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#DigitaleKirche bei Dynamissio

Gerade versammeln sich über 2300 Menschen in Berlin, um über zukunftsträchtige Inhalte und Formen kirchlicher Arbeit nachzudenken. Im Plenum geht es um die großen Stränge Evangelium – Gemeinde – Welt – Sendung. Ein Forum bindet letztlich alle diese Bereiche zusammen und befasst sich mit dem Thema „Digitale Kirche in der Digitalen Gesellschaft?! Wie kann gelebter Glaube im Internetzeitalter aussehen?“ (FPK10)

Aus technischen Gründen war der Livestream leider nur ruckelnd zu sehen, daher verlinken wir sobald möglich eine Aufnahme hier!
YouTube-LivestreamSocialMedia-Wall

Vielen Dank an die Organisatoren von #dynamissio, dass sie dem Thema Raum geben, an die Referenten @rolfkrueger, @dilinea, @Gofimueller und @roofjoke, dass sie sich Zeit nehmen und an alle, die mit uns weiterdenken wollen.
Ohne es exakt geplant zu haben, existieren seit heute eine Facebookseite, Gruppe, Twitterkanal und eine Domain. Wir haben einiges unter dem Hashtag gepostet. Ohne unnötige Parallelstrukturen zu bestehenden Netzwerken aufbauen zu wollen, frage ich mich jetzt, wohin das führen kann. Mal schaun, erstmal nehme ich wahr, dass da etwas ist. Vielleicht wird was draus, vielleicht löschen wir die Seiten auch wieder. Hast du dazu eine Meinung, dann sag sie uns! #DigitaleKirche

On the Internet nobody knows, you’re a god!?

Wie verhalten sich Menschen online? Stärkt die intensive Hand-Auge-Koordination das Denken und Verstehen komplexer Zusammenhänge oder vertrödeln wir vor stumpfen Klick-Spielen unsere Zeit, weil wir in Selbstzweifel getrieben werden und nach Bestätigung hungern? Ursprünglich erschienen im Herbst 2016 in einem Beitrag für den theologischen Sammelband „Vielfältige Vernetzung“ zum Thema der KMU V und der daraus resultierenden Folgen. Hier ein zweiter Ausschnitt daraus fürs Web leicht umformuliert (dennoch etwas länger)…


Im Original heißt der Satz „On the Internet, nobody knows you’re a dog” (Im Internet weiß niemand, dass du eigentlich ein Hund bist.) und stammt aus einem Cartoon von Peter Steiner.In der frühen Phase des Internets sollte er ausdrücken, dass man seine Identität online bewusst verfälschend darstellen kann. Mittlerweile ist diese Sichtweise relativiert worden. Die meisten Menschen haben erkannt, dass auch in der Kohlenstoffwelt Kleider Leute machen und dass man sich sehr wohl dem Anlass entsprechend sehr einseitig präsentiert oder sogar falsche Fakten vorspielen kann. In sozialen Netzwerken des Internets besteht ebenso die von vielen Leuten genutzte Möglichkeit, sich selbst ein wenig aufzupolieren oder nur bestimmte Fakten zu nennen und traurige bzw. langweilige Bereiche auszublenden. Wenn man hingegen online mit den Schattenseiten des eigenen Daseins konfrontiert wird, bricht das Kartenhaus leicht zusammen, man geht im Shitstorm unter oder verliert das Selbstwertgefühl, das nötig ist, um sich selber dauerhaft als Marke online zu präsentieren. Allerdings scheinen gerade junge Menschen auf Instagram und Snapchat immer stärker einer Sucht nach Perfektion und Selbstoptimierung zu verfallen und durch die schöpferischen Möglichkeiten der virtuellen Welten wie SecondLife, The Sims oder Minecraft gewisse Allmachtsphantasien zu entwickeln.

DOG:MA I AM:GODDOGMA – I AM GOD. Spielerischer Spiegeleffekt, gefunden bei der Internetkonferenz re:publica 2016 in Berlin.

Das Dogma dieser Generation ist: „Ich bin Gott!“ Alles ist mir möglich, alles sollte erlaubt sein, und wer eine Nutzung einschränkt vergeht sich an meiner künstlerischen Freiheit.

