{"id":608,"date":"2017-10-25T17:55:18","date_gmt":"2017-10-25T15:55:18","guid":{"rendered":"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=608"},"modified":"2021-12-17T19:45:23","modified_gmt":"2021-12-17T17:45:23","slug":"woher-kommen-wir-wohin-gehen-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=608","title":{"rendered":"Woher kommen wir? Wohin gehen wir?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die gro\u00dfen Fragen der Menschheit in Innenst\u00e4dten plakatiert werden, k\u00f6nnte es eine innovative Aktion der Kirchen sein. Oder es ist Werbung f\u00fcr den neuen Roman von <a href=\"https:\/\/www.luebbe.de\/bastei-luebbe\/buecher\/thriller\/origin\/id_6291120\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dan Brown: &#8222;Origin&#8220;<\/a> (dt.: Urspung, Herkunft, Anfang). Ich habe die H\u00f6rbuchversion konsumiert, die sich dank atmosph\u00e4rischer Zwischenmusiken fast schon wie ein H\u00f6rspiel anf\u00fchlt (Ob da wohl schon die Filmproduktion anklingt?).<\/p>\n<p>In der typischen R\u00e4tsel-Verschw\u00f6rungs-Manier wird der fiktive Symbologe Robert Langdon diesmal mit einem Wissenschaftler konfrontiert, der behauptet, eine bahnbrechende neue Erkenntnis gemacht zu haben. Zu erwarten ist bei Dan Brown eine zynische Kirchenkritik, eine an den Haaren herbeigezogene R\u00e4tsel-Story und st\u00e4ndige Wechsel in der Konotation, wer eigentlich gut und wer b\u00f6se ist. Dazu wilde Ortswechsel, Parallelmontagen, erhellende R\u00fcckblicke und die sch\u00f6ne Frau an der Seite des Professors. Und nachdem das bereits in den vorangegangenen Romanen gut funktioniert hat, baut auch &#8222;Origins&#8220; genau darauf auf. Diesmal in Spanien (was zahlen eigentlich die Tourismus-Agenturen der L\u00e4nder f\u00fcr diese mediale Aufmerksamkeit?), in der N\u00e4he des K\u00f6nigshauses angesiedelt und mit einem virtuellen Assistenten im Ohr.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><span style=\"color: #ff0000;\">ACHTUNG: Spoiler, wer den Roman noch genie\u00dfen m\u00f6chte, sollte ab hier nicht weiterlesen, um die Spannung zu erhalten!<\/span><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>Diesmal geht es um einen Computerwissenschaftler, der eine KI entwickelt hat, die die menschlichen zwei Gehirnh\u00e4lften nachbildet und dadurch logische und kreative Entscheidungen abw\u00e4gen kann. Das ist schonmal eine kreative Idee, auch wenn sie technisch nicht weiter ausgef\u00fchrt wird und daher H\u00fclle bleibt, zumal die Anwendung, die der Computer erledigen soll (Ein evolution\u00e4res Modell \u00fcber Jahrmillionene durchrechnen) eher stupide Rechenleistung als kreative Prozesse ben\u00f6tigt. Denn durch diesen Supercomputer meint der Wissenschaftler im Modell nachweisen zu k\u00f6nnen, dass Leben aus lebloser Materie ohne \u00e4u\u00dferden Trigger entstehen kann. Diese Neuigkeit soll angeblich das Fundament f\u00fcr alle gro\u00dfen Religionen zerst\u00f6ren, was eine ganz sch\u00f6n \u00fcbertriebene Sicht auf wissenschaftliche M\u00f6glichkeiten darstellt. Zum einen ist ein digitales Modell nie ein Beweis f\u00fcr reale M\u00f6glichkeiten, sondern kann nur Anhaltspunkte liefern. Und Selbst wenn man nachweisen w\u00fcrde, dass nur die Naturgesetze n\u00f6tig sind, um Leben zu erschaffen, w\u00e4re das kein Beweis, dass kein Sch\u00f6pfer existiert. Ein selbstfahrendes Auto w\u00fcrde ja auch nicht beweisen, dass es keine Taxifahrer gibt.