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Von Luther zu WhatsApp – Medienreformation damals und heute

Alle reden von Martin Luther, der Thesentür in Wittenberg und den Solae der Reformation. Gleichzeitig schweift der Blick zumindest in den Kirchen auch zur ehrwürdigen Lutherübersetzung der Bibel die ein echter Meilenstein für das deutschsprachige Christentum war. Schnell wird klar: Luthers Gedanken und seine Mediennutzung gehören zusammen. Und der alte Reformator war eben kein Kulturkonservierer, sondern er hat aktuelle Medien genutzt. Aktuelle Gassenhauer hat er zu Kirchenliedern umgedichtet, zeitgenössische Malerei der Cranachs hat sein Gesicht bekannt gemacht, gedruckte Traktate und Bücher haben seine Ideen über ganz Europa verbreitet.
Warum hat man so oft das Gefühl, dass Kirchen im 21. Jahrhundert die digitale Medienreformation bewusst verschlafen oder sogar als Bewahrer des althergebrachten Stils (vgl. die Kontroversen um freies WLAN in Kirchen oder die oft sparsame SocialMedia-Kommunikation von Kirchengemeinden) auftreten?

Am Wochenende war ich mal wieder als Freiberufler unterwegs. Diesmal in Schaafheim bei Frankfurt. Eine Evangelische Kirchengemeinde hat mich eingeladen eine interaktive Installation zum Thema Medienreformation aufzubauen und einen Jugendgottesdienst zu gestalten. Also haben wir gemeinsam überlegt, was für die Zielgruppe passt, vor Ort möglich ist und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern vor Ort umzusetzen ist. Am Ende stand ein Parcours mit sechs Stationen, den die Besucher in eigener Geschwindigkeit begehen konnten:

1. Musik
Wo Luther den Wert des Gemeindegesangs erkannt hat und  Liederbücher erfunden wurden, bekommen heute christliche Künstler wie die Outbreakband Millionenklicks für ihre moderne Lobpreis-Musik auf YouTube. Geistliche Musik kann Menschen ganzheitlich erreichen, aber es gibt auch Unterschiede zwischen damals und heute.

2. Mediale Informationen
Luthers Thesen wurden durch Flugblätter schnell weit verbreitet und brachten ihm große Bekanntheit. Heute werden kurze Text-Bild-Kombinationen (Memes) ebenfalls oft viral verbreitet und erreichen viele Menschen. Allerdings mit sehr knappem Inhalt. Was macht das mit Argumenten und dem Miteinander im Internet?

3. Bibel lesen
Im Zuge der Reformation wurde der noch junge Buchdruck genutzt, um die Bibel in deutscher Sprache zu verbreiten, damit auch Laien sie lesen und verstehen können. Heute ermöglichen Apps und Onlinebibeln jedem Menschen in seiner Muttersprache die Bibel zu lesen, zu studieren, Versionen zu vergleichen und so Gott besser kennen zu lernen. Lesen dann Konfirmanden während der Predigt wirklich den Bibeltext statt zu chatten?

4. Luther-Wissen vermitteln
Martin Luther hat durch sein Leben polarisiert und Menschen haben ihre Erlebnisse mit ihm weitererzählt. So wurde er für viele zum Vorbild, für andere zum Stolperstein. Heute gibt es neben Texten, Bildern und Filmen auch Computerspiele durch die Menschen sein Leben spielerisch kennen lernen können.

5. Wissensdatenbank
Fachwissen war lange Zeit in (Kloster)Bibliotheken verschlossen und wenigen Weisen vorbehalten. Durch die Reformation wurde ein freiheitlicher Wissensmarkt geschaffen, der in heutigen Online-Wissensdatenbanken und Ressourcen gipfelt. Wie können wir das relevante Wissen herausfiltern und wie kann geistliches Wachstum durch Onlinemedien gestärkt werden?

6. Gebet
Luther stand im täglichen Austausch mit Gott und hat auch für Bittsteller zu Gott gerufen. Der persönliche Austausch und das gemeinsame Gebet findet immer zwischen Mensch und Gott statt, kann jedoch sehr gut durch Onlinemedien vermittelt werden, die Gebetsanliegen bündeln und personelles Feedback ermöglichen. Wie gehen wir mit Datenschutz und seelsorgerlichen Aufgaben in laienbasierten Netzwerken um?

Nach einer geführten Einführung in die sechs Stationen für die Teamer folgte eine zweistündige FreeFlow-Phase in der Besucher flexibel zu den sechs Stationen gehen konnten. Im Gottesdienst haben wir uns angeschaut, welche Auswirkungen durch das internationale Netzwerk des Lutherischen Weltbundes geschaffen wurden und wie wir aufgrund des Geschenkes der freien Gnade im Alltag befreit handeln können.

