder gar Völlerei, sondern darum, das zu genießen, was Gott in seiner Schöpfung für die Menschen bereithält. Und das darf mehr als nur lebenserhaltende Nahrungsaufnehme sein, weil gerade das Besondere uns in die Anbetung dessen führen kann, der es gedeihen lässt.

Als letzten Punkt schreibt Rothe über die Reifezeit, die ein Whisky braucht, um vom einfachen Kornbrand zum besonderen Wässerchen zu werden. Denn bei allem technsichen Fortschritt kann die Reife durch nichts beschleunigt oder umgangen werden. Erst nach drei Jahren im Eichenfass darf man eine Spirituose Whisky nennen und nicht selten gönnt man ihr 10 oder mehr Jahre, um noch mehr Besonderheiten zu entwickeln. Dabei spielen neben dem eingefüllten Brand vor allem das Fass und die Lager-Umgebung eine Rolle. Ebenso brauchen auch in unserem Leben manche Prozesse der inneren Reifung Zeit. Gott kann in uns etwas anstoßen. Vielleicht haben wir eine gute Predigt gehört oder medial einen Gedanken aufgenommen, aber bis der Charakter sich verändert braucht es eine ganze Weile, um das theoretisch verstandene umzusetzen. Dabei ist auch unser direktes Umfeld in der wir täglich geprägt werden sowie das weitere Netzwerk, von dem Ideen an uns ran kommen ein entscheidender Faktor, welcher Geschmack am Ende rauskommt.

Unser Leben kann also auf lange Sicht reifen zu einem Genuss für achtsame Mitmenschen und so richtig gut werden, wie ein lange gereifter Whisky. In diesem Sinne sind wir auf einem Lebensweg auf dem wir von der Spiritualität des Whiskys einiges lernen können.
Die Jahreslosung sagt uns zu, dass Gott am Ende unsere Bedürfnisse stillen möchte. Solange wir also als Mensch auf der Erde noch gefangen sind in Wünschen, Bedürfnissen und Abhängigkeiten ist es gut, wenn wir uns von Gott inspirieren lassen und uns auf einen geistlichen Weg begeben. Denn Gott ist die Quelle von der das lebendige Wasser ausgeht und wenn wir uns an ihn halten, sind wir auf einem guten Weg.


(*) Ich bin mir bewusst, dass irischer und amerikanischer Whiskey mit „e“ geschrieben wird, verzichte aber aus Gründen der besseren Lesbarkeit im Text auf die Nennung der jeweiligen Doppelform und meine jeweils Whisky(e)s beider Schreibweisen.