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Eine Reise durch Narnia

Dieses Frühjahr habe ich die sieben Hörbücher der „Chroniken von Narnia“ von C.S. Lewis (auf deutsch gelesen von Philipp Scheppmann) gehört. Es ist spannend, wie natürlich und lebendig Religion und Glaube in diesen Büchern wiedergegeben werden. Dabei nutzt Lewis einen eigenen phantastischen Kosmos, um in märchenhafter Form über geistliche Realitäten zu schreiben. Diese Form macht es sowohl künstlerisch als auch theologisch spannend.

Die Serie beginnt mit dem Buch „Das Wunder von Narnia“. Grundlage ist der phantastische Gedanke, dass man durch Ringe Portale öffnen kann, um zwischen Welten hin und her zu reisen. So wird die Idee angelegt dass es neben unserer Realität andere Realitäten gibt die vielleicht größer, mächtiger, zumindest anders sind und dass es einen Übergang gibt von unserer Realität in eine andere Dimension. 2 Kinder landen zufällig durch ein Experiment ihres Onkels in dieser schönen, bunten Welt mit vielen Portalen in unterschiedliche Realitäten. Sie betreten eine dieser Welten, die sehr düster aussieht und am Zerfallen ist. Eine böse Hexe scheint hier große Macht zu haben und statt Leben zu schaffen alles in leblose Materie zu verwandeln. Beim Verlassen dieser Welt folgt ihnen diese Hexe und landet nach vielen Umwegen mit ihnen in einer andere Welt, die komplett leer zu sein scheint. Aus dem dunklen „Nichts“ wird jedoch durch einen mächtigen Schöpfer „Etwas“. Er schafft Wiesen, Berge, Sonne, Regen, Pflanzen, Tiere, den Kreislauf des Lebens. Später tritt dieser Schöpfer als großer Löwe auf stellt sich als Aslan vor. Durch ein Lied, durch ein Wort, durch das was aus seinem Mund kommt entsteht alles. Damit sind wir sehr nah am biblischen Schöpfungsbericht, der auch durch Gottes Wort alles entstehen lässt. Auch erfahren wir, dass neben dem guten Schöpfer das übernatürliche „Böse“ bereits anwesend ist. Es scheint kein gleichberechtigt dualistisches Machtverhältnis zu sein, aber dennoch kann diese destruktive Macht innerhalb der Schöpfung eingreifen und Wesen negativ beeinflussen. Der allmächtige König ist sich der Existenz der bösen Macht bewusst, lässt sie aber gewähren, sodass es auch für die Bewohner die Möglichkeit gibt, sich zwischen den beiden Seiten zu entscheiden. Verführung und Versagen, aber auch Gnade und Vergebung werden so möglich. Wir erleben eine Aufgabe, eine heilende Frucht von einem Baum zu pflücken und die Versuchung sie selber zu essen statt damit anderen zu helfen. Dieses Buch legt den Grundstein einer Welt, die sich durch alle Bände ziehen wird. Ähnlich erleben wir auch in der Bibel einen Rahmen von Genesis zur Offenbarung, die von Schöpfung bis zur Neuschöpfung unsere Realität begleitet. Wir können zwar nicht so ganzheitlich zwischen den Welten wechseln, glauben aber auch an eine Realität Gottes außerhalb unserer Welt und einen Schöpfer, der gute Pläne mit unserer Welt verfolgt, auch wenn destruktive Mächte Dinge durcheinander bringen können.

Das zweite Buch „Der König von Narnia“ ist das bekannteste Buch der Reihe und das was am ehesten aus diversen Verfilmungen bekannt ist. Auch hier landen vier (andere) Kinder ca 60 Jahre später in der fremden Realität Narnia, erleben sprechende Tiere, Fabelwesen und eine wundervolle, friedliche Natur, die aber unter dem Fluch einer bösen Königin (die Hexe des ersten Teils) leidet. Aslan taucht erst relativ spät auf, um im entscheidenden Kampf gegen das Böse einzugreifen, vorher überlässt er seine Schöpfung sich selbst, auch wenn dadurch nicht alles perfekt verläuft. Die Kinder lernen, dass die Hexe große Macht erlangt hat, dass sie Wesen zu Stein verwandeln kann und ihr mit normalen Mitteln nicht beizukommen ist. Dennoch stehen sich das Herr der Narnianen und das Heer der „Königin“ in Gefechtsposition gegenüber, als Aslan eingreift und durch sein Opfer die Macht des Bösen bricht. Auf einem Steintisch lässt er sich ohne Gegenwehr fesseln und ermorden, weil dadurch eine uralte Verheißung erfüllt wird, die nicht einmal die Hexe kennt. So kann Aslan wundersam auferstehen und seine wahre Macht über alles in Narnia beweisen. Im Namen Aslans können nun auch die Kreaturen Narnias erfolgreich böse Strukturen bekämpfen und ein friedliches Narnia schaffen. Auch auf der Erde erleben wir manchmal eine Herrschaft des Bösen, die sich wie ein ewiger Winter anfühlt. Böse Mächte verführen mit Süßigkeiten und Machtversprechen, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Das Leben von Christen im Untergrund haben Menschen im Kommunismus jahrzehntelang erlebt und trotz allem guten Willen ist dauerhafter Frieden nur durch Jesu Tod und Auferstehung möglich. „Ein ewiger Winter und nie Weihnachten“ ist eine bekannte Schreckensvorstehung aus diesem Buch. Passend zur Geburt Christi, die wir mitten im jährlichen Winter feiern und damit den Aufbruch des Frühlings verbinden.

Das dritte Buch „Der Ritt nach Narnia“ (als Spätschrift von Lewis als fünftes geschrieben) ist weniger bekannt und spielt in der folgenden Zeit, in der die vier Kinder viele Jahre lang als Könige über Narnia herrschen. Die Handlung beginnt jedoch in einem südlich gelegenen anderen Land und thematisiert die Ungerechtigkeit, wie eine Gesellschaft arme Kinder und nichtsprechende Tiere behandelt. Ein Waisenjunge wächst unter schlechten Bedingungen auf als ein sprechendes Pferd ihm offenbart, dass es gefangen genommen und hierher verschleppt wurde. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, verlassen ihr altes Leben, um die Freiheit in Narnia zu suchen. Unterwegs treffen sie auf ein ebenfalls geflohenes Mädchen und ein zweites sprechendes Pferd. Sprache, Bildung und Machtgefüge dieser Erzählung ähneln einer mittelalterlichen Gesellschaft mit Anspielungen an orientalische Großreiche. Es ist nicht üblich, dass man seinen Platz in der Gesellschaft verlässt, sodass die Flucht schnell auffällt und die Kinder sich verstecken müssen. Getrennt voneinander erfahren sie, dass diese aggressiv gezeichneten Calormenen einen Angriff gegen das friedliche Narnia vorbereiten, weil eine angedachte politische Hochzeit zu platzen droht. Am Ende helfen die Kinder den Narnianen auf den Angriff vorbereitet zu sein und den Kampf zu gewinnen. Sie sind durch den Weg nicht nur selber gereift, sondern können auch anderen Gutes tun. Unterwegs begegnet ihnen immer wieder ein Löwe, der ihnen Angst macht, der mächtig ist, der aber gleichzeitig auch teilweise als liebevolle kleine Katze Wärme in der kalten Wüstennacht spendet oder als wohlwollend besonnenes Wesen in Erscheinung tritt. Am Ende wird ihnen Aslan erklären, dass er all diese Erscheinungen angenommen hat, um sie durch dieses Eingreifen zu leiten. Teilweise musste er sie verwunden oder verängstigen, damit sie eigenständig gute Entscheidungen treffen konnten. So kann man sich vorstellen, dass Gott in unsere Welt eingreift, Menschen leitet, ohne ihnen den freien Willen abzunehmen.

