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If the thrill is gone, than it’s time to take it back

Der Rocktitan Meat Loaf war einer der bedeutendsten Musiker des letzten Jahrhunderts und hat seit den 1970er Jahren über 100 Millionen Tonträger seiner theatralisch opulenten Rockmusik verkauft. Als letzte Woche seine Todesnachricht durch die Nachrichten ging, habe ich bewusst nochmal das Best-of-Album durchgehört. Faszinierende Musik, die mit lauten Drums, elektrischen Gitarren und einer wuchtigen Stimme Emotionen hervorruft. Zwischen verschiedenen Emotionen kann man sich zu dieser Musik in Extase tanzen und auf angenehme Weise abreagieren. Denn bei Meat Loaf kann man (zumindest ich) nicht ruhig sitzen bleiben.

Als verspätete Homage an den Rocksänger Meat Loaf († 20.1.2022) und musiktherapeutische Analyse meiner Lebens-Situation habe ich mich intensiver mit dem Titel „Everything louder than everything else“ (Album: Bat out of Hell 2, 1993) beschäftigt. Ich empfehle, es beim Weiterlesen im Hintergrund laufen zu lassen.

Es ist ein Lied, das nicht nur musikalisch aktiviert, sondern auch inhaltlich spannende Akzente für ein selbstbestimmtes Leben in einer oft monotonen Welt setzt. Ein wenig wie Julia Engelmann (One day, baby) für Rock’n’Roller…
Meat Loaf (bzw der Produzent Jim Steinmann, der für ihn den Song geschrieben hat) tritt in den acht Minuten Power-Rock in einen Diskurs zwischen Effektivität und Lebenslust. Ich werde mir anhand der Textzeilen die Frage stellen, wie ich in meinen Vierzigern (Meat Loaf war bei der Aufnahme 46) meinen Platz zwischen der unbeschwerten Jugend und dem weisen Alter finde.

Wasted Youth!

Mit dem vorgeschalteten Sprechchor „Wasted Youth“, der später noch öfters ertönt, greift Meat Loaf die vielgeäußerte Kritik der etablierten Gesellschaft an jungen Menschen auf, sie würden ihre Jugend verschwenden mit Partys, Festivals oder anderen unproduktiven Dingen. Ich mag es nicht, den negativ konnotierten Begriff der Ankläger zu verwenden, würde lieber von „zwangloser Jugend“ reden, was auch später besser passt als von etwas verschwendetem zu sprechen. Gleichwohl ist es für die dramaturgische Spannung des Liedes wichtig, gleich zu Beginn die anklagenden Stimmen der gesellschaftlichen Vernunft wahrzunehmen gegen die der Rocksong rebelliert.

I know that I will never be politically correct
And I don’t give a damn about my lack of ettiquette
As far as I’m concerned the world could still be flat
And if the thrill is gone then it’s time to take it back

In unserer Gesellschaft wollen wir es oft allen recht machen, nicht anecken, achten auf Etiquette und politische Korrektheit. So sehr ich diesen Anspruch der inklusiven und nicht diskriminierenden Kommunikation im Umgang mit Minderheiten mag, wird daraus manchmal ein lähmendes Korsett, das Kreativität und Leidenschaft ausbremst. Wo haben wir die Leidenschaft verloren, weil wir zu vielen Regeln gefolgt sind?

Who am I? Why am I here?
Forget the questions someone get me another beer
What’s the meaning of life? What’s the meaning of it all?
You gotta learn to dance before you learn to crawl.

Gerade als Theologe beschäftige ich mich oft mit den großen Fragen. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Warum sind Dinge wie sie sind oder wie könnte es anders sein? Diese Fragen haben ihren Wert, aber manchmal muss man einfach mal ein Bier zusammen trinken. Ich teile die Erfahrung, dass man nach einem Glas Bier (oder Wein etc) mitunter offener redet und die wirklich wichtigen Themen auf den Tisch kommen. Wichtig ist also nicht der Pegel, sondern ab und zu entspannt das Leben zu genießen, offen zu reden und zu Tanzen. Tanzen lernen, bevor man elanlos herumkrabbelt, um es allen recht zu machen.

