{"id":773,"date":"2019-07-24T14:38:00","date_gmt":"2019-07-24T12:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=773"},"modified":"2021-12-17T19:43:22","modified_gmt":"2021-12-17T17:43:22","slug":"geistliches-liedgut-im-radiovergleich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=773","title":{"rendered":"Geistliches Liedgut im Radiovergleich"},"content":{"rendered":"<p>Erik Fl\u00fcgges &#8222;<a href=\"https:\/\/www.erikfluegge.de\/kirchenaustritte-thesen-fuer-eine-stabilere-kirche\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kirchenaustritte: Thesen f\u00fcr eine stabilere Kirche<\/a>&#8220; (20. Juli 2019, prim\u00e4r der vorletzte Absatz) motiviert mich, einen Vergleich christlicher Musik mit der Radiolandschaft zu posten, den ich schon l\u00e4nger im Kopf habe:<\/p>\n<p>Wenn in der Kirche Lieder gesunden werden, geht es darum, Gott die Ehre zu geben und sich als Gemeinschaft der Glaubenden gegenseitig zu best\u00e4rken. Das gemeinsame Singen bringt zusammen, die durch Wiederholung ins Herz rutschenden Texte bilden auch in W\u00fcstenzeiten einen Anker an geistlichen Grundwahrheiten und Gottesdienste werden interaktiver wahrgenommen (Ich-bin-beteiligt-Erfahrung). Doch oft scheiden sich am Musikgeschmack die Geister.<\/p>\n<p>Klassische Landeskirchen bauen auf einem Liederbuch auf, das die Hochkultur der letzten Jahrhunderte konserviert. Wertvolle Lieder, die oft stilecht mit der Orgel begleitet werden. Luther w\u00fcrde sich vermutlich im Grab umdrehen, wenn er w\u00fcsste, dass wir immer noch\u00a0 eine Lieder singen, hatte er doch damals Tavernenmelodien umgedichtet, um nah am Volk zu sein. Gleichzeitig sind diese Lieder eine Art Best-Of, die sich \u00fcber Generationen bew\u00e4hrt haben, weil sie Halt geben und in Krisen tragen.<br \/>\nAls Innovation wurde in den 70ern das moderne geistliche Liedgut entwickelt, dass \u00e4hnlich wie die Werke Luthers und Bachs konserviert wurde und daher f\u00fcr heutige Ohren auch nicht mehr wirklich neu klingt.<br \/>\nBei Gospel und Taize-Ges\u00e4ngen kommt ein wenig Schwung auf, Kinderlieder bringen (erzwungene) Bewegung in den Gottesdienst, insgesamt bleibt es aber eine ernste und gesetzte Veranstaltung.<\/p>\n<p>Junge Gemeinden und Freikirchen sind oft offener f\u00fcr moderne Lobpreismusik, die vom Songwriting her zumindest richtung 90er Jahre geht. Tats\u00e4chlich gelten viele der Lieder erst 20 Jahren als etabliert, wenn sie musikalisch eigentlich schon fast als Retro gelten k\u00f6nnten. Klassiker der deutschen Lobpreiskultur findet man in &#8222;Feiert Jesus&#8220; Liederb\u00fcchern, gleichnamigen CDs oder \u00e4hnlichen Reihen. Hier den \u00dcberblick zu behalten ist allerdings schwierig und was f\u00fcr die eine Gemeinde aktuelle Hits sind, wird anderswo bereits als veraltet und uncool wahrgenommen. F\u00fcr manche sind nur internationale Originale (Hillsong, Vineyard, Bethel Music, Rend Collective, &#8230;) wirklich hip, die m\u00f6glichst exakt gecovert und mit Bandbesetzung inszeniert werden. Andere Gemeinden kopieren zwar die Musik, verpflichten sich aber zu deutschen \u00dcbersetzungen, die nicht selten unsingbar oder alternativ inhaltlich weit weg vom Original sind. Zudem kursieren von einigen Songs mehrere deutsche Versionen, weil Pioniergemeinden manchmal schneller \u00fcbersetzen als Standardisierungsprozesse es verbreiten k\u00f6nnen.