Das vierte Buch „Prinz Kaspian von Narnia“ ist vielen als zweiter Film der 2000er-Waldenmedia-Kinoreihe bekannt, die sich an der Schreibreihenfolge Lewis‘ statt der Erzählreihenfolge orientiert. In diesem Buch erleben wir zwei parallele Stränge die erst am Ende zusammenkommen.  Im einen Strang sind die vier bekannten Kinder die nach den englischen Schulferien am Bahnhof stehen durch eine unerwartete Aktion wieder in die Welt Narnias gekommen. Anfangs können sie die Welt, in der sie jahrelang als Königinnen und Könige gelebt haben, nicht wiedererkennen, weil viele einst bewohnte Orte verwildert und verlassen sind. Sie entdecken eine alte Ruine, finden erst sehr spät heraus dass das ihr altes Schloss ist, was aber schon seit Jahrhunderten leer zu stehen und zu verfallen scheint. In einer zweiten Geschichte erleben wir einen narnianischen König, der zwar noch von den alten Geschichten weiß, sie aber für Mythen hält. Aslan und die vier großen Könige werden unter seiner Herrschaft wie Märchen aus alter Zeit behandelt und nur noch von wenigen Wesen überhaupt tradiert. Sprechende Tiere und Fabelwesen haben sich zurückgezogen und kommen so im Leben der Menschen garnicht mehr vor. Trotz eines Verbotes erzählt aber der Hauslehrer dem jungen Prinzen Geschichten aus der alten Zeit. Als dieser später aus dem Palast fliehen muss, erlebt er im Wald die Gastfreundschaft von sprechenden Tieren, die ihn nach einigem Zweifeln zu ihrem König machen, weil er der rechtmäßige Nachfahre des Thrones ist. Gemeinsam versuchen sie den jetzigen bösen König und sein Heer aufzuhalten und Narnia zu befreien. In diesem Zusammenhang hat der Prinz ein altes Horn geblasen, das der Legende nach mächtige Hilfe in größter Not rufen soll. Als offensichtlich nichts passiert, fangen einige Wesen in seiner Gefolgschaft an, zu zweifeln oder sogar die überlieferten Mächte der Hexe um Hilfe zu bitten, die ja ebenfalls totgeschwiegen wurden, aber durch einen Zauber noch zugänglich waren. In der Parallelhandlung versteht man nun aber, dass das Horn wohl die vier Kinder zurück nach Narnia geholt hat, die nun aber mehrere Tagesreisen brauchen, um von ihrem alten Schloss zum neuen Schlachtfeld zu kommen, was die Parusieverzögerung erklärt. Bei den Narnianen angekommen bietet Peter einen Zweikampf gegen den König an, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden. Narnia hat wieder einen wohlgesonnenen König, der in Frieden mit allen Kreaturen regiert und durch die Begegnung mit Aslan und den Kinder-Königen zu einem weisen Herrscher werden konnte. Auf der einen Seite erleben wir also eine Kultur, in dem Gotteserfahrungen der Vergangenheit als Mythos abgetan werden und echter Glaube ausgerottet werden soll. Im biblischen Richterbuch finden wir dieses Muster, dass wenige Generationen nach einem Gotteseingreifen das Volk sich abwendet und das Land im Chaos endet, bis sie Gott wieder um Hilfe anrufen. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die gerufene Hilfe nicht in Form der großen und imposanten Könige der alten Geschichten kommt, sondern die Kinder in scheinbar schwacher Form auftauchen. Gottes Eingreifen zeigt sich nicht durch äußere Macht, sondern gerade durch die vermeintlich schwachen kann er seine Macht deutlich zeigen. Unterwegs ist es dann sogar die jüngste von ihnen, die Aslan persönlich wahrnimmt, während die anderen sich schon zu seher auf eigene Fähigkeiten verlassen, um den Weg zu finden und später anerkennen müssen, dass sie falsch lagen. Für die beiden ältesten Geschwister war es das letzte Abenteuer in Narnia, den jüngeren stellt Aslan eine Rückkehr in Aussicht.

Das in der Erzählreihenfolge fünfte Buch der Narnia-Reihe heißt „Die Reise auf der Morgenröte“. Die beiden jüngeren Geschwister sind mit ihrem äußerst unliebsamen Cousin zusammen der sie schikaniert und versucht ihnen jeden Spaß zu verbieten. Er glaubt nicht, dass es Narnia oder etwas ähnliches gibt bis sie im Zimmer ihres Onkels über ein Bild von einem narnianischen Schiff in Streit geraten und das Bild sie auf einmal aufsaugt und sie im Meer neben eben jenem Schiff landen. Auf der „Morgenröte“ ist Prinz Kaspian dabei sieben Lords zu finden, die bei Expeditionsreisen verschollen sind. Bei den meisten dieser sieben Abenteuer erleben die Protagonisten eine Form von Versuchung. Jede und jeder entdeckt an sich Schwächen und kann doch am Ende etwas zum Gesamterfolg beitragen. Selbst der anfangs bockige und egoistische Cousin wird so zu einem wertvollen Teil der Gemeinschaft. Der Inhalt der einzelnen Abenteuer ist dabei weniger bedeutsam als die Tatsache, dass die Kinder zu weisen Erwachsenen heranreifen. Gerade der Umgang mit eigenem Scheitern festigt die Charaktere. Gleichzeitig werden die zwei ursprünglich kleinen Geschwister dadurch auch nicht mehr nach Narnia zurückkehren, weil das nur Kindern vorbehalten bleibt. Passenderweise kommt die Morgenräte am Ende der Geschichte ganz im Osten Narnias an, wo der Legende nach das Land Aslans liegen soll. Sie sehen dort Dinge, die ihre Vorstellung der physischen Welt aushebeln und dürfen am Ende wirklich das sagenumwogene Land Aslans erleben.
Auf der Reise tauchen zahlreiche biblische Motive auf wie der „Morgenstern der im Osten aufgeht“, der Schöpfer als Löwe und Lamm. Wir erleben eine Insel, auf der erfüllte Träume Menschen gefangen nehmen. Auf einer anderen Insel werden die Protagonisten als Sklaven gefangen genommen und erleben eine unerwartete Befreiung.

Als sechster Band in der Erzählchronologie baut „Der silberne Sessel“ inhaltlich auf dem vorherigen auf. Der damals noch vorlaute Cousin ist durch die Erlebnisse der vergangenen Reise gereift und vom Besserwisser zum besonnenen Abenteurer geworden. Er ist offen geworden für die Wunder und die Welt von Narnia und ist durch die Erfahrung des Scheiterns und angenommen seins umgänglicher geworden. So kann er nun auf die Kraft Aslans vertrauen und auch seine irdischen  Mitschüler merken, dass er sich anders verhält. So hilft er einer Mitschülerin, die gemobbt wird und durch ein Stoßgebet gelangen die beiden nach Narnia. Dort erhalten sie den Auftrag, einen verschollenen Prinzen im Land der Riesen zu finden. Sie geraten dabei zwischen spielende Riesen, bekommen von einer reisenden Frau wohlklingende Hinweise und landen schließlich in einem unterirdischen Höhlenlabyrinth. In einer spannenden Zwischenepisode diskutieren sie das Essen von Fleisch: Warum werden bestimmte Tiere als Nahrung angesehen, andere aber nicht? Und was ist eigentlich verwerflich daran, Menschenkinder zu verspeisen, wenn man mit sprechenden Tieren kein Problem hat? Die Frage, was wir essen dürfen, erinnert an die neutestamentlichen Diskurse über den Verzehr von Fleisch,d as heidnischen Götzen geopfert wurde. Das wird von Paulus zwar nicht pauschal verboten aber aus moralischen Gründen in eigener Küche untersagt.
Im unterirdischen Reich treffen die Kinder auf einen Prinzen, der nie alleine ans Tageslicht geht und erzählt, er leide an einem Fluch, der ihn jede Nacht eine Stunde verrückt werden lässt, sodass er an einem silbernen Sessel gefesselt werden müsse. In Wirklichkeit ist er aber immer verzaubert und nur in dieser einen Stunde bei Verstand. Die Hexe hat ihm diese Verdrehung eingeredet, damit er sich freiwillig fesseln lässt und ihr tagsüber als menschliche Begleitung zur Verfügung steht. Ihr Ziel war es, einen Teil Narnias mit einem Heer aus dem Untergrund anzugreifen und ihn proforma zum Machthaber einzusetzen. Dass er als Prinz auch ohne Krieg der rechtmäßige Machthaber von Narnia wäre, ist ihm in seinem Zustand nicht bewusst. Nachdem der Bann gebrochen wird und sowohl Sessel als auch die Hexe in Form einer Schlange zerstört sind, finden alle Protagonisten einen unterirdischen Ausgang, um den Prinzen ins Schloss nach Hause zu bringen. Spannend auch: Erst nach vielen Abenteuern in dieser Unterwelt entdecken die Kinder eine weitere Unter-UnterWelt , die in dem Fall kein schlimmer Ort ist, sondern eine von liebevollen tageslichtscheuen Kreaturen gerne bewohnt wird. Lewis bricht also mit dem bekannten oben-unten-Himmel-Hölle-Bild und stellt tatsächlich drei gleichberechtigte Realitätsebenen innerhalb Narnias nebeneinander. Durch die gesamte Geschichte zieht sich das Motiv der verdrehten Wahrheit, was die Hexe, am Ende als Schlange in die Welt gebracht hat. Im biblischen Schöpfungsbericht finden wir die Schlange als Symbol für eine böse Macht, die falsche Wahrheiten verkündet und Menschen täuscht. Vor allem im Neuen Testament taucht dann diese Böse Macht wieder als Motiv auf, wird am Ende aber von Gott besiegt wird. Die falsche Versprechung der Hexe erinnert an den Satan, der Jesus in der Wüste verspricht, ihn über die Erde herrschen zu lassen, wenn er ihn anbetet. So wie Jesus ablehnt, um am Ende sein Freidensreich aufzurichten wird auch der Prinz in diesem Buch am Ende keine Gewalt brauchen, um weltliche Macht zu erhalten sondern ein ehrlicher und friedlicher Herrscher werden.

