{"id":1483,"date":"2023-08-25T17:11:58","date_gmt":"2023-08-25T15:11:58","guid":{"rendered":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1483"},"modified":"2023-08-25T17:11:59","modified_gmt":"2023-08-25T15:11:59","slug":"paradise-arcadia-interstellar-cloudatlas-wie-aktuelle-filme-sich-das-paradies-vorstellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1483","title":{"rendered":"Paradise &#038; Arcadia (&#038; Interstellar &#038; Cloudatlas) &#8211; Wie aktuelle Filme sich das Paradies vorstellen"},"content":{"rendered":"\n<p>In der letzten Woche habe ich mich zuf\u00e4llig mit vier filmischen &#8222;Paradiesvorstellungen&#8220; besch\u00e4ftigt, die eigentlich gar keine sind. Spannend, dass religi\u00f6ses Vokabular einer (vergangenen) perfekten Welt genutzt wird, um (zuk\u00fcnftige) Horror-Welten zu zeigen. Ein Sch\u00f6pfergott bleibt dabei weitestgehend au\u00dfen vor. Viel mehr geht es um menschliche Abgr\u00fcnde und innerweltliche &#8222;Erl\u00f6sungsw\u00fcnsche&#8220;, &#8222;Opfer&#8220; und &#8222;Versuchungen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<pre class=\"wp-block-code\"><code><em>SPOILERWARNUNG: Bei den beiden aktuellen Produktionen gehe ich grob auf den Inhalt ein, ohne Spannung zu zerst\u00f6ren. Bei den beiden 10 Jahre alte Werken gehe ich davon aus, dass sie bekannt sind und spoilere ohne schlechtes Gewissen\u2026<\/em><\/code><\/pre>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als erstes ist mir der deutsche Netflix-Erfolgsfilm<strong> &#8222;Paradise&#8220; (2023)<\/strong> aufgefallen. Hier geht es in einer hochtechnologischen Zukunft ganz konkret um den Baum des Lebens und die Frage, wie (wichtige) Menschen den Tod besiegen und ewig leben k\u00f6nnen, indem andere Menschen ihnen Lebenszeit spenden. Ein wenig wie die Zeitzigaretten bei Momo, aber in Hightech.<br>Dabei kommen nat\u00fcrlich ethische Fragen auf: Wie viel Geld ist ein gespendetes Jahr Lebenszeit wert? Wie freiwillig ist eine Spende, wenn ich nur dadurch meiner Familie ein Auskommen sichern oder einen Kredit abbezahlen kann? Kann man Menschenleben gegeneinander aufwiegen? Sollte man Nutznie\u00dfer eines ungerechten Systems werden oder muss man nicht viel mehr das gesamte System boykottieren und f\u00fcr echte, nat\u00fcrliche Menschlichkeit eintreten? Spannende Fragen, die der Film stellt.<br>Adam und Eva tauchen auf, Lillit (der Legende nach eine erste Frau Adams) und so einige Versuchungen (die ich nicht n\u00e4her spoilern will). Aber der wirklich transzendente Gedanke von einem Leben nach dem irdischen Tod wird komplett ausgeblendet. Nur wenn mit dem Tod alles aus ist, macht es ja Sinn, so sehr am irdischen Leben zu h\u00e4ngen und alle Erf\u00fcllung im Hier und Jetzt zu finden. Wenn man der Kirche oft &#8222;Jenseitsvertr\u00f6stung&#8220; vorgeworfen hat, w\u00fcrde ich hier &#8222;Jenseitsvergessenheit&#8220; anprangern und mir zumindest die Alternative Denkrichtung w\u00fcnschen, die Zeit auf der Erde in ihrer Begrenztheit zu nutzen und durch eigenes Handeln eine bessere Zukunft f\u00fcr alle zu erm\u00f6glichen. &#8222;Spende Lebenszeit, um schneller im Paradies zu sein&#8220; w\u00e4re sicherlich keine ethisch vertretbare Paradise-Religion. Aber die Freiheit vom eigenen Ego zugunsten von anderen Menschen wird vom Film als eine m\u00f6gliche Antwort angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf den Untergang unserer Zivilisation ist die ARD-Coproduktion <strong>&#8222;Arcadia&#8220; (2023)<\/strong> einen Schritt weiter. Sie spielt im postapokalyptischen Holland, wo &#8222;nach der gro\u00dfen Flut&#8220; eine ummauerte Stadt der Gl\u00fcckseligen entstanden ist. An in China bereits reale SocialScoring-Mechanismen ankn\u00fcpfend wird eine Familie in einer vollst\u00e4ndig \u00fcberwachten Welt portraitiert. F\u00fcr gute Taten steigt der pers\u00f6nliche Score, f\u00fcr Fehltritte sinkt er. Und je nach Punktestand bekommt man bessere Wohnungen, Jobs oder Lebensmittel. Unter einem gewissen Level wird man sogar ausgewiesen und in der Wildnis au\u00dferhalb sich selbt \u00fcberlassen.