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Wenn Menschen Gott begegnen…

Von Luther zu WhatsApp – Medienreformation damals und heute

Alle reden von Martin Luther, der Thesentür in Wittenberg und den Solae der Reformation. Gleichzeitig schweift der Blick zumindest in den Kirchen auch zur ehrwürdigen Lutherübersetzung der Bibel die ein echter Meilenstein für das deutschsprachige Christentum war. Schnell wird klar: Luthers Gedanken und seine Mediennutzung gehören zusammen. Und der alte Reformator war eben kein Kulturkonservierer, sondern er hat aktuelle Medien genutzt. Aktuelle Gassenhauer hat er zu Kirchenliedern umgedichtet, zeitgenössische Malerei der Cranachs hat sein Gesicht bekannt gemacht, gedruckte Traktate und Bücher haben seine Ideen über ganz Europa verbreitet.
Warum hat man so oft das Gefühl, dass Kirchen im 21. Jahrhundert die digitale Medienreformation bewusst verschlafen oder sogar als Bewahrer des althergebrachten Stils (vgl. die Kontroversen um freies WLAN in Kirchen oder die oft sparsame SocialMedia-Kommunikation von Kirchengemeinden) auftreten?

Am Wochenende war ich mal wieder als Freiberufler unterwegs. Diesmal in Schaafheim bei Frankfurt. Eine Evangelische Kirchengemeinde hat mich eingeladen eine interaktive Installation zum Thema Medienreformation aufzubauen und einen Jugendgottesdienst zu gestalten. Also haben wir gemeinsam überlegt, was für die Zielgruppe passt, vor Ort möglich ist und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern vor Ort umzusetzen ist. Am Ende stand ein Parcours mit sechs Stationen, den die Besucher in eigener Geschwindigkeit begehen konnten:

1. Musik
Wo Luther den Wert des Gemeindegesangs erkannt hat und  Liederbücher erfunden wurden, bekommen heute christliche Künstler wie die Outbreakband Millionenklicks für ihre moderne Lobpreis-Musik auf YouTube. Geistliche Musik kann Menschen ganzheitlich erreichen, aber es gibt auch Unterschiede zwischen damals und heute.

2. Mediale Informationen
Luthers Thesen wurden durch Flugblätter schnell weit verbreitet und brachten ihm große Bekanntheit. Heute werden kurze Text-Bild-Kombinationen (Memes) ebenfalls oft viral verbreitet und erreichen viele Menschen. Allerdings mit sehr knappem Inhalt. Was macht das mit Argumenten und dem Miteinander im Internet?

3. Bibel lesen
Im Zuge der Reformation wurde der noch junge Buchdruck genutzt, um die Bibel in deutscher Sprache zu verbreiten, damit auch Laien sie lesen und verstehen können. Heute ermöglichen Apps und Onlinebibeln jedem Menschen in seiner Muttersprache die Bibel zu lesen, zu studieren, Versionen zu vergleichen und so Gott besser kennen zu lernen. Lesen dann Konfirmanden während der Predigt wirklich den Bibeltext statt zu chatten?

4. Luther-Wissen vermitteln
Martin Luther hat durch sein Leben polarisiert und Menschen haben ihre Erlebnisse mit ihm weitererzählt. So wurde er für viele zum Vorbild, für andere zum Stolperstein. Heute gibt es neben Texten, Bildern und Filmen auch Computerspiele durch die Menschen sein Leben spielerisch kennen lernen können.

5. Wissensdatenbank
Fachwissen war lange Zeit in (Kloster)Bibliotheken verschlossen und wenigen Weisen vorbehalten. Durch die Reformation wurde ein freiheitlicher Wissensmarkt geschaffen, der in heutigen Online-Wissensdatenbanken und Ressourcen gipfelt. Wie können wir das relevante Wissen herausfiltern und wie kann geistliches Wachstum durch Onlinemedien gestärkt werden?

6. Gebet
Luther stand im täglichen Austausch mit Gott und hat auch für Bittsteller zu Gott gerufen. Der persönliche Austausch und das gemeinsame Gebet findet immer zwischen Mensch und Gott statt, kann jedoch sehr gut durch Onlinemedien vermittelt werden, die Gebetsanliegen bündeln und personelles Feedback ermöglichen. Wie gehen wir mit Datenschutz und seelsorgerlichen Aufgaben in laienbasierten Netzwerken um?

Nach einer geführten Einführung in die sechs Stationen für die Teamer folgte eine zweistündige FreeFlow-Phase in der Besucher flexibel zu den sechs Stationen gehen konnten. Im Gottesdienst haben wir uns angeschaut, welche Auswirkungen durch das internationale Netzwerk des Lutherischen Weltbundes geschaffen wurden und wie wir aufgrund des Geschenkes der freien Gnade im Alltag befreit handeln können.

Der Abend mündete in eine Reformations-Cocktailbar, wo die Besucher bei „Luthers Kräutermix, Käthes Schokogeheimnis und ähnlichen alkoholfreien Cocktails über die Themen ins Gespräch kommen und gemeinsam das erlebte reflektieren konnten.

Auch wenn der #reformationssommer sich dem Ende neigt, bleiben die Themen der Reformation aktuell. Wir alle können heute Reformatoren sein, Schieflagen in Kirche und Gesellschaft aufdecken und ganz praktisch Dinge verändern. So ein Thementag in der Gemeinde oder einer Einrichtung kann ein Teil davon sein.

auf dem Weg zu wem?