Der letzte Band der Narnia-Reihe befasst sich mit dem letzten großen Kampf zwischen Gut und Böse in Narnia. Das Ganze beginnt mit einer ungleichen Freundschaft zwischen einem klugen und dominanten (sprechenden) Affen und einem treu-doof-naiven (sprechenden) Esel. Der Affe unterdrückt den Esel und lässt ihn für sich arbeiten, während jener denkt, das wäre eine faire Freundschaft und müsse eben so sein. Als nun der Affe ein Löwenfell findet, zieht er es dem Esel über und stellt diesen als „Aslan den Löwen“ zur Schau. So wird deutlich, dass die Geschichte in einer Zeit spielt, in der der echte Aslan schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten ist und nur noch als Mythos in alten Geschichten existiert. Damit niemand die schlechte Fälschung enttarnt, baut der Affe ein Geschichtengebäude auf, in dem er sich selbst zum Sprachrohr Aslans macht und lässt selbigen als eitlen und scheuen König nur abends im Dämmerlicht und mit Abstand auftauchen. So behaupten immer mehr Geschöpfe, sie hätten ihn gesehen und schenken den Worten des Affen Glauben. Dieser kann wiederum das feindliche Volk der Calormenen als Partner gewinnen, in deren Minen sich die eigentlich freien Narnianen auf eine angebliche Anweisung Aslans hin zum Arbeiten einfinden. Stück für Stück ändert sich das Bild des friedlichen und freundlichen Aslan hin zu einem versklavenden und strafenden König, dem man gehorchen muss. Dass alles auf einem Schwindel aufbaut, fällt niemandem auf, weil ohne ein echtes Wissen des ursprünglichen Königs alles irgendwie zu passen scheint.

Während die ersten sechs Kinder, die früher Narnia bereist hatten nun alle schon zu alt sind, kommen die beiden jüngsten, die auch das letzte Abenteuer gemeistert haben, noch einmal nach Narnia. Gemeinsam mit dem letzten rechtmäßigen König versuchen sie, Narnia zu retten und das Gute zu bewahren, aber böse Schatten nehmen bereits ihren Lauf und das Unterfangen scheint chancenlos. Selbst als sie den Esel nachts befreien und einer Gruppe Zwerge zeigen, wie sie getäuscht wurden, glauben diese der Lüge noch mehr als der aufgedeckten Wahrheit und weigern sich, mit ihnen gegen den Affen vorzugehen. In einer weiteren Steigerung wird der falsche Aslan als Gott verehrt und seine Anbetung mit den Mythen und Traditionen eines anderen grausamen Götterglaubens vermischt. So macht der Affe aus zwei Religionen eine Mischform, was beiden Seiten nicht gerecht wird, aber von den naiven Anhängern rasch übernommen wird. Als der falsche Löwe nicht mehr vorgezeigt werden kann, bietet der Affe an, einzeln beim großen König vorzusprechen, wenn man sich traut, ihm persönlich zu begegnen. Durch einen bewaffneten Krieger sollen die Mutigen dann als Abschreckung getötet werden. Jedoch läuft die Finte aus dem Ruder und am Ende finden sich der König, die Kinder und einige andere Wesen in Aslans Reich wieder. Von dort können sie der Zerstörung Narnias und einer Neuschöpfung zusehen. Zuerst wirkt es traurig, das geliebte und gewohnte Land vergehen zu sehen, doch am Ende erleben sie, dass das bisherige nur ein Abklatsch von dem war, das noch kommen wird und somit ein hoffnungsvolles Ende bleibt. Dort sind auch viele liebgewonnene Kreaturen und die Kinder aus den früheren Büchern anzutreffen, die durch einen Eisenbahnunfall in London gestorben sind, um hier im „Paradies“ mit ihren lieben vereint zu sein. Im letzen Narniabuch erleben wir verschiedene Bilder aus der biblischen Offenbarung. Eine böse Macht, die sich ein belebtes Standbild macht, um angebetet zu werden und als Lügenprophet Menschen von der Wahrheit abzubringen und ein darauf folgender großer Abfall der Gläubigen wird für das Ende der Zeiten vorausgesagt. Auch Die Ersetzung von Gottesbildern durch konforme Ideologien wurde in vielen Regimen praktiziert. Eine ungeformte christliche Botschaft wird so als religiöse Volksdroge salonfähig, während die Verkündiger der ursprünglichen Botschaft verfolgt werden. Auch die Idee einer göttlichen Welt außerhalb unserer Sphäre und der ewigen Seele, die in einem weiterentwickelten Stadium unsere Realität überleben wird, sind biblische Motive. Ähnlich wie es unter Jesu Jüngern einen abtrünnigen gibt, hat sich im Laufe der Geschichte auch die älteste der vier Geschwister vom Glauben an Narnia abgewandt, um sich ganz in irdische Dinge wie Mode, Makeup und Familiengründung zu investieren. Durch ihren Bruch mit dem Glauben, kann sie auch nun nicht mit in Aslans Realität sein. Biblische Aussagen lassen zwar auf eine Erlösung für alle hoffen, zeigen aber auch eine Möglichkeit der ewigen Verdammnis auf, dass man sich für und gegen ein Leben mit Gott entscheiden kann.

Insgesamt zeichnen die sieben Narniabücher ein eher konservativ-theologisches Bild des christlichen Glaubens, das man sicherlich nicht als rationale Abhandlung und ewige Dogmatik sehen darf. Dennoch geben diese lebendigen Geschichten über Gnade, Liebe, Frieden, Wachstum, Glaube und Vertrauen den Lesern eine Möglichkeit an die Hand, unsere Welt durch die Augen der Phantasie in einer spirituellen/christlichen Realität zu sehen.
Sidefact: Wie schon die einzelnen biblischen Bücher ist auch die heute übliche Reihenfolge von Lewis‘ Büchern nicht die Schreibfolge. So wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel vermutlich recht spät aufgeschrieben wurde und die abschließende Johannesoffenbarung sehr spät entstanden sind, wurden auch in Narnia Schöpfung und Apokalypse quasi nachträglich ergänzt, um den Geschichten einen kosmischen Rahmen zu bieten.

Alle echten „Gotteserfahrungen“ in Narnia wurden übrigens von Kindern gemacht. Als rationaler Denker fragt mich das an, ob ich nicht die emotionale, kindliche Komponente meines Lebens stärker zu Wort kommen lassen muss, wenn ich geistliche Realitäten begreifen will? Deshalb ende ich mit der biblischen Einladung Jesu: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)

Die Osterdramaturgie

In den letzten Jahren beginne ich, die Dramaturgie von Ostern zu wertschätzen. Bewusst nicht jeden Tag des „Oster-Wochenendes“ gleich fröhlich zu feiern, sondern zu begreifen, welche emotionale Achterbahnfahrt Jesus durchgemacht hat und sie mir auch zuzumuten, ohne vor dem Leid wegzulaufen.

Dieses Jahr haben wir in Erfurt am Gründonnerstag eine Tischgemeinschaft organisiert, bei der neben einem liturgischen Teil mit Abendmahl das gemeinsame Essen im Vordergrund stand. Ohne Fußwaschung und ohne Verrat, aber mit dem Gefühl, nochmal mit guten Freunden zu Tisch zu sitzen, bevor ein hektisches Wochende beginnt.

Zu den Szenen von Jesu Verurteilung am Karfreitagsmorgen durfte ich dieses Jahr predigen (Predigt als Audioaufnahme, 21 min, Anfang fehlt leider). Zwar bereits vorgezogen am Palmsonntag, aber dramaturgisch passend habe ich die Aufnahme am Freitag nochmal nachgehört, als ich Karfreitag  zu meiner Familie gefahren bin.

Karsamstag ist der „Zwischentag“ ohne festes Programm. Die Jünger waren verunsichert, zerstreut. Sicherlich haben einige auch ihre Familien mal wieder gesehen, die sie für die Jüngerschaft verlassen hatten. Zumindest war ich mit meiner Familie unterwegs. Kein tief geistliches Programm, sondern ein Tag zwischen den Ereignissen.

Den Ostersonntag beginne ich gerne mit einer Osternachtsfeier, die im dunkeln beginnt und liturgisch in die Auferstehung hinein feiert. Das konnten wir in Ingolstadt erleben, wo lebendige Geschichten von Dunkelheit in der heutigen Welt die Folie bildeten, um die Auferstehungsfreude zur Geltung kommen zu lassen. Mit geteiltem Osterlicht ging es dann zum Frühstück und fröhlichen Familienausflug vor dem traditionellen Ostergrillen in Erfurt.

Und der Ostermontag? Bisher kenne ich noch keine einleuchtende Tradition für diesen Tag. Vielleicht ein echtes Entspannen nach diesen emotionalen Tagen? Vielleicht ein Beisammensein mit Erzählen und sich Wahrnehmen? Vielleicht eine Zeit der Buße für Verleugnung, persönliche Schuld und Gnadenerfahrung?

Dieses Jahr werde ich einfach frei haben und das sacken lassen, was ich im letzten Jahr und den letzten Tagen erlebt habe.

Wenn du Ideen oder Anregungen dazu hast, lass es mich gerne wissen!

Halleluja – Bin ich Valerie oder der Priester?

