{"id":460,"date":"2015-06-10T18:26:01","date_gmt":"2015-06-10T16:26:01","guid":{"rendered":"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=460"},"modified":"2023-07-04T20:41:28","modified_gmt":"2023-07-04T18:41:28","slug":"gespielte-religion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=460","title":{"rendered":"gespielte Religion"},"content":{"rendered":"<p>Heute habe ich dem MDR etwas \u00fcber Videospiele und Religion erz\u00e4hlt. Das nutze ich, um auch gleich einen Blogbeitrag dazu zu machen&#8230;<\/p>\n<p>Das Spiel kommt ja bekanntlich \u00fcber das Schauspiel und die Inszenierung urspr\u00fcnglich aus dem Ritus der Religion. Ein Priester, der mit Gott in Kontakt tritt verk\u00f6rpert \u00fcber seine normale Pers\u00f6nlichkeit hinaus etwas \u00fcber-menschliches. Und so wie der Fremde, nicht physisch aber doch real vorhandene Gott im Ritus erlebbar wird, entsteht auch im Alltagsspiel eine neue Dimension. In der kann man sich verlieren, kann aber auch \u00fcber sich hinaus wachsen. Egal ob beim klassischen Ballspiel, Kartenspiel, Schauspiel oder Onlinerollenspiel. Man taucht ein und erlebt ein Abenteuer. Dadurch lernt man und entwickelt Strategien, die auch nach dem Spiel noch abrufbar sind und helfen, das Leben zu meistern. So schulen viele Gruppenspiele das Sozialverhalten, den Teamgeist oder das logische zielorientierte Denken.<\/p>\n<p>Es gibt Browserspiele, die eigentlich ganz einfach gestrickt sind aber unglaublich fesselnd wirken. Man erlegt Mohrh\u00fchner, schie\u00dft gefrorenen Blasen an die Decke oder sortiert Bonbons nach ihrer Farbe. Oder man legt einen Gem\u00fcsegarten an, baut eine mittelalterliche Stadt, einen Ponyhof oder eine Sternenkolonie auf. Eigenverantwortlich, wie man es gerne m\u00f6chte! Das ist dann ein bisschen wie selber Gott sein und eine eigene Welt gestalten. Rohstoffe suchen, vermehren, investieren. Auf bunte Bilder klicken, mit Freunden tauschen, Belohnungen bekommen und in Ranglisten aufsteigen. Es wirkt ganz einfach und man muss ja auch &#8222;nur mal kurz&#8220; online gehen, um anzufangen. Ist man dann aktiv dabei, ist aber meist der ganze Tag vom Ablauf des Browserspieles gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Videospiele haben ganz \u00e4hnliche Strukturen. Durch die deutlich aufw\u00e4ndigere Grafik und Spielgestaltung entwickeln sie sogar oft eine noch gr\u00f6\u00dfere Sogwirkung. Man taucht tief in das Geschehen ein und ggf erst am n\u00e4chsten Morgen wieder auf.<\/p>\n<p>Ist das gut? Nat\u00fcrlich kann man die Hand-Augo-Koordination trainieren und Systemoptimierung lernen. Und man darf im Leben ja auch einfach mal Spa\u00df haben. Aber \u00fcberall da, wo der Alltag zu kurz kommt, weil das Spiel bestimmt, wann man Zeit hat, geht es zu weit.<\/p>\n<p>&#8222;Alles ist erlaubt, aber nichts soll dich gefangen nehmen&#8220; schreibt Paulus in der Bibel. Von daher m\u00f6chte ich Videospiele nicht verbieten, aber zu einem wachsamen Umgang damit aufrufen.<\/p>\n<p>World of Warcraft ist eines der beliebtesten Spiele. Man kann es alleine auf dem PC oder vernetzt mit vielen auch Online spielen und als Gruppe Aufgaben erledigen. Es gibt immer etwas zu tun und je mehr man schafft, desto erfolgreicher wird man. Das motiviert, sich oft einzuloggen und kann mitunter schon zu Abh\u00e4ngigkeiten f\u00fchren. Wer mehr Zeit investiert, steht im Spiel besser da, also muss man ja quasi jede freie Minute spielen, um mithalten zu k\u00f6nnen. Und gerade Menschen ohne soziales Netz k\u00f6nnen dem Sog dann nicht mehr widerstehen.<\/p>\n<p>Das physische Leben au\u00dferhalb des Computers ist nicht so einfach wie das Spiel. Wenns in der Schule nicht so l\u00e4uft, die Beziehung krieselt oder die Eltern Stress machen, findet man online schnellen Erfolg. Da sind Freunde, die einen f\u00fcr guten Einsatz loben und man kann sich selber Kompetenz antrainieren, um endlich auch mal gut zu sein. Dagegen ist es wenig hilfreich, wenn Eltern starre Regeln einf\u00fchren und Kinder auf 30min Computer am Tag oder \u00e4hnliches festlegen, ohne zu verstehen womit sich ihr Kind besch\u00e4ftigt. Es ist nicht schlimm, dass Kinder und Jugendliche online spielen; schlimm ist, wenn Eltern sich nicht daf\u00fcr interessieren, was ihre Kinder tun. Denn dann fehlt eine wichtige Instanz, um einen reflektierten Umgang mit dem Medium zu erlernen. Mitunter m\u00fcssen sich daf\u00fcr auch die Eltern erstmal weiterbilden, um ihren Kindern ein ernstzunehmendes Gegen\u00fcber zu sein und ihnen Wertsch\u00e4tzung entgegen zu bringen.