Jeder will für sich herrschen und schöpfen. Das eigene Profil, der eigene YouTube-Kanal und die eigene Minecraft-Map zeigen, was ICH alles kann. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche kooperative Onlinespiele, bei denen man eben nicht als Einzelspieler, sondern in Gruppen (Clan, Gilde, Team, …) zum Erfolg kommt. Ebenso funktionieren viele Arbeitsprozesse der Arbeit4.0 nur partizipativ. Man ist Teil eines Kollektivs, bringt einen Teil ein und sieht das Gesamtwerk wachsen. Und im schlimmsten Falle wird man sogar Opfer des Systems, wenn man nicht richtig funktioniert, nicht die richtige Leistung bringt oder krankheitsbedingt ausfällt und ohne jegliche Emotion durch eine andere Arbeitskraft ersetzt wird.

Das digitale Ich ist also im Netz zunächst virtuell präsent: als autarker Schöpfer, als wichtiger Teamplayer, als austauschbares Rad im Getriebe. Im Internet fängt man als kleines Rad an. Niemand weiß, dass man eigentlich das Potential eines Schöpfers hat, man muss sich beweisen. Durch Eigenleistung kann man sich einen Status erarbeiten, durch Partnerschaften und Allianzen kann man an Bedeutung gewinnen und durch hohes Engagement im richtigen Team letztlich – wenn alles gut geht – die kreative Leistung erbringen, zu der man im Stande ist.

Das christliche Menschenbild baut darauf auf, dass der Mensch als Abbild Gottes tatsächlich mit schöpferischer Kraft ausgestattet ist (Vgl. Genesis 2). Er ist nur wenig geringer als die Wesen in Gottes Realität (Vgl. Psalm 8,6) geschaffen. Wir sind seine geliebten Kinder, durch die er in der Welt wirken will, die ihn nicht kennt. (Vgl. 1.Joh. 3,1) Abseits von egozentrischen Gottphantasien kann also ein christlicher Ansatz den Menschen befähigen, digitale Vernetzung zu nutzen, um sein Potential anzuwenden, und die Welt – online wie offline – zu einem göttlicheren Ort zu machen. Menschen können ein wenig Gott an die Stellen bringen, die sonst von selbstsüchtigem Machtstreben geprägt sind, indem sie die Liebe leben, von denen das Evangelium redet. Menschen können als Vernetzte aktive Nächstenliebe statt Selfisucht leben, flauschen statt shitstormen, andere unterstützen statt sich abzugrenzen, und verstehen statt zu lästern. Das ist nicht immer einfach, oft bedeutet es harte Arbeit. Aber die Kirche wird dann als geistliche Gemeinschaft ernst genommen, wenn ihre Mitglieder von der Masse unterscheidbar leben. Wenn Christenmenschen gegen den Trend soziale Netzwerke wirklich „sozial“ (= dem Gemeinwohl dienend) nutzen, ermöglicht das gleichzeitig ein Wachsen über den Tellerrand hinaus. Und letztlich offenbart jedes Onlineprofil viel vom tatsächlichen Charakter. Wie man sich online gebärdet zeigt, wer sich hinter der physischen Fassade verbirgt. Und wie eine Kirche sich in digitalen Welten einbringt, zeigt wie stark sie von Gottes Botschaft durchdrungen ist.

Im Internet weiß niemand, dass ich ein Gott bin. Im Internet haben Kirchen auch keinen moralischen Vorsprung. Eher werden sie als moralisierende, altmodische Machtinstitutionen gesehen und anhand ihrer aktuellen Skandale – Missbrauch, Protzerei, Spaltungen und Lieblosigkeit – bewertet. Wie wäre es, wenn immer mehr Menschen, Werke und Vertreter der Institutionen ein positives Gegenbild vermitteln würden? Ein Vernetzen im Namen der Liebe, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit? Dann würde man nicht nur mit Menschen aus der eigenen Konfession Allianzen bilden, nicht nur binnenkirchliche Vernetzung hochhalten, sondern mit allen Menschen guten Willens gemeinsam daran arbeiten, die Onlinewelt zu einem Ort zu machen, an dem Gottes Liebe spürbar ist. Und die Menschen vor den Bildschirmen könnten online erfahren, wie Gottes Liebe aussehen kann und das in ihren physischen Netzwerken weitergeben. So könnte digitale Vernetzung kirchliche Gemeinschaft in allen Dimensionen stärken.

Online oder Offline? Wie wollen wir leben?

