{"id":848,"date":"2020-06-08T22:14:40","date_gmt":"2020-06-08T20:14:40","guid":{"rendered":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=848"},"modified":"2021-12-17T19:32:06","modified_gmt":"2021-12-17T17:32:06","slug":"zug-ins-ungewisse-ein-digitales-live-action-role-play","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=848","title":{"rendered":"Zug ins ungewisse &#8211; ein virtuelles  live action role play"},"content":{"rendered":"\n<p>Beim Rollenspiel probieren wir uns aus, erleben uns in neuen, ungewohnten Szenarien und k\u00f6nnen die (k\u00f6rperlich-ganzheitlichen) Erfahrungen, die wir im Spiel machen, f\u00fcr das &#8222;echte Leben&#8220; reflektieren. Aber geht das auch digital? <\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des Studienmoduls &#8222;Kunst, Kultur &amp; Medien&#8220; an der Ev. Hochschule Tabor in Marburg haben wir uns mit Improvisationstheater und Rollenspiel besch\u00e4ftigt. Urspr\u00fcnglich war dann geplant, als Seminargruppe einen Teil des Unterrichts als LARP zu gestalten. Da aber die Seminarbl\u00f6cke im Fr\u00fchjahr 2020 nur digital als Zoom-Konferenz m\u00f6glich waren, musste auch das LARP online stattfinden. Als Setting w\u00e4hlten wir eine fiktionale Welt in der nahen Zukunft, die unserer in nahezu allen Faktoren gleicht, aber zum einen Corona und die Auswirkungen ignorieren kann und zum anderen die spielerische M\u00f6glichkeit bietet, neue Technologien oder Gesellschaftssysteme anzusprechen. Soweit nicht explizit angegeben, gehen wir aber davon aus, dass die Welt funktioniert, wie wir sie kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorfeld haben wir uns Fernsehformate angesehen und fiktionale Figuren analysiert. Welche Rollen spielen sie und welche Funktionen hat das f\u00fcr den Plot (z.B. in Kudamm &#8217;56). Dann haben wir Formatunterschiede zwischen fiktionalen Werken und ScriptedReality-Formaten betrachtet, die einen non-fiktionalen Inhalt in ein fiktionales Szenario \u00fcbertragen. Auf dieser Folie sollten die Studierenden sich eigene Rollen \u00fcberlegen, in denen sie ein Mini-LARP spielen wollen. Sie bekamen einen Charakter-Fragebogen, sollten sich eine Hintergrundgeschichte mit St\u00e4rken, Schw\u00e4chen und ein Prim\u00e4rziel f\u00fcr ihre Figur ausdenken. Wir haben in die Vorbereitung des LARP eine Unterichtseinheit investiert.  Soweit das im beschr\u00e4nkten zeitlichen Rahmen m\u00f6glich war, sollten sie sich eine passende Gewandung suchen und dann nach einer bewussten Pause zum &#8222;Live-Block&#8220; in ihrer Rolle erscheinen. Danach haben wir uns eine reale Stunde Spielzeit geg\u00f6nnt, um Start und Ende der Zeit klar abgrenzen zu k\u00f6nnen und hinterher (nach einer weiteren Pause) noch eine Einheit zur Reflexion des Geschehens. Was haben wir erlebt? Wie haben unterschiedliche Teilnehmer Dinge wahrgenommen? Wie habe ich mich in meiner Rolle gef\u00fchlt? Bin ich vielleicht irgendwo in Rollenkonflikte gekommen, wenn mein &#8222;ich&#8220; anders handeln w\u00fcrde als meine Rolle?<br>So &#8222;kostet&#8220; das LARP-Projekt insgesamt vier UE, die sich aber wirklich lohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vLARP musste alle Interaktion online stattfinden. Unsere Plattform war das bereits bekannte Tool &#8222;Zoom&#8220; in dem auch der digitale Unterricht stattfindet. Die Teilnehmer*innen waren also mit der grundlegenden Bedienung bereits vertraut, hatten Kameras und Mikrofone getestet, der Chat und Breakout-Sessions waren ihnen vertraut und sie waren dort &#8222;zu Hause&#8220;. F\u00fcr das Spiel verwandelten wir Zoom in einen &#8222;Zug ins Ungewisse&#8220;, weil ein Zug einen abgegrenzten Spielraum bietet aus dem man nicht ohne weiteres entfliehen kann und gleichzeitig eine logische Aufteilung (Abteile und Speisewagen) bietet. Die Zoom-Namen wurden angepasst und ein geteilter Bildschirm setze einen klassischen Dampfzug als Szenerie. Als Spielleitung war ich der Zugbegleiter im Speisewagen, der f\u00fcr Snacks und Informationen bereit steht und Fahrg\u00e4ste auf Anfrage von ihrem Abteilplatz in ein anderes Abteil umbuchen kann. Somit konnten sie von einem Abteil in ein anderes navigieren, indem sie im Speisewagen darum baten. Das erm\u00f6glichte es, in jedem Abteil mit kleinen Gruppen intensiv zu interagieren aber auch die Gruppen zu wechseln. Als Haupt-Ziel hatten die Teilnehmer, ihre Rolle auszuspielen. Zus\u00e4tzlich habe ich ihnen jeweils eine (zuf\u00e4llige) individuelle Aufgabe gegeben, die inhaltlich den n\u00e4chsten Unterichtsblock vorbereitet hat, der so spielerisch im Geschehen angeteasert wurde, ohne zu stark referierend zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem das erste vLARP &#8222;Zug ins Ungewisse&#8220; gut angekommen ist, haben wir, im folgenden Block (eine virtuelle Exkursion nach Erfurt) eine