Als 2016 das Projekt „Valerie und der Priester“ online ging, war es ein viel beachteter Blog. Viele meinten: Endlich öffnet sich die (katholische) Kirche, lässt jemanden hinter die Kulissen blicken und kritische Fragen stellen. Andere freuten sich, über die missionarische Chance, mit Skeptikern über Glaubensdinge zu sprechen. Ein Jahr lang hat die atheistisch-feministische Journalistin Valerie Schönian den katholischen Priester Franziskus von Boeselager in seinem Alltag  begleitet. Sie hat Kirchen betreten, Messen beobachtet, Alten- und Krankenbesuche erlebt. Beide haben sich auf Augenhöhe wahrgenommen, zusammen gefeiert, sich offen und ehrlich ausgetauscht und gemeinsame Erfahrungen gemacht. Und die Erkenntnis: Trotz grundsätzlich unterschiedlicher Meinungen zu bestimmten Themen (Frauenordination, Homo-Ehe, Obrigkeitsgehorsamkeit) kann man sich akzeptieren, verstehen und mögen. Auch wenn das Jahr mit Frusterlebnissen und Kontroversen gespickt war, haben beide eine Sensibilität für die Lebenswelt des anderen erlangt und zumindest einen Perspektivwechsel versucht. 2018 ist „Halleluja : wie ich versuchte, die katholische Kirche zu verstehen“ (Valerie Schönian, Piper Verlag 2018) als reflektierter Rückblick auf das Projekt erschienen.

Ich möchte nicht spoilern, ob sie am Ende heiraten, einer die andere bekehrt (oder umgekehrt) oder die Kirche in ihren Grundwerten erschüttert wird, aber definitiv ist bei der Lektüre etwas in mir in Bewegung gekommen. Ich nehme den Protagonisten ab, dass sie sich ernsthaft umeinander bemühen und kann ihre inneren Prozesse nachvollziehen.

Das Buch beschreibt den Weg dieses Jahres in sieben Abschnitten von anfänglichem Unverständnis, einer persönlichen Annäherung, frustrierter Abgrenzung und Erfahrungen, die das eigene Handeln und Glauben hinterfragen. Wie wichtig ist eine übernommene Tradition (religiös oder a-religiös)? Wo fängt Gebet an und wieviel „Geist“ wird emotional und gruppensozial erzeugt? Was würde ich denken, wenn ich anders aufgewachsen wäre? Was würde sich an meinem Alltag ändern, wenn ich davon ausginge, dass es Gott (nicht) gibt?

Wenn ich meinen Platz in dem Buch suche, stehe ich zwischen den beiden Protagonisten. Als Christ und studierter (evangelischer) Theologe bin ich eher auf der Seite des Priesters. Freiheitliche Gedanken, Grundeinstellungen und der ungeordnete Lebensstil ähneln wohl eher der Berliner Partykultur als dem Dorfpfarramt. Und in vielen Fragen springe ich, kann beide Seiten verstehen, weiß manchmal selber nicht, wie ich mich klar positionieren soll. Für die einen bin ich konservativ, in anderen Kreisen mit der gleichen Meinung liberal. Klar mag ich die Kirche als Gemeinschaft der Christen, aber ein solch blinder Gehorsam, wie es Franziskus zeigt, geht mir zu weit. In vielen Punkten bin ich froh (bei aller ökumenischer Offenheit), dem evangelischen Spektrum anzugehören, wo die Kritik an der eigenen Institution (als „Protestant“) quasi immanent ist. Und doch schätze ich dieses tiefe Gott-Vertrauen, das ich bei Franziskus herausspüre. Ich versuche gnädig zu sein, wenn Menschen Fehler machen oder an Strukturen festhalten, die einer gesunden Entwicklung im Weg stehen. Und gleichzeitig kann ich mit einigen modernen Spielarten der freiheitlichen Gesellschaft nicht viel anfangen und verteidige Traditionen, wo sie mir hilfreich erscheinen.

Das nehme ich aus dem Buch mit: Glaubensdinge kritisch anschauen ohne das reflektierte Vertrauen aufzugeben. Ich kann bei heiklen Fragen immer eine kleine Valerie in meinem Kopf haben, die mit rationalem Klargeist sagt „Warum denn?“ und gleichzeitig einen kleinen Franziskus, der sagt „Gut, dass es so ist!“. Und beide dürfen sein.
Auf jeden Fall hat mir das Buch wieder neu Lust gemacht, echte Atheisten kennenzulernen und tiefer zu bohren, was sie denken, fühlen, glauben. Nicht, um sie zu bekehren, sondern um sie zu verstehen und mit ihnen zwischen beiden Welten zu pendeln. Danke für diesen Anstoß!

Frohe Weihnachten im Januar

„Frohe Weihnachten“ haben wir uns gewünscht, weil man hofft, sich an den Feiertagen mal nicht zu streiten, keine Sorgen zu wälzen und mit fröhlichem Herzen genießen zu können. Eigentlich schade, dass man sich das nur für drei Tage wünscht…

Ich lasse mich ja in den letzten Jahren immer wieder gerne auf den Rhythmus des Kirchenjahres ein und erlebe dadurch eine gewisse Entschleunigung und Akzentuierung der Zeit. Wenn man ernst nimmt, dass Weihnachten noch nicht mit den ersten Lebkuchen am letzten August-Wochenende anfängt, sondern ein Herbst mit Erntedank und Reformationstag sowie der Buß- und Bettag und Ewigkeitssonntag einladen, sich erstmal mit den schweren Seiten des Lebens zu befassen, kann danach die Vorfreude im Advent langsam wachsen. Auch da: Es geht nicht darum, alles festliche schon am 1. Advent zu verballern und durch ausreichend Glühwein dann bis 26.12. am Leben zu erhalten, sondern die kleinen Schritte wertschätzen: Dekorieren, Backen, Geschenke einpacken. Einzelne Feiern, auch mal Glühwein, Zeit mit netten Menschen. Vielleicht sogar mal die Adventszeit als Fastenzeit ausprobieren (wie sie ursprünglich gedacht war) und dann zum Weihnachtsfest so richtig zu schlemmen, sich zu freuen und zu feiern, dass Gott Mensch wird.

Natürlich ist das mehr ein theoretisches Konzept und ich bin weit weg davon, es im hektischen Alltag perfekt umzusetzen, aber es hilft mir, es zumindest zu denken und in Teilen zu leben. Und was ich meistens schaffe ist: Die Weihnachtsfreude in die „Weihnachtszeit“ hinein zu retten, die ja Heiligabend anfängt und bis in den Januar reingeht. Zwischen den Jahren über das Weihnachtswunder nachdenken und überlegen, wie ich im Angesicht dessen das eigene Leben gestalten will, erdet mich. Und das Bewusstsein, dass nicht nur irdische Belange zählen, hält mich geistlich wach, denn das Leben ist mehr als materieller Besitz und mehr als „Friede auf Erden“, so schön der Wunsch auch ist. Friede im Herzen wäre schonmal ein Anfang und ein ganzheitliches Ruhen, Rein-Werden und im Einklang sein könnte das höhere Ziel sein (vgl. Richard Rohr: „Ganz da – einfach und kontemplativ leben“).

In diesem Sinne wünsche ich euch allen auch weiterhin eine „Frohe Weihnachtszeit“ (inkl Epiphanias noch bis 27. Januar!), also genug Zeit, um sich auch ohne Glitzerkitsch weihnachtlich zu fühlen.

Walking the DingleWay

Heute mal ein ungewöhnlicher Blog-Beitrag. Ein Reisebericht, der  Urlaubstipps gibt (1), über den Unterschied zwischen Wandern und Pilgern nachdenkt (2) und einen Mittelweg zwischen zwanghafter Offlinezeit und Online-Ausschlachtung einer Tour propagiert (3). Ich bin mit einem Freund den Weg im August 2018 gelaufen und teile gerne meine Erlebnisse mit euch.