So sign up, all you raw recruits
Throw away those designer suits
You got your weapons cocked, your targets in your sights
There’s a party raging, somewhere in the world
You gotta serve your country, gotta service your girl
You’re all enlisted in the army of the night

Jedes Jahr starten junge Berufseinsteiger voller Elan ins Leben und versauern als Anzugträger in sterilen Büros ohne wirklich zu leben. Irgendwas ist immer los, manchmal bringt man sich gesellschaftlich ein, manchmal kümmert man sich um Partnerschaft oder Familie und manchmal gehört uns die Nacht, wenn wir den inneren Rockstar wach halten. Rollen prägen uns, und wir müssen entscheiden, was unseren Charakter langfristig prägen darf!

And I ain’t in it for the power
And I ain’t in it for my health
I ain’t in it for the glory of anything at all
And I sure ain’t in it for the wealth
But I’m in it til‘ it’s over and I just can’t stop
If you want to get it done, you have to do it yourself

Jetzt wird es doch wieder philosophisch: Warum leben wir eigentlich? Ich bin nicht hier, um Macht zu haben, um lediglich gesund zu bleiben, um irgendeinem System zu huldigen oder reich zu werden, sondern ich koste jeden Moment meines Lebens aus, singt er. Warte nicht auf andere, sondern mach, was für dich dran ist.
Ich würde gerne ergänzen, dass man in sozialen Systemen nicht nur für sich selbst Verantwortung trägt. Aber wenn dieser Gedanke zu stark wird, höre ich: Du musst mit dir selbst leben können – bis zum Schluss. Also sorge dafür, dass bei aller Fürsorge deine Bedürfnisse nicht zu kurz kommen!

And I like my music like I like my life:
Everything louder than everything else

Damit sind wir bei der ersten Kernbotschaft angekommen, die über 30x wiederholt werden wird. Was ich tue, sage, denke, lebe soll lauter sein als das, was mir von außen entgegenschreit, mich klein halten oder kompatibel machen will. Der laute Rocksong setzt perfekt um, was Meat Loaf singt, schreit, fühlt. Ich möchte gehört werden und sein dürfen, wie ich bin! Kontrastiert wird dieser Ruf im Lied immer wieder durch die Kritik der „Wasted youth!“ gegen die er beharrlich ansingt.

They got a file on me that’s a mile long
And they say that they’ve got all of the proof
That I’m just another case of arrested development
I’m just another wasted youth

Wie in einer Polizeiakte haben „sie“ eine kilometerlange Beweisliste: entwicklungsgestört, Jugend verschwendet. Nicht büffeln für das perfekte Abi, den lückenlosen Lebenslauf oder das zuträglichere Praktikum, sondern ein Road-Trip oder Festival-Sommer? Einige nennen das „Vergeudete Jugend“ andere genau das richtige, solange man jung ist?…
Was zählt im Leben wirklich und von wem lässt du dir sagen, wie du leben sollst?

They say that I’m in need of some radical discipline
They say I gotta face the truth
That I’m just another case of arrested development
I’m just another wasted youth

Zugegeben, manchmal tut auch etwas Disziplin gut! Eine angefangene Ausbildung abschließen, auch wenn es nervig wird. Zu einer Beziehung stehen, auch wenn das Arbeit bedeutet. Sich auf einen festen Job einlassen statt von Tag zu Tag zu leben, hat etwas für sich. Aber es hat auch seine Grenzen, immer nur für das höhere Ziel zu ackern statt zu leben.

They say I’m wild and I’m reckless
I should be acting my age
I’m an impressionable child In a tumultuous world
And they say I’m at a difficult stage

Das Partyleben mit 20 wird ja oft toleriert, aber wenn man mit 40 noch auf Studentenpartys geht und das Leben genießt, wird das Verständnis kleiner. Man müsste doch langsam erwachsen werden. Und ja, die Prioritäten haben sich bei mir in den letzten 20 Jahren verschoben. Aber wer definiert eigentlich, was in welchem Alter „normal“ ist? Klar, wenn ein Paar Kinder bekommt, hat man danach 20 Jahre lang ein vorgezeichnetes Leben mit frühem Morgen, Urlaub in den Schulferien und Ausflügen am Wochenende. Lange Kneipenabende, wilde Tanzpartys oder Exzesse passen da nur bedingt. Man darf auch erwachsen werden. Aber wenn man mit 42 keine Kinder hat? Soll man dann leben als hätte man welche, nur weil man älter ist? Oder muss man dann mit den jungen Wilden feiern gehen (falls die trotz Bolognaprozess noch Zeit zum Feiern finden) und zumindest mental jung bleiben? Manchmal habe ich das Gefühl, in einem „komplizierten Alter“ zu sein…

