{"id":995,"date":"2021-11-03T19:42:41","date_gmt":"2021-11-03T17:42:41","guid":{"rendered":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=995"},"modified":"2021-12-17T19:29:01","modified_gmt":"2021-12-17T17:29:01","slug":"wie-gefaehrlich-ist-das-squid-game","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=995","title":{"rendered":"Wie gef\u00e4hrlich ist das Squid-Game?"},"content":{"rendered":"\n<p>Oktober 2021. Die Medien \u00fcberschlagen sich. \u00dcber 111 Millionen Menschen haben die neue Netflix-Hype Serie geschaut. Wow!<\/p>\n\n\n\n<p>November 2021. Die Medien \u00fcberschlagen sich. P\u00e4dagogen laufen Sturm gegen die neue Serie, weil Sch\u00fcler Teile des Spielsystems in ihren Pausenspielen adaptieren. Warnung!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann den Hype auf beiden Seiten nicht ganz verstehen. Mir ging es mit der Serie wie mit den meisten Tarantino-Filmen, &#8222;Altered Carbon&#8220; oder &#8222;3%&#8220;. Filmisch zu gut gemacht, um sie als Medienmensch nicht zu kennen, aber soviel unsinnige Gewaltdarstellung, dass ich wei\u00df, sie tut mir nicht gut. Dennoch habe ich &#8222;Squid Game&#8220; in kurzer Zeit durchgeschaut und bin begeistert. In den ersten Teilen wird bewegend gezeigt, wie Menschen in Armut und Abh\u00e4ngigkeit leben, welche Probleme und Hoffnungslosigkeit daraus erw\u00e4chst und wie leicht man bereit ist, f\u00fcr Geld alles zu tun. Ein Ph\u00e4nomen, was nicht nur im koreanischen Film, sondern auch in unserem Alltag oft zu beobachten ist. Wir haben zu wenig Geld f\u00fcr das, was wir dringend barauchen. Und wenn sogar Familien daran zerbrechen oder kranke Menschen nicht versorgt werden k\u00f6nnen, ist es umso verlockender, dem Gl\u00fccksspiel zu verfallen, auch wenn man etwas riskieren muss.<\/p>\n\n\n\n<p><code>[Achtung Spoiler ahead!]<\/code><\/p>\n\n\n\n<p>Dass ein Gro\u00dfteil der Teilnehmer, die freiwillig an dem &#8222;Tintenfisch-Spiel&#8220; teilnehmen protestiert, als sie erfahren, dass Ausscheiden mit dem Leben bezahlt wird, ist ein letztes Aufb\u00e4umen der Moral, aber die meisten kommen schon nach kurzer Zeit zur\u00fcck, weil die Hoffnungslosigkeit ihnen keine Wahl l\u00e4sst, als selbst ihr Leben zu riskieren. Und immerhin ist eine un\u00fcberschaubar gro\u00dfe Summe Geld im Jackpot, die mit jedem Spiel zunimmt. Und sechs Kinderspiele zu \u00fcberstehen, kann doch nicht so schwer sein&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u00fcbrigen zeigt die Serie sehr sch\u00f6n den Kontrast zwischen harmlosen Kinderspielen (Murmeln, Tauziehen, &#8230;) und m\u00f6rderischen Voyeurismus-Phantasien gelangweilter Superreicher, denen normale Pferdewetten nicht mehr ausreichen. Letztlich sind also nicht nur die Mittellosen, sondern auch die Gutbetuchten in der Serie verzweifelt. Und das Spiel bringt sie zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab der f\u00fcnften Folge kommt noch eine philosophisch-religi\u00f6se Komponente ins Spiel. Die Teilnehmenden reden im Angesicht des drohenden Todes \u00fcber Ewigkeitsfragen. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was macht das Leben aus? Was k\u00f6nnte man mit dem Gewinn Gutes tun? Wof\u00fcr lohnt es sich zu leben? Und letztlich diskutiert die Serie in all ihrer Grausamkeit immer wieder die ethische Frage: Was ist erlaubt, wenn das eigene Leben zur Disposition steht? Darf ich schummeln, l\u00fcgen oder die Naivit\u00e4t anderer ausnutzen? Kann ich mit der Schuld leben, wenn mein Verhalten andere das Leben gekostet hat? Bin ich bereit &#8222;die andere Wange hinzuhalten&#8220; statt meine eigene Haut zu retten? Gerade als Christen sollten wir nicht zu schnell urteilen, sondern die gezeigten Dilemma-Situationen ernst nehmen. Wie w\u00fcrde ich entscheiden? Wie weit w\u00fcrde ich gehen? Wo beeintr\u00e4chtigt mein t\u00e4glicher Lebenswandel das Leben anderer Menschen im globalen Wirtschaftskreislauf schon jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>In