{"id":220,"date":"2014-09-01T22:18:43","date_gmt":"2014-09-01T20:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=220"},"modified":"2021-12-17T19:50:11","modified_gmt":"2021-12-17T17:50:11","slug":"frueher-war-facebook-eine-retrospektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=220","title":{"rendered":"Fr\u00fcher war Facebook &#8211; Eine Retrospektive"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.tec-pool.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(Urspr\u00fcnglich erschienen in TEC 1\/2014)<\/a><\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 2050. Nach den globalen Bildungsstandards werden Grundsch\u00fcler weltweit einheitlich bereits ab 4 Jahren in intuitiver Programmierung, Web-Design und den modularen Systemen der sogenannten \u201eDigi-Pulte\u201c geschult. Nat\u00fcrlich zweisprachig auf Englisch und Chinesisch. In den kulturell hochstehenden Provinzen wird in weiterf\u00fchrenden Klassen zus\u00e4tzlich zum \u00fcblichen Lernstoff immer noch ein historisches Themengebiet wie \u201eSchreiben mit der Hand\u201c, \u201ebildschirmlose B\u00fccher\u201c oder \u201eakustische Musikinstrumente\u201c gelehrt, um zu einem besseren Verst\u00e4ndnis zwischen den Generation beizutragen. F\u00fcr die \u00e4lteren Mitb\u00fcrger, die vor der digitalen Wende aufgewachsen sind, waren diese aufw\u00e4ndigen \u00dcbungen damals normaler Alltag. So demonstriert die 75 j\u00e4hrige Lehrerin mit faszinierender Konzentration, wie sie in einem B\u00fccher-Raum v\u00f6llig ohne die Hilfe eines Digi-Pultes eine geforderte Information finden kann. Zwar braucht sie f\u00fcr die Aufgabe, die ihre Sch\u00fcler am Digi-Pult in wenigen Sekunden erledigt haben, fast 10 min, aber begeistert von der historischen Auff\u00fchrung sind die Kinder dennoch und verlinken die interaktive Lehreinheit mit ihrem pers\u00f6nlichen Wissensspeicher.<\/p>\n<p>Die Sch\u00fcler scannen die archaischen Exponate wie papierbasierte Terminverwaltung und stromlose Bildergalerien und vernetzen die pers\u00f6nlich gelernten Informationen mit denen der zentralen Wissensdatenbank. So k\u00f6nnen sie bei sp\u00e4teren Fragestellungen zu diesen Themen auf beides zugreifen. Die Lehrerin legt Wert darauf, dass die Sch\u00fcler nicht nur die zentrale Datenbank f\u00fcr semantische Suchanfragen nutzen, sondern eigene Lernerfahrungen aus ihrem pers\u00f6nlichen und selbst verwalteten Wissensspeicher damit verkn\u00fcpfen. Auch wenn die Lehrerin aufgrund der Pers\u00f6nlichkeitsrechte diese Datenbank nicht einsehen kann, freut sie sich, wenn regelm\u00e4\u00dfig das Volumen der Datenbasis steigt und f\u00fcr die Heranwachsenden somit individuelle Erfahrungen als Gegenpol zum allgemeinen Wissen bereit stehen.<\/p>\n<p>Aus dem zentralen Info-Pool und den pers\u00f6nlichen Informationsspeichern seiner Eltern und Gro\u00dfeltern hat ein Sch\u00fcler ein Referat vorbereitet, mit dem er seiner Klasse Informationen \u00fcber fr\u00fche soziale Netzwerke weitergibt. Er redet von Freundschaftsb\u00fcchern, in denen man mit Stiften seine Hobbies und Vorlieben eintrug, von Papierlisten mit Kontaktinformationen und der langen Suche nach Telefonnummern oder Adressen, wenn ein Kontakt umgezogen war. Seine Mutter &#8211; so sagt er &#8211; habe seinen Vater dann aber in einer dieser ersten Internetportale kennen gelernt. <em>\u201eFacebook?\u201c<\/em> fragt ein Mitsch\u00fcler. <em>\u201eNein, noch \u00e4lter und auf ein Land beschr\u00e4nkt.\u201c<\/em> Sp\u00e4ter seien sie dann aber zu Facebook gewechselt, weil sie nach dem Umzug vieler Freunde auch international in Kontakt bleiben wollten. Und da sei Facebook dann die erste M\u00f6glichkeit gewesen, trotz r\u00e4umlicher Entfernung eine emotionale N\u00e4he zu sp\u00fcren. Dabei waren es anfangs lediglich Texte, Fotos und Videos, die man austauschen konnte. Und doch f\u00fchlte man die Verbundenheit, konnte mit alten Kontakten in Verbindung bleiben und \u00fcber gemeinsame Schnittmengen neue Kontakte finden. <em>\u201eDas ist doch klar, das macht doch jeder schon im Kindergarten!