Der Abend mündete in eine Reformations-Cocktailbar, wo die Besucher bei „Luthers Kräutermix, Käthes Schokogeheimnis und ähnlichen alkoholfreien Cocktails über die Themen ins Gespräch kommen und gemeinsam das erlebte reflektieren konnten.

Auch wenn der #reformationssommer sich dem Ende neigt, bleiben die Themen der Reformation aktuell. Wir alle können heute Reformatoren sein, Schieflagen in Kirche und Gesellschaft aufdecken und ganz praktisch Dinge verändern. So ein Thementag in der Gemeinde oder einer Einrichtung kann ein Teil davon sein.

gespielte Religion

Heute habe ich dem MDR etwas über Videospiele und Religion erzählt. Das nutze ich, um auch gleich einen Blogbeitrag dazu zu machen…

Das Spiel kommt ja bekanntlich über das Schauspiel und die Inszenierung ursprünglich aus dem Ritus der Religion. Ein Priester, der mit Gott in Kontakt tritt verkörpert über seine normale Persönlichkeit hinaus etwas über-menschliches. Und so wie der Fremde, nicht physisch aber doch real vorhandene Gott im Ritus erlebbar wird, entsteht auch im Alltagsspiel eine neue Dimension. In der kann man sich verlieren, kann aber auch über sich hinaus wachsen. Egal ob beim klassischen Ballspiel, Kartenspiel, Schauspiel oder Onlinerollenspiel. Man taucht ein und erlebt ein Abenteuer. Dadurch lernt man und entwickelt Strategien, die auch nach dem Spiel noch abrufbar sind und helfen, das Leben zu meistern. So schulen viele Gruppenspiele das Sozialverhalten, den Teamgeist oder das logische zielorientierte Denken.

Es gibt Browserspiele, die eigentlich ganz einfach gestrickt sind aber unglaublich fesselnd wirken. Man erlegt Mohrhühner, schießt gefrorenen Blasen an die Decke oder sortiert Bonbons nach ihrer Farbe. Oder man legt einen Gemüsegarten an, baut eine mittelalterliche Stadt, einen Ponyhof oder eine Sternenkolonie auf. Eigenverantwortlich, wie man es gerne möchte! Das ist dann ein bisschen wie selber Gott sein und eine eigene Welt gestalten. Rohstoffe suchen, vermehren, investieren. Auf bunte Bilder klicken, mit Freunden tauschen, Belohnungen bekommen und in Ranglisten aufsteigen. Es wirkt ganz einfach und man muss ja auch „nur mal kurz“ online gehen, um anzufangen. Ist man dann aktiv dabei, ist aber meist der ganze Tag vom Ablauf des Browserspieles geprägt.

Videospiele haben ganz ähnliche Strukturen. Durch die deutlich aufwändigere Grafik und Spielgestaltung entwickeln sie sogar oft eine noch größere Sogwirkung. Man taucht tief in das Geschehen ein und ggf erst am nächsten Morgen wieder auf.

Ist das gut? Natürlich kann man die Hand-Augo-Koordination trainieren und Systemoptimierung lernen. Und man darf im Leben ja auch einfach mal Spaß haben. Aber überall da, wo der Alltag zu kurz kommt, weil das Spiel bestimmt, wann man Zeit hat, geht es zu weit.

„Alles ist erlaubt, aber nichts soll dich gefangen nehmen“ schreibt Paulus in der Bibel. Von daher möchte ich Videospiele nicht verbieten, aber zu einem wachsamen Umgang damit aufrufen.

World of Warcraft ist eines der beliebtesten Spiele. Man kann es alleine auf dem PC oder vernetzt mit vielen auch Online spielen und als Gruppe Aufgaben erledigen. Es gibt immer etwas zu tun und je mehr man schafft, desto erfolgreicher wird man. Das motiviert, sich oft einzuloggen und kann mitunter schon zu Abhängigkeiten führen. Wer mehr Zeit investiert, steht im Spiel besser da, also muss man ja quasi jede freie Minute spielen, um mithalten zu können. Und gerade Menschen ohne soziales Netz können dem Sog dann nicht mehr widerstehen.

