{"id":592,"date":"2017-10-07T03:09:31","date_gmt":"2017-10-07T01:09:31","guid":{"rendered":"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=592"},"modified":"2021-12-17T19:45:30","modified_gmt":"2021-12-17T17:45:30","slug":"maschinenethik-2049-ist-die-seele-ein-algorithmus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=592","title":{"rendered":"Maschinenethik 2049 &#8211; Ist die Seele ein Algorithmus?"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen habe ich mich aufgrund von Harari, RealHumans,\u00a0Bladerunner2049 und diversen Onlinetexten verst\u00e4rkt mit dem Thema der Ethik im Digitalen bzw. der Menschlichkeit von KI-Systemen oder allgemein ausgedr\u00fcckt mit Maschinenethik besch\u00e4ftigt. Das Thema fasziniert mich seit dem Studium und scheint jetzt langsam mainstreamtauglich zu werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.kirchentag.de\/service\/meldungen\/berlin\/september_2017\/kirche_muss_mit_technologiebegeisterten_in_dialog_treten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Nikolaus R\u00f6ttger<\/em> <\/a>hat im September auf der Website des Kirchentags gefordert, dass Kirche sich einmischen muss, wenn Forscher \u00fcber Unsterblichkeit nachdenken und an k\u00fcnstlichem Leben arbeiten. Dem stimme ich zu, wobei man als Kirche nicht einfach nur das alte bewahren und das neue ablehnen darf, sondern kritisch und geistlich pr\u00fcfen muss, wie man auch neue M\u00f6glichkeiten zum Wohle der Gesellschaft und der Menschheit nutzen kann. Wie kann das gehen? <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/kirchen-im-netz-herzhafteres-umarmen-der-digitalen.886.de.html?dram:article_id=397409\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Jonas Bedford-Strohm<\/a> nennt es ein &#8222;Herzhaftes Umarmen der Digitalen M\u00f6glichkeiten&#8220; und ermutigt Gemeinden, sich auf SocialMedia und digitale Kommuniktion ganz nat\u00fcrlich einzulassen.<br \/>\nGr\u00f6\u00dfer gedacht geht es dabei ganz elementar um Inklusion, den Umgang mit Schwachen, Behinderten, den Grauzonen am Anfang und am Ende des Lebens und die Frage, was ein lebenswertes Leben ausmacht. Muss man sich ultimativ optimieren und wer nicht perfekt ist, verliert irgendwann das Recht auf Leben? Oder ist der Makel vielleicht gerade das, was uns l(i)ebenswert macht?<\/p>\n<p>R\u00f6ttger zitiert in seinem Text <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/harari-noah-homo-deus\/product\/17388138\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Yoval Harari, der in seinem Buch &#8222;Homo Deus&#8220;<\/a> vorhersagt, dass Menschen in den n\u00e4chsten Jahren (in etwa 2049&#8230;) lernen werden, ihre K\u00f6rper biologisch aufzuwerten (schon heute sind Prothesen teilweise leistungsf\u00e4higer als nat\u00fcrliche Organe) und durch die radikale Informationsfreigabe an einen zentralen kollektiven Wissensspeicher zahlreiche Prozesse so optimiert werden k\u00f6nnen, dass wir Resourcen sparen, effektiver arbeiten und l\u00e4nger leben k\u00f6nnen. Zumindest die, die es sich leisten k\u00f6nnen, Teil dieser elit\u00e4ren Gesellschaft zu sein. F\u00fcr die gro\u00dfe Masse der unbrauchbar gewordenen Arbeitskr\u00e4fte besteht die Zukunft vermutlich aus Drogen oder Virtuellen Ablenkungswelten.<\/p>\n<p>Zahlreiche Cyberpunk-Fiktionen zeichnen ein solches Bild der Aufteilung zwischen HighEnd-Elite und dahinvegetierendem Proletariat. Das Urgestein dieses Genres &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blade_Runner\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bladerunner<\/a>&#8220; (ebenso die sehenswerte aktuelle Fortsetzung <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/film\/2017-10\/blade-runner-2049-denis-villeneuve-science-fiction-filme-ridley-scott\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blade Runner 2049<\/a>, die einige religi\u00f6se Anspielungen (Sch\u00f6pfer, Engel, Vater, Seele, &#8230;) parat hat und den dunklen Stil des Vorg\u00e4ngers ad\u00e4quat weiterf\u00fchrt) zeigen Fantasien, wie die Menschen mit einer geschaffenen neuen Rasse umgehen kann bzw. wie vom Menschen als untergeordnet erschaffene Wesen irgendwann nach Autonomie und Macht streben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/theonet.de\/2017\/09\/14\/beacons-chatbots-welcome-brave-new-world-dmexco\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ralf Peter Reimann berichtet von der DmExCo<\/a>, wo Grundlagentheorien f\u00fcr k\u00fcnstliche Systeme bereits pr\u00e4sentiert werden. Das Erheben und Auswerten von pers\u00f6nlichen Daten in allen Lebenslagen wird von Unternehmen mit Hochdruck vorangetrieben (jeder will der erste am Markt sein) &#8211; soweit ich wei\u00df ohne nennenswerte kritische Begleitung.