\u201c<\/em> wirft ein anderer ein. Aber das sei wohl erst eine recht junge Entwicklung f\u00e4hrt der Referatssch\u00fcler fort. Fr\u00fcher sei noch eine Altersbeschr\u00e4nkung eingebaut gewesen, um Kinder unter 13 zu sch\u00fctzen, weil sie in der Schule noch keine vollst\u00e4ndige Medienkompetenzschulung gehabt h\u00e4tten. Und das neue Facebook sei auch vielen Erwachsenen nicht ganz geheuer gewesen, weil sie wohl viel zu viel Zeit gebraucht h\u00e4tten, um dort an Informationen zu kommen und ihre regul\u00e4re Arbeit vernachl\u00e4ssigt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der Sch\u00fcler stellt dar, wie seine Gro\u00dfeltern sich damals gestritten hatten, ob die Vorteile der freien Meinungs\u00e4u\u00dferung wichtig w\u00e4ren oder die damaligen Sicherheitsbedenken einen Boykott rechtfertigten. Oma hatte wohl immer schon gerne viel \u00fcber sich erz\u00e4hlt und so eine Art pers\u00f6nliche Erg\u00e4nzungsdatenbank angelegt und Opa hatte sie daf\u00fcr getadelt, weil es noch keinerlei Datenschutz f\u00fcr die sensiblen Daten ihrer eigenen Erfahrungen gegeben hatte. Regierungen, Firmen und Hacker konnten ungehindert alle Aktionen mitlesen und auswerten. Erst die pers\u00f6nlichen Serverkonzepte aufgrund der fr\u00fchen Diaspora-Netzwerke mit dezentraler Datenbasis h\u00e4tten es m\u00f6glich gemacht, pers\u00f6nliche Daten vor dem Zugriff von au\u00dfen zu sch\u00fctzen und damit letztlich zum Durchbruch der Vernetzten Anwendungen bei weiten Teilen der Gesellschaft beigetragen. Vorher seien meist die Betreiber aus finanziellen Interessen an den pers\u00f6nlichen Daten interessiert gewesen. <em>\u201eDa gab es auch noch keine allgemeine Netzsteuer, um die Infrastruktur ohne Werbung und Datenhandel zu finanzieren&#8230;\u201c<\/em> wirft ein Naseweis ein. <em>\u201eUnd es war ein langer Weg, bis alle B\u00fcrger eingesehen haben, warum das sinnvoll ist.\u201c<\/em> kontert der Referent. Aber laut seiner Eltern w\u00e4re erst durch diese globale, staats- und firmenunabh\u00e4ngige Infrastruktur ein wirklich freies Internet m\u00f6glich gewesen. Das sei dann das Ende von Facebook und den damit verbundenen gro\u00dfen Firmen gewesen, die ihr Geld mit den Daten der Nutzer verdienten und innerhalb weniger Jahre habe sich als Nachfolger des freien Wikipedia-Ansatzes die zentrale Wissensdatenbank gebildet. Damals war wohl der Werbeslogan: \u201eGlobales Wissen zentral speichern, pers\u00f6nliche Erfahrung selbst zuordnen.\u201c Und so sei das Konzept, dass pers\u00f6nliche Informationen, Erfahrungen und Deutungen in eigenen Web-Servern vom Nutzer selbst verwaltet werden letztlich nur durch die Datenskandale der jungen Netzwerke aufgekommen. <em>\u201eAlso muss man Facebook danken, dass sie damals die Daten unserer Gro\u00dfeltern verkauft und durch dubiose Spiele S\u00fcchte und Finanzprobleme ausgel\u00f6st haben?\u201c<\/em> wird er ein letztes Mal unterbrochen und kann dem Einwurf prinzipiell zustimmen. Nat\u00fcrlich w\u00e4re das damals nicht in Ordnung gewesen, aber nur durch den globalen Skandal, dass Firmen und sogar der Staat die Daten der Nutzer ausspioniert und missbraucht haben, sei das Bewusstsein f\u00fcr den Wert pers\u00f6nlicher Information entstanden, was heute jedem Kind beigebracht wird. Allerdings seien die Schritte vom Skandal zur Eigenst\u00e4ndigkeit kein leichter Weg gewesen. Viel komfortabler sei es gewesen, einem Netzwerk naiv zu vertrauen als selber \u00fcber die Art der Datenspeicherung Bescheid zu wissen. <em>\u201eUnd ein eigener Webserver war damals immerhin so etwas besonderes, wie ein privates Flugmobil heute.\u201c<\/em> erg\u00e4nzt die Lehrerin. Und sie muss es wissen. Schlie\u00dflich hatte sie damals die ersten statischen Internetseiten, den Wandel zu nutzerorientierten Web-2.0-Anwendungen, die Einf\u00fchrung der semantischen Suchfunktionen des Web3 und die Revolution hin zu pers\u00f6nlicher Datenspeicherung selber miterlebt. Welche Rolle sie im Kampf gegen die staatliche Kontrolle aller Netzdaten gespielt hatte, dar\u00fcber m\u00f6chte sie nicht reden. Aber sie schaut so geheimnisvoll, dass den Sch\u00fclern klar ist, dass in ihrem privaten Erfahrungsspeicher sicher einige brisante Informationen lagern. Und wieder einmal sind sie froh, dass sich das kommerziell orientierte Internet der Jahrtausendwende in ein tats\u00e4chlich freies Informationsnetz mit zentraler Wissensdatenbank und dezentral gespeicherten Nutzerdatenbanken gewandelt hat. Gerne zahlen sie f\u00fcr diese Infrastruktur einen kleinen Beitrag und sind daf\u00fcr sicher, ihre eigene Meinung auch online vernetzt mit den weltweiten Freunden teilen zu k\u00f6nnen, ohne dass sie daf\u00fcr vom System gesperrt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Urspr\u00fcnglich erschienen in TEC 1\/2014) Wir schreiben das Jahr 2050. 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