Jetzt sind sie vorbei, die Kirchentage 2017…
Paralleles Programm in neun Städten am Himmelfahrts-Wochenende bot die Möglichkeit, mit möglichst vielen Leuten das Reformationsjubiläum zu feiern. Und es gab fantastische Inhalte, tolle Konzepte und sehr viele engagierte Menschen, die sich super eingebracht haben. Aber die Chance, mit den Teilen der (ostdeutschen) Bevölkerung zu feiern, die sonst eher wenig mit der Kirche zu tun haben, wurde weitestgehend verpasst. Das ist schade.

Es gab große Gottesdienste (z.B. in Wittenberg)
Es gab hochkarätige Kirchenmusik (z.B. die Augustinerkantorei Erfurt)
Es gab wichtige Themen (z.B. Schwerpunkt Medien in Magdeburg)
Und, ja, es gab auch in allen Orten Möglichkeiten, um ganz offen zusammenzukommen. Bunte Kaffeetafeln, Begegnungsabende, öffentliches Theater oder Marktplatzmusik.

Ich war selber bei einigen dieser Veranstaltungen unterwegs, um medial zu berichten und habe viele Menschen getroffen, die eine tolle Zeit hatten, neue Freunde gefunden haben und zumindest Kirche als gastfreundlich erlebt haben.
Aber ich habe auch Marktplatz-Bühnen erlebt, an denen Passanten ratlos vorbeigingen, weil sie nicht informiert wurden, wann hier was passieren wird. Das Programm war gut gehütetes Geheimwissen in Programmheften. Der „normale Bürger“ wurde weder zum Gottesdienst, noch zum Konzert öffentlich eingeladen noch wurde ihm überhaupt mitgeteilt, dass er eingeladen wäre, mitzufeiern.

So blieb manch gut gemeinte Veranstaltung relativ unbesucht, während nebenan im Park derweil ganze Studentenhorden und junge Familien entspannt auf der Wiese lagen und das Leben genossen.

Warum machen wir eigentlich immer so viel Programm und sind nicht viel mehr einfach da? Warum fragen wir nicht mal die Menschen um uns herum, was sie sich wünschen würden und schaffen Orte, wo man gemeinsam sein kann? Ich hätte mich gefreut, wenn lokale Studenten und „Kirchentagstouristen“ in einer gemeinsamen Grill&Chill-Lounge miteinander ins Gespräch kommen können oder wenn man Kirche zumindest in einer Art und Weise präsentiert, dass Menschen vor Ort wahrnehmen: Da bin ich willkommen, da werde ich gesehen, ernst genommen, das ist etwas, das mit meinem Leben etwas zu tun haben könnte.

So sollte Kirche sein, nicht nur die Kirchentage, sondern der Kirchenalltag. Mittendrin im Leben. Nah dran an den Menschen. Nicht nur an denen orientiert, die eh schon da sind, sondern an denen, die in unserem Stadtteil/Dorf/Gebiet zu Hause sind. Dann sind Medienzentren keine Fremdkörper neben der lokalen Medienuni, sondern Kooperationspartner. Dann werden Innenstadtbühnen gemeinsam mit lokalen Kulturgrößen gestaltet und beworben, damit das potentielle Publikum vor Ort sie auch findet. Und Kirche wird wieder zu einem Kommunikator der Gnade Gottes für Menschen in einer oft gnadenlosen Welt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist. Deshalb möchte ich garnicht so viel meckern, was „man“ anders hätte machen müssen… Ich freue ich mich an dem, was gut lief und mache mir Gedanken, wie in Zukunft noch mehr Menschen daran teilhaben können. Nicht erst beim #dekt19 in Dortmund, sondern vielleicht schon diesen Sommer! Macht ihr mit?

Die Sache mit dem Kreuz…

Gestern war Karfreitag, ein stiller Feiertag an dem wir dem Tode Jesu Christi gedenken. Ein trauriges Ereignis. Entsprechend habe ich den Tag ruhig gestaltet, habe einen Kreuzweg in einer Baptistenkirche um die Ecke besucht, wo man in knapp einer Stunde 7 Stationen des Leidens Jesu meditierend nacherleben kann. Später war ich in einem Karfreitags-Gottesdienst und habe abends noch einen Passionsfilm geschaut und den Abend in eigener Meditation ausklingen lassen.

Ich finde, der Karfreitag eignet sich besonders, um aus der Normalität auszubrechen und sinnlich zu erleben, was wir in jedem Gottesdienst besingen. Der Schöpfergott stirbt am Kreuz, damit wir leben können. Ein Kreuzweg kann das bieten, weil man sich „auf den Weg“ macht  und etwas nacherlebt. Auch wenn medial erlebter Schmerz und Demütigung immer nur Anleihen sein können. Deshalb mute ich mir auch Mel Gibsons Passion Christi als Film zu. Ein harter Film voller Blut, Hass und Gewalt. Aber auch voller Liebe und Hingabe. Er erzählt die Passions-Geschichte ab Jesu Gebet in Getsemaneh bis zur Sterbestunde. Knappe 20 Stunden erzählte Zeit auf 2 Stunden grausam-martialischen Film reduziert; gespickt mit Rückblenden auf die ganz andere Lehre Jesu vorher: Die Bergpredigt, die Fußwaschung, die Ehebrecherin, das letzte Abendmahl – Jesus lehrt Liebe, Vergebung, Güte und gelebte Demut. Er ist Menschen zugwandt und tut niemandem etwas zu leide. Dennoch erzürnt er die religiöse Oberschicht gegen sich, weil er nicht nach ihren Regeln spielt und stattdessen Menschen in einen echten Kontakt zu Gott bringen möchte, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hervorruft.