<br>Ist Arcadia ein Paradies und der Score die Versuchung? Sind die Grenz-W\u00e4chter in der Serie der Kerubim mit dem Feuerschwert, der im biblischen Bericht den ausgewiesenen Menschen den Weg zur\u00fcck verwehrt? In der Serie wird deutlich, dass die voll\u00fcberwachte Zwangsgemeinschaft eher die H\u00f6lle ist und zu Neid, Angst, Misstrauen, Verleumdung und Vetternwirtschaft auf allen Ebenen f\u00fchrt. Also wird auch hier letztlich hinterfragt, ob ein Paradies denkbar ist, solange Menschen sich frei entscheiden und Machthabende ihren eigenen Vorteil durchdr\u00fccken k\u00f6nnen. Aber ein \u00fcbergeordneter Sch\u00f6pfergott kommt auch hier nicht vor. Zwar gibt es eine &#8222;H\u00fcterin&#8220;, die gott\u00e4hnlich \u00fcber allem thront, aber ob sie liebevoll und gerecht ist bzw. welche ihrer engsten Untergebenen wirklich f\u00fcr das Gute eintreten bleibt bis zur letzten Folge offen (und soll deshalb hier nicht gespoilert werden). Zumindest scheinen die gefallenen Engel filmisch spannender zu sein als die Gutmenschen, die brav nach den Regeln spielen. Positiv ist aber anzumerken, dass die Charaktere in den 8 Folgen der ersten Staffel vielschichtig gezeichnet werden und so unterschiedliche gesellschaftliche Fragen abbilden. Klassischer Rassismus, Ableismus oder Neid werden mir eine spur zu platt gezeigt, aber so wird zumindest \u00fcberdeutlich zu welchen Folgen der Claim &#8222;Du bekommst, was du verdienst&#8220; f\u00fchren wird. Ein gn\u00e4diger Gott, der sagt, wir bekommen eben nicht, was wir verdienen, sondern eine zweite Chance aus Gnade, w\u00e4re die christliche Antwort auf diese Serie (2. Staffel in Planung).<\/p>\n\n\n\n<p>Schon etwas \u00e4lter aber zum Thema auch passend versucht <strong>&#8222;Interstellar&#8220; (2014)<\/strong> den Einfluss von \u00fcberdimentionalen Wesen auf unsere Realit\u00e4t zu beleuchten. Auch hier ist die Erde am kollabieren und es geht um das \u00dcberleben der Spezies (neben der typisch schmalzigen Hollywood-Vater-Kind-Trag\u00f6die). Au\u00dferdem geht es um die Frage: Gibt es Gott, Geister oder andere M\u00e4chte, die wir zwar nicht sehen oder beweisen k\u00f6nnen, aber die versuchen, mit uns zu kommunizieren? K\u00f6nnen manche Menschen diese Nachrichten besonders gut verstehen oder haben eine offeneren Geist f\u00fcr sie? Im Film ist es die Tochter eines Piloten, die Zeichen im Staub entdeckt und ihr Vater, der sie strenge Logik und Analyse lehrt, bevor er zu einer interstellaren Weltraumreise aufbricht. Dass er <em>(ACHTUNG: SPOILER!)<\/em> letzlich durch ein Wurmloch in eine fremde Dimension springt und von dort aus in einer Art Dimensionskubus unabh\u00e4ngig von Raum und Zeit mit seiner Tochter kommunizieren kann, ist nach langatmigen Weltraum-Abenteuersequenzen ein interessanter Twist am Ende. So kann man sich zumindest vorstellen, wie gott\u00e4hnliche Wesen in die irdische Realit\u00e4t hineinwirken k\u00f6nnen ohne in ihr verhaftet zu sein. Am Ende des Filmes scheint ein neuer Paradiesgarten gefunden und die Menschheit wieder in Einheit mit den h\u00f6heren Wesen zu leben. Jedoch gibt der Film auch die traurige Perspektive, dass es keine G\u00f6tter sind, sondern wir selbst zu den h\u00f6heren Wesen werden, die unseren vergangenen Versionen dann aus der Zukunft gute Ratschl\u00e4ge geben. Eine Diskussion \u00fcber einen urspr\u00fcnglichen Sch\u00f6pfergott, der das System etabliert oder erm\u00f6glicht hat, bleibt aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Als vierten Film habe ich letzte Woche mal wieder<strong> &#8222;Cloudatlas&#8220; (2012)<\/strong> gesehen. In einem epischen Mashup zeigt der Film den ewigen Kreislauf von Liebe, Hass und Mitmenschlichkeit vom Mittelalter durch Neuzeit, Moderne, Postmoderne, Zukunft bis in eine postapokalyptische Welt, die eher wieder einer Steinzeitrealit\u00e4t \u00e4hnelt <em>(Auch hier: Spoiler ahead!)