1. The Dingle Way

Der DingleWay ist ein gut beschilderter Wanderweg, der auf ca 180 Km in Küstennähe die Dörfer und Städte rund um die Dingle-Halbinsel verbindet. Es ist nicht immer der kürzeste Weg, aber meist ein schöner Weg. Aber Achtung: Es ist kein flacher Küstenweg, sondern überwindet über seine acht Etappen gut 7600 Höhenmeter! Also sollte man die Route mit Bedacht auswählen. Für Menschen, die auch noch Urlaub machen wollen, empfehle ich, die Etappen zu verkürzen, Pausetage einzuplanen oder die erste und letzte Route (Tralee-Camp) wegzulassen. Auch kann man einzelne Stationen per Bus/Taxi zurücklegen (falls sich morgens schon Dauerregen abzeichnet). Ein Doppelzimmer im B&B bekommt man um die 30-50 EUR p.P., Hostelpreise liegen meist unter 20 EUR im Mehrbettzimmer (und man kann die Küche nutzen, um nicht jeden Tag im Pub zu essen – ca 20 EUR + Getränke).
Die Iren sind entspannte Menschen. Den meisten hat für die Buchung eine Email mit Vorname und Datum gereicht. Gezahlt wurde oft erst bei Abreise, ganz entspannt in bar, ohne Meldeschein und auf Vertrauensbasis. Auch das ist The DingleWay.
Für die Tourplanung empfehle ich die grundlegende Frage: Was erwartest du von einem Wanderurlaub? Geht es um möglichst viel körperliche Bewegung? Oder auch um das Sein in der Natur, ausgiebige Pausen, Ausschlafen, einen Stadtbummel oder Sightseeing an historischen Stätten? Wer den DingleWay an 8 Tagen läuft, wird wenig drumherum mitbekommen. Dabei lohnt es sich, zumindest einmal am Tag innezuhalten, wahrzunehmen, in welch herrlicher Natur man unterwegs ist und zu genießen. Das kann bei einer Pause am Strand sein (die Möglichkeit gibt es quasi jeden Tag!), auf einer Bank in den Hügeln (die sind selten, also nutzt sie, wenn ihr welche findet!) oder im Pub nach Feierabend (was in Irland quasi zum guten Ton gehört…). Man kann sich bei Obst und Wasser entspannen, Guinness und Cider vom Fass konsumieren oder diverse lokale Craft-Biere kennenlernen. Man kann im Hostel selber kochen (wenn es ein Geschäft vor Ort gibt!), in einigen Pubs sehr gut essen (z.B. „Ashe’s Pub“ in Camp) oder sogar im B&B hervorragend bekocht werden (erlebt im „Gleann Dearg“ in Dunquin). Man kann für sich alleine bleiben, aber viel schöner ist es, sich auf Gemeinschaft einzulassen. Leicht kommt man mit anderen Wanderern, Gastwirten, Touristen und Locals ins Gespräch und lernt Schweden, Holländer, Franzosen, Italiener, Deutsche, Österreicher, Schweizer, Amerikaner, Chinesen, Briten und Iren kennen. Auf meiner Tour habe ich schnell aufgegeben, mir alle Namen der Leute zu merken, die ich unterwegs getroffen habe (ich hab euch trotzdem alle lieb!). Dennoch waren es tolle Begegnungen, gute Gespräche (mal oberflächlich, mal gemeinsam leidend, mal witzig) und wertvoller Austausch über die Route, Weg-Optionen und Erlebnisse.

2. Willst du wandern oder pilgern?

Ein Teil des DingleWay ist offizieller Teil des Jakobsweges, man kann also in drei Etappen von Tralee nach Dingle pilgern (mit Stempeln und Zertifikat). Man kann auch den gesamten Weg als Pilgerreise verstehen, kann sich auf eine innere Reise begeben, über sich selber, das Leben und große Themen nachdenken und den Kontakt zu Gott suchen. Oder man kann in geselliger Gruppe laufen, den Schwerpunkt auf Gespräche, Austausch und die Gemeinschaft legen. Beides geht, aber man sollte sich entscheiden, um hinterher nicht frustriert zu sein. Ich hatte ein wenig von beidem. Primär war ich mit einem Studienfreund am Wandern, hatte gute Gespräch und immer wieder Austausch mit anderen Wanderern. Zwischendurch gab es aber auch mal Stunden in denen wir geschwiegen haben, wo die Gedanken kreisen konnten (vom Regen und Matsch zu Lebensfragen, Erinnerungen, Liedern und abstrusen Theorien). Dieses scheinbar ziellose Denken finde ich besonders bereichernd, weil es die Möglichkeit bietet, dass man mal auf ganz neue Ideen kommt, die man sich nicht bewusst ausgedacht hat. Als Inspirationsquelle habe ich das Buch „Ganz da“ von Richard Rohr mitgenommen und (fast) jeden Tag einen kleinen Impuls gelesen, der mich mal mehr und mal weniger blegleitet hat. Für mich war es also eine Wanderung mit Pilgerelementen. Sorum finde ich es hilfreicher, weil man dann erfreut über geistliche Erkenntnisse sein kann (andersrum hat man leicht zu hohe Erwartungen und ist dann unzufrieden, wenn man doch nur gewandert ist). Und als Tipp: Zu große Gruppen halten eher auf (jeder muss zu unterschiedlichen Zeiten aufs Klo, hat Blasen, Hunger oder andere Bedürfnisse…), aber alleine oder zu zweit kommt man normalerweise gut voran. Wir haben einige Menschen mit Zelten getroffen, da bietet es sich natürlich an, Zelt, Kocher und Utensilien auf mehrere Schultern aufzuteilen (wobei ich das nur erfahrenen Wanderern empfehlen würde). Im Normalfall (wenn man kein Gepäcktaxi für ca 20 EUR pro Tag mitbuchen möchte), würde ich zu max 6-8Kg Rucksackgewicht (+ 2-3 Liter Wasser und Lunchpaket) raten.

3. Willst du auf dem Weg sein oder überall?

Früher habe ich im Auslandsurlaub mein Handy grundsätzlich ausgeschaltet. Vorwand waren oft die Roaminggebühren aber der eigentliche Grund war, dass ich mal ganz da sein wollte, wo ich mich aufhalte und eben nicht erreichbar. Da ich in der digitalen Welt arbeite, kann ich schlecht „rein privat auf Facebook“ unterwegs sein bzw. bin schnell in Versuchung eben doch mal berufliche Mails zu beantworten oder spannende Artikel zu lesen. Wer das möchte – gerne! Aber man darf auch mal bewusst abschalten. Auch wenn mittlerweile die meisten Provider ohne Aufpreis das Telefonieren und Surfen zu Inlandsgebühren ermöglichen (auf dem DingleWay ist der Empfang weitestgehend gut, quasi alle Herbergen bieten außerdem freies WLAN an), kann es hilfreich sein, bestimmte Themen einfach mal zu Hause zu lassen. Ein lange gährender Streit, der sich nicht schnell lösen lässt? Eine inhaltliche Herausforderung an der man schon lange brütet? Ein Echtzeit-Browsergame, bei dem man nur mal kurz ein paar Klicks täglich macht? Lass es einfach mal zu Hause und lass dich auf echten Urlaub ein.
Gleichzeitig bin ich ein Verfechter davon, dass gesunder Onlinekonsum auch im Urlaub bereichernd sein kann. Wenn man zum Beispiel holländischen Touristen beim Gespräch übers Pilgern mal schnell ein Foto von Hape Kerkeling (und seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg) zeigen kann oder unbekannte Wörter auf irischen Speisekarten übersetzen lässt, ist das hilfreicher Interneteinsatz. Ständig im „Familienchat“ oder anderen Messenger-Kommunikationen mitzulesen, kann aber durchaus gefangen halten. Ähnlich, wie täglich Urlaubsbilder bei Facebook oder Instagram zu posten. Es ist zwar schön, regelmäßig neidische Kommentare zu lesen und immer wieder in Kommentaren zu erklären, wo man genau ist und was man genau macht, aber genau das kann auch echtes Dasein verhindern. Ich empfehle, vorher darüber nachzudenken, wie man im Urlaub kommunizieren möchte, das mit relevanten Personen klar abzusprechen und dann entspannt damit zu sein.
Ein tolles Erlebnis war das Paar aus NewYork, mit denen wir abends in Dingle ein Bier im Pub getrunken und ein kurzes Gespräch geführt haben (Seid ihr verheiratet? Nein, vielleicht irgendwann mal…) und die am nächsten Tag per Facebook von den Cliffs of Moher ihre Verlobung bekannt gegeben haben. Das war natürlich eine tolle Nachricht für die Freunde zu Hause in den USA und auch für uns (ob man so eine Urlaubsbegegnung „Freund“ nennt, sei mal dahingestellt, aber ich fühle mich mit ihnen verbunden, weil wir unwissentlich einen sehr spannenden Zeitpunkt ihrer Beziehung miterleben konnten). So ganz ohne digitale Kommunikation wäre das untergegangen…
Obligatorisch sei auch nochmal darauf hingewiesen, dass ein öffentlicher Post „Ich bin jetzt 2 Wochen im Ausland und nicht erreichbar“ inkl Postadresse gerne von Einbrechern genutzt wird, um leichte Beute zu machen, also Vorsicht, was man postet! Auch wenn meine Wohnung nicht unbewohnt war, habe ich mich entschieden, Urlaubsbilder erst nach der Rückkehr zu sortieren und zu posten. Interessanterweise bekam ich darauf dann Kommentare, die erkennen ließen, Menschen dachten, ich wäre gerade im Urlaub. Es scheint also „das neue Normal“ zu sein, live zu berichten. Wie auch immer du dich entscheidest, tu es bewusst 🙂

Zum Abschluss hier noch unsere Streckenführung und ein paar Tipps aus unseren Erfahrungen:

Alles ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Aktualität und ohne irgendwelche Provisionen. Wir waren im August 2018 unterwegs. Die Erfahrung eines vorherigen Irlandurlaubs lehrt uns, dass das Wetter ggf. im Mai besser sein kann und die Auslastung im Hochsommer (Achtung vor allem an irischen Bank-Holiday-Weekends!) macht es definitiv erforderlich, vorher exakt zu reservieren, wo man übernachten möchte. In der Vor-Saison, wurde mir erzählt, kann man auch flexibel eine Herberge suchen. So spontan sind die Iren auf jeden Fall, aber wenn voll ist, ist eben voll…