Der Film ist hart, aber vermutlich sehr nah an dem, was Jesus an dem Tag durchgemacht hat. Ich verstehe, dass nicht jeder einen so grausamen Film sehen mag. Gerade für Kinder ist er nicht geeignet und auch Erwachsene dürfen an einigen Stellen die Augen schließen ohne sich schämen zu müssen. Ich mag an dem Film gerade, dass er so eine Abscheu auslöst. Man merkt, dass da etwas nicht stimmt, dass es zu viel, zu krass, zu grausam ist. Weil Jesus sehr wahrscheinlich genau das gefühlt hat. Stop, genug, reicht jetzt. Die Kreuzigung war kein Spaziergang, sondern tatsächlich die grausamste Art der Römer, Menschen hinzurichten. Das hat Mel Gibson sehr gut erkannt und umgesetzt.

2004, als der Film neu im Kino lief, gab es Kontroversen, ob die Juden zu schlecht wegkommen und darüber hinaus zu der Frage, wer eigentlich Jesus ans Kreuz gebracht hat.
In einer Karfreitagspredigt hab ich damals gesagt: Die Juden haben Jesus angeklagt und seinen Tod gefordert, die Römer haben den Befehl zur Hinrichtung gegeben. Jesus hat die ganze Zeit geschwiegen (je nach Evangelium hat er einzelne Worte oder Sätze gesagt, aber keine ernsthafte Verteidigung). Er hätte es in der Hand gehabt, Pilatus zu überzeugen und freigesprochen zu werden, das hat er nicht genutzt und damit letztlich seinen Tod selber zu verantworten. Jesus hat sich selber ans Kreuz gebracht!? Warum hat er das gemacht? Weil er als inkarnierter Gott die Trennung zwischen Menschen und Gott aufheben und Gemeinschaft wieder möglich machen wollte. Weil er die Sünde sühnen und Schuld vergeben wollte. Weil er wusste, dass wir Menschen es nicht aus eigener Kraft schaffen, mit Gott in Gemeinschaft zu leben. Das sieht man im Film, wo weder die Juden, noch die Römer, aber auch nicht die Jünger besonders gut wegkommen. Und auch heute sind wir Menschen immer noch weit weg davon, Gottes Maßstäbe von Liebe & Vergebung selber zu leben.

Wir singen Lieder wie „Ich seh das Kreuz, und nichts anderes muss ich sehen. Ich seh das Kreuz, komm und glaube ruft es mich.“ als locker flockige Lobpreissongs in fröhlicher Auferstehungshaltung und haben doch so wenig verstanden, was das Kreuz bedeutet. Jesus ist eben nicht lebendig vom Kreuz heruntergekommen, um seine Macht zu demonstrieren, er hat auch nicht seine Gefangennahme und Geißelung abgebrochen, sondern er hat das Leid ausgehalten. Wir sollten nicht vor dem Kreuz weglaufen, weil wir ja schon wissen, dass Ostern folgen wird. Natürlich leben wir über 300 Tage im Jahr aus der Osterfreude heraus, aber dafür müssen wir auch die andere Seite ernst nehmen, ruhig werden und mit Jesus durch das Leid gehen. Bei der Taufe werden wir in sein Leid, in seinen Tod hinein getauft, um gemeinsam mit ihm auferstehen zu können. (Passenderweise war die Grabesstation beim Kreuzweg im baptistischen Taufbecken gestaltet, sodass man tatsächlich durch Jesu Grab hindurchgehen konnte.) Und so bleibt der Abend des Karfreitags und der Samstag für mich eine ruhige Zeit, in der ich garnicht tanzen und feiern möchte. An dem auch keine fröhlichen Lieder oder ausgelassenen Feste passen. Die Gemeinschaft und die Freude passen am Sonntag wieder. Dann umso mehr. Darauf freue ich mich.

Da passt dann auch die fröhliche Coda des erwähnten Liedes wieder: „Wir werden auferstehen und ewig leben, weil du für uns starbst. Wir werden auferstehen und ewig leben, weil du in uns lebst. Ich seh das Kreuz!“ Ja, die Auferstehungsfreude wird kommen, aber jetzt möchte ich trauernd stehendbleiben und dem Kreuz nicht ausweichen, es in Ehrfurcht wirken lassen, ein Stück tiefer verstehen, was da geschehen ist.

Passend dazu: „Der Herr ist auferstanden!

Pub Theology – Buchrezension

Vor kurzem hab ich ein Buch gelesen, das ich schon länger im Schrank stehen hatte. Und es scheint aktuell sehr gut in meine gedankliche Situation zu passen: Bryan Berghoef – Pub Theology.

pubtheologyEin amerikanischer Pfarrer aus streng reformierter Tradition beschreibt darin seinen Glaubensweg von einem dogmengläubigen Mitläufer über die Öffnung für andere Christen im Studium bis zu einer grundsätzlichen Offenheit, alle Menschen in Glaubensfragen komplett stehenzulassen.
Das ist auch gleich der Punkt, wo er mir etwas zu weit geht. Er vertritt einen sehr universalistischen Ansatz (auf James Fowler: „Stages of Faith“, NewYork 1995 aufbauend), der alle philosophischen Quellen gleichwertig betrachtet. Ich bin ja auch sehr offen dafür, von unterschiedlichen spirituellen Strömungen zu lernen und verschiedene Welterklärungsmuster stehen zu lassen. Aber ich bleibe dabei (aktuell) etwas tiefer in der christlichen Tradition verwurzelt, weil sie als Gottesoffenbarung für mich eigentlich nur dann Sinn macht, wenn man ihr einen gewissen Gültigkeitsanspruch zuspricht. Bei aller berechtigter Kritik an Gegebenheiten der Kirchengeschichte und aller Offenheit für andere Methoden.

