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Medientheologischer Rückblick auf die #rpTEN

Vom 2.-4. Mai 2016 fand in Berlin zum zehnten Mal die Internetkonferenz „re:publica“ statt. Was als Blogger-Family angefangen hat, ist inzwischen Mainstream geworden. So tummeln sich neben 8000 Teilnehmenden (davon über 800 Vortragende) auch zahlreiche Werbepartner und Sponsoren auf dem Gelände, die Werbung für Produkte machen (Google, Microsoft, Snapchat), die die Digitale Generation der ersten Stunde noch scharf kritisiert hatte. Zu vielen Themen gibt es also PRO und CONTRA, allerdings wenigen offenen Diskurs, eher das breite Spektrum aus dem sich jeder raussuchen kann, welche Meinung man hören will…

Ich bin als SocialMedia-Koordinator der EKM von Berufswegen sehr interessiert, in welche Richtung sich die digitale Gesellschaft entwickelt und welche Rolle Kirchen und engagierte Christen für eine lebenswerte digitalen Zukunft spielen können.
Nachdem dieses Thema in den letzten Jahren gerade auf Seiten der Veranstalter und Redner eher kritische Distanz oder sogar Ablehnung zu spüren bekam, hatte ich dieses Jahr das Gefühl, dass die Offenheit, gemeinsam etwas Gutes zu bauen, größer wird.

So hat Markus Beckedahl in seinem Vortrag offen dazu aufgerufen, auch mitweet1t Partnern aus Politik und Kirche positive Allianzen zu gründen.
Auf der re:publica treffen sich immer auch einige Kirchenmenschen. Dieses Jahr hatte Brot für die Welt ein Treffen für WebWorker aus Kirchen und Diakonie angeboten. Allerdings abseits des Geländes und außerhalb des Tagungsprogramms. Dort bei #wework16 waren wir uns einig, dass wir einiges für die Zukunft der Gesellschaft beizutragen haben und es garnciht immer um die richtigen Logos und Gesichter gehen muss, sondern Menschen aus religiösen Motiven heraus für ein friees und gleichberechtigtes Miteinander eintreten wollen.Ein Kollege hat dann am letzten Tag der re:publica berichtet, dass er bei einem GetTogether für Veranstaltungstechniker für seine modernen Gottesdienstformen lernen wollte und am Ende 20min lang anderen Veranstaltungstechnikern über seine Erfahrungen in der Gottesdienstorganisation erzählt hat. Auch so kann man zum „Redner“ werden indem man offen ist, den Menschen zuzuhören 🙂

tweet2Ein besonderer Schwerpunkt war dieses Jahr Virtuelle Realität und virtuelle Welten. So kann man durch Plastikbrillen komplett in digitale Welten abtauchen und in „augmentierten Simulationen“ gegen Gegner kämpfen, die eigentlich garnicht da sind.

Eve Massacre betont, dass es wichtig ist, VR-Kunst als freien Handlungsraum (auch) aus Arthouse-Werkstätten ernstzunehmen und nicht nur die perfekte Simulation der Mainstreamanbieter zu feiern.

Björn Lengers zeigt auf, dass Theater immer schon immersiv war und jetzt auch neue Technik interaktiv nutzen kann.

tweet3Andere Projekte zeigen auf, wie man ein gemeinsames Abendessen kommunikativer oder zumindest vernetzter gestalten kann. Die echte Interaktion auch mit Menschen von anderen Orten scheint allerdings immer noch schwer umsetzbar zu sein, so bleibt der Beigeschmack, dass ein physisches Mahl vielleicht einfacher und erfüllender gewesen wäre…

Ich bin jetzt getriggert, zu experimentieren, was da im kirchlichen Bereich machbar ist. Vielleicht ein Projekt zum #KadW? Besondere Live-Berichterstattung oder Veranstaltungsdokumentation. Wie kann spezifisch geistlicher Inhalt vom Rundumblick, dem „Mittendrin-Gefühl“ oder der interaktiven virtuellen Welt profitieren? Können wir Gottes Perspektive oder seine immaterielle Anwesenheit mit solchen Methoden besser erklären? Oder ist es nur technische Spielerei? Wer Ideen hat: Lasst es mich wissen!

tweet4In einer Session erzählte Dong-Seon Chang über die Realität von virtuellen Welten (Thema meiner Diss) und zitierte dabei noch eine Grafik zur Bibelstelle aus Matthäus 4,19.