<br \/>\nDiese Lieder haben noch keine jahrhundertelange Wirkungsgeschichte, sprechen aber musikalisch in die Jetztzeit hinein. Entsprechend stark ist die emotionale Beziehung, die (junge) Menschen zu den Melodien aufbauen. Ob die Texte dieser Bindung gerecht werden, m\u00fcsste man im Einzelfall analysieren, was ggf zu wenig geschieht, wenn man sich bewusst macht, dass Lobpreis viele Gottesdienstbesucher st\u00e4rker pr\u00e4gt als die sauber formulierte Predigt.<\/p>\n<p>Von Musikern und K\u00fcnstlern schlie\u00dflich wird Contemporary Worship oft daf\u00fcr kritisiert, musikalisch zu anspruchslos, zu flach zu schlagerartig-vorhersehbar zu sein. Klar, jeder soll schnell mitsingen k\u00f6nnen, der Song soll in kleinen Gruppen und im Stadion funktionieren und am besten mit Wandergitarre oder gro\u00dfer Band gut klingen. Aber so wie der Musikmarkt sich ausdifferenziert, brauchen wir auch unterschiedliche moderne Stilrichtungen, um nah dran an den Menschen zu sein. Und wer lange genug sucht, findet das auch: Da gibt es jazzigere Interpretationen, Sambarhythmen, Techno-Worship, Swing- und Punk-Varianten Gott zu loben. Zwischen Filmorchester und HeavyMetal ist jede Stilrichtung auch im &#8222;post-modernen geistlichen Liedgut&#8220; vertreten. Nur in den Gottesdiensten trauen sich viele Gemeinden nicht so ganz, mit innovativen Formen zu experimentieren. Zum einen, weil es mit Amateurmusikern nicht so einfach ist, eine wirklich hochwertige Umsetzung zu garaniteren, zum anderen, weil extremere Stilrichtungen st\u00e4rker binden aber auch st\u00e4rker absto\u00dfen. Der klassische Klavier-und-Gitarre-mit-Cajon-lastige Lobpreisstil bringt wohl die meisten Generationen zusammen, wenn er auch f\u00fcr viele nur halbwegs passend ist.<\/p>\n<p>Diese Erkenntnis hat mich schon vor einigen Jahren zu einem Vergleich gebracht, warum es gut ist, unterschiedliche Musikstile in christlichen Gottesdiensten zu f\u00f6rdern. Ich habe damals in Hessen gelebt und bin in den 90ern mit einer \u00f6ffnetlich rechtlichen Radiolandschaft von vier Sendern aufgewachsen:<\/p>\n<ul>\n<li>HR1 f\u00fcr gediegene Infos, Sport, niveauvolle aber massentaugliche Musik der letzten 50 Jahre.<\/li>\n<li>HR2 f\u00fcr Klassik und niveauvolle Bildung, die wertvoll ist, aber oft eher sperrig wirkt.<\/li>\n<li>HR3 als locker flockige moderne Unterhaltung mit viel Chartmusik und nebenbei eingestreuten Infos.<\/li>\n<li>HR4 f\u00fcr Schlager- und Heimatfreunde mit harmonischen Wohlf\u00fchlkl\u00e4ngen aus der &#8222;guten alten Zeit&#8220; zur Selbstvergewisserung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u00c4hnliche Aufteilungen gab es vermutlich in den meisten Regionen. In diesem Schema sind vermutlich die meisten landeskirchlichen Gottesdienste eher im HR2-Spektrum anzusiedeln, Kirchentagsbewegungen und Gemeindefeste tendieren eher zu HR4, moderne Landeskirchen und klassische Freikirchen eher zu HR1 und die innovativen Jugendbewegungen zu HR3. (Ich will damit niemandem zu nahe treten, jeder m\u00f6ge sich im Zweifel selber einordnen!)<br \/>\nF\u00fcr die, denen das Spektrum insgesamt zu eng wurde, gab es das Privatradio FFH (die charismatischen Gemeinden?), das Radio der US-Streitkr\u00e4fte AFN (internationale Missionsgemeinden?) oder das lokale B\u00fcrgerradio RUM (Teestubenbewegung?).