Bis auf diese für meinen Geschmack etwas zu starke Öffnung nach allen Seiten finde ich das Buch als Ganzes allerdings sehr spannend und hilfreich, um über die aktuelle Gemeindesituation nachzudenken. Die Grundlage, dass man keine Dogmen auswendig lernen sollte, sondern sich nur aufgrund eigener Glaubenserfahrung oder –Erkenntnis für eine spirituelle Weltsicht entscheiden kann, ist mir als Baptist ja nicht neu. Ebenso freue ich mich über die Impulse, im Studium auch andere Frömmigkeitsstile kennenzulernen, offen zu sein, sich auszuprobieren, Stärken und Schwächen kennen zu lernen und so das Fundament des eigenen Glaubens zu festigen. Auch das durfte ich über 10 Jahre lang erfahren und finde es gerade in meinem aktuellen Job bei der evangelischen Kirche immer noch spannend, zwischen evangelischen, katholischen und freikirchlichen Events zu pendeln und mit ganz unterschiedlichen Menschen im Gespräch zu sein.

Der Kerngedanke des Buches liegt dann freilich in der Präsentation der „Pub Theology“, eines interreligiös offenen Kneipengesprächskreises, den der reformierte Pfarrer aus Michigan ins Leben gerufen hat. Er sagt, „beer, conversations and God“ sind drei Dinge, die er liebt und die er deshalb zusammen bringen wollte. Also fand er eine lokale Kleinbrauerei, die ihm jeden Donnerstag einen Tisch reservierte und lud Menschen aus Gemeinden und Freidenkerclubs ein, mit ihm zu diskutieren. Er sagt, er möchte Menschen nicht missionieren, bekehren oder belehren, sondern offen und auf Augenhöhe mit ihnen ins Gespräch kommen. Er bereitet zwar Startup-Fragen für jeden Abend vor, aber nur, um ein Gespräch anzukurbeln und nicht mit einem bestimmten Ziel oder Ergebnis verbunden. Diese Offenheit ist für ihn der Schlüssel, warum sich Skeptiker und auch von Kirche enttäuschte Christen bei diesen Abenden so wohl fühlen. Für Atheisten ist es eine Möglichkeit, Vorurteile gegenüber vermeintlich „naiven Christen“ abzubauen. Christen aus traditionellen Gemeinden finden hier die Offenheit, kritische Fragen zu stellen statt sich vom Glauben abzuwenden.

Genau diese Offenheit fehlt heute vielen Gemeinden. Es gibt konservative Kreise, wo man schon schief angeschaut wird, wenn man skeptische Gedanken überhaupt zulässt und liberale Gemeinden, in denen klar ist, dass jeder Denken und Glauben kann, was er möchte. Beides ist als Extremform meiner Ansicht nach nicht zielführend. Aber offen und ehrlich über alle Themen zu reden, alle Denkrichtungen ernst zu nehmen und dennoch auch eine eigene Meinung zu vertreten, ist eine Kunst, die ich nicht allzu oft antreffe. Ich kenne solche Situationen allerdings von meiner Arbeit an diversen Cocktailbars. Wenn man nach Mitternacht mit Menschen ins Gespräch kommt, die ihren dritten Cocktail bestellen und sie herausfinden, dass man neben der Arbeit als Barkeeper auch Theologe ist, kommen sehr schnell zentrale Glaubensfragen auf. Oft von Menschen, die sonst niemanden kennen, mit dem sie über solche Themen reden können.
Warum also nicht gleich einen offenen Gesprächskreis ins Leben rufen, der philosophische Gespräche auf Augenhöhe und ohne vorgefasstes Ergebnis anbietet? Und ob das dann beim Kaffee, Bier oder Cocktail passt, darf man individuell entscheiden. Ein solcher Treffpunkt und so eine offene Einstellung würden jeder (größeren) Gemeinde gut tun. Das könnte den Glauben der eigenen Mitglieder festigen und Skeptiker für christliche Gemeinschaft interessieren.

In diesem Sinne, auf viele gute Gespräche, Prost!

 

Hinweis: Ich habe "Pub Theology" von 2012 (162 Seiten) gelesen.

Mittlerweile gibt es eine Neuauflage "Pub theology 101" als E-book von 2013, die fast doppelt so viele Seiten hat. Ob da mehr drinsteht oder der Inhalt aktueller ist, kann ich nicht sagen.

Wer Bücher kauft, darf gerne den lokalen Buchhandel unterstützen :-)

 

Sauna vs. Gottesdienst

Ich mag Gottesdiesnt und ich mag Sauna. Wer mit einem davon nicht so vertraut ist, darf gerne mal jemanden fragen, der sich damit auskennt und es ausprobieren 🙂

Im Laufe der letzten Jahre bin ich immer wieder Bekannten aus der Gemeinde in diversen Saunen begegnet. In zahlreichen Gesprächen kam dabei immer wieder zur Sprache, dass die Sauna durchaus ein Ort sein kann, der Entspannung, eine Auszeit vom Alltag und ein Ort der Reflexion, der Ruhe, der Erbauung und neuer Ideen/Energiequelle ist. Also eine Funktion, die auch ein guter  Gottesdienst erfüllt: Im Gottesdienst nehme ich mir bewusst Zeit, um aus dem hektischen Alltag auszubrechen, zur Ruhe zu kommen, das Heilige zu feiern und durch Selbstreflexion sowie geistlichen Input neue Impulse zu bekommen.
Natürlich kann man durch einen langweiligen Gottesdienst enttäuscht werden und auch eine zu kühle Saunalandschaft bietet nicht automatisch das perfekte Erlebnis, aber das Ziel ist zumeist ähnlich.

