#Vikarsten am Erfurter Gutenberg Gymnasium

Crashkurs: Lehrer werden, um Pfarrer zu sein.

Ich habe mein RPV abgeschlossen. Das „Religionspädagogische Vikariat“. So nennt man das halbe Jahr innerhalb des Vikariats (praktische Ausbildung zum Pfarrer nach dem Theologiestudium) in dem man didaktisch, pädagogisch und konzeptionell fit gemacht wird, um auch als Religionslehrer:in arbeiten zu können. Das RPV endet mit der Vokation, also der Lehrbefähigung der Landeskirche, in ihrem Namen Religionsunterricht erteilen zu dürfen. Und dafür lernt man im Schnellverfahren in etwa das, was staatlich ausgebildete Lehrer:innen auch lernen: Kompetenzorientierten Unterricht

Neben dienstrechtlichen Fragen und der Rolle des Lehrkörpers standen also methodische und didaktische Grundlagen auf dem Plan. Unterricht soll nicht primär Wissen eintrichtern, sondern den Schülerinnen und Schülern (SuS) Kernkompetenzen vermitteln. Natürlich passiert das anhand von im Lernplan festgeschriebenen Themen und Inhalten (wie Bibel, Kirchenraum, interreligiöser Dialog, Identität und Kirchenjahr), aber nicht mit dem Ziel, dass man hinterher etwas auswändig gelernt hat, sondern dass man etwas selbst erarbeitet und verstanden hat, um es dann in vergleichbaren „Anforderungssituationen“ einsetzen zu können. Dass das nicht immer einfach ist, gerade wenn auch noch Noten vergeben werden sollen, liegt auf der Hand; und dass man in 6 Monaten kein komplettes Lehramtsstudium kompensieren kann auch. Aber die Grunddenke habe ich durchaus verstanden.

Ich habe gelernt, die Lerngruppe entwicklungspsychologisch einzuordnen, Aufgaben zu differenzieren und verschiedene Zugangswege anzubieten, um unterschiedliche Stärken und Schwächen anzusprechen und möglichst alle auf einen Lernweg mitzunehmen. Dafür müssen Inhalte elementarisiert werden. Es kommt nicht darauf an, die reine Wahrheit für alle zu definieren, sondern individuelle Lernerfolge zu ermöglichen und Benachteiligte zu stärken. Denn Elitenförderung vergrößert (bei aller Sympatie, die ich dafür habe, sich vorrangig mit den Willigen und besonders Fähigen zu beschäftigen) soziale Unterschiede und verstärkt auf Dauer gesellschaftliches Konfliktpotential. Kinder und Jugendliche so gut wie möglich zu eigenständig denkenden kritischen und optimistischen Wesen zu erziehen und ihre eigene Lern-Motivation zu wecken, ist also am Ende Gewaltprävention, Inklusion und gelebte Chancengleichheit. Und gleichzeitig beinhaltet das natürlich auch, Stärken zu stärken und niemanden zu unterfordern. Auch wenn es also dreifache Arbeit bedeutet, Materialien auf verschiedenen Leveln auszuarbeiten, zeigt der Lernerfolg, dass es sich lohnt.

Und wenn zwischen den Lehrplaninhalten noch Zeit zum Philosophieren, Theologisieren und für persönliche Vertiefung bleibt, freut sich natürlich das Vikarsherz und der Unterricht bekommt eine individuelle Note, was vermutlich bei SuS am meisten im Gedächtnis bleibt.
Aus meiner Sicht war das zum Beispiel eine Weihnachtskrippe zu AT-Prophezeiungen als Magnet-Tafelbild, eine Einheit Erkenntnistheorie über Platon, Aristoteles, Paulus und die Matrix, ein KI-Musikprojekt zur Christologie in Weihnachtsliedern und ein VR-Projekt zur Frage nach Schöpfung und Schöpfungsverantwortung. So konnte ich in kurzer Zeit SuS von der fünften bis zur zwölften Klasse begleiten und hoffe zumindest, dass durch Knet-Gottesbilder, selbstgeschriebene Geschichten und Standbilder ein paar Fetzen hängen geblieben sind. Vielleicht neben dem kritischen Blick auf SocialMedia und KI-Inhalte zumindest die offen-interessierte Art, sich immer wieder neuen Themen und Methoden zu öffnen oder der Kernsatz, dass am Ende Liebe das Wichtigste im Leben ist.

Bei mir ist auf jeden Fall eine Menge hängengeblieben, auch wenn ich bereits seit 20 Jahren in verschiedenen Formaten lehrend tätig bin. Ich habe gelernt, Inhalte stärker auf die Zielgruppe herunterzubrechen, zahlreiche neue Methoden kennengelernt und verschiedene Lehrstile verglichen. Von deutlichen Aufträgen mit klaren Operatoren über persönliche Angebote mit der Erlaubnis zu scheitern bis hin zum medialen Spektrum zwischen Analog- Hybrid- und KI-unterstütztem Unterricht. Ich konnte in Fremdfächern hospitieren, mit Klassenleitungen und Fachlehrern über deren Herausforderungen reden, habe andere Vikare hospitiert und selber mehrere Unterrichtsbesuche gehabt, die mich reflektiert haben.

Und wie so oft habe ich gelernt, dass „etwas zum ersten Mal machen“ 5-10x so lange dauern kann, als es später als Routineaufgabe zu erledigen. Und dennoch ist es wichtig, diese Zeit zu investieren und nicht schnell drüberwegzugehen. Denn nur wenn man Vorbereitungsschritte wirklich reflektiert und durchdrungen hat, kann man sie später schneller und reflektiert umsetzen und wird nicht oberflächlich sobald derAlltag effektiv werden muss.

Ich bin ins Vikariat gestartet, um Pfarrer zu werden. Dafür musste ich erstmal Lehrer werden. Jetzt, wo ich fertig damit bin, Lehrer zu werden, höre ich auf damit und werde wieder Pfarrer. Aber ganz viel, was ich gelernt habe, wird mir auch da weiterhelfen. Und wenn ich im Herbst 2027 dann fertig bin mit dem Pfarrer werden, könnte ich (zumindest teilweise) wieder Lehrer werden. Das finde ich eine positive Perspektive …


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