Archiv der Kategorie: Theologie

…wissenschaftlich von Gott reden

Führen und Folgen

„Beim Tanzen führt der Mann, egal, wie das sonst bei euch zu Hause ausschaut!“

Das erzähle ich bei meinen Tanz-Freizeiten immer.
Denn wenn der Mann bei Walzer und ChaChaCha die Kontrolle hat, kann die Frau sich ganz darauf einlassen, sich zu präsentieren, schön zu drehen und (im vorgegebenen Rahmen) ausgelassen die Musik zu interpretieren.

Langsamer Walzer, Bild von commons.wikimedia.org

Die Frau muss dafür lernen, Kontrolle abzugeben, die Führung des Partners zu „lesen“ und sich einem anderen Menschen anzuvertrauen. Auch, wenn sie meint, besser zu wissen, was grad dran wäre oder der Mann nicht so taktsicher ist. Der Mann hat allerdings auch eine schwierige Aufgabe. Er muss seine eigenen Füße koordinieren und gleichzeitig immer etwas vorausdenken. Er hört auf die Musik, überblickt die Raumposition und interpretiert mit den gemeinsamen Figuren das Lied. Er sorgt im Optimalfall dafür, dass das Paar seine Stärken umsetzen kann und die Schwächen elegant überspielt werden. Und er sorgt (wenn alles klappt) dafür, dass die Frau eine gute Figur macht.
Nicht mit eiserner Hand, sondern mit zärtlichen Impulsen, die die Frau in die Lage versetzen, selber ihre Schritte so zu setzen, wie es in der Situation passt. Da gehören dann auch Solo-Teile und Improvisationen dazu, in der die Führung zur Freiheit führt. Und dennoch behält der Mann das Gesamtbild im Auge und leitet so durch das ganze Lied.

Lindy Hop, Bild von commons.wikimedia.org

Gerade war ich bei einem Trainingslager, bei dem ich Lindy Hop tanzen gelernt habe. Auch bei diesem entspannt-lockeren Swing-Tanz der 30er-Jahre wird geführt. Allerdings nicht unbedingt immer vom Mann. Ähnlich wie im argentinischen Tango redet man vom „Leader“ und „Follower“, also die führende und die folgende Person. So hatte ich die Gelegenheit, mich führen zu lassen. Und ich hab gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, die eigene Planung auszuschalten und sich darauf einzulassen, was der andere macht. In dem Fall war es der Tanzlehrer, der wirklich gut führen konnte und das Lied deutlich besser interpretieren konnte als ich Lindy-Hop-Anfänger. So hab ich mich darauf eingelassen und festgestellt, dass es funktioniert. Ich hab nicht nur für meine eigenen Führungspositionen gelernt, wie ich die passenden Impulse für Drehungen, Platzwechsel und Akrobatiken setze, sondern die Erfahrung gemacht, dass Vertrauen in einen „Leader“ durchaus entspannend sein kann.

Als Theologe kenne ich das Konzept. Gott ist der perfekte Tanzpartner. Er führt uns, ist dabei perfekt taktsicher und überblickt das Lied so gut, dass er uns optimal anleiten kann. Er gönnt uns auch Soloteile und liebt es, unsere Improvisation in seinen Tanzstil einzubauen. Er freut sich, an unserer Freiheit und lässt uns doch nie aus seiner Hand fallen. So können wir wilde Tanzakrobatiken und romantische Kuschelschritte mit ihm wagen und wissen uns gut aufgehoben.

„Michelangelo - Creation of Adam“ von Michelangelo - See below.. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Michelangelo_-_Creation_of_Adam.jpg#mediaviewer/File:Michelangelo_-_Creation_of_Adam.jpg
Gottes Führung (Ausschnitt aus Michelangelo: Creation of Adam)

Für eine Frau ist Gott in der Hinsicht sicherlich der Traum-Partner, dem sie gut folgen kann. Und für einen Mann ist es die Gelegenheit, auch mal die Fürungsrolle abgeben zu dürfen und sich vertrauensvoll zurückzulehnen.

Ich kann jedem nur empfehlen, sich darauf einzulassen. Vor allem im geistlichen Leben. Versuch da zu führen, wo du dich auskennst und überlasse die Führung einem starken „Leader“, wo du nicht alles überblicken kannst. Du verlierst keine Freiheit, sondern gewinnst Sicherheit in der du weiterhin deinen eigenen Stil einbringen kannst.
Und: Tanz mal wieder, das ist immer ein guter Rat 🙂

Iconic Church

Seit den 90er Jahren reden Geisteswissenschaftler aller Fachbereiche vermehrt vom Iconic Turn. Sie meinen damit, dass Icons/Grafiken immer stärker unsere Wahrnehmung prägen. Wo vorher Texte die Welt erklärt haben, treten jetzt Bilder ins Zentrum. Egal ob es um die Bedienung von ComputeScripture Iconrn und Smartphones geht, um Symbole auf Schildern oder um Internetseiten. Dass Fotos als Blickfang wirken, ist schon lange bekannt. Mittlerweile wird das Bild aber durch Netzwerke wie instagram immer öfter zum Hauptbestandteil der Nachricht.

Gerade habe ich einen Text darüber für die EKD-Synode im November geschrieben. Das inspiriert mich, auch hier nochmal weiterzudenken.

Die intensive Bildkommunikation beeinflusst auch, was Menschen erwarten, wenn sie Vorträge oder Shows sehen. Die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, immer öfter muss man gerade junge Zuhörer „aufwecken“ oder medial „bei der Stange halten“. Und selbst im Gottesdienst ist ein adequater Medieneinsatz unerlässlich. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Medien auch schnell zu viel Aufmerksamkeit bekommen und vom eigentlichen Inhalt ablenken können. Wenn eine Theaterszene oder ein Filmausschnitt die Predigt vorbereitet, können die Worte tiefer wirken. Wenn sich am Ende aber niemand an den Predigttext erinnert, sondern der mediale Effekt memoriert wird, ging der Schuss nach hinten los.

Was macht das mit dem Evangelium? Ich wage mal zu behaupten, dass Predigten, die diesen Paradigmenwechsel ernst nehmen, näher dran sind an den Gleichnisreden Jesu. Nicht mehr so verkopft, wie die Wort-Theologie der Reformationskirchen, sondern einfach und lebensnah. Kurze Redeblöcke mit leicht zu merkenden Kernsätzen. So konnten schon vor 2000 Jahren Menschen das „Reich Gottes“ in Geschichten aus ihrer Erfahrungswelt lebendig erfahren.

Vielleicht sind passende Bilder heute nicht mehr aus der Landwirtschaft und dem Hausbau, sondern aus dem Sport, der Disko, dem Internet. Das Thema bleibt sicherlich Gottes Liebe und Gnade. Aber womit man sie vergleicht, darf sich nach der Zielgruppe richten. Auch ob man Bilder auf Papier malt, virtuell in Köpfen entstehen lässt oder digitale Medien nutzt, kann variieren. Wer alle Methoden beherrscht, kann sich je nach Szenario das passende Medium aussuchen. Die Wende hin zu Bildern heißt ja nicht, dass die Schrift oder Sprache völlig untergeht. Was bleiben wird ist ein Medienmix. Da, wo man mit Worten etwas exakter ausdrücken kann, werden sie weiter genutzt werden. Da wo Bilder Emotionen verdeutlichen können, macht es Sinn, diese einzusetzen. Und eine Mischung aus Grafiken und Texten mit alltagsrelevanten Beispielen wird meist den besten Effekt erziehlen. Egal ob von der Kanzel gesprochen, auf Facebook gepostet oder als Video bei YouTube.