Wie läuft ein Sauna-Besuch ab?
Man betritt einen besonders hergerichteten Ort. Meist ruhig gelegen mit minimalistischer Dekoration, damit wenig vom eigentlichen ablenkt. Prinzipiell könnte es überall sein, aber wir bauen spezielle Räume, die durch Fliesen und Holzbänke besonders dafür ausgestattet sind, dass man mit viel Wasser in Berührung kommt, um den Körper zu säubern und Verunreinigungen auszuschwitzen.
Für einen Saunabesuch braucht man Zeit und Ruhe. Wer gehetzt durchs Leben geht, kann hier Entspannung finden, muss sich aber darauf einlassen statt immer wieder hektisch auf die Uhr zu schauen und den nächsten Termin vorzubereiten.
Statt Bürokleidung trägt man meist einen flauschigen Bademantel oder wickelt sich ein großes Saunahandtuch um. Es geht nicht um Mode sondern um funktionale und „passende Kleidung“.
Der Saunabesuch selber folgt dann einer typischen Liturgie (die je nach Ort und Zeitumfang angepasst werden kann):

  • Der Körper wird gründlich unter der Dusche gereinigt.
  • Beim Vorschwitzen im halbwarmen Terpedarium oder Dampfbad gewöhnt man sich an die Wärme.
  • Der Aufguss bietet eine besondere Erfahrung. Heißer Dampf mit wohlriechenden Duftstoffen verströhmt eine angenehme Atmosphäre. Je nach lokaler Tradition wird man still und genießt in sich gekehrt oder kommentiert die wohltuenden Wogen des wedelnden Saunameisters.
  • Nach 10-15 Minuten Hitze folgt die Abkühlung. Meist mit Schwallduschen und einem kalten Tauchbad. Je größer die Temperaturdifferenz, desto stärker der Schockeffekt, der die Kreislaufabhärtung erwirkt.
  • Ein Gang im Freigelände oder eine Pause im Ruheraum schließen sich an. Wichtig ist es, dem Körper genug Ruhezeit zu gönnen. Viele schätzen die Gelegenheit, mit anderen Saunagästen ins Gespräch zu kommen. (Anmerkung: Nach Saunameister Sascha B. sollte der Freigang eigentlich vor der Abkühlung stattfinden, um die Atemwege im aufgeheizten Körper abzukühlen. Ich finde es sorum aber meist entspannender…)
  • Um die Körperkerntemperatur wieder abzusenken, folgt ein warmes Fußbad. Dadurch vermeidet man das Nachschwitzen.
  • Typischerweise folgt ein zweiter (und ggf. dritter) Schwitzgang mit Abkühlung, Ruhe und Fußbad. Ein Aufguss kann mit einem Salz-Peeling kombiniert werden, ein anderer mit frischem Obst oder mit einer Honigeinreibung, bevor am Ende wieder eine gründliche Körperreinigung erfolgt.
  • Wer mag, bucht zusätzlich ein Solarium oder eine individuelle Massage.
  • Essen & Trinken gehören für viele zum Saunagang dazu. Auf jeden Fall sollte man genug Wasser trinken. Obst passt auch gut. Schweres Essen und Alkohol nur bedingt.

Ein Saunagang bietet so also einen festen Rahmen, den man natürlich im Einzelfall an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann. Man trifft andere Menschen und öffnet sich für neue Gedanken. In Reflexionszeiten und Ruhezeiten kommt man ins Gespräch. Man liest etwas oder hört auf besondere Musik. Und hinterher ist man glücklich und zufrieden und kann den Aufgaben des Alltags wieder fröhlich begegnen, auch wenn man von Nicht-Saunagängern oft für diesen Tick belächelt wird…

Wie läuft ein Gottesdienst-Besuch ab?
Auch hier betritt man einen besonders hergerichteten Ort. Zumindest in protestantischer Tradition ist auch dieser eher zurückhaltend gestaltet.  Prinzipiell könnte ein Gottesdienst überall sein, aber wir bauen spezielle Räume, die durch Optik und Akkustik darauf ausgelegt sind, dass man dem erhaben Göttlichen begegnen kann. Wir reinigen uns innerlich und entledigen uns unseres seelischen Schmutzes.
Auch für einen Kirchbesuch reserviert man sich eine feste Zeit in der der Alltag Pause hat. Viele Menschen tragen besondere Kleidung, Pfarrer oft einen Talar, zumindest ist es „passende Kleidung“.
Der Gottesdienst folgt dann einer typischen Liturgie (die je nach Denomination angepasst werden kann):

  • Ein musikalisches Vorspiel läd (wie das Anfangsduschen) ein, sich zu öffnen und auf den Gotesdienst einzulassen.
  • Im Trinitarisches Votum begrüßen wir Gott und machen uns bewusst in wessen Gegenwart wir sind (Vorschwitzen).
  • Das Eröffnungsgebet und Gemeindelied geben uns Zeit, für uns selber und in bewusster Gemeinschaft vor Gott zu treten (Ruhephasen und Abkühlung)
  • Die Textlesung (1. Schwitzgang) bietet inhaltlich den ersten Input, den man durch weitere gesprochene und gesungene Gebete (Gloria, Kyrie, Halleluja als Abkühlung und Ruhephase) wirken lässt.
  • Ergänzt wird die erste Lesung oft durch eine zweite Lesung und die Predigt (2. und 3. Aufgussgang), die die gelesenen Texte mit einem weiteren Input ergänzt.
  • Das gemeinsame Glaubensbekenntnis verwurzelt uns in unserer Umgebung  (wie der Frischluftgang)
  • Weitere Lieder und Fürbitten stellen uns bewusst in Gemeinschaft (Gespräche in Ruhephasen).
  • Die Kollekte ermöglicht es, konkrete Projekte zu unterstützen (Solarium)
  • Das Abendmahl ergänzt auch eine kulinarisch-haptische Komponente (Obst beim Aufguss), der Gemeindekaffee oder ein gemeinsames Mittagessen stärken die Gemeinschaft.
  • Die Abkündigungen (Fußbad) lässt uns auf Normaltemperatur herunterkühlen, um uns wieder alltagstauglich zu machen.
  • Wer mag, kann ein individuelles Seelsorgegespräch (Massage) vereinbaren, um tiefersitzende mentale Verspannungen zu lösen.
  • Mit dem Vater Unser und Abschlusssegen (Endreinigung) gehen wir von der heiligen Zeit wieder in säkulare Zeit über.