weitere Einheit eingebaut, die die Handlung zusammenbindet ohne zu stark auf der ersten Einheit aufzubauen. Das vLARP &#8222;Zur\u00fcck zum Zug&#8220; war gesettelt am Bahnhofsvorplatz (Zoom-Raum-Ebene) in Erfurt mit Breakout-R\u00e4umen an zentralen Erfurter Orten, die bereits aus der Exkursion eingef\u00fchrt waren. Diesmal bekamen alle Spieler eine Main-Quest, bei der sie f\u00fcnf Fragen zum vergangenen Exkursionsgeschehen an diesen f\u00fcnf Orten beantworten sollten. An jedem Ort gab es gebriefte Informanten (NPCs), die ihnen helfen sollten, bestimmte Informationen zu bekommen. Jeder Spieler wurde am Anfang einem Ort zugelost, konnte aber frei w\u00e4hlen, wie lange man dort verweilt und wann man den Raum wechselt. So ergaben sich immer wieder neue Konstellationen und spannende Interaktionen der Charaktere. Gleichzeitig hatte ich als Spielleitung die M\u00f6glichkeit, die Routen zu leiten und Raumempfehlungen zu geben, wo gerade nicht so viel los ist. Mit dem Zuordnen zur passenden Breakout-Session konnte ich ihnen den Weg zur passenden Stra\u00dfenbahn ausschildern, die sie nur noch betreten mussten. Einige der Informanten haben ihren Zoom-Hintergrund passend ausgetauscht, sodass &#8222;Bratmaxe&#8220; am Domplatz tats\u00e4chlich in einer Wurstbude sa\u00df und die Stadtf\u00fchrerin am Augustinerkloster tats\u00e4chlich im Raum der Stille angesiedelt war. Mit gregorianischen Ges\u00e4ngen wurde Meister Eckhart in der Predigerkirche lebendig, andere spielten ihre Rolle durch starkes Auftreten, gute Argumentation oder setzten Stimmungen, die sich schnell \u00fcbertrugen.<br>Auch die Teilnehmer*innen haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Einige haben sich auf die Main-Quest konzentriert, andere st\u00e4rker ihre pers\u00f6nliche Side-Quest bearbeitet und wieder andere prim\u00e4r ihre Rolle ausgespielt und mit anderen interagiert. Das war f\u00fcr diese Selbsterfahrung freigestellt und in einer Zeitstunde ohnehin nicht alles m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Falls man bei einem vLARP einen st\u00e4rkeren roten Faden spinnen m\u00f6chte, m\u00fcsste man mit einem gr\u00f6\u00dferen Team vorher geplante Story-Elemente setzen und die eingerichteten Breakout-Sessions daf\u00fcr kurzzeitig beenden, damit alle die relevanten Informationen mitbekommen. Spannend w\u00e4re es, so ein Spiel \u00fcber mehrere Stunden zu ziehen, ggf auch die zur Verf\u00fcgung stehenden R\u00e4ume zu variieren und Gruppenaufgaben zu stellen (R\u00e4tsel, Sozialexperimente, Kampsimulation). Daf\u00fcr m\u00fcssen die NPCs gut gebrieft sein und optimalerweise sollte man einen externen Messenger zur Meta-Kommunikation im Team haben. Optimal w\u00e4re, wenn eine Spielleitung sich nur kommunikativ an die Teilnehmer wenden k\u00f6nnte, w\u00e4hrend eine weitere Person als Host im Hintergrund die technischen Dinge erledigt. Das Zuordnen der Teilnehmer zu Breakout-Sessions, die Chat-Kommunikation, das Gestalten und benennen der Breakout-Sessions und das Einspielen eines geteilten Desktops mit Informationen beansprucht viel Zeit, die dann zur InGame-Kommunikation fehlt. Allerdings muss eine auf mehrere Schultern verteilte Spielleitung sich gut absprechen, an welcher Stelle im Plot man gerade ist, damit die einzelnen Erlebnisse zusammengebunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Generell kann man durch Spiele viel lernen. Soziale Situationen, Interaktionen, der Umgang mit unterschiedlichen Situationen und ethische Fragen zu Handlungsweisen von Rolle und Person. Daher sollte man in keinem Fall an der Auswertungszeit sparen und daf\u00fcr reichlich Zeit und kreative Methoden einplanen. Auch die inhaltliche Vorbereitung und Entwicklung einer funktionierenden Spielmechanik sind nicht zu untersch\u00e4tzen. In jedem Fall ist daf\u00fcr ein Team zu empfehlen, das sich auf Augenh\u00f6he reflektiert, um Gefahren und L\u00fccken in Plot oder Methodik fr\u00fch zu erkennen. Au\u00dferdem braucht man immer reichlich Spontaneit\u00e4t und Improvisationsgabe, um auf unvorhersehbare Situationen eingehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich freue mich schon auf weitere LARP-Erfahrungen, gerne als Live-Action-Variante vor Ort aber nach den ersten beiden virtuellen Erfahrungen auch als vLARP.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Rollenspiel probieren wir uns aus, erleben uns in neuen, ungewohnten Szenarien und k\u00f6nnen die (k\u00f6rperlich-ganzheitlichen) Erfahrungen, die wir im Spiel machen, f\u00fcr das &#8222;echte Leben&#8220; reflektieren. Aber geht das auch digital? Im Rahmen des Studienmoduls &#8222;Kunst, Kultur &amp; Medien&#8220; an der Ev. Hochschule Tabor in Marburg haben wir uns mit Improvisationstheater und Rollenspiel besch\u00e4ftigt. 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