  • Flug ab Frankfurt-Hahn (Achtung: hohe Parkgebühren und enge Gepäckgrenzen!) nach Kerry Airport (HHN-KIR), von da 1,5Km nach Farranfore laufen und per Zug nach Tralee (ca 15min).
    Im Tourist Office den Pilgerpass besorgen und im echten Supermarkt bis Dingle Reiseproviant einkaufen.
  • ÜN1 in Tralee: Castle Hostel
    Entspannter, einfacher Stil und zentral gelegen. Für gutes Craft-Beer und lange Abende empfehle ich das Pub „The Blasket“.
  • 1. Etappe: Tralee – Camp
    Emotional schöner Start, weil man aus der Zivilisation langsam in die Wildnis kommt. Im Zweifel würde ich diese Etappe aber weglassen bzw. nur bei Sonne empfehlen, da der Weg großteils über eine Wiese führt und sehr schlecht ausgebaut und matschig ist. Schaut eigentlich flach aus, hat aber 900 Höhenmeter und zieht sich bei Dauerregen schier endlos!
  • ÜN2 in Camp: Finglas House
    Sehr nett, gute Zimmer und gutes Frühstück („wie bei Muttern“).
  • 2. Etappe: Camp – Annascaul
    Schöne Tour, besserer Weg als am ersten Tag, aber wieder ähnlich viele Höhenmeter. Dafür wird man mit Inch Beach belohnt, wenn man den Weg zum Strand mitnimmt.
    Abends ist bein Besuch im “South Pole Inn” ein Blick in den Wandkasten (Südpol-Erfahrung) obligatorisch.
  • ÜN3 in Annascaul: DingleGateHostel
    Günstig und gut, aber gut 2 Km vom „Ortskern“ abgelegen. Es gibt kein Geschäft/Pub in der Nähe, also eigentlich ungünstig gelegen. Außerdem wird die dritte Etappe dadurch sehr lang.
  • 3. Etappe: Annascaul – Dingle
    Angenehmer Weg zuerst abwärts zum Strand, hinterher wieder hoch nach Lispole. Ab da sind wir Bus gefahren, um Kräfte zu sparen…
    In Dingle kann man hinter dem „Centra“ für Münzen Wäsche waschen und trocknen. In der Zeit kann man ggü bei „Adams“ lecker Essen, im „The Dingle Pub“ Live Musik und Tanz erleben oder bei “Dick Mack’s” selbstgebrautes Bier kosten. Wer einen Pausetag einlegt, kann eine Brauereiführung mitnehmen, nach „Funghi“ dem Delphin Ausschau halten oder in der Dingle Distillery die Herstellung von Whiskey, Gin und Vodka kennenlernen.
  • ÜN4/5 in Dingle: DingleHights B&B
    Nicht so persönlich, aber top renoviert. Etwas oberhalb der Stadt, daher ruhig, aber auch viel Lauferei… Mitten in der Stadt wäre das günstige „Grapevine Hostel“, das aber ausgebucht war.
  • 4. Etappe: Dingle – Dunquin
    Eine landschaftlich schöne Etappe mit Hund, Strand und einigen interessanten Steinformationen. Wer die genauer begutachten will, sollte mehr Zeit einplanen und evt auch einen Abstecher zum Slea Head einbauen.
    In Dunquin sagt man „Krugers Bar“ nach, der westlichste Pub Europas zu sein. Zumindest ist es der einzige dort und es gibt gutes Bier. Achtung, kein Shop, wer kochen will (z.B. im Hostel) muss alle Zutaten mitbringen!
  • ÜN6 in Dunquin: B&B Gleann Dearg
    Angenehmes Ambiente mit sehr leckerem Essen im weinbewachsenen Wintergarten. Abendessen und Lunchpaket kann vorbestellt werden.
  • 5. Etappe: Dunquin – Feohanagh
    Eigentlich die schönste Etappe durch Wiesen, an Stränden, Buchten, Klippen mit der Option zu einigen interessanten Abstechern, wenn man sich Zeit nimmt. (Ggf schon im „Coastguard House“ übernachten und einen Tag extra einplanen?) Auf dem Weg kann man außerdem das berühmte „Gallarus Oratory“ ansteuern.
  • ÜN7 in Feohanagh: Coill an Róis
    Sehr gastfreundlich und sehr hoher Qualitäts-Standard. Um die Etappe kürzer zu halten, wäre das „An Riasc“ zu empfehlen, um die folgende Bergetappe zu verkürzen und das Pub direkt vor Ort zu haben das „An Bothar“. Sonst gibt es nicht viel in der Gegend, also einfach weiterlaufen…
  • 6. Etappe: Feohanagh – Cloghane
    Hier gehts übern Berg, die meiste Zeit ist es aber ein seichter Aufstieg/Abstieg über Wiesen und Wege. Bei Sonne sehr gut machbar, könnte bei Regen aber auch eine Schlammschlacht werden. Außerdem am Kamm sehr kalt und windig. Durch die Abgelegenheit kann hier ein alternativer Taxitransfer 40-50 EUR kosten.
  • ÜN8/9 in Cloghane: Mount Brandon Hostel
    Das Zimmer war recht klein und hellhörig, aber schön gelegen und empfehlenswert durch die absolut liebenswerte Gastgeberin Mary. Es gibt einen Pub und einen kleinen Shop und (ca 1-2 Km entfernt) schöne Strände. Wir haben hier einen Pausetag eingelegt, um nach der Bergtour auszuruhen. Vom Angebot her wäre das in Castlegregory besser gewesen, aber zum Auffüllen der Kraftreserven war es hier genau richtig.
  • 7. Etappe: Cloghane – Castlegregory
    Nach kurzem Einstieg geht der Weg vor allem 12Km lang am längsten Strand Irlands entlang. Lässt sich wunderbar laufen, mit Schuhen auf hartem Sand oder bei gutem Wetter auch barfuß im seichten Wasser. Wir haben die Landzunge abgekürzt und dafür eine lange Pause am Strand genossen. In der westlichen Bucht gab es durchaus surftaugliche Wellen, in der östlichen Bucht ist das Wasser eher ruhig.
  • ÜN10 in Castlegregory: Fitzgeralds Hostel
    Einfach, recht laut, aber total entspannte Betreiber und entspannter Ort mit echtem Supermarkt und mehreren Pubs.
  • 8. Etappe: Castlegregory – Tralee
    Nach dem Regentrauma des ersten Tages sind wir „nur“ die paar Kilometer nach Camp gelaufen (hat im Nieselregen genug Motivation gekostet) und sind von da aus Bus gefahren. Ansonsten hätte man eine „Déjà-Vu-Route“ und würde ggf. einigen Wanderern an ihrem ersten Tag begegnen, was sicherlich auch interessant wäre. Dafür müsste aber der Weg einfach besser gangbar sein, um das auf sich zu nehmen.
  • ÜN11 in Tralee: Castle Hostel
    War wieder nett und fühlt sich nach den zehn Tagen an, wie nach Hause kommen. Nochmal ein Abend „Stadtflair“ und am nächsten Tag wieder mit dem Zug zum Flughafen in Deutschland vom Flughafen nach Hause und erstmal entspannen. Ich würde nach so einer Wandertour raten noch min. 1-2 Tage zur Erholung einzuplanen, um den Urlaub/Pilgerweg nachwirken zu lassen.

 

  • Bei der Planung geholfen hat mir eine Website mit Infos zu m Weg und Übernachtungen.
  • Das berühmte „gelbe Buch“, das viele deutsche Wanderer dabei hatten, kann ich auch sehr empfehlen (schon allein für die Vorfreude), auch wenn eigentlich alle Infos online zu finden sind und der Weg gut ausgeschildert ist.
  • Außerdem hatte ich die kostenlose Offline-Navigation „OSMAND“ mit Straßenkarten von Irland (Höhenlinien kosten extra) und den GPX-Daten des Weges (kostenlos) auf dem Handy installiert. Das hilft als Backup und Übersicht.
  • GB Stromadapter nicht vergessen und alle Technik regensicher verpacken!

auf dem Weg zu wem?

Jetzt sind sie vorbei, die Kirchentage 2017…
Paralleles Programm in neun Städten am Himmelfahrts-Wochenende bot die Möglichkeit, mit möglichst vielen Leuten das Reformationsjubiläum zu feiern. Und es gab fantastische Inhalte, tolle Konzepte und sehr viele engagierte Menschen, die sich super eingebracht haben. Aber die Chance, mit den Teilen der (ostdeutschen) Bevölkerung zu feiern, die sonst eher wenig mit der Kirche zu tun haben, wurde weitestgehend verpasst. Das ist schade.

Es gab große Gottesdienste (z.B. in Wittenberg)
Es gab hochkarätige Kirchenmusik (z.B. die Augustinerkantorei Erfurt)
Es gab wichtige Themen (z.B. Schwerpunkt Medien in Magdeburg)
Und, ja, es gab auch in allen Orten Möglichkeiten, um ganz offen zusammenzukommen. Bunte Kaffeetafeln, Begegnungsabende, öffentliches Theater oder Marktplatzmusik.