Ein Gottesdienst bietet so also einen festen Rahmen, den man natürlich im Einzelfall an die eigenen Bedürfnisse anpassen kann. Man trifft andere Menschen und öfnet sich für neue Gedanken. In Reflexionszeiten und Ruhezeiten kommt man ins Gespräch. Man liest etwas oder hört auf besondere Musik. Und hinterher ist man glücklich und zufrieden und kann den Aufgaben des Alltags wieder fröhlich begegnen, auch wenn man von Nicht-Gottesdienstgängern oft für diesen Tick belächelt wird…

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. (Jesus in Mt 11,29)

Am Tisch des Herrn

Gestern war ich Diener am Tisch des Herrn. Das war schön. Gleich zweimal. Das war umso besser.

Erst haben wir Gottesdienst gefeiert und ich war beim Abendmahl für den „Thekendienst“ zuständig. Also das Auffüllen der Kelche zwischen den Kreisen. Als Erklärung: Wir feiern im Christus-Treff donnerstags einmal im Monat das Abendmahl in Kreisform. Je 30-50 Leuten gruppieren sich im Altarraum, bekommen Brot und Saft und einen Segensspruch. Das ganze 3-4 mal, bis jeder dran war. Zwischendurch werden die Becher aufgefüllt und alles ordentlich gehalten. Ein kleiner Dienst im Hintergrund, den ich gerne verrichte.
Nach dem Gottesdienst hatten wir weiter Gemeinschaft bei Getränken und Snacks im gemeindeeigenen Begegnungszentrum Con:Text. Auch da war ich für Essen und Trinken verantwortlich. Zwar eher organisatorisch und weniger ausführend, aber so ergaben sich einige gute Gespräche mit den Leuten vor Ort.

Beides ganz unterschiedliche Formen von Gemeinschaft und beides wichtig.
Geistliche Gemeinschaft entsteht im eher frontalen großen Gottesdienst und im kleineren Abendmahlskreis, wo wir Gottes Liebe spürbar in uns aufnehmen. Und genauso auch in kleinen Gesprächen und Begegnungen bei Nachos und Bier. Denn jeder Ort kann zu Gottes Haus werden, wenn wir ihn feiern und ihn einbeziehen.

Beim Aufräumen hinterher musste ich an Psalm 84 denken, der genau davon spricht: Besser eine kleine Erfahrung in Gottes Nähe als viele große Events ohne ihn. Schön, wenn man das so plastisch erleben kann 🙂

Psalm 84, 2-3+11-13:
Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. […] Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. HERR Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!

Gott – gefällt mir!

Pünktlich zur Buchmesse in Frankfurt ist es erschienen. Das Buch, in dem ich das komplexe Thema meiner Dissertation für normale Menschen aufgeschrieben habe. Natürlich etwas praktischer und ohne langes Methodenkapitel und theologischen Überbau. Lebensnah behandelt es die Frage, wie man Social Media ganz praktisch in der Gemeindearbeit einbinden kann.

Dabei ist Social Media weit gefächert und beinhaltet sowohl die klassischen Medien Facebook, YouTube und Co wie auch crossmediale Ideen für Kinder- Jugend- und Gemeindearbeit. Ideen, wie man ein Stadtfest evangelistisch nutzen kann und rechtliche Fragen zu dem, was meist schon irgendwie gemacht wird bringen so manches Aha-Erlebnis. Dabei bleibt das Buch leicht zu lesen, weil es spielerisch die Geschichte einer (fiktiven) Familie erzählt. Es ist ein Lesebuch mit kleinen Handbucheinschüben (Leseprobe).  Die knapp 100 Seiten kann man bequem an einem verregneten Herbst-Wochenende lesen oder als gemeinsame Gemeindelektüre auf mehrere Wochen aufteilen.

Passend als Geschenk für sich selber, Freunde, (zukünftige) Pastoren/Pfarrer und Gemeinde-Mitarbeiter. So kann man z.B. auch als Mitarbeiter-Präsent zu Weihnachten was unterhaltsames und gleichzeitig informatives verschenken und dazu beitragen, dass Menschen physische und virtuelle Gemeinschaft nicht nur als  Gegensatz, sodnern auch als mögliche Ergänzung wahrnehmen und sich produktiv mit beiden Welten auseinandersetzen 🙂

Und als Ergänzung für Gemeinden, die ganze Sache machen wollen, habe ich eine Seminarreihe konzipiert. Je nach Stand kann sie zwischen einem Abend, einem Wochenende und zehn Wochen Mitarbeiter und Gemeindemitglieder informieren, schulen und ermutigen, sich auf neue Medien einzulassen ohne bisherige Formate vorschnell zu verwerfen.