den sp\u00e4teren Folgen wird ein Christ gezeigt, der im Angesicht des Todes anf\u00e4ngt zu beten und die ewige Verdammnis zu predigen. Schade, wenn das der Eindruck ist, den der Regisseur Hwang Dong-hyuk von christlicher Lebensweise hat. Zumal in einem Land wie S\u00fcdkorea, das sehr aktive Mega-Churches und starke Missionsbewegungen verzeichnet. Aber oft sind Christen wohl nicht die selbstlos liebenden, sondern die verbissen verdammenden und am Ende doch \u00e4ngstlich f\u00fcr sich k\u00e4mpfenden Menschen, wenn es hart auf hart kommt. Ich bin froh, dass ich noch nie herausfinden musste, wie ich im Angesicht des Todes reagieren w\u00fcrde, aber in der Theorie ist meine christliche Hoffnung st\u00e4rker als die Angst vor dem Tod. Das Gedankenspiel fordert mich heraus!<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den sch\u00f6nen Bildern, der immersiven Stimmung und den spannden ethischen Fragen bleibt die Serie freilich eine radikal gewaltverherrlichende! Zum einen physisch mit direkten Kopfsch\u00fcssen, spritzendem Blut, freiliegenden Ged\u00e4rmen und Bildern, die einfach nicht sein m\u00fcssen. Zum anderen aber auch mit dem Bandenethos, des Wir gegen Die, des Mobbing und des Verachtens der scheinbar unterlegenen. Zwar gewinnt am Ende der Serie einer, der sich f\u00fcr die Schwachen eingesetzt hat und die B\u00f6sewichte m\u00fcssen die Folgen ihrer Arroganz tragen, aber was bei unbedarften Zuschauern h\u00e4ngenbleibt ist mitunter das egozentrische Denken, dass alles erlaubt ist, solange es mich aufwertet und andere abwertet. Nicht ohne Grund hat die Serie keine FSK-Freigabe f\u00fcrMenschen unter 16 Jahren. Meiner Ansicht nach w\u00e4re sogar FSK18 gerechtfertigt, aber ungefestigte Gem\u00fcter sollten diese Serie tats\u00e4chlich nicht unbeaufsichtigt sehen. Und das ist wohl ein Kernproblem: Bei Netflix sehen Jugendliche meist ungefiltert, was sie wollen und wenn die Medien proklamieren, dass diese Serie gerade angesagt ist, eben auch das.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon fr\u00fcher haben junge Menschen sich Conan, Chucky, Saw oder Halloween angesehen. Und eine Warnung macht Erwachsenenfilme erst richtig interessant. Daher finde ich die aktuellen Aufschreie nur m\u00e4\u00dfig hilfreich. Gut hingegen w\u00e4re, wenn Eltern konsequent mit ihrem Nachwuchs \u00fcber deren Medienkonsum im Gespr\u00e4ch w\u00e4ren, um zu begleiten, was diese sehen oder wie sie das gesehene verarbeiten. Auch Lehrer, Jugendarbeiter und Freunde sollten positive Gespr\u00e4chspartner sein statt diese Serie zu verteufeln, nachdem sie ohnehin schon die meisten gesehen haben. Und wenn auf Schulh\u00f6fen Kinder mit Murmeln spielen, ist das etwas Gutes. Wenn sie Schwache in ihr Team integrieren, um gemeinsam weiter zu kommen und ein Risiko in Kauf nehmen, um ihre kranken Eltern zu pflegen, ist das hoch anzurechnen. Aber wenn sie sich beim Spiel gegenseitig erniedrigen, k\u00f6rperlich oder psychisch verletzen, dann brauchen sie p\u00e4dagogische Unterst\u00fctzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollten also christliche Jugendgruppen positiv besetzte Versionen des Squid Games anbieten, bei dem klassische Kinderspiele kompetitiv gegeneinander ausgetragen werden, aber am Ende alle sich freudig in den Armen liegen und miteinander feiern, was man zusammen erlebt hat. Oder ein Preisgeld von externen Sponsoringpartnern wird am Ende an die soziale Einrichtung gespendet, die der Gewinner bestimmen darf. Es gibt reichlich M\u00f6glichkeiten, einen Medienhype positiv aufzugreifen und das, was die Serie anklingen l\u00e4sst, nachschwingen zu lassen. Statt Warnungen oder Verbote auszusprechen rate ich also: Lasst uns spielen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oktober 2021. Die Medien \u00fcberschlagen sich. \u00dcber 111 Millionen Menschen haben die neue Netflix-Hype Serie geschaut. Wow! 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