Bereits im Studium habe ich mehrere Referate über die drei ersten Matrix-Filme gehalten und war fasziniert von der philosophischen, theologischen und kapitalistischen Tiefe dieser Filmreihe. Jetzt hatte ich die Möglichkeit, in einer Schuleinheit mit aktuellen Schülern der Jahrgangstufe 10 über diesen „Oldie“ (von 1999) zu sprechen und habe einmal mehr erlebt, wie man anhand dieses Films über Themen wie Erkenntnis, Liebe, Menschlichkeit und Ethik reden kann.
- Die Befreiung. Thomas A. Anderson (der Zweifler, der Menschensohn) trifft zum ersten Mal auf Morpheus (gr. Traumgott), erfährt, dass seine Welt nur eine Simulation ist und muss sich entscheiden, ob er weiter schlafen oder aufwachen will. Durch die sprichwörtlich gewordene „rote Pille“ erwacht er in der wahren Wirklichkeit, die alles andere als angenehm ist. Düstere Farben, starke Akzentsetzung in grünstichig, blau, rot kontrastiert mit knallweißen Simulationen nehmen immersiv gefangen während Thomas aka Neo erfährt, dass sein Verstand sein Leben lang gefangen war. Trinity (Dreieinigkeit) begleitet ihn bei seiner Befreiung Cypher scheint ein Gegenspieler zu sein. Es gibt haufenweise biblische Anspielungen (Zion, Nebukadnezar, Apoc, Erlöser, …), aber auch haufenweise Actionszenen, MartialArts und damals revolutionäre Filmtechnik („Bullet Time“), die auch heute noch gut anschaubar ist. Der unerschütterliche Glaube von Kapitän Morpheus, dass er den Auserwhlten finden wird, treibt den Film an.
- Wenn die Realität gar nicht so schön ist, würde man dann wieder zurück in die Scheinwelt wollen? Ist Vergessen möglich, wenn man einmal die Wahrheit erkannt hat? Und zu welchem Preis würdest du deinen Meister verraten? Die Matrix dient als moderne Inszenierung von Platons Höhlengleichnis. Unter den befreiten Menschen gibt es die alte Prophezeiung, dass ein Auserwählter kommen wird, der alle Ungerechtigkeit und Leid beenden wird. Neo erfährt, dass er das Potential hat, es aber (noch) nicht ist. So schwankt er zwischen Zweifel, Hoffnung und Selbsterkenntnis. Verrat, Sündenfall, Messiashoffnung treffen auf Sokrates, Platon, Buddhismus und griechische Orakelsprüche.
- Aristoteles kontrastiert Platons Ideenwelt mit einer Erfahrungsfixierung. Real ist, was wir sensorisch wahrnehmen können. Aber was, wenn wir unseren Sinnen nicht mehr trauen können? Was wenn alles theoretisch mögliche nicht fruchtet und eine Situation ausweglos scheint? Wir Neos Flucht vor einem Agenten, der ihn als System-Anomalie auslöschen will. Dann braucht man einen nichtrationalen Zugang zur Realität. Der erste Schritt war: Lauf weg! Der zweite: Weich aus! Und im finalen Schritt der Selbsterkenntnis kann Neo über Zeit und Raum hinaus wachsen und Naturgesetze innerhalb der Matrix brechen. Vorher musste er aber sterben (hingerichtet werden) und durch Liebe (von Trinity = Dreieinigkeit), die aus Thomas (dem Zweifler) den Auserwählten (Neo) macht, auferstehen. Der Messias hat sich für alle Menschen geopfert und fliegt am Ende in Superman-Pose gen Himmel.
Das ganze ist ein kapitalistischer Actionfilm, der mit diesen drei Beispielen nebenbei fast schon zu offensichtlich Paulus zitiert: „Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, die Liebe aber ist die Größte.“ (1. Kor 13,12f)
Morpheus‘ Glaube, Neos Hoffnung und Trinitys Liebe bringen Befreiung für die ganze Menschheit. Mit haufenweise Waffengewalt, Martial Arts und gerade in den Filmen 2-4 mit philosophischem Brainfuck, den zu recht die meisten Zuschauer beim ersten Mal nicht verstehen werden. Aber wenn man sich auf einen Deepdive einlässt, sehen wir die Inkarnation quasi-göttlicher Wesen in „unsere Welt“, den Kampf zwischen rettenden und zerstörerischen Kräften und einen neugeborenen Messias, der innerhalb des Films vom hilflosen Baby zum Retter der Menschheit wird. Viel mehr Weihnachtsfilm (inklusive Ostern und Himmelfahrt) geht kaum.