Dir gefällt das Buch? Schreib gerne eine positive Rezension auf Amazon oder einem anderen Portal. Das ermutigt Leute oft zum Kauf!
Du hast Verbesserungsvorschläge oder Fragen: Schreib mir eine Mail, dann helfe ich dir gerne weiter oder bedenke deine Argumente 🙂

 

Jogibär – zielgruppenorientierter Medieneinsatz

Am Wochenende durfte ich das Kinder-Spielplatz-Projekt „Jogibär“ in Düsseldorf kennen lernen. Aufbauend auf der New Yorker Idee  „Metro Ministries“ von Bill Wilson sollen auch in Düsseldorf Kinder viel Spaß und positive Gemeinschaft erleben.

bär_webEinmal im Monat gestaltet das Mitarbeiterteam einen Gottesdienst für Kinder am Samstagnachmittag auf einem Spielplatz. Eingeladen wird im Vorfeld persönlich in den angrenzenden Häusern. Familien sollen die Mitarbeiter kennen lernen, um ihnen vertrauen zu können und zu wissen, dass die Kinder dort in guten Händen sind. Ein buntes Programm aus kindgerechten Spielen, Songs, einer biblischen Botschaft und leckeren Süßigkeiten bzw. Preisen zieht regelmäßig bis zu 100 Kinder an. Dabei ist der Jogibär ein besonderer Star, der mit den Kindern tanzt oder einfach geknuddelt werden kann.

schilder_webEingängige Lieder mit einfachen deutschen Texten werden mit den Kindern geübt und gesungen. Verbunden mit passenden Bewegungen lernt so jedes Kind, dass es wertvoll und geliebt ist und in Frieden mit anderen Menschen leben kann. Für eine OpenAir-Veranstaltung mit Kindern ist dabei weder ein Gesangbuch noch eine Medieninstallation wirklich passend. Die meisten Kinder singen die Texte auswendig mit, aber um sie leichter zu lernen, werden sie auf großen Pappen aufgemalt. So kann man sie bei Bedarf leicht mitlesen. Gerade auch die Eltern, die teilweise auf den Spielplatz kommen und bei einer Tasse Kaffee mit zuhören.

schwert_webDie Botschaft (diesmal „Denke nach, bevor du sprichst“ nach Prediger 5,2) wird neben kurzen Erzählungen von persönlichen und biblischen Geschichten auch durch Objekte visualisiert. So können sich die Kinder gut merken, worum es geht. Ein Schwert zum Beispiel ist ein sehr mächtiges Werkzeug und kann je nach Einsatz Menschen verletzen oder auch Menschen beschützen und ihnen helfen. So ist das auch mit unseren Worten – sie können verletzen oder helfen, je nachdem, was wir sagen. Also sollten wir gut überlegen, ob wir anderen Menschen hilfreiche Dinge sagen oder sie beleidigen und damit verletzen.

bilder_webAm Ende bekommt jedes Kind noch den Merkvers auf einer kleinen Karte zum Mitnehmen. Praktische Gegenstände, gedruckte und gemalte Plakate und Spruchkarten sind also ganz lebensnahe Medien, die hier genutzt werden. Außerdem die persönliche Begegnung im Gespräch, bei Spiel und Spaß, Hausbesuchen und gemeinsam Fußballspielen. Und nicht zuletzt die liebevolle Umarmung des großen Bären oder eines Mitarbeiters. So transportiert die Veranstaltung ganz ohne „moderne Massenmedien“ gute Gedanken passend an eine Zielgruppe vor dem Smartphone- und Interneteinstieg. Klar gibt es auch eine Website und Facebook-Seite mit Informationen für Erwachsene, aber für die Kinder zählt noch ganz die haptische Erfahrungswelt.

logoMein Resümee des Wochenendes: Es ist gut, viele Methoden und Tools zu kennen und kontextsensitiv auszuwählen, was wo passt 🙂

Online oder Offline? Wie wollen wir leben?

Neulich war ich 10 Tage im Urlaub. Da stellt sich natürlich die Frage, ob und wie man unterwegs ins Internet kommt. Gibt es eine Auslands-Flat vom Handy-Provider? Will man auch für den Laptop ein Paket erwerben oder reicht es, ab und zu freie W-LANs zu finden (und wie sicher sind die dann)?
wifi Ich hab die Zeit genutzt, um meine Online-Kommunikation einfach mal auf ein Minimum zu reduzieren. Mails nur überfliegen und Debatten auf Facebook, Twitter, und derBlogosphäre einfach mal laufen lassen. Eine Woche tatsächlich abschalten. Dafür konnte ich die Sonne genießen, Zeit mit den Menschen vor Ort verbringen, reden, zuhören, genießen, lesen, schlafen, sein.

Wir sind vermutlich die einzige Generation der Weltgeschichte, die wählen kann, ob sie online oder offline ist. Noch vor 30 Jahren war ein normaler Mensch permanent offline, ohne sich daran zu stören. Ab und zu konnte man einen Brief schreiben oder telefonieren. Ansonsten hatte man Kontakte nur, wenn man sich traf.
Der Trend zum mobilen Web, Tracking und ständiger Vernetzung (egal, ob man das positiv oder negativ bewertet) lässt vermuten, dass in 30 Jahren kaum ein Mensch ohne digital vernetztes Device existieren wird. Ob es dann ein tragbares Telefon , eine Multimedia-Armbanduhr oder ein verpflichtend implantierter Chip im Kopf sein wird hängt von der prognostizierten Zukunftssituation ab (die wir natürlich durch unser Verhalten heute  entscheidend mit beeinflussen!). Aber wir werden vernetzt sein mit der Welt. Wikipedia und Google sind schon jetzt ständige Begleiter, private und öffentliche Kommunikation via Messenger, Forum oder Network sind die Post-Its der jungen Generation und Tools wie GoogleMaps, Chefkoch.de, Kamera und mobiler Büroarbeitsplatz nötig, um den Alltag zu gestalten.

Das Abschalten (Wer erinnert sich noch an Peter Lustig?) wird immer seltener, weil man dann ja nicht mehr ereichbar ist und keinen Zugriff mehr hat. Dafür opfern wir mitunter Freizeit, Erholung, Stille und im Sinne der Datenschutzdebatte ggf. sogar Freiheit und Privatheit. Also sollten wir uns fragen: Wie wollen wir in Zukunft leben?