<\/p>\n<p>Denn oft fehlt es jungen Menschen an positiven Erfahrungen und Erfolgserlebnissen. Wer offline kein Lob bekommt, fl\u00fcchtet leicht in Onlinewelten. Wer offline nichts erreicht, kann sich online eine zweite Identit\u00e4t aufbauen. Und wer sein Leben offline nicht im Griff hat, kann in der neuen Welt umso mehr durchstarten und sich ganz ausleben. ABER: Das Onlineleben ist keine Alternative zur Kohlenstoff-Realit\u00e4t. Der K\u00f6rper aus Fleisch und Blut muss ern\u00e4hrt und gepflegt werden. Die Wohnung muss gereinigt, Rechnugnen bezahlt und meist auch irgendeine berufliche Arbeit erledigt werden. Das kann kein Spiel ersetzen.<\/p>\n<p>Digitale Welten, auch die Hochglanzillusion vom Freundeskreis auf Facebook, Instagram und WhatsApp sind nur ein Abbild unserer Existenz. Es ist gut, wenn wir unsere Freunde auch online treffen, wenn wir mit ihnen chatten, Wissen &amp; Emotionen austauschen und spielen. Aber der Rahmen muss gekl\u00e4rt sein. Wer aus einer funktionierenden Offline-Realit\u00e4t in die Onlinewelt eintaucht, kann dort lernen, wachsen, Gutes weitergeben und als ganzheitlicher Mensch Erfahrungen sammeln. Aber wer als Fluchtreflex in die Online-Realit\u00e4t \u00fcbersiedelt, um sich vor der Offline-Verantwortung zu dr\u00fccken, der wird sich verlieren. Schnell dreht man sich im Hamsterrad aus dem es kein Entrinnen gibt, weil man ja sonst aussteigen m\u00fcsste und den Problemen ins Gesicht sehen. Und der erarbeitete Erfolg im Rollenspiel besteht nunmal nur aus virtuellen G\u00fctern, die man nicht behalten kann. Sobald der Server abgeschaltet wird, ist die Onlinewelt Vergangenheit. Ein bisschen wie sterben. Daher ist es gut, wenn man sich neben dem zerstreuenden Spiel am Feierabend auch mit metaphysischen Fragen auseinandersetzt. Was gibt mir Halt, was pr\u00e4gt mich, wen pr\u00e4ge ich, wie will ich mein Leben und meine Umwelt gestalten? F\u00fcr welche h\u00f6here Realit\u00e4t lerne ich im Lebens-Spiel hier auf Erden? Die Religion bietet Halt &#8211; auch \u00fcber den Tod hinaus. In der Bibel begegnen wir einem Gott, der uns zu kreativen Gesch\u00f6pfen macht und will, dass wir die Erde bewahren und gestalten. Also lasst uns raus gehen und das tun. Und mit der gleichen Kreativit\u00e4t lasst uns auch Computerwelten gestalten und mit Menschen interagieren, die wir online treffen. Als g\u00f6ttlich beauftragte Baumeister, nicht als Sklaven unserer Triebe oder irgendeiner Marketingstrategie. Denn am Ende sind wir doch alle nur &#8222;Priester&#8220;, die Rituale vollziehen und versuchen, sich dem Unbekannten zu n\u00e4hern. Und solange uns diese Rituale nicht abh\u00e4ngig machen, sondern freisetzen, helfen sie uns, das Leben zu gestalten.<br \/>\nUnd wenn wir auf Menschen treffen, die sich immer mehr zur\u00fcckziehen und in Onlinewelten abtauchen, ist es gut, sie ernst zu nehmen, hinter die Fassade zu schauen und sie wieder f\u00fcr unsere Welt zu gewinnen. Z.B. indem wir ihnen Halt und Freundschaft schenken. Denn wer einen Grund findet, in der &#8222;RealWorld&#8220; zu spielen, wird entdecken, dass die Grafik und die Sensorik noch viel faszinierender sind. Die Level sind manchmal recht knifflig und die Mitspieler eigenwillig. Aber es verspricht ein lebenslanges Abenteuer zu werden, wenn man sich darauf einl\u00e4sst, den menschlichen Charakter hochlevelt &#8211; also weiterentwickelt &#8211; und genauso engagiert dabei ist, wie online.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute habe ich dem MDR etwas \u00fcber Videospiele und Religion erz\u00e4hlt. Das nutze ich, um auch gleich einen Blogbeitrag dazu zu machen&#8230; Das Spiel kommt ja bekanntlich \u00fcber das Schauspiel und die Inszenierung urspr\u00fcnglich aus dem Ritus der Religion. Ein Priester, der mit Gott in Kontakt tritt verk\u00f6rpert \u00fcber seine normale Pers\u00f6nlichkeit hinaus etwas \u00fcber-menschliches. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1402,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,7,3,5],"tags":[124,120,26,122,62,123,121],"class_list":["post-460","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kreatives","category-nerdiges","category-social-media","category-theologie","tag-bibel","tag-computer","tag-gamification","tag-gaming","tag-kirche","tag-religion","tag-spiel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/460","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=460"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/460\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1401,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/460\/revisions\/1401"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1402"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=460"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=460"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=460"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}