But it seems to me to the contrary
Of all the crap they’re gonna put on the page
That a wasted youth is better by far
Then a wise and productive old age

Auf der anderen Seite schreit mir Meat Loaf sein Credo entgegen. Statt auf den Bericht zu schauen, was alles nicht zu passen scheint, ist in Anlehnung an den biblischen Prediger eine „zwanglose Jugend“ viel mehr wert als ein weises und produktives Alter. Produktiv sein kann ich gut, weise Gedanken machen mich aus, aber schaffe ich es, mir dabei die zwanglose Jugend zu erhalten? Ich mag den schwarz-weiß-Kontrast an der Stelle nicht, eins gegen das andere auszuspielen.
Vielleicht kann man es so sehen: Manchmal muss man vernachlässigte Positionen besonders überbetonen, um sie gleichwertig werden zu lassen. Und je reifer wir werden desto mehr verdrängen wir oft die Lebensfreude. So kann dieses Mantra uns daran erinnern, in aller produktiven Altersweisheit nicht die scheinbar vergeudete Zwanglosigkeit eines unverplanten Lebens zu vergessen. Sie ist in der zweiten Lebenshälfte sicherlich nicht alles, was zählt, aber ich möchte sie mir gerne erhalten. Vielleicht als „wise and productive wasted time“?

If you want my views of history
Then there’s something you should know
The three men I admire most are Curly, Larry, Moe

Wenn man dich fragt, wer die bedeutendsten Menschen waren, wen würdest du nennen? Vielleicht Jesus oder berühmte Theologen, Naturwissenschaftler, Vorbilder, Dichter und Denker, Erfinder und Lenker. Oder eben drei Komiker (The Three Stooges waren Slapstick-Comideans, in den USA ähnlich berühmt wie Laurel und Hardy), die die Welt zum Lachen bringen.
Auch ich finde Loriot, Heinz Ehrhardt oder Monty Python bewundernswert. Wir sollten uns mit Menschen umgeben, die uns zum Lachen bringen.

Don’t worry about the future. Sooner or later it’s the past

Zum Ende des Textkorpus wird es nochmal biblisch: Macht euch keine Sorgen um die Zukunft, sondern vertraut und genießt das Leben. Amen! Wer sich nur um die Zukunft kümmert wird irgendwann merken, dass sie Vergangenheit geworden ist, ohne dass man die Gegenwart gelebt hat.

if they say the thrill is gone then it’s time to take it back …

Hier wäre ein typischer Radiosong (mit knapp 5min schon mit Überlänge) zu Ende. Meat Loaf aber nicht. Er wiederholt in leichter Abwandlung den Aufruf an die junge Elite, sich nicht vom System vereinnamen zu lassen, weil es nicht auf Geld, Macht und reines Überleben ankommt. Kämpfe für das, was dir wertvoll ist! Und lebe so laut, dass andere es mitbekommen, dass dein Leben andere dazu bringen kann, aus ihrem Alltagstrott rauszukommen und ihre eigene Leidenschaft wiederzuentdecken. Sei lauter als der Lärm dieser Welt. Sei länger als Statistiken für den perfekten Song ausrechnen und sei ein Unikat statt Massenware.

Ich will ein lautes Unikat sein und mein Leben so leben, dass es andere zum Nachdenken, zum Genießen und zum Lachen bringt. Ich freue mich, wenn das bereits gelingt und wo ich immer wieder mal den Fokus verliere freue ich mich, wenn mich gute Freunde oder Lieder wie dieses lautstark daran erinnern, mal wieder wild zu tanzen und dem inneren Rock’n’Roll treu zu bleiben!

meine Tanzgeschichte

Tanzen ist Kommunikation. Ein Medium, um die Welt um mich herum in Bewegung umzusetzen.