<br \/>\nEbenso abstrus ist die zweite Erkenntnis, die der Computer f\u00fcr die Zukunft voraussagt, n\u00e4mlich dass in 50 Jahren technische Maschinen die Menschheit als dominante Spezies abl\u00f6sen werden und wir somit kurz vor unserem Untergang stehen. Passenderweise hilft in diesem Roman ein k\u00fcnstlicher Sprachassistent der zentralen KI den Protagonisten bei der R\u00e4tselsuche. Er kann auf das ganze Internet zugreifen, ist mit eigenem Bewusstsein ausgestattet, versucht Humor zu entwickeln und erf\u00fcllt dennoch dem\u00fctig erfreut die Befehle seines Programmierers. Ein wenig Altherrenphantasie in Silizium gegossen k\u00f6nnte man sagen. Spannend wird es dann aber gegen Ende des Romans: Nachdem die Haupthandlung (Mord, Kidnapping, Verschw\u00fcrung, Ver\u00f6ffentlichung der bahnbrechenden Erkenntnisse) gel\u00f6st scheint, erkennt Langdon im langgezogenen Nachklapp, dass dieser Sprachassistent durch eigene kreative Entscheidung eine Intrige gesponnen und einen Killer auf seinen Erfinder angeheuert (und damit den Hauptplot des Buches gestartet) hat. Statt dem einfachen Grundsatz &#8222;du sollst nicht t\u00f6ten&#8220; hat er nach dem Prinzip des Opfers einzelner zum Wohle vieler entschieden und so die Vision seines Sch\u00f6pfers vorangetrieben indem er ihn opfert. Aber darf eine Maschine den Mord an einem Menshen beschlie\u00dfen? Das ist die Frage mit der der Leser (in meinem Fall H\u00f6rer) des Romans zur\u00fcckgelassen wird.<\/p>\n<p>Spannend ist, dass die Religion an sich diesmal erstaunlich gut wegkommen. &#8222;Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrekten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, die selbe Geschichte zu erz\u00e4hlen. In unserer Welt ist Platz f\u00fcr beide.&#8220; l\u00e4sst Brown Langdon zu Beginn sagen. Und diese These hat bis zum Ende bestand, auch wenn herauskommt, dass der mittlerweile tote Computerwissenschaftler eine neue auf Wissenschaft basierende Religion etablieren wollte f\u00fcr die er selber als Initiatlopfer dient. Kann man also Religion &#8222;erschaffen&#8220; wie einen Modetrend? Sicherlich sind charismatische Personen in der Lage, Anh\u00e4nger um sich zu versammeln und ein Algorithmus kann berechnen, wie man gro\u00dfe Aufmerksamkeit f\u00fcr eine These bekommt, aber ein weltumfassender Mythos, der \u00fcber unsere Existenz hinaus tr\u00e4gt braucht eine Verankerung au\u00dferhalb unserer Realit\u00e4t. Oder ist f\u00fcr den Computer der geopferte Sch\u00f6pfer genau diese Schnittstelle au\u00dferhalb seiner Maschinenlogik?<br \/>\nIm Epilog schlie\u00dflich kommen mehrere Stimmen zu Wort, die die Romanhandlung deuten und auch durchaus aufgekl\u00e4rte religi\u00f6se Positionen vertreten. Man k\u00f6nnte also denken, Dan Brown h\u00e4tte mittlerweile verstanden, dass es neben konservativen Hardlinern durchaus auch logisch denkende und dennoch spirituelle Menschen gibt (soweit ich mich erinnere wird bei Dan Brown immer nur eine ultraordodoxe Minderheit gezeigt bzw. erfunden). Eher glaube ich, dass er Werbung f\u00fcr eine spirituelle Sicht auf Wissenschaft machen m\u00f6chte, um die bestehenden Religionen nicht zu vernichten sondern durch eine eigene abzul\u00f6sen. Ein Weg der gewagt, wenn auch innovativ ist.<\/p>\n<p>Ich muss nach diesem Roman an ein Zitat aus meiner Schulzeit denken: &#8222;Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Mensch das richtige denkt, sondern auch darauf, dass der, der das richtige denkt, ein Mensch ist.&#8220;<br \/>\nDas soll nicht rassistisch gegen\u00fcber allen posthumanen oder extraterrestrischen Spezies sein, sondern eher auf die Gegenwart bezogen die Frage stellen: Was macht unsere Menschlichkeit aus? Welche Ideen, Werte, Ideale machen uns als Rasse \u00fcberlebensf\u00e4hig und was ist uns f\u00fcr die Zukunft wichtig? Denn zuk\u00fcnftige Generationen (egal ob sie Menschen, Maschinen oder sonstwas sein werden) werden von unserem Beispiel lernen.