{"id":1106,"date":"2022-12-23T01:15:10","date_gmt":"2022-12-22T23:15:10","guid":{"rendered":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1106"},"modified":"2022-12-23T01:15:10","modified_gmt":"2022-12-22T23:15:10","slug":"bin-ich-handysuechtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medientheologe.de\/cms\/?p=1106","title":{"rendered":"Bin ich Handys\u00fcchtig?"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich bin seit 24 Jahren mit einem Mobiltelefon aufgewachsen. Das merke ich , weil mein Handy letzte Woche kaputt gegangen ist. Erst ging es nicht richtig, dann quasi gar nicht mehr und vor Weihnachten ist keine Reaparatur mehr zu machen. Ich musste mich also damit auseinandersetzen, ca. 2 Wochen lang auf die gewohnten Apps und Featues verzichten zu m\u00fcssen. Noch vor 2 Jahren h\u00e4tte ich das vermutlich als sportlichen Anreiz zum digital detox genommen. Doch mitlerweile merke ich, dass ich das nicht mehr will. Ich will, ein funktionierendes Device haben. Es ist ein Teil von mir geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus k\u00f6nnte man schlie\u00dfen, dass ich Handys\u00fcchtig bin und dringend eine Entziehungskur brauche. Aber ich glaube, es ist etwas anderes. Ich bin nicht s\u00fcchtig, ich bin abh\u00e4ngig! Das klingt zwar \u00e4hnlich ist aber etwas ganz anderes!<br>Eine Sucht zieht mich in ihren Bann, bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun m\u00f6chte. Wenn ich CandyCrush spiele und nicht wie geplant nach einem Level afh\u00f6re, sondern erst nach 2h und auch nur, weil der Akkus leer ist, dann ist das eine Form der Sucht. Wenn ich mich durch InApp-K\u00e4ufe verschulde, wenn ich st\u00e4ndig pr\u00fcfe, ob ich neue Likes in SocialMedia habe oder ob jemand meinen Artikel kommentiert hat, und daran mein Leben ausrichte, dann kann man von Sucht reden. Aber bei meiner Handynutzung sehe ich es (zumindest das Grundproblem) anders. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin abh\u00e4ngig von dem Ger\u00e4t auf dem ich ca. 50 n\u00fctzliche Tools installiert habe, dir mir helfen, den Alltag zu strukturieren! Und damit meine ich nicht die von Haus aus vorhandene Taschenlampe, Wecker und Fotofunktion. <br>Ich nutze B\u00fcrosoftware (Word, Excel, PDF, Mail, Browser, etc.) und offline Bibelsoftware, Meditationshilfen und Banking-Apps, Fitness-Tracker und Offline-Navigation. Ich buche Bahntickets, Mietauto und Mietfahrrad \u00fcber das Ger\u00e4t produziere mit Canva bzw. InShow Medien und benutze zahlreiche SocialMedia-Kommunikations-Apps. Ach und Telefonieren tue ich auch noch mit 2 Sim-Karten. <br>Und all das fehlt auf einmal, wenn das Smartphone ausf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marshall McLuhan hat in den 60ern mi Blick auf die elektronischen Medien seiner Zeit gesagt, dass sie Erweiterungen unseres K\u00f6rpers sind. Das Fernsehen erweitert unser Blickfeld, das Telefon l\u00e4sst uns entferntes h\u00f6ren. Durch Telegrafen k\u00f6nnen wir uns global mitteilen. Wir nuzen diese Werkzeuge, um mehr wahrzunehmen und effektiver zu produzieren. Dabei gibt es nat\u00fcrlich auch Schattenseiten und Gefahren wie Aufmerksamkeits\u00f6konomie oder Selbstwertverlust durch falsche Vergleiche, Aber erstmal erweitern wir unsere M\u00f6glichkeiten. Und das sehe ich auch heute noch: Ich erweitere wie ein Cyborg oder ein Exoskelett meine K\u00f6rperfunktionen enorm und steigere meine Produktivit\u00e4t indem ich quasi ein ganzes B\u00fcro und eine Bibliothek in der Hosentasche trage. Das hat mich unglaublich viel Aufwand in der Einrichtung gekostet und wenn ich jetzt 2 Wochen mit einem &#8222;Ersatzger\u00e4t&#8220; unterwegs bin, f\u00fchltes sich an, als h\u00e4tte ich mir K\u00f6rperteile abgeschnitten. Ich bin nicht voll leistungsf\u00e4hig.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel habe ich einmal verschlafen, weil mein Ersatz-Wecker mich nicht wie geplant geweckt hat, konnte Termine nicht mit Blick auf das ganze n\u00e4chste Jahr machen und eingehede Mails nicht direkt bearbeiten, weil die Dienstproramme fehlten. Ich musste meine Bahntickets ausdrucken, hatte in der Innenstadt echte Schwirigkeiten, eine Adresse nur aufgrund von Karte und Stra\u00dfennamen zu finden und konnte nicht in einem Meeting aktuelle Themen live recherchieren. Entspannung und Information durch Musik und Medien fehlten mir. Menschen konnten mich nicht verl\u00e4sslich erreichen und ich bestimmte Infomationen nicht passend teilen.<br>Nat\u00fcrlich habe ich auch gemerkt, dass ich garnciht der Nabel der Welt bin, ich nicht immer erreichbar sein muss und mich auch durchaus im &#8222;Hier und Jetzt&#8220; verwirklichen kann statt mit der ganzen Welt verbunden zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Fall eines Komplettausfalls von Strom\/Internet\/Mobilfunk m\u00f6chte ich gerne immer mal testen, was ich ohne XY tun w\u00fcrde. Wie weit geht meine Abh\u00e4ngigkeit und wo kann ich autark weiter handen\/arbeiten\/\u00fcberleben. Einige Menschen bauen sich ja gerade mit Balkonkraftwerken und lokalen Stromspeichern kleine Insell\u00f6sungen, um im Notfall zumindest den n\u00f6tigsten Strom f\u00fcr K\u00fchlschrank, Handy und Wasserkocher zu haben. Andere investieren in Peer2Peer-Kommunikations-Netze, um auch ohne zentrale Serverinfrastruktur kommunizieren zu k\u00f6nnen. Und wieder andere legen sich gedruckte Listen an, um wichtige Daten auch anaog vorzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es bis zu einem gewissen Grad aber OK, von digitalen Medien abh\u00e4ngig zu sein. So wie ein Berufspendler abh\u00e4ngig von seinem Auto als Transportmittel ist und ein H\u00e4usebauer abh\u00e4ngig von der Bankfinanzierung bin ich abh\u00e4ngig von den digitalen Tools, die mir hefen, im Alltag zu funktionieren. Ich bin auch ohne lebensf\u00e4hig, aber wenn sie ausfallen, setze ich zuerst alles dran, meine fehlenden Gliedma\u00dfen wieder herzustellen, bevor ich den Schritt gehe, mit dem, was gerade geht, weiterzuarbeiten. Also nicht nur zu weinen, was ich gerade nicht habe, sondern vor Ort zu tanzen, zu tippen, zu lesen Menschen zu treffen. In sofern erhalte ich mir eine eigenst\u00e4ndige Kreativit\u00e4t auch mit einfachsten Mitteln, bis das gro\u00dfe digitale Besteck wieder einsatzf\u00e4hig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin seit 24 Jahren mit einem Mobiltelefon aufgewachsen. Das merke ich , weil mein Handy letzte Woche kaputt gegangen ist. Erst ging es nicht richtig, dann quasi gar nicht mehr und vor Weihnachten ist keine Reaparatur mehr zu machen. 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