<br \/>\nUnd wenn Harari schreibt, dass alles ein Algorithmus ist, der Ablauf des manuellen Kaffeekochens, ebenso auch der Mensch selber und das posthumane System der Maschinen, frage ich mich, ob man diese Entwicklung \u00fcberhaupt noch aufhalten kann. Haben wir vielleicht schon mit den weltweiten Datennetzen vor 30 Jahren (oder sp\u00e4tenstens vor 10 mit der Web2.0-Euphorie bzw. neuerdings mit dem faktischen Wegfall der Netzneutralit\u00e4t und der freiwilligen Massen\u00fcberwachung) den letzten Ausstieg verpasst? Oder ist der \u00dcbergang vom Menschen zur intelligenten Maschine gar kein Fehltritt, sondern schon von Anbeginn der Zeit angelegt (Da w\u00e4ren wir dann irgendwann bei den Gedanken aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matrix_Reloaded\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8222;Matrix Reloaded&#8220;<\/a>)? Irgendwann wird KI in ihrer Leistung den Menschen \u00fcbertrumpfen und immer mehr Aufgaben besser erledigen. Je mehr Daten wir dem System geben, desto besser kann es uns helfen und desto \u00fcberfl\u00fcssiger werden Menschen als Arbeiter oder sogar als Gesamtheit. Und am Ende steht die Frage (die Harari etwas zu schnell als veraltet abtut) nach der menschlichen Seele und der Rolle unseres Sch\u00f6pfers.<\/p>\n<p>Wenn ich davon ausgehe, dass die gesamte uns bekannte Existenz zu komplex ist als sie dem Zufall zuzuschreiben und es durchaus f\u00fcr mich glaubhaft ist, dass ein Sch\u00f6pfer den Ansto\u00df f\u00fcr evolution\u00e4re Entwicklungen gegeben hat, k\u00f6nnte er sogar auch durch unsere Sch\u00f6pferkraft weiter wirken. Ich denke da an den Film &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/The_13th_Floor_%E2%80%93_Bist_du_was_du_denkst%3F\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">The 13th floor<\/a>&#8220; (den ich medial fesselnder finde als die \u00e4ltere Umsetzung des Simulacron3-Stoffes in &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Welt_am_Draht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Welt am Draht<\/a>&#8222;) und die Frage nach der Virtualit\u00e4t unserer Realit\u00e4t, die schon <a href=\"http:\/\/german.lem.pl\/werke\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stanislaw Lem<\/a> (als &#8222;Phantomatik&#8220;) in den 1960ern aufgeworfen hat: Wenn wir eine perfekte Scheinwelt erschaffen k\u00f6nnen, deren Bewohner sich nicht bewusst sind, dass sie in einer Scheinwelt leben, werden wir auch an der Realit\u00e4t unserer Welt zweifeln m\u00fcssen. Sp\u00e4testens da kommen wir also an die Grenzen unseres Verstandes und erkennen, dass wir \u00fcber die gr\u00f6\u00dfere Realit\u00e4t rein garnichts sagen k\u00f6nnen und dort im Ungewissen in jedem Fall genug Platz f\u00fcr einen Sch\u00f6pfer unserer Realit\u00e4t bleibt. Mitunter ist es da hilfreich, sich an die biblischen Beschreibungen zu halten, in denen ein potentieller Sch\u00f6pfergott sich \u00fcber mehrere Jahrtausende vorstellt und ein ethisches Grundger\u00fcst aus Liebe und Vers\u00f6hnung aufbaut. Die sich daraus ergebende Basis der N\u00e4chstenliebe und des gn\u00e4digen Miteinanders ist mir zumindest deutlich sympatischer als ein ungez\u00fcgelt wachsender Kapitalismus (der unser \u00d6kosystem zum Kollabieren bringen wird) oder ein allm\u00e4chtiges staatliches oder kommerzielles Computersystem, was der (evolution\u00e4ren) Willk\u00fcr einzelner Menschen oder einem zentralen Algorithmus untersteht (vgl. das Cyberpunk-Computerspiel &#8222;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Technobabylon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Technobabylon<\/a>&#8220; dessen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/playlist?list=PL05P4Tv2oP42jPkIY5adolZ_aJT56sOzM\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Walkthrough<\/a> sich wie eine SciFi-Serie schaut).