In meinem Artikel „virtuelle Heimat“ in  Zeitgeist2 habe ich dargestellt, dass das traditionelle Heimatgefühl in unserer Zeit oft verloren geht und wir uns alternative soziale Rahmen aufbauen, um diesen Schutzraum digital nachzuempfinden. So können wir die virtuelle Vernetzung positiv nutzen, um die Veränderungen der globalisierten Gesellschaft aufzufangen. Ein spannendes Beispiel, wie dadurch sogar physische Gemeinschaft gestärkt werden kann ist die „Social Street“ mit vielen Nachahmern in Italien und der Schweiz.

Und Gott? Die geistliche Komponente eines ganzheitlichen Lebens ist ja weder nur physisch, noch rein virtuell, sondern primär spirituell erfahrbar. Und damit bietet Religion ein immer erreichbares Netzwerk, das die beiden anderen Realitätsebenen umfasst und übersteigt. Gottesdienst können wir in einer Kirche feiern, aber Gebet endet nicht, wenn wir allein auf der einsamen Insel sitzen. Online-Portale helfen uns Gottes Wort zu verstehen, aber auch im Wald ist sein Reden wahrnehmbar.

Wir können uns also daran erinnern, ab und zu mal abzuschalten, um zur Ruhe zu kommen. Wir können in den Online-Phasen bewusst gestalten, wie viel Zeit wir mit nahen und entfernten Menschen verbringen. Und wir können uns geistlich auf Gott einlassen, egal in welcher Phase wir uns gerade befinden.

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Psalm 139,5)

Gott befasst sich mit uns. Er ist erreichbar. Im Urlaub und im Alltag. Wie das praktisch aussehen kann, darüber rede ich gerne in Schulungen und Seminaren. Und die Erfahrungen mache ich gerne in ganz unterschiedlichen Gottesdiensten. Meist offline, aber prinzipiell auch online. Jesus hat soziale Netzwerke gegründet und ganzheitliche Gemeinschaft gelebt (dazu ein andermal mehr). Das sollten wir auch tun, wenn unser ganzes Leben Gottesdienst sein will. Online und offline – crossmedial.

Ende der Gemeindegrenzen?

Ich bin „evangelischer Christ mit baptistischen Wurzeln und ökumenischer Offenheit“. So stelle ich mich bei Tagungen gerne vor, wenn es darum geht, in welche konfessionelle Schublade man sich gegenseitig einordnet.

Das ist natürlich nicht ganz so plakativ und einordbnebar, wie „Lutheraner“, „römisch katholisch“ oder „Charismatiker“. Aber es trifft meinen geistlichen Standpunkt ganz gut. Denn wenn ich etwas erkannt habe, dann dass ich sehr vielen Glaubenstraditionen etwas abgewinnen kann, ohne mich voll und ganz in eine Traditionslinie einzuordnen.

Baptisten – eine Evangelische Freikirche

Geboren in einer baptistischen Familie, wurde ich als Kind gesegnet und lernte freikirchliche Lebensweisen kennen. Als Jugendlicher entschloss ich mich zur Glaubestaufe und bin seitdem gerne waschechter Baptist. Auch wenn ich als Jugendlicher von der alltagsnahen Spiritualität der Jesus Freaks sehr angetan war und immer schon Freunde in unterschiedlichen Kontexten hatte.

Erst auf einer Amerikareise wurde mir bewusst, dass der Baptismus mit dem in der Schule kaum einer etwas anfangen konnte, dort fester Bestandteil der Alltagskultur ist, auch wenn dort jede Denomination irgendwie gleichwertig zu sein scheint.

Philipps-Universität Marburg

Im Theologie-Studium an der Philipps-Universität lernte ich kritische Wissenschaft kennen und auch meine eigene Herkunft zu hinterfragen. Ich erkannte den Wert, ersthafter Liturgie, hatte viele gute Gespräche mit katholischen Geschwistern und der Christus-Treff – eine ökumenische Gemeinschaft – wurde mein geistliches Zuhause, ohne dass ich dem Baptismus den Rücken kehren musste.

Christus Treff Marburg

Seitdem ich freiberuflich für ganz unterschiedliche Auftraggeber unterwegs bin, darf ich immer wieder unterschiedliche Gemeinden kennen lernen. Meist freue ich mich, wie bunt Gottes Reich auf Erden ist und wie vielseitig Gottesdienstformen und Gemeindestrukturen funktionieren. Nicht alles muss ich gut finden und für mich übernehmen. Aber egal ob pfingstlerische Emotionalität, reformierte Nüchternheit, ob traditioneller Ritus oder dekonstruktivistische Postmodernität, solange der dreieinige Gott das Zentrum des Glaubens bleibt, freue ich mich über christliche Gemeinschaft und gegenseitigen Austausch.

Ökumenische Rundschau

Gerade habe ich einen Artikel für die „Ökumenische Rundschau“ (4/14) geschrieben und freue mich, auch dadurch im Kontakt mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen zu kommen. Denn Gott ist ja kein Baptistengott, auch kein katholischer oder gar ein Privatgott für jeden einzelnen. Sondern wir sind gemeinsam eine Gemeinschaft der Heiligen.  Und wenn es um theologische Streitthemen geht, kann man sich in Liebe positionieren, ohne Menschen mit anderer Erkenntnis vorschnell zu verurteilen.

Meine Hoffnung ist, dass die Kirche der Zukunft Stärken aus jeder Richtung ernstnehmen wird, um gemeinsam daran zu arbeiten, die Welt ein wenig schöner zu machen.

Wer bist du und was ist deine geistliche Geschichte?
Ich bin gespannt darauf, noch viele ökumenische Erfahrungen zu machen und dadurch auch Gott immer besser kennen zu lernen 🙂