<br \/>\nGef\u00fchlt mitte der 90er Jahre startete ein weiterer \u00d6R Jugendsender f\u00fcr die, denen selbst HR3 zu konservativ war. Weitere Privatradios, neue Infokan\u00e4le und digitale Streamingdienste, die das Radioh\u00f6ren stark individualisiert haben kamen dazu. Heute l\u00e4sst man sich meist das pers\u00f6nliche Musikprogramm gespickt mit den Lieblingspodcasts als Infoquelle vone inem Algorithmus zusammenstellen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches erleben wir auch im geistlichen Spektrum. Gerade im st\u00e4dtischen Bereich sucht man seinen Gottesdienst nicht mehr nach Denomination oder theologischen Positionen, sondern nach Uhrzeit und Musikstil aus. Mitunter ist auch ChurchHopping passend, wenn man sich nicht festlegen will und zwischendurch streamt man sich internationale Lobpreismusik auf die Couch. Einige besonders hippe Gemeinden werden mittlerweile nicht mehr um Starprediger, sondern um besondere Lobpreis-Pastoren gebildet. Insgesamt haben wir als Christenheit so die M\u00f6glichkeit, viele Menschen da abzuholen, wo sie stehen, haben aber gleichzeitig die Herausforderung, dass wir Menschen den Wert von genre\u00fcbergreifender Gemeinschaft ganz neu vermitteln m\u00fcssen. Es geht eben nicht nur darum, die f\u00fcr mich perfekt abgestimmte Musik zu finden, sondern darum, sich darauf einzulassen, am Fremden zu wachsen und die horizonterweiternde Begegnung \u00fcber die reine Selbstverwirklichung zu stellen.<\/p>\n<p>An der Stelle versagen viele Landeskirchen im \u00dcbersetzungsprozess, die beim Stadtfest den Posaunenkreis antreten lassen genauso wie Freikirchen, die das Worshipteam unmoderiert auf die Marktplatzb\u00fchne schicken.<br \/>\nGute Ans\u00e4tze sind christliche Musiker, die technisch so gut sind, dass sie im Jazzkeller jammen, beim Sommerfest Charthits covern und zwischendurch selbstgeschriebene Songs mit tiefg\u00e4ngigem aber anschlussf\u00e4higem Text darbieten. So kann Kirche mit hoher zeitgem\u00e4\u00dfer Kultur \u00fcberzeugen und zum Gottesdienst einladen, wo solche Musiker aus geistlichen Liedern aller Zeiten individuell passende Kunstwerke zur Ehre Gottes machen. Da darf die Orgel, das Schlagzeug und der Synthesizer gemeinsam mit Klavier und E-Gitarre oder Bongo und Querfl\u00f6te erklingen und das Xylophon mit der Melodika und dem Akkordeon zwischen den Radiosendern und den individuellen Erfahrungswelten der Gemeindeglieder switchen. Wenn das gut gemacht, kreativ-liebevoll und mit geistlichem Blick einen Gottesdienst rahmt, wird er vielleicht einen \u00e4hnlichen Effekt haben, den Bachs Chor\u00e4le und Luthers Tavernenlieder in ihrer Zeit hatten.<\/p>\n<p>BTW, um nochmal auf Fl\u00fcgge einzugehen: Ich glaube, es braucht dann gar keine Liederb\u00fccher mehr, sondern digital vernetzte Liederdatenbanken und juristisch sowie pragmatisch geregelte flexible Anzeigem\u00f6glichkeiten. Egal ob das Monitore, Leinw\u00e4nde, Tablets oder Liedzettel sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erik Fl\u00fcgges &#8222;Kirchenaustritte: Thesen f\u00fcr eine stabilere Kirche&#8220; (20. 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