<\/em>. In dieser letzten Stufe beten die Menschen zu einer G\u00f6ttin der alten Zeit, um die sich ein breiter Mythos rankt bis man herausfindet, dass sie eine unterdr\u00fcckte Restaurantbedienung unserer Zukunft war, die durch eine Video\u00fcbertragung des Wiederstandes quasi zum viralen Medien-Star einer ganzen Generation wurde bis um sie herum heilige Texte, ethische Verhaltensweisen und schlie\u00dflich eine ganze Religion entstand. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck entdeckt man, dass die Hauptcharaktere aller Zeitalter den Kampf zwischen Hass\/Neid\/Unterdr\u00fcckung und Liebe\/Verbundenheit\/Unterst\u00fctzung repr\u00e4sentieren und sich dieser Kampf zwischen Gut und B\u00f6se durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht bis die Menschheit auf einem neuen Planeten einen neuen Paradiesgarten bev\u00f6lkert und scheinbar in Eintracht die alten Geschichten als Erinnerung weitergibt, wo wir herkommen. Das baut schon sehr nah auf der biblischen Paradieserz\u00e4hlung auf: Der Mensch ist f\u00fcr die positive liebevolle Gemeinschaft mit Gott geschaffen (Adam &amp; Eva), hat sich aber f\u00fcr Egoismus und Kampf (S\u00fcndenfall, Kain &amp; Abel) entschieden und trachtet seitdem nach Anerkennung und pers\u00f6nlichem Vorteil (Noahs Zeit, Sodom &amp; Gomorra, Jakob &amp; Esau, Josephs Br\u00fcder etc.). Und am Ende der Bibel endet die Menschheitsgeschichte auch mit einer Neusch\u00f6pfung und dem himmlischen Jerusalem als friedlichem Ziel unserer Reise. Im Film wird es als eine Art Seelenwanderung dargestellt, dass die gleichen Charaktere immer wieder geboren werden und sich an vergangene Zeiten erinnern k\u00f6nnen. &#8222;Es gibt nichts neues unter der Sonne&#8220; formuliert der biblische Weisheitsprediger die Erkenntnis, dass sich bestimmte Ph\u00e4nomene \u00fcber alle Zeiten wiederholen. Sind unsere Wege, Entscheidungen und Charaktereigenschaften also vorherbestimmt und festgelegt? Sind wir nur Interpreteure des gro\u00dfen Drehbuches zwischen dem Garten Eden und dem zuk\u00fcnftigen Paradies? Oder haben wir einen freien Willen und k\u00f6nnen aktiv entscheiden, ob bzw. auf welchen Wegen wir dort ankommen.<br>Vermutlich werden wir das auf Erden nie genau wissen, aber die Hoffnung, selbst etwas zu einer besseren Zukunft beitragen zu k\u00f6nnen im Vertrauen, dass Gott es am Ende alles gut machen wird, tr\u00e4gt mich auch durch schwere und unverst\u00e4ndliche Situationen.<\/p>\n\n\n\n<p>In sofern freue ich mich \u00fcber diese Neuentdeckung der ganz unterschiedlichen Paradiesvorstellungen in Literatur und Filmkunst und die M\u00f6glichkeit, als Medientheologe geistliche Bez\u00fcge herstellen zu k\u00f6nnen. Hast du \u00e4hnliche oder ganz andere Gedanken? Lass uns gerne mal ins Gespr\u00e4ch kommen &#8211; Mit einem Drink im Wohnzimmer, bei einem nerdigen SciFi-Theologie-Workshop oder im wissenschaftlichen Austausch. Ich bin gespannt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche habe ich mich zuf\u00e4llig mit vier filmischen &#8222;Paradiesvorstellungen&#8220; besch\u00e4ftigt, die eigentlich gar keine sind. Spannend, dass religi\u00f6ses Vokabular einer (vergangenen) perfekten Welt genutzt wird, um (zuk\u00fcnftige) Horror-Welten zu zeigen. Ein Sch\u00f6pfergott bleibt dabei weitestgehend au\u00dfen vor. Viel mehr geht es um menschliche Abgr\u00fcnde und innerweltliche &#8222;Erl\u00f6sungsw\u00fcnsche&#8220;, &#8222;Opfer&#8220; und &#8222;Versuchungen&#8220;. 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