So kommt Religion also zumindest am Rande einiger Vorträge vor udn ich frage mich, ob das nur mir dieses Jahr so deutlich aufgefallen ist…

Religionskritisch äußerte sich der atheistische Blogger Md Mtweet5ahmudul Haque Munshi (scheinbar nicht online), der in Bangladesh für seine freiheitlichen Texte verfolgt wurde und nach Deutschland fliehen musste. Gerade gegenüber andauernder religiöser Unterdrückung ist die freiheitliche Grundlage des Protestantismus als Stimme des Friedens in der Welt eine wichtige Stellung, die wir öfters und lauter beziehen sollten. Ich hätte ja mal Lust zu einer Session über Religionsfreiheit oder digitale Aspekte religiöser Gemeinschaften in Deutschland. Leider sind viele Gemeinden immer noch zu wenig (ersthaft) online vernetzt, sodass die beiden Welten sich nur selten berühren.

tweet6Die Frage nach Gleichberechtigung wurde von Andres Guadamuz erweitert auf die Ebene der Roboterkunst. Nur in Großbritannien gibt es gesetzliche Grundlagen, um einer KI Rechte an geschaffener Kunst zugestehen. Welche Rechte haben Roboter, Maschinen oder Computerprogramme, wenn Sie Kunst hervorbringen, die vom Inspirationsfaktor her von menschlicher Kunst nicht zu unterscheiden ist? Weitergedacht wäre es die alte SciFi-Frage: Was ist der Mensch? Wie lange ist er Krone der Schöpfung? Wie verhalten wir uns gegenüber (potentiell) intelligenten Geräten in SmartHouses und SmartCities…?
Kate Crawford hingegen nimmt uns die Angst. Es dauert noch mindestens 20 Jahre bis wir ernsthafte KI bauen können und auch dann wird ein gesellshaftliches System entscheiden, was gut und was böse ist. Heute wird die Entwicklung einer KI stark durch die Ethik der CEOs beeinflusst. Wie wir soziale Standards einer menschlichen Welt gegen die Maschinenlogik durchsetzen wollen, wenn der Algorithmus sagt, dass wir Terroristen oder anderweitig geartete Zielpersonen sind, sagt sie allerdings nicht.

Gegen Ende rief Mark Surman (scheinbar noch nicht online), der CEO der Mozilla Foundation, noch einmal die Grundlagen des „alten Internets“ in Erinnerung und thematisierte, dass die Expansionspolitik von Facebook und ähnlichen Netzwerken an die Ausbreitung des römischen Reiches erinnere statt eine freie und gleichberechtigte Welt zu fördern. Globale digitale Entwicklungshilfe, das Vermeidung von Rekolonialisierung und die Freiheit der Nutzer gegen die Interessen der Konzerne werden wohl Themen sein, die uns noch lange beschäftigen. Dass das Evangelium frei machen kann und wir zwar Gott aber keinem irdischen System untertan sind, wäre dabei ein wichtiger Aspekt aus Sicht des Glaubens. Sowohl für die digitale Gesellschaft als auch für christliche Gemeinden, die oft ihren Ruf in die Welt vergessen haben. Hoffentlich wächst die gesunde Schnittmenge aus beidem.

Wer sich selber ein Bild machen möchte findet viele der Vorträge hier als Video online oder hier als Audio.

Empfehlen kann ich vor allem
Keynote
Gunter Dueck
Sascha Lobo
Greenpeace on TTIP
Markus Beckedahl
Opening Ceremony
Closing Ceremony
…oder was dich eben interessiert 🙂