Tanzen ist eine Leidenschaft, die mich schon lange begleitet. Mit 13 Jahren habe ich angefangen in einer Marburger Tanzschule Kurse zu belegen. Walzer, Jive, Tango, Samba, … Das Welttanzprogramm eben. Nach den üblichen Grund- und Medaillenkursen habe ich etwa 6 Jahre in einer Art Tanzkreis mit anderen Jugendlichen komplexere Technik und Figurenfolgen gelernt. Neben Showtanzformationen war das individuelle Führen und kreative entwickeln neuer Abläufe mit unterschiedlichen Tanzpartnerinnen meine Spezialität. So habe ich gelernt, mit verschiedenen Damen Musik auszutanzen und Freude auszustrahlen.
Neben dem eigenen Tanzen habe ich viel hospitiert, Tanzdamen auf dem Weg durch die Medaillenprüfungen begleitet und dadurch Souveränität auf dem Parkett entwickelt. Auch außerhalb der Tanzschule wurde ich öfters nach Tipps gefragt und habe angefangen, Anfängern die Lust am Tanzen weiterzugeben. Bewusst habe ich nie eine professionelle Turnierlaufbahn eingeschlagen, weil mir Freude und Ausdruck immer wichtiger waren als das penible Gutachten eines Wertungsrichters, der vorgibt, wie etwas korrekt zu sein hat. Neben dem Sport war die Tanzschule auch mein zweites Zuhause. Dort verbrachte ich viel Zeit, traf Freunde und konnte Selbstbewusstsein tanken.

Später habe ich im Studium verstärkt Salsa getanzt. Gelernt habe ich auf Partys von Latinos und in Workshops. Paarweise, als Rueda oder Linedance. Die lockere Partystimmung mit schnellen koordinierten Bewegungen hat mich fasziniert. Dass ich stilistisch dabei sowohl cubanisch als auch NewYorkStyle geprägt bin, habe ich erst später rausgefunden.
Gleichzeitig habe ich beim argentinischen Tango (Salón und Nuevo) das Konzept des modularen „Führen und Folgen“ kennen gelernt. Es hat mich begeistert, wie aufgrund kleiner Nuancen der Körperhaltung harmonische Bewegungen als Paar entstehen. So konnte ich aus bestehenden Bewegungen aller Tänze neue Variationen bauen und flexibler mit tänzerischen Elementen umgehen.

Mein Drang zu extravaganten Elementen hat mich weiter zum sportlichen Rock’n’Roll geführt, wo schnelle Tanzfolgen mit akrobatischen Hebefiguren und stärkeren Show-Elementen kombiniert wurden. Über 10 Jahre war das mein Haupttanz, auch als Übungsleiter im Hochschulsport und Organisator von Trainingslagern, während andere Tänze eher als Hobby nebenher liefen. Da meine langjährige Rock’n’Roll-Partnerin in der gleichen Tanzschule aufgewachsen war wie ich, konnten wir bei Showeinlagen oft mehrere Tänze kombinieren und bei Medleys zwischen Stilen switchen.
In dieser Zeit verstärkten sich die Anfragen und ich konnte öfters Tanz-Workshops oder Wochenend-Freizeiten anbieten, bei denen die Teilnehmer teilweise über Jahre wieder kamen und so eine Gemeinschaft formten. Das Tanzen war für mich also Hobby, Beruf und Familie gleichzeitig. Eine enge Gemeinschaft, die mein Leben geprägt hat.

Dann musste ich durch einen Umzug nach Erfurt viele Dinge aufgeben und am neuen Ort auch tänzerisch neu Fuß fassen. Ich konnte Grundlagen der Gesellschaftstänze vertiefen und freie Improvisation in den Paartanz integrieren. Quasi als Steigerung des Tango Argentino fing ich an, auch in anderen Tänzen als Paar zu verschmelzen und die Musik in elementare Bewegungen zu interpretieren, die zwar grundlegend auf z.B. Rumbaelementen aufbauen, aber letztlich freie Improvisation im Paar sind. Eine sehr emotionale Spielart, die durch die enge Bindung des Paares einen speziellen Reiz hat.
Als etwas ruhigere Form des Rock’n’Roll begann ich mich mit dem Lindy Hop zu beschäftigen, der die freie (argentinische) Improvisation mit schnellen (nordamerikanischen) Bewegungen kombiniert und so faszinierende Lebensfreude mit tänzerischem Spiel verbinden kann.

