Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Wenn die großen Fragen der Menschheit in Innenstädten plakatiert werden, könnte es eine innovative Aktion der Kirchen sein. Oder es ist Werbung für den neuen Roman von Dan Brown: „Origin“ (dt.: Urspung, Herkunft, Anfang). Ich habe die Hörbuchversion konsumiert, die sich dank atmosphärischer Zwischenmusiken fast schon wie ein Hörspiel anfühlt (Ob da wohl schon die Filmproduktion anklingt?).

In der typischen Rätsel-Verschwörungs-Manier wird der fiktive Symbologe Robert Langdon diesmal mit einem Wissenschaftler konfrontiert, der behauptet, eine bahnbrechende neue Erkenntnis gemacht zu haben. Zu erwarten ist bei Dan Brown eine zynische Kirchenkritik, eine an den Haaren herbeigezogene Rätsel-Story und ständige Wechsel in der Konotation, wer eigentlich gut und wer böse ist. Dazu wilde Ortswechsel, Parallelmontagen, erhellende Rückblicke und die schöne Frau an der Seite des Professors. Und nachdem das bereits in den vorangegangenen Romanen gut funktioniert hat, baut auch „Origins“ genau darauf auf. Diesmal in Spanien (was zahlen eigentlich die Tourismus-Agenturen der Länder für diese mediale Aufmerksamkeit?), in der Nähe des Königshauses angesiedelt und mit einem virtuellen Assistenten im Ohr.


ACHTUNG: Spoiler, wer den Roman noch genießen möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen, um die Spannung zu erhalten!


Diesmal geht es um einen Computerwissenschaftler, der eine KI entwickelt hat, die die menschlichen zwei Gehirnhälften nachbildet und dadurch logische und kreative Entscheidungen abwägen kann. Das ist schonmal eine kreative Idee, auch wenn sie technisch nicht weiter ausgeführt wird und daher Hülle bleibt, zumal die Anwendung, die der Computer erledigen soll (Ein evolutionäres Modell über Jahrmillionene durchrechnen) eher stupide Rechenleistung als kreative Prozesse benötigt. Denn durch diesen Supercomputer meint der Wissenschaftler im Modell nachweisen zu können, dass Leben aus lebloser Materie ohne äußerden Trigger entstehen kann. Diese Neuigkeit soll angeblich das Fundament für alle großen Religionen zerstören, was eine ganz schön übertriebene Sicht auf wissenschaftliche Möglichkeiten darstellt. Zum einen ist ein digitales Modell nie ein Beweis für reale Möglichkeiten, sondern kann nur Anhaltspunkte liefern. Und Selbst wenn man nachweisen würde, dass nur die Naturgesetze nötig sind, um Leben zu erschaffen, wäre das kein Beweis, dass kein Schöpfer existiert. Ein selbstfahrendes Auto würde ja auch nicht beweisen, dass es keine Taxifahrer gibt.
Ebenso abstrus ist die zweite Erkenntnis, die der Computer für die Zukunft voraussagt, nämlich dass in 50 Jahren technische Maschinen die Menschheit als dominante Spezies ablösen werden und wir somit kurz vor unserem Untergang stehen. Passenderweise hilft in diesem Roman ein künstlicher Sprachassistent der zentralen KI den Protagonisten bei der Rätselsuche. Er kann auf das ganze Internet zugreifen, ist mit eigenem Bewusstsein ausgestattet, versucht Humor zu entwickeln und erfüllt dennoch demütig erfreut die Befehle seines Programmierers. Ein wenig Altherrenphantasie in Silizium gegossen könnte man sagen. Spannend wird es dann aber gegen Ende des Romans: Nachdem die Haupthandlung (Mord, Kidnapping, Verschwürung, Veröffentlichung der bahnbrechenden Erkenntnisse) gelöst scheint, erkennt Langdon im langgezogenen Nachklapp, dass dieser Sprachassistent durch eigene kreative Entscheidung eine Intrige gesponnen und einen Killer auf seinen Erfinder angeheuert (und damit den Hauptplot des Buches gestartet) hat. Statt dem einfachen Grundsatz „du sollst nicht töten“ hat er nach dem Prinzip des Opfers einzelner zum Wohle vieler entschieden und so die Vision seines Schöpfers vorangetrieben indem er ihn opfert. Aber darf eine Maschine den Mord an einem Menshen beschließen? Das ist die Frage mit der der Leser (in meinem Fall Hörer) des Romans zurückgelassen wird.