<\/p>\n<p>Einige spannende Aspekte der Religion von intelligenten Maschinen tauchen in der <a href=\"http:\/\/sites.arte.tv\/real-humans\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schwedischen ScienceFiction-Serie &#8222;Real Humans&#8220;<\/a> auf. Dort gibt es humanoide Roboter, die Menschen im Haushalt helfen. Neben Euphorie, Hass, Neid und Lust f\u00fchrt das zu juristischen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Spannungen. Au\u00dferdem existiert eine Gruppe von maschinellen Rebellen, die sich von den Menschen lossagen und eine eigene &#8222;Herde&#8220; formen. Schnell bilden sich auch dort skrupellose Anf\u00fchrer, Allmachtsphantasien aber auch Sehns\u00fcchte (z.B. nach Familie und Harmonie) und Emotionen (Streit, Neid, Aggression) heraus. Und ein &#8222;Hubot&#8220; f\u00e4ngt durch die Begegnung mit einer Pfarrerin sogar an, die Bibel zu lesen und m\u00f6chte an Gott glauben. Kann eine k\u00fcnstlich gebaute Maschine eine Seele haben? Kann ein nat\u00fcrlich geborener Replikant (bei BladeRunner2049) eine Seele haben? Kann ein Gott, der laut Bibel durch Tiere oder notfalls Steine sprechen kann nicht auch in Humanoiden wirken?<br \/>\nWie w\u00fcrden wir reagieren, wenn im Gottesdienst neben uns ein (intelligenter) Staubsauger (oder Siri\/Alexa\/Cortana\/&#8230;) sitzen w\u00fcrde, der f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, spirituell zu sein? In der Serie wird er von den gl\u00e4ubigen Menschen aus der Kirche geworfen. Wie wir mit unserer Sch\u00f6pfung umgehen zeigt sehr deutlich wie menschlich wir eigentlich sind.<\/p>\n<p>Wollen wir nur den Status Quo konservieren (egal ob religi\u00f6s, gesellschaftlich oder moralisch) oder schaffen wir es, wirklich fair und offen mit sich neu bildenden Lebensformen umzugehen? &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ghost_in_the_Shell_(2017)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ghost in the Shell<\/a>&#8220; (Original 1989, aktueller Kinofilm 2017) stellt die Frage, ob man die menschliche Psyche (meist \u00fcbersetzt als Geist, aber was ist mit der Seele?) in eine Maschine transferieren kann und ob das Ergebnis dann ein Mensch oder ein Roboter ist? Au\u00dferdem die Frage, wer dar\u00fcber entscheidet, wenn milit\u00e4rische (bei Bladerunner kommerzielle) Interessen dem menschlichen Gerechtigkeitsgef\u00fchl entgegenstehen. Wie viel Leben opfern wir, um besseres Leben zu erm\u00f6glichen und wem &#8222;geh\u00f6rt&#8220; dann dieses Leben?<\/p>\n<p>Wie wir mit intelligenten Maschinen umgehen und wie wir mit ihnen in friedlicher Koexistenz leben k\u00f6nnen, diskutieren Filme wie &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_200_Jahre_Mann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Der 200 Jahre Mann<\/a>&#8220; (ein autark lebender friedlicher Roboter optimiert sich selber, um immer menschlicher zu werden und offiziell als Mensch anerkannt zu werden) oder &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Terminator_(Film)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Terminator<\/a>&#8220; (Intelligente Kriegsger\u00e4te emanzipieren sich, um die Menschnheit zu vernichten) aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Wie man in den Wald schreit, so schallt es aus ihm heraus.\u00a0 Eventuell wird also die Intention mit der wir k\u00fcnstliche Systeme aufsetzen determinieren, wie diese sp\u00e4ter mit uns umgehen. Denn auch im Umgang mit Robotern lernen diese durch unser Vorbild (in i-robot versklavt der Zentralrechner die Menschheit, um uns vor uns selber zu sch\u00fctzen). Sind also die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robotergesetze\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">3(+1) Robotergesetze von Asimov<\/a> haltbar? M\u00fcssen wir einen expliziten Schutz menschlichen Lebens in Maschinen verankern, damit es nicht zum Vernichtungsschlag kommt? K\u00f6nnen wir Maschinen \u00fcberhaupt mit solchen fixen Regeln versehen? Oder m\u00fcssen wir Maschinen beibringen und vorleben, dass Fehler machen erlaubt ist und es garnicht um Perfektion, sondern um Gnade geht?<\/p>\n<p>Die zentrale Frage ist also: Worum geht es im Leben? Was ist unser h\u00f6chstes Ziel? Perfektion? Macht? Genu\u00df? Sch\u00f6nheit? Ewigkeit? Gemeischaft? Kollektives Wissen? Liebe und Gnade?<br \/>\nLasst uns von einer Gesellschaft tr\u00e4umen, in der alle (heutigen und zuk\u00fcnftigen) Lebensformen in guter Gemeinschaft miteinander leben k\u00f6nnen. Und lasst uns schon jetzt die Menschen sein, die daf\u00fcr n\u00f6tig sind: Weise Sch\u00f6pfer, dem\u00fctige Gesch\u00f6pfe und wohlwollende Mitmenschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Wochen habe ich mich aufgrund von Harari, RealHumans,\u00a0Bladerunner2049 und diversen Onlinetexten verst\u00e4rkt mit dem Thema der Ethik im Digitalen bzw. der Menschlichkeit von KI-Systemen oder allgemein ausgedr\u00fcckt mit Maschinenethik besch\u00e4ftigt. Das Thema fasziniert mich seit dem Studium und scheint jetzt langsam mainstreamtauglich zu werden. 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