Ebenso lernte ich sportliche Individualformen wie Zumba, Salsation oder Iron Body kennen, die tänzerische Elemente mit schweißtreibenden Aerobic-Übungen kombinieren und auf fröhlichen Kalorienverbrauch hin optimiert sind. Diese Gruppentänze eignen sich auch, um jede Disco zum Fitnessstudio umzuwidmen und durch Tanz körperlich fit zu bleiben.

Die Kombination aus individueller Bewegung und inhaltlich-musischer Interpretation eröffnete mir ein weiteres Feld der Tanz-Meditation. Nicht nur Musik, sondern auch Gefühle und Inhalte individuell in Bewegung umsetzen und dabei sich selber besser verstehen. Was in der Theologie über Bibliolog, Bibliodrama und andere theologisch-therapeutische Formate passiert, kann auch beim Tanzen helfen, sich in Personen hineinzuversetzen und Rollen zu spielen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Um das auch tänzerisch umzusetzen, braucht man einen geschützten Rahmen um die Scheu vor der Performance abzulegen. Man muss sich seiner selbst bewusst sein und gelernt haben, in sich hinein zu spüren. Dann ist es möglich, über Tanz und Körperlichkeit Geschichten tiefer zu erleben und künstlerisch umzusetzen.

Ich hoffe, dass ich tänzerisch noch nicht am Ende bin. Auf der einen Seite nehme ich in meiner Geschichte eine Entwicklung von festen Strukturen zu modularer Improvisation wahr, auf der anderen Seite spüre ich eine Sehnsucht, an bisherige Formate anzuknüpfen und Fäden wieder aufzunehmen. So kann die methodische Erkenntnis einer Tanz-Meditation vielleicht auch einen regelkonform getanzten Quickstep in seiner Performance bereichern, ein Discofox durch Showtanz-Elemente oder klassischer Tanzschul-Jive durch LindyHop- und Rock’n’Roll-Einlagen etwas mehr Würze bekommen.
Und letztlich geht es beim Tanzen immer um eine Kommunikation im Paar. Ganz egal, wie der Tanz am Ende heißt, habe ich die Sehnsucht mit Menschen ins tänzerische Gespräch zu kommen, das nicht auf vorher definierten Schritten, sondern auf ausgetanzten Emotionen basiert. Ich wünsche mir, tänzerisch auf dem Weg zu bleiben, neue und alte Formen zu verbinden, Freude zu erleben und weiterzugeben.
Ich möchte Tanzen! Vielleicht auch mit dir?

Geistliches Liedgut im Radiovergleich

Erik Flügges „Kirchenaustritte: Thesen für eine stabilere Kirche“ (20. Juli 2019, primär der vorletzte Absatz) motiviert mich, einen Vergleich christlicher Musik mit der Radiolandschaft zu posten, den ich schon länger im Kopf habe:

Wenn in der Kirche Lieder gesunden werden, geht es darum, Gott die Ehre zu geben und sich als Gemeinschaft der Glaubenden gegenseitig zu bestärken. Das gemeinsame Singen bringt zusammen, die durch Wiederholung ins Herz rutschenden Texte bilden auch in Wüstenzeiten einen Anker an geistlichen Grundwahrheiten und Gottesdienste werden interaktiver wahrgenommen (Ich-bin-beteiligt-Erfahrung). Doch oft scheiden sich am Musikgeschmack die Geister.

Klassische Landeskirchen bauen auf einem Liederbuch auf, das die Hochkultur der letzten Jahrhunderte konserviert. Wertvolle Lieder, die oft stilecht mit der Orgel begleitet werden. Luther würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass wir immer noch  eine Lieder singen, hatte er doch damals Tavernenmelodien umgedichtet, um nah am Volk zu sein. Gleichzeitig sind diese Lieder eine Art Best-Of, die sich über Generationen bewährt haben, weil sie Halt geben und in Krisen tragen.
Als Innovation wurde in den 70ern das moderne geistliche Liedgut entwickelt, dass ähnlich wie die Werke Luthers und Bachs konserviert wurde und daher für heutige Ohren auch nicht mehr wirklich neu klingt.
Bei Gospel und Taize-Gesängen kommt ein wenig Schwung auf, Kinderlieder bringen (erzwungene) Bewegung in den Gottesdienst, insgesamt bleibt es aber eine ernste und gesetzte Veranstaltung.