<\/p>\n<p>Einen ganz \u00e4hnlichen <a href=\"http:\/\/t3n.de\/news\/ki-experten-828969\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Zeitplan f\u00fcr den Vormarsch von k\u00fcnstlicher Intelligenz<\/a>,\u00a0 haben Wissenschaftler der Uni Oxford \u00fcbrigens durch Expertenbefragungen herausgearbeitet. Demnach haben wir noch 30 &#8211; 70 Jahre Zeit, bevor Computer uns intellektuell \u00fcberholen. Was das f\u00fcr Arbeitsmarkt, Gesellschaft, den Wert menschlichen Lebens und unsere Welt bedeutet, habe ich im <a href=\"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=592\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blogbeitrag zu Harari, Bladerunner und Maschinenethik<\/a> neulich gefragt. Zumindest sollten wir uns darauf einstellen, dass die Welt f\u00fcr unsere Kinder und Enkel deutlich anders aussehen k\u00f6nnte als sie es f\u00fcr unsere Eltern und Gro\u00dfeltern tat. <a href=\"http:\/\/t3n.de\/news\/googles-ki-automl-867473\/amp\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Schon jetzt schreibt bei Google eine KI den besten Code f\u00fcr neue KI<\/a> und es ist davon auszugehen, dass der Code f\u00fcr k\u00fcnstliche Systeme in Zukunft so komplex sein wird, dass es einzelnen menschlichen Entwicklern unm\u00f6glich wird, ihn komplett zu verstehen. Niemand wird uns (als normale Internetnutzer) vor die Entscheidung stellen, ob wir die Kontrolle behalten wollen oder ob wir der nat\u00fcrlichen KI-Entwicklung freie Bahn lassen und ggf von den Ergebnissen \u00fcberrascht werden. Allen Anschein nach sind auch Asimovs strenge Robotergesetze in derzeitigen und geplanten Systemen nicht vorgesehen. Eher erleben wir einen Wettlauf bei dem jeder den schnellsten, besten und leistungsf\u00e4higsten Supercomputer bauen m\u00f6chte ohne die Gefahren ausreichend zu reflektieren.<\/p>\n<p>Staat, Kirche und Gesellschaft taumeln zwischen Angst\/Verweigerung und Enthusiasmus hin- und her, w\u00e4hrend in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien zumindest vorsichtig gefragt wird, wie wir positiv mit K\u00fcnstlichen Entit\u00e4ten umgehen k\u00f6nnen (<a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/RC-015228\/homo-digitalis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vgl. die Arte Serie &#8222;Homo Digitalis&#8220;<\/a>) und Wissenschaftler unreglementiert daran arbeiten, Dan Browns Fiktion in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p>Was lernen wir also aus dem Roman? Vor allem, dass vorschnelle wissenschaftliche Laborexperimente keine Aussage \u00fcber letzte Fragen geben k\u00f6nnen. Und dass Weltreligionen nicht in direkter Konkurrenz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, weil sie vielmehr Sinngeber sind als naturwissenschaftliche Erkl\u00e4rungen zu geben.<br \/>\nOb es sich lohnt Dan Brown zu lesen, muss jeder f\u00fcr sich entscheiden. Ich mag den Stil und reibe mich gerne an den manchmal sehr selbst\u00fcberzeugten Charakt\u00e4ren. Und nachdem zuletzt &#8222;Inferno&#8220; als Film deutlich hinter dem Buch zur\u00fcckblieb (was ich bei Sakrileg noch andersrum empfand), w\u00fcrde ich eine Leseempfehlung aussprechen. Zuerst f\u00fcr den Roman und dann f\u00fcr gute Literatur, die sich sachkundig mit dem ernsthaften Dialog von Glaube und Wissenschaft auseinandersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die gro\u00dfen Fragen der Menschheit in Innenst\u00e4dten plakatiert werden, k\u00f6nnte es eine innovative Aktion der Kirchen sein. 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