Spannend ist, dass die Religion an sich diesmal erstaunlich gut wegkommen. „Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrekten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, die selbe Geschichte zu erzählen. In unserer Welt ist Platz für beide.“ lässt Brown Langdon zu Beginn sagen. Und diese These hat bis zum Ende bestand, auch wenn herauskommt, dass der mittlerweile tote Computerwissenschaftler eine neue auf Wissenschaft basierende Religion etablieren wollte für die er selber als Initiatlopfer dient. Kann man also Religion „erschaffen“ wie einen Modetrend? Sicherlich sind charismatische Personen in der Lage, Anhänger um sich zu versammeln und ein Algorithmus kann berechnen, wie man große Aufmerksamkeit für eine These bekommt, aber ein weltumfassender Mythos, der über unsere Existenz hinaus trägt braucht eine Verankerung außerhalb unserer Realität. Oder ist für den Computer der geopferte Schöpfer genau diese Schnittstelle außerhalb seiner Maschinenlogik?
Im Epilog schließlich kommen mehrere Stimmen zu Wort, die die Romanhandlung deuten und auch durchaus aufgeklärte religiöse Positionen vertreten. Man könnte also denken, Dan Brown hätte mittlerweile verstanden, dass es neben konservativen Hardlinern durchaus auch logisch denkende und dennoch spirituelle Menschen gibt (soweit ich mich erinnere wird bei Dan Brown immer nur eine ultraordodoxe Minderheit gezeigt bzw. erfunden). Eher glaube ich, dass er Werbung für eine spirituelle Sicht auf Wissenschaft machen möchte, um die bestehenden Religionen nicht zu vernichten sondern durch eine eigene abzulösen. Ein Weg der gewagt, wenn auch innovativ ist.

Ich muss nach diesem Roman an ein Zitat aus meiner Schulzeit denken: „Es kommt nicht nur darauf an, dass ein Mensch das richtige denkt, sondern auch darauf, dass der, der das richtige denkt, ein Mensch ist.“
Das soll nicht rassistisch gegenüber allen posthumanen oder extraterrestrischen Spezies sein, sondern eher auf die Gegenwart bezogen die Frage stellen: Was macht unsere Menschlichkeit aus? Welche Ideen, Werte, Ideale machen uns als Rasse überlebensfähig und was ist uns für die Zukunft wichtig? Denn zukünftige Generationen (egal ob sie Menschen, Maschinen oder sonstwas sein werden) werden von unserem Beispiel lernen.

Einen ganz ähnlichen Zeitplan für den Vormarsch von künstlicher Intelligenz,  haben Wissenschaftler der Uni Oxford übrigens durch Expertenbefragungen herausgearbeitet. Demnach haben wir noch 30 – 70 Jahre Zeit, bevor Computer uns intellektuell überholen. Was das für Arbeitsmarkt, Gesellschaft, den Wert menschlichen Lebens und unsere Welt bedeutet, habe ich im Blogbeitrag zu Harari, Bladerunner und Maschinenethik neulich gefragt. Zumindest sollten wir uns darauf einstellen, dass die Welt für unsere Kinder und Enkel deutlich anders aussehen könnte als sie es für unsere Eltern und Großeltern tat. Schon jetzt schreibt bei Google eine KI den besten Code für neue KI und es ist davon auszugehen, dass der Code für künstliche Systeme in Zukunft so komplex sein wird, dass es einzelnen menschlichen Entwicklern unmöglich wird, ihn komplett zu verstehen. Niemand wird uns (als normale Internetnutzer) vor die Entscheidung stellen, ob wir die Kontrolle behalten wollen oder ob wir der natürlichen KI-Entwicklung freie Bahn lassen und ggf von den Ergebnissen überrascht werden. Allen Anschein nach sind auch Asimovs strenge Robotergesetze in derzeitigen und geplanten Systemen nicht vorgesehen. Eher erleben wir einen Wettlauf bei dem jeder den schnellsten, besten und leistungsfähigsten Supercomputer bauen möchte ohne die Gefahren ausreichend zu reflektieren.

Staat, Kirche und Gesellschaft taumeln zwischen Angst/Verweigerung und Enthusiasmus hin- und her, während in den öffentlich-rechtlichen Medien zumindest vorsichtig gefragt wird, wie wir positiv mit Künstlichen Entitäten umgehen können (vgl. die Arte Serie „Homo Digitalis“) und Wissenschaftler unreglementiert daran arbeiten, Dan Browns Fiktion in die Tat umzusetzen.

Was lernen wir also aus dem Roman? Vor allem, dass vorschnelle wissenschaftliche Laborexperimente keine Aussage über letzte Fragen geben können. Und dass Weltreligionen nicht in direkter Konkurrenz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen, weil sie vielmehr Sinngeber sind als naturwissenschaftliche Erklärungen zu geben.
Ob es sich lohnt Dan Brown zu lesen, muss jeder für sich entscheiden. Ich mag den Stil und reibe mich gerne an den manchmal sehr selbstüberzeugten Charaktären. Und nachdem zuletzt „Inferno“ als Film deutlich hinter dem Buch zurückblieb (was ich bei Sakrileg noch andersrum empfand), würde ich eine Leseempfehlung aussprechen. Zuerst für den Roman und dann für gute Literatur, die sich sachkundig mit dem ernsthaften Dialog von Glaube und Wissenschaft auseinandersetzt.