Das physische Leben außerhalb des Computers ist nicht so einfach wie das Spiel. Wenns in der Schule nicht so läuft, die Beziehung krieselt oder die Eltern Stress machen, findet man online schnellen Erfolg. Da sind Freunde, die einen für guten Einsatz loben und man kann sich selber Kompetenz antrainieren, um endlich auch mal gut zu sein. Dagegen ist es wenig hilfreich, wenn Eltern starre Regeln einführen und Kinder auf 30min Computer am Tag oder ähnliches festlegen, ohne zu verstehen womit sich ihr Kind beschäftigt. Es ist nicht schlimm, dass Kinder und Jugendliche online spielen; schlimm ist, wenn Eltern sich nicht dafür interessieren, was ihre Kinder tun. Denn dann fehlt eine wichtige Instanz, um einen reflektierten Umgang mit dem Medium zu erlernen. Mitunter müssen sich dafür auch die Eltern erstmal weiterbilden, um ihren Kindern ein ernstzunehmendes Gegenüber zu sein und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen.

Denn oft fehlt es jungen Menschen an positiven Erfahrungen und Erfolgserlebnissen. Wer offline kein Lob bekommt, flüchtet leicht in Onlinewelten. Wer offline nichts erreicht, kann sich online eine zweite Identität aufbauen. Und wer sein Leben offline nicht im Griff hat, kann in der neuen Welt umso mehr durchstarten und sich ganz ausleben. ABER: Das Onlineleben ist keine Alternative zur Kohlenstoff-Realität. Der Körper aus Fleisch und Blut muss ernährt und gepflegt werden. Die Wohnung muss gereinigt, Rechnugnen bezahlt und meist auch irgendeine berufliche Arbeit erledigt werden. Das kann kein Spiel ersetzen.

Digitale Welten, auch die Hochglanzillusion vom Freundeskreis auf Facebook, Instagram und WhatsApp sind nur ein Abbild unserer Existenz. Es ist gut, wenn wir unsere Freunde auch online treffen, wenn wir mit ihnen chatten, Wissen & Emotionen austauschen und spielen. Aber der Rahmen muss geklärt sein. Wer aus einer funktionierenden Offline-Realität in die Onlinewelt eintaucht, kann dort lernen, wachsen, Gutes weitergeben und als ganzheitlicher Mensch Erfahrungen sammeln. Aber wer als Fluchtreflex in die Online-Realität übersiedelt, um sich vor der Offline-Verantwortung zu drücken, der wird sich verlieren. Schnell dreht man sich im Hamsterrad aus dem es kein Entrinnen gibt, weil man ja sonst aussteigen müsste und den Problemen ins Gesicht sehen. Und der erarbeitete Erfolg im Rollenspiel besteht nunmal nur aus virtuellen Gütern, die man nicht behalten kann. Sobald der Server abgeschaltet wird, ist die Onlinewelt Vergangenheit. Ein bisschen wie sterben. Daher ist es gut, wenn man sich neben dem zerstreuenden Spiel am Feierabend auch mit metaphysischen Fragen auseinandersetzt. Was gibt mir Halt, was prägt mich, wen präge ich, wie will ich mein Leben und meine Umwelt gestalten? Für welche höhere Realität lerne ich im Lebens-Spiel hier auf Erden? Die Religion bietet Halt – auch über den Tod hinaus. In der Bibel begegnen wir einem Gott, der uns zu kreativen Geschöpfen macht und will, dass wir die Erde bewahren und gestalten. Also lasst uns raus gehen und das tun. Und mit der gleichen Kreativität lasst uns auch Computerwelten gestalten und mit Menschen interagieren, die wir online treffen. Als göttlich beauftragte Baumeister, nicht als Sklaven unserer Triebe oder irgendeiner Marketingstrategie. Denn am Ende sind wir doch alle nur „Priester“, die Rituale vollziehen und versuchen, sich dem Unbekannten zu nähern. Und solange uns diese Rituale nicht abhängig machen, sondern freisetzen, helfen sie uns, das Leben zu gestalten.
Und wenn wir auf Menschen treffen, die sich immer mehr zurückziehen und in Onlinewelten abtauchen, ist es gut, sie ernst zu nehmen, hinter die Fassade zu schauen und sie wieder für unsere Welt zu gewinnen. Z.B. indem wir ihnen Halt und Freundschaft schenken. Denn wer einen Grund findet, in der RealWorld zu spielen, wird entdecken, dass die Grafik und die Sensorik noch viel faszinierender sind. Die Level sind manchmal recht knifflig und die Mitspieler eigenwillig. Aber es verspricht ein lebenslanges Abenteuer zu werden, wenn man sich darauf einlässt, den menschlichen Charakter hochlevelt – also weiterentwickelt – und genauso engagiert dabei ist, wie online.