Junge Gemeinden und Freikirchen sind oft offener für moderne Lobpreismusik, die vom Songwriting her zumindest richtung 90er Jahre geht. Tatsächlich gelten viele der Lieder erst 20 Jahren als etabliert, wenn sie musikalisch eigentlich schon fast als Retro gelten könnten. Klassiker der deutschen Lobpreiskultur findet man in „Feiert Jesus“ Liederbüchern, gleichnamigen CDs oder ähnlichen Reihen. Hier den Überblick zu behalten ist allerdings schwierig und was für die eine Gemeinde aktuelle Hits sind, wird anderswo bereits als veraltet und uncool wahrgenommen. Für manche sind nur internationale Originale (Hillsong, Vineyard, Bethel Music, Rend Collective, …) wirklich hip, die möglichst exakt gecovert und mit Bandbesetzung inszeniert werden. Andere Gemeinden kopieren zwar die Musik, verpflichten sich aber zu deutschen Übersetzungen, die nicht selten unsingbar oder alternativ inhaltlich weit weg vom Original sind. Zudem kursieren von einigen Songs mehrere deutsche Versionen, weil Pioniergemeinden manchmal schneller übersetzen als Standardisierungsprozesse es verbreiten können.
Diese Lieder haben noch keine jahrhundertelange Wirkungsgeschichte, sprechen aber musikalisch in die Jetztzeit hinein. Entsprechend stark ist die emotionale Beziehung, die (junge) Menschen zu den Melodien aufbauen. Ob die Texte dieser Bindung gerecht werden, müsste man im Einzelfall analysieren, was ggf zu wenig geschieht, wenn man sich bewusst macht, dass Lobpreis viele Gottesdienstbesucher stärker prägt als die sauber formulierte Predigt.

Von Musikern und Künstlern schließlich wird Contemporary Worship oft dafür kritisiert, musikalisch zu anspruchslos, zu flach zu schlagerartig-vorhersehbar zu sein. Klar, jeder soll schnell mitsingen können, der Song soll in kleinen Gruppen und im Stadion funktionieren und am besten mit Wandergitarre oder großer Band gut klingen. Aber so wie der Musikmarkt sich ausdifferenziert, brauchen wir auch unterschiedliche moderne Stilrichtungen, um nah dran an den Menschen zu sein. Und wer lange genug sucht, findet das auch: Da gibt es jazzigere Interpretationen, Sambarhythmen, Techno-Worship, Swing- und Punk-Varianten Gott zu loben. Zwischen Filmorchester und HeavyMetal ist jede Stilrichtung auch im „post-modernen geistlichen Liedgut“ vertreten. Nur in den Gottesdiensten trauen sich viele Gemeinden nicht so ganz, mit innovativen Formen zu experimentieren. Zum einen, weil es mit Amateurmusikern nicht so einfach ist, eine wirklich hochwertige Umsetzung zu garaniteren, zum anderen, weil extremere Stilrichtungen stärker binden aber auch stärker abstoßen. Der klassische Klavier-und-Gitarre-mit-Cajon-lastige Lobpreisstil bringt wohl die meisten Generationen zusammen, wenn er auch für viele nur halbwegs passend ist.

Diese Erkenntnis hat mich schon vor einigen Jahren zu einem Vergleich gebracht, warum es gut ist, unterschiedliche Musikstile in christlichen Gottesdiensten zu fördern. Ich habe damals in Hessen gelebt und bin in den 90ern mit einer öffnetlich rechtlichen Radiolandschaft von vier Sendern aufgewachsen:

  • HR1 für gediegene Infos, Sport, niveauvolle aber massentaugliche Musik der letzten 50 Jahre.
  • HR2 für Klassik und niveauvolle Bildung, die wertvoll ist, aber oft eher sperrig wirkt.
  • HR3 als locker flockige moderne Unterhaltung mit viel Chartmusik und nebenbei eingestreuten Infos.
  • HR4 für Schlager- und Heimatfreunde mit harmonischen Wohlfühlklängen aus der „guten alten Zeit“ zur Selbstvergewisserung.