Neulich war ich 10 Tage im Urlaub. Da stellt sich natürlich die Frage, ob und wie man unterwegs ins Internet kommt. Gibt es eine Auslands-Flat vom Handy-Provider? Will man auch für den Laptop ein Paket erwerben oder reicht es, ab und zu freie W-LANs zu finden (und wie sicher sind die dann)?
wifi Ich hab die Zeit genutzt, um meine Online-Kommunikation einfach mal auf ein Minimum zu reduzieren. Mails nur überfliegen und Debatten auf Facebook, Twitter, und derBlogosphäre einfach mal laufen lassen. Eine Woche tatsächlich abschalten. Dafür konnte ich die Sonne genießen, Zeit mit den Menschen vor Ort verbringen, reden, zuhören, genießen, lesen, schlafen, sein.

Wir sind vermutlich die einzige Generation der Weltgeschichte, die wählen kann, ob sie online oder offline ist. Noch vor 30 Jahren war ein normaler Mensch permanent offline, ohne sich daran zu stören. Ab und zu konnte man einen Brief schreiben oder telefonieren. Ansonsten hatte man Kontakte nur, wenn man sich traf.
Der Trend zum mobilen Web, Tracking und ständiger Vernetzung (egal, ob man das positiv oder negativ bewertet) lässt vermuten, dass in 30 Jahren kaum ein Mensch ohne digital vernetztes Device existieren wird. Ob es dann ein tragbares Telefon , eine Multimedia-Armbanduhr oder ein verpflichtend implantierter Chip im Kopf sein wird hängt von der prognostizierten Zukunftssituation ab (die wir natürlich durch unser Verhalten heute  entscheidend mit beeinflussen!). Aber wir werden vernetzt sein mit der Welt. Wikipedia und Google sind schon jetzt ständige Begleiter, private und öffentliche Kommunikation via Messenger, Forum oder Network sind die Post-Its der jungen Generation und Tools wie GoogleMaps, Chefkoch.de, Kamera und mobiler Büroarbeitsplatz nötig, um den Alltag zu gestalten.

Das Abschalten (Wer erinnert sich noch an Peter Lustig?) wird immer seltener, weil man dann ja nicht mehr ereichbar ist und keinen Zugriff mehr hat. Dafür opfern wir mitunter Freizeit, Erholung, Stille und im Sinne der Datenschutzdebatte ggf. sogar Freiheit und Privatheit. Also sollten wir uns fragen: Wie wollen wir in Zukunft leben?

In meinem Artikel „virtuelle Heimat“ in  Zeitgeist2 habe ich dargestellt, dass das traditionelle Heimatgefühl in unserer Zeit oft verloren geht und wir uns alternative soziale Rahmen aufbauen, um diesen Schutzraum digital nachzuempfinden. So können wir die virtuelle Vernetzung positiv nutzen, um die Veränderungen der globalisierten Gesellschaft aufzufangen. Ein spannendes Beispiel, wie dadurch sogar physische Gemeinschaft gestärkt werden kann ist die „Social Street“ mit vielen Nachahmern in Italien und der Schweiz.

Und Gott? Die geistliche Komponente eines ganzheitlichen Lebens ist ja weder nur physisch, noch rein virtuell, sondern primär spirituell erfahrbar. Und damit bietet Religion ein immer erreichbares Netzwerk, das die beiden anderen Realitätsebenen umfasst und übersteigt. Gottesdienst können wir in einer Kirche feiern, aber Gebet endet nicht, wenn wir allein auf der einsamen Insel sitzen. Online-Portale helfen uns Gottes Wort zu verstehen, aber auch im Wald ist sein Reden wahrnehmbar.

Wir können uns also daran erinnern, ab und zu mal abzuschalten, um zur Ruhe zu kommen. Wir können in den Online-Phasen bewusst gestalten, wie viel Zeit wir mit nahen und entfernten Menschen verbringen. Und wir können uns geistlich auf Gott einlassen, egal in welcher Phase wir uns gerade befinden.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Psalm 139,5)

Gott befasst sich mit uns. Er ist erreichbar. Im Urlaub und im Alltag. Wie das praktisch aussehen kann, darüber rede ich gerne in Schulungen und Seminaren. Und die Erfahrungen mache ich gerne in ganz unterschiedlichen Gottesdiensten. Meist offline, aber prinzipiell auch online. Jesus hat soziale Netzwerke gegründet und ganzheitliche Gemeinschaft gelebt (dazu ein andermal mehr). Das sollten wir auch tun, wenn unser ganzes Leben Gottesdienst sein will. Online und offline – crossmedial.