{"id":1589,"date":"2024-07-03T13:27:23","date_gmt":"2024-07-03T11:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1589"},"modified":"2024-07-03T13:27:23","modified_gmt":"2024-07-03T11:27:23","slug":"wie-politisch-kann-ein-roman-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1589","title":{"rendered":"Wie politisch kann ein Roman sein?"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Rezension zu Marc Uwe Kling: &#8222;Views&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sensibler Inhalt. Dieses H\u00f6rbuch enth\u00e4lt Inhalte, die manche Menschen als verst\u00f6rend empfinden k\u00f6nnten!&#8220; steht gut lesbar auf dem Cover. Und das ist nicht nur als Triggerwarnung gemeint, sondern setzt gleichzeitig Thema und Problemstellung des Thrillers, den Marc Uwe Kling als Weiterf\u00fchrung der Qualityland-Gedanken vorlegt. Diesmal nicht in eine fiktionale Zukunft projiziert und keine Comedy, sondern ernsthafte und verst\u00f6rend ehrliche Gesellschaftskritik, die im realen Deutschland 2024\/25 spielen k\u00f6nnte\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas Schlimmes ist passiert. Wir alle haben das Video gesehen! SocialMedia verbreiten nicht nur Freude, Katzenvideos und Memes, sondern auch Hass, Propaganda und Grausamkeiten. Wo Journalistenethik etablierte TV Sender noch zu zur\u00fcckhaltenden Bildern angehalten hat und regulierte Boulevardmedien zumindest verpixeln und entsch\u00e4rfen mussten, k\u00f6nnen Onlinenetzwerke ungefilterte Grausamkeiten senden. An jede Person, die es sehen m\u00f6chte oder nicht schnell genug weiter geklickt hat.<br>Was macht das mit der Gesellschaft? Wo bilden wir uns ein Urteil aufgrund eines (rei\u00dferischen) Clips, ohne gepr\u00fcft zu haben, was dahinter steht? Was darf unsere Meinung bilden? Unsere Ethik? Unsere Moral? Und wo setzen wir Grenzen, was wir sehen wollen, was wir teilen und \u00f6ffentlich machen?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Buch geht es um eine Polizistin, die eine Entf\u00fchrung\/Vergewaltigung\/Mord aufkl\u00e4ren soll. Anfangs hofft man noch das Beste, aber schon bald wird deutlich, dass der urspr\u00fcngliche Fall (grausam genug) gar nicht das Schlimmste ist, sondern der hasserf\u00fcllte Umgang der Gesellschaft zwischen Vorverurteilung, Lynch-Justiz und offener Revolte. Und die dramatische Zuspitzung scheint leider nicht aus der Luft gegriffen\u2026<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code\"><code>*Spoileralarm: ab hier nehme ich das Ende vorweg *<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p>Wenn sich im letzten Drittel andeutet, dass das urspr\u00fcngliche Vergewaltigungsvideo vielleicht nur ein (gut gemachter) Fake war, kommt ein wenig Hoffnung auf. Aber die gesellschaftliche Stimmung ist mittlerweile so vergiftet, dass niemand mehr Fakten glaubt, die nicht die eigene Meinung st\u00fctzen. Und Emotionen lassen sich nicht durch rationale Argumente einfangen. Final sind also mehrere tats\u00e4chliche Morde, Vergewaltigungen, Verleumdungen und gewaltsame Proteste die Folge einer nie geschehenen Gewalttat. Der Ausl\u00f6ser ist egal, das Ventil hat angestaute Agressionen freigesetzt. Ohne R\u00fccksicht auf Verluste.<br>Und wenn final herauskommt, dass das Video von einer KI erstellt wurde, die einfach nur programmiert war, m\u00f6glichst viele Onlinewerbeeinnahmen zu generieren, wird klar, wie perfide Onlinemarketing, Automatisierung und scheinbare maschinelle &#8222;Intelligenz&#8220; ineinander greifen k\u00f6nnen. Ein Entwickler hat sich durch einen Video-Erstellungsbot finanziell unabh\u00e4ngig gemacht und lebt von den Werbeeinnahmen vor (k\u00fcnstlich generierten) s\u00fc\u00dfen Tiervideos. Aber schnell hat die KI errechnet, dass ein Skandalvideo und fingierte Reaktionen darauf die Einnahmen verfielfachen w\u00fcrden. Der gesamte mediale Hintergrund zum Skandal war also nur fingiert, die Trittbrettfahrer und Opfer waren Collateral Damage und der Auftraggeber schon seit Wochen durch einen Unfall gestorben (vermutlich wirklich ohne Fremdeinwirkung). <\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem auf das der Roman hinweist, ist also fehlgeleitete Technik, die Befehle abarbeitet und kreativ weiter optimiert, ohne gesellschaftliche Folgen einzubeziehen. Und das noch gr\u00f6\u00dfere Problem sind Menschen, die mit ihrem Leben frustriert sind, die ihre Unzufriedenheit, ihren Neid und ihren Hass aber nicht therapeutisch verarbeiten, sondern populistisch laufen lassen. Hier zeigt der Roman auf, was viele Menschen tats\u00e4chlich erleben. Wenn die gro\u00dfe Gesellschaft entt\u00e4uscht, sucht man sich eine kleine Gruppe, die Best\u00e4tigung und Zusammenhalt bietet. Und wenn man Politikversagen auf allen Ebenen beobachtet, nimmt man die Sache selbst in die Hand.<br>So falsch das auch ist, kann ich verstehen, dass Menschen in den \u00f6stlichen Teilen Deutschlands sich oft nicht gesehen und gewertsch\u00e4tzt f\u00fchlen. Und bevor Fakevideos, TikTok-Propaganda und rechte Hetze uns entzweien, sollten wir dringend miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen, Entt\u00e4uschungen aussprechen, Frust anerkennen und produktive L\u00f6sungen suchen, wie wir Hass und Gewalt echte Annahme, Integration, Wertsch\u00e4tzung und Zukunftshoffnung entgegensetzen k\u00f6nnen, um tats\u00e4chlich zu EINER Gesellschaft in einem GEMEINSAMEN Land zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder ist es daf\u00fcr schon zu sp\u00e4t?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Rezension zu Marc Uwe Kling: &#8222;Views&#8220; &#8222;Sensibler Inhalt. 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