Ähnliche Aufteilungen gab es vermutlich in den meisten Regionen. In diesem Schema sind vermutlich die meisten landeskirchlichen Gottesdienste eher im HR2-Spektrum anzusiedeln, Kirchentagsbewegungen und Gemeindefeste tendieren eher zu HR4, moderne Landeskirchen und klassische Freikirchen eher zu HR1 und die innovativen Jugendbewegungen zu HR3. (Ich will damit niemandem zu nahe treten, jeder möge sich im Zweifel selber einordnen!)
Für die, denen das Spektrum insgesamt zu eng wurde, gab es das Privatradio FFH (die charismatischen Gemeinden?), das Radio der US-Streitkräfte AFN (internationale Missionsgemeinden?) oder das lokale Bürgerradio RUM (Teestubenbewegung?).
Gefühlt mitte der 90er Jahre startete ein weiterer ÖR Jugendsender für die, denen selbst HR3 zu konservativ war. Weitere Privatradios, neue Infokanäle und digitale Streamingdienste, die das Radiohören stark individualisiert haben kamen dazu. Heute lässt man sich meist das persönliche Musikprogramm gespickt mit den Lieblingspodcasts als Infoquelle vone inem Algorithmus zusammenstellen.

Ähnliches erleben wir auch im geistlichen Spektrum. Gerade im städtischen Bereich sucht man seinen Gottesdienst nicht mehr nach Denomination oder theologischen Positionen, sondern nach Uhrzeit und Musikstil aus. Mitunter ist auch ChurchHopping passend, wenn man sich nicht festlegen will und zwischendurch streamt man sich internationale Lobpreismusik auf die Couch. Einige besonders hippe Gemeinden werden mittlerweile nicht mehr um Starprediger, sondern um besondere Lobpreis-Pastoren gebildet. Insgesamt haben wir als Christenheit so die Möglichkeit, viele Menschen da abzuholen, wo sie stehen, haben aber gleichzeitig die Herausforderung, dass wir Menschen den Wert von genreübergreifender Gemeinschaft ganz neu vermitteln müssen. Es geht eben nicht nur darum, die für mich perfekt abgestimmte Musik zu finden, sondern darum, sich darauf einzulassen, am Fremden zu wachsen und die horizonterweiternde Begegnung über die reine Selbstverwirklichung zu stellen.

An der Stelle versagen viele Landeskirchen im Übersetzungsprozess, die beim Stadtfest den Posaunenkreis antreten lassen genauso wie Freikirchen, die das Worshipteam unmoderiert auf die Marktplatzbühne schicken.
Gute Ansätze sind christliche Musiker, die technisch so gut sind, dass sie im Jazzkeller jammen, beim Sommerfest Charthits covern und zwischendurch selbstgeschriebene Songs mit tiefgängigem aber anschlussfähigem Text darbieten. So kann Kirche mit hoher zeitgemäßer Kultur überzeugen und zum Gottesdienst einladen, wo solche Musiker aus geistlichen Liedern aller Zeiten individuell passende Kunstwerke zur Ehre Gottes machen. Da darf die Orgel, das Schlagzeug und der Synthesizer gemeinsam mit Klavier und E-Gitarre oder Bongo und Querflöte erklingen und das Xylophon mit der Melodika und dem Akkordeon zwischen den Radiosendern und den individuellen Erfahrungswelten der Gemeindeglieder switchen. Wenn das gut gemacht, kreativ-liebevoll und mit geistlichem Blick einen Gottesdienst rahmt, wird er vielleicht einen ähnlichen Effekt haben, den Bachs Choräle und Luthers Tavernenlieder in ihrer Zeit hatten.

BTW, um nochmal auf Flügge einzugehen: Ich glaube, es braucht dann gar keine Liederbücher mehr, sondern digital vernetzte Liederdatenbanken und juristisch sowie pragmatisch geregelte flexible Anzeigemöglichkeiten. Egal ob das Monitore, Leinwände, Tablets oder Liedzettel sind.