Ich war selber bei einigen dieser Veranstaltungen unterwegs, um medial zu berichten und habe viele Menschen getroffen, die eine tolle Zeit hatten, neue Freunde gefunden haben und zumindest Kirche als gastfreundlich erlebt haben.
Aber ich habe auch Marktplatz-Bühnen erlebt, an denen Passanten ratlos vorbeigingen, weil sie nicht informiert wurden, wann hier was passieren wird. Das Programm war gut gehütetes Geheimwissen in Programmheften. Der „normale Bürger“ wurde weder zum Gottesdienst, noch zum Konzert öffentlich eingeladen noch wurde ihm überhaupt mitgeteilt, dass er eingeladen wäre, mitzufeiern.

So blieb manch gut gemeinte Veranstaltung relativ unbesucht, während nebenan im Park derweil ganze Studentenhorden und junge Familien entspannt auf der Wiese lagen und das Leben genossen.

Warum machen wir eigentlich immer so viel Programm und sind nicht viel mehr einfach da? Warum fragen wir nicht mal die Menschen um uns herum, was sie sich wünschen würden und schaffen Orte, wo man gemeinsam sein kann? Ich hätte mich gefreut, wenn lokale Studenten und „Kirchentagstouristen“ in einer gemeinsamen Grill&Chill-Lounge miteinander ins Gespräch kommen können oder wenn man Kirche zumindest in einer Art und Weise präsentiert, dass Menschen vor Ort wahrnehmen: Da bin ich willkommen, da werde ich gesehen, ernst genommen, das ist etwas, das mit meinem Leben etwas zu tun haben könnte.

So sollte Kirche sein, nicht nur die Kirchentage, sondern der Kirchenalltag. Mittendrin im Leben. Nah dran an den Menschen. Nicht nur an denen orientiert, die eh schon da sind, sondern an denen, die in unserem Stadtteil/Dorf/Gebiet zu Hause sind. Dann sind Medienzentren keine Fremdkörper neben der lokalen Medienuni, sondern Kooperationspartner. Dann werden Innenstadtbühnen gemeinsam mit lokalen Kulturgrößen gestaltet und beworben, damit das potentielle Publikum vor Ort sie auch findet. Und Kirche wird wieder zu einem Kommunikator der Gnade Gottes für Menschen in einer oft gnadenlosen Welt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist. Deshalb möchte ich garnicht so viel meckern, was „man“ anders hätte machen müssen… Ich freue ich mich an dem, was gut lief und mache mir Gedanken, wie in Zukunft noch mehr Menschen daran teilhaben können. Nicht erst beim #dekt19 in Dortmund, sondern vielleicht schon diesen Sommer! Macht ihr mit?

Der Herr ist auferstanden!

Karsamstag, Jesus ist beerdigt. Die Jünger verängstigt, zerstreut, versteckt. Alles scheint vorbei zu sein.

Ostermorgen, das Grab ist leer. Wurde der Leichnahm gestohlen und versteckt? Doch einige sagen, Ihnen wäre Jesus begegnet. Das hat sie verändert, ermutigt zum Guten.

Und dass wir heute, kanpp 2000 Jahre später immer noch davon sprechen und dieses Ereignis feiern, zeigt, wie zentral diese Begegnungen unser Weltgeschehen verändert haben. Was genau in dieser Osternacht geschah, können wir wohl nie wissenschaftlich erforschen. Aber der Glaube an den Auferstandenen gibt seither zahlreichen Menschen Kraft und befreit.

Nachdem ich bereits über das Kreuz und den Passionsfilm von Mel Gibson geschrieben habe, möchte ich heute von einem anderen Film erzählen, der für mich zu den Ostertagen gehört. Er fängt ungefähr da an, wo Mel Gibson aufhört und kommt dementsprechend mit deutlich weniger Gewalt aus. „Auferstanden“ ist ein amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 2016, der aus Sicht eines römischen Soldaten (Clavius, gespielt von Joseph Fiennes, den einige schon als Martin Luther kennen) die unglaubliche Geschichte erzählt, wie ein jüdischer Aufrührer hingerichtet wird, die Oberen extra eine Grabbewachung ordern und dennoch nach zwei Nächten das Grab leer ist. Jetzt beginnen die Ermittlungen und bringen viele Fragen mit sich.

Spannend, weil der Film sich relativ nah an den biblischen Quellen orientiert, aber dennoch eine Geschichte erzählt, die darüber hinaus geht und filmisch gut inszeniert ist. Anfangs will Clavius nur irgendeine Leiche finden, um seine eigene Haut zu retten. Am Ende geht es ihm darum, die Wahrheit herauszufinden und zu begreifen, was das für ihn bedeutet, falls ein Mensch, den er sterben sah, tatsächlich wieder leben sollte.

Die Frage sollten wir uns auch immer wieder stellen: Was hat Jesu Tod und seine Auferstehung mit uns heute zu tun. Was bringt es uns, daran zu glauben? Was verändert es, wenn er tatsächlich lebt? Und welche Perspektive hat unser Leben, wenn Jesus uns persönlich begegnen kann? Mit oder ohne Film wichtige Fragen.

Frohe Ostern euch allen.

Der Herr ist auferstanden!

 

Dass du mich einstimmen lässt…

Gestern haben wir im Gottesdienst ein Lied gesunden, dass ich aus meinen Kindertagen kenne. Es ist ein locker-flockiges (Kinder-)Lied. Aber erst gestern ist mir bewusst geworden, wie viel theologischer Tiefgang in dem Lied steckt:
„Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel, o Herr, deiner Engel und himmlischen Heere; das erhebt meine Seele zu Dir, oh mein Gott, großer König, Lob sei Dir und Ehre!“*
1. Gott jubelt.
Egal, wie kaputt die Welt uns oft scheint, Gott ist am Jubeln! Vielelicht, weil ein Sünder umkehrt(Lk 15,7) oder einfach so… Bei Gott herrscht Freude und nicht Trauer. Das macht Hoffnung!
2. Mit ihm jubeln auch seine Engel und die himmlischen Heere.
Gott jubelt nicht alleine: Die Engel, also Wesen die er geschaffen hat, um in seiner Gegenwart zu sein, jubeln mit ihm. Ebenso die Heerscharen, die man sonst primär aus der Weihnachtsgeschichte kennt. Wow, ein imposantes Bild!
3. Ich darf dabei sein.
Ich bin jetzt nicht der begabteste Sänger und in Gottes Herrlichkeit stelle ich mir das Niveau noch höher vor als bei Willow Creek 😉
Dennoch bin ich nicht nur Zuschauer, sondern darf mitmachen! Das ist faszinierend! Gott lässt mich einstimmen in den himmlischen Jubel.
4. Ich mache das nicht als Dienst für Gott, sondern werde selber dadurh erhoben.
Ich opfere nicht einen Teil meiner Zeit, um Gott zu erheben, sondern wenn ich mich auf ihn einlasse, erhebt das mich! Ich werde erhöht aus meiner kleinen Welt hin zum Schöpfer aller Dinge!
5. Durch den Lobpreis Gottes erkenne ich seine Größe.
Es ist Gnade, dass ich dabei sein darf, das führt mich in den Lobpreis. Auch die anderen sind durch Gottes Gnade da und niemand muss sich verstecken. Wir sind alle nicht perfekt, aber durch ihn gerecht gesprochen. Dafür möchte ich ihm zujubeln!
6. Das führt zu Inklusion und offenen Strukturen!
Wir sollten viel mehr Menshen mitnehmen, wenn wir Gott zujubeln, damit sie seine Herrlichkeit erkennen können! Der Gottesdienst ist schon lange vorbei, aber das Lied begleitet mich und bringt mich immer wieder dazu, Gott zuzujubeln.
Wer jubelt mit?
*) Text und Melodie: 1976 Jesus-Bruderschaft (Gnadenthal). Die sechs Strophen unterschlage ich hier mal großzügig, aber alle münden wieder in diesen Refrain…

Komm, Herr, segne uns!

Gerade war ich bei einer Netzwerkveranstaltung kirchlicher Öffentlichkeitsarbeiter, bei der als Abschlusss dieses Lied von Dieter Trautwein gesungen wurde (in einer etwas peppigeren Version!).

Dabei kamen mir folgende Impressionen:

Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen,

Wir bleiben vereint, auch wenn wir auseinander gehen. Virtuelle Netzwerke sind im Herzen von Menschen schon 1978 Realität. Und wir haben durch Social Media nun wirklich die Möglichkeit, aktiv in Verbindung zu bleiben.

sondern überall uns zu dir bekennen.

Nachdem gestern ein bekannter Journalist es als Heldentat begreift, scheint das Christusbekenntnis ja wirklich ein großer Schritt zu sein. Klar, Todesstrafe haben wir dafür nicht zu befürchten, aber das Bewusstsein, sich im Alltag als Christ zu bekennen, für die Kirche und für Gottes Liebe einzustehen und bei Streitfragen Position für Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu beziehen ist oft eine Herausforderung. Warum nur? Vielleicht sollten wir etwas offener und positiver darüber reden, dass wir in direkten Draht zum mächtigsten Wesen des Kosmos stehen?! Probleme? – mal kurz (im Gebet) beim Chef nachfragen!

Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen.

Das entlastet. Ich muss garnicht immer alles selber hinbekommen, sondern kann vertrauen, dass Gott bei mir ist und mir zur rechten Zeit die passenden Worte geben wird, um mich zu ihm zu bekennen. Im Internet redet man ja viel von Schwarmintelligenz und Massen, die die Welt verändern. Dabei sind es schon seit 2000 Jahren die (oft im Untergrund beginnenden) Ströhme christlicher Nächstenliebe, die Strukturen umwälzen und für die Schwachen eintreten. Kirche – das sind nicht die, die schrumpfen, sondern das ist die große Gemeinschaft der weltweiten Christenheit, die Teil einer Revolution der Liebe ist!

Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.

Ja, es wird auch als Christ Leid geben und es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber das, was kommen wird, wird am Ende gut und gesegnet sein, weil Gott dabei ist. Und deshalb dürfen wir auch mehr sein als ein institutionelles Leidens-Gedächtnis. Wir dürfen lachen, feiern und tanzen. Wir dürfen uns miteinander freuen und mit Gottes Blick auf das Leid der Welt sehen. Und wir dürfen die, die trauern, zum Fest des Glaubens einladen, das wir täglich feiern!

Keiner kann allein Segen sich bewahren.

Wir brauchen die menschliche Gemeinschaft, auch wenn es oft anstrengend ist, man sich über andere Christen oder „die Kirche“ aufregt oder fremd schämt. Aber ein von Gott gesegnetes Leben können wir nur als Gemeinschaft führen (ohne stille Einkehrtage grundsätzlich auszuschließen). Daher ist es gut, auch über den Tellerrand zu schauen. Ökumene, internationale Begegnungen und Offenheit für andere Christen, hilft mir meine Engstirnigkeit zu erkennen und Gottes Weite zu erleben.

Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.

Ein Satz, der oft für Schmunzeln sorgt, wenn man vorher über knappe Finanzbudgets geredet hat. Wie schön, dass wir bei der Weitergabe von Gottes Segen tatsächlich nicht sparen müssen und dass wir dadurch mit einem offenen Herzen auf Menschen zugehen können, weil wir reichlich geben können! Diesen Gestus wünsche ich mir viel öfter in christlichen Verlautbarungen. Und auch bei neuen Methoden und Formen sollten Christen nicht sparsam auf bekanntem beharren, sondern aus der Fülle der Möglichkeiten schöpfen.

Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen,

bei Twitter, Facebook, Instagram und dem Gemeindekaffee können News schnell die Runde machen. Teilen ist angesagt. Auch die Bohrmaschine für den Nachbarn, das gemeinsame WLAN oder Car-Sharing. Was uns von Gott anvertraut ist, können wir gemeinsam zu seiner Ehre einsetzen statt egoistisch zu horten. Und auch gute Infos dürfen wir in unserem Kommunikationsnetzwerk mit-teilen, um andere an unseren Erkenntnissen teilhaben zu lassen. Das ist kirchlich noch zu oft ein ignoriertes Lernfeld, das an wenige Experten delegiert wird, statt es fundamental als geistliche Wahrheit zu begreifen.

schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.

Das ist oft garnicht so einfach, wenn mir doch unrecht getan wude und ich gekränkt bin. Da muss ich meinen Stolz und Trotz zurücknehmen, auf das größere Bild schauen und kann in Liebe Vergebung aussprechen. Und mitunter wird mir bewusst, dass auch ich oft Schaden anrichte und auf die Vergebung angewiesen bin. Gott sagt seine Vergebung jedem zu, der zu ihm umkehrt. Dem Beispiel dürfen wir folgen – auch initiativ!

Frieden gabst du schon, Frieden muß noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.

Wir vertrauen schon darauf, dass Gottes Reich kommt, auch wenn wir täglich von Krieg, Gewalt, Tod und Trauer auf der Welt hören und sehen. Alles Leid dürfen wir Gott klagen, der den Krieg schon gewonnen hat, während die letzten Kämpfe um uns herum noch brodeln. Und Frieden ist das Ziel, das Gott zu unserem – aller Menschen – Wohl geplant hat.

Hilf, daß wir ihn tun, wo wir ihn erspähen –

Wir müssen nicht tatenlos zuschauen, sondern sollen aktive Friedensstifter sein. Wenn wir Gott fragen, was er angesichts einer Situation tut, kann es sein, dass er antwortet „Ich sende dich, um zu Frieden zu stiften!“.

die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.

Die Zusage bleibt hoffnungsvoll. Denn nicht die Tränen sind das Ziel. Nicht das Leid wird glorifiziert. Aber trotz der Rückschläge, Verletzungen und Kämpfe, werden(!) wir in Gott ruhen. Sein „Shalom“ bleibt bestehen auch im hektischen Alltag der Öffentlichkeitsarbeit und der sich schnell wandelnden Internetkommunikation.

Es bleibt der demütige Wunsch (der nicht mit einer Forderung oder einem Befehl zu verwechseln ist) in allem frommen Aktionismus: Komm, Herr, segne uns!

Das wünsche ich allen Teilnehmern der Veranstaltung, die jetzt auf dem Heimweg sind, allen, die mit uns tagtäglich aktiv kirchliche und diakonische Öffentlichkeitsarbeit gestalten und allen, die sich unter Gottes Segen stellen wollen.

Amen.

Immer noch „Nun“

Das arabische Schriftzeichen Nun ging um die Welt. Auf Facebook und Twitter, auf Postkarten und T-Shirts, bei Gebets-Flashmobs und in Diskussionen haben sich seit Sommer 2014 tausende Menschen hinter die Opfer von religiös motiviertem Terror gestellt und für Glaubensfreiheit protestiert. Auch ich habe damals mein Facebook Profilbild angepasst und den folgenden Text übernommen:

Arabisch „N“ für Nazarene, also „Nazarener/Christ“ ist das Zeichen, mit dem militante ISIS Anhänger die Häuser von Christen in Mossul markiert haben. Inzwischen mussten alle Christen Mossul verlassen.
Mein verändertes Profilbild soll zeigen: ich bin auch einer von denen, die mit diesem Jesus unterwegs sind und ich leide mit meinen Schwestern und Brüdern, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden – im Irak, in Syrien, in Nigeria und an so vielen anderen Orten.
Und ich wünsche mir, dass sich Menschen muslimischen Glaubens von diesem barbarischen und unmenschlichen Verhalten distanzieren und es vorbehaltlos verurteilen – gerade diejenigen, die politische oder religiöse Verantwortung tragen.
Zugleich steht aber dieses „N“ auch dafür, dass NIEMAND um seines Glaubens willen verfolgt, mißhandelt, seiner Menschenrechte beraubt oder getötet werden soll.

Seit Sommer ist einige Zeit vergangen, das ganz große Medienecho ist verschwunden und auch die Profilbilder sind weitestgehend wieder echten Köpfen gewichen. Ich habe schon mehrfach nachgedacht, mein Gesicht wieder zu zeigen, weil das ja eigentlich der Sinn des Profilbildes ist und ich möchte, dass Leser meine Kommentare zuordnen können. Aber da die Situation gegen die ich protestiere in keinster Weise besser geworden ist, habe ich mich jedes Mal dagegen entschieden.

In den letzten Wochen kam mir jetzt allerdings der Gedanke, dass ich mich wunderbar hinter dem einmal gesetzten Profilbild verstecke und bei weiteren Schreckensmeldungen eher abschalte. Immer noch werden Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt. Und als Abschluss meiner Nun-Foto-Zeit möchte ich deren Schicksal bewusst nochmal thematisieren. Ich lese von grausamen Massakern, Folter und Exekutionen aus Syrien, dem Lybanon, Ägypten, Sudan, Indien, Irak oder auch in anderer Form aus Frankreich, England, den USA und Deutschland. Egal ob es dabei um Alltags-Antisemitismus, um gefolterte Moslems in amerikanischen Gefängnissen, Selbstjustiz durch militante Abtreibungsgegnern oder Peitschenhiebe für das Aussprechen einer unbequemen Wahrheit geht. Ich fordere Glaubensfreiheit für Menschen aller Kulturen und Überzeugungen. Der Mainstream des Christentums hat in einem langen und blutigen Prozess gelernt, Liebe statt Hass zu verkünden, große Strömungen im Islam sind da scheinbar noch auf dem Weg (ich beziehe mit mit diesen Pauschalisierung nicht auf einzelne Gläubige, sondern auf das mir durch die Medien offenbarte Bild der Mehrheitsströhmungen). Auch Anhänger des Buddhismus, Hinduismus und Atheismus sind durchaus zu menschenverachtenden und gewalttätigen Repressionen in der Lage. Und für ein globales Miteinander ist es nötig, dass Extremisten auf allen Seiten lernen, einander stehen zu lassen.

Um auf die Situation verfolgter Christen hinzuweisen, informiert OpenDoors jährlich im Weltverfolgungsindex über Verfolgungssituationen.

Wenn ich nun also nicht mehr mit meinem geänderten Profilbild demonstriere trete ich immer noch für weltweite Glaubensfreiheit und Liebe statt Hass ein und gegen ein Vergessen oder Verharmlosen der bestialischen Grausamkeit, die